Verfasst von: Eva | 31/01/2011

Personenzentrierte Gesprächsführung

Seit kurzem beschäftige ich mich mit dem geistigen Nachlass von Carl Rogers. Er hat die personenzentrierte Gesprächsführung entwickelt, die – obwohl sehr hilfreich für Menschen – eher einer Haltung, einer Lebensphilosophie entspricht als einer “Therapierichtung”. Bislang wusste ich nicht, dass diese Haltung eine ist, die ich mir selbst in vielen Jahren erarbeitet habe. Daher bin ich hoch erfreut, dass es – ohne das ich es wusste – für diese Einstellungen schon einen Namen gibt: die personenzentrierte Gesprächsführung nach Carl Rogers.

Bezeichnend ist das völlige Fehlen von Techniken und dass dahinter auch keine Methode steht. Es ist  – wenn man so will – ein In-Verbindung-Treten mit Menschen in aufrichtiger, einfühlsamer und wertschätzender Weise. Dadurch erfährt dieser Mensch vielleicht zum ersten Mal, von einem anderen Menschen vollständig angenommen zu werden. Darin besteht das Hilfreiche.

Wir leben alle in einer Zivilisation, in der so eine Haltung nicht oft anzutreffen ist. Ganz im Gegenteil geht es eher um die Frage, was man ist als darum, wer man ist. Schon in frühester Sozialisation wird uns beigebracht, dass wir für erwünschtes Verhalten belohnt und für unerwünschtes negative Sanktionen zu erwarten haben. Was eigentlich das Natürlichste sein sollte – sein Kind bedingungslos zu lieben – kommt zu kurz. Geprägt wie wir alle sind, mit einem oft großen Rucksack an Ge- und Verboten im Gepäck, ersetzt Schein Sein.

Rogers hat entdeckt, was wir alle brauchen, auch noch im Erwachsenenalter und ganz besonders, wenn wir es zu selten erlebt haben: bedingungslose Annahme, um weiterwachsen zu können. Der Mensch als soziales Wesen ist von Anbeginn seiner Existenz vollständig von Beziehungen abhängig. Er kann nicht aus sich selbst heraus ohne Zuwendung und menschliche Wärme aufwachsen. Er braucht andere Menschen, mit denen er sich verbunden fühlt und denen er vertrauen kann, dass sie ihm als Mensch Wert beimessen. Ohne ein Mindestmaß davon, würde er zugrunde gehen. Der grausame Versuch mit Babys, die nur Nahrung und körperliche Versorgung bekamen, zeigte, dass sie bald die Nahrung verweigerten und starben.

Doch das Mindestmaß alleine genügt nicht, um das eigene Potenzial zu entfalten. Dafür braucht es Selbstvertrauen und das Gefühl, dass das, was in uns ist, gut ist, wie es ist und sein darf. Wenn nun oft genug die soziale Rückmeldung kommt, dies sei nicht der Fall und man müsse so und so sein, um akzeptiert zu werden, wenn Annehmen nur nach  Bedingungen erfahren wird, kann sich der Mensch nicht entfalten. Die Gesellschaft tut ihr Übriges dazu, denn dort findet sich eine Art Normmensch, von dem man nicht allzu weit abweichen darf. Umso weniger traut man sich das, je früher man darauf geprägt wurde.

Die personenzentrierte Gesprächsführung ist nun eine Möglichkeit, das Vermisste neu zu erfahren. Wer sich von anderen angenommen fühlt – und zwar auch in seinen Schwächen, Ängsten, vermeintlichem Fehlverhalten und Problemen – der lernt langsam, aber sicher, sich selbst damit anzunehmen. Wer sich aber selber annehmen kann, wie er ist, verändert seine Einstellung zu sich selbst. Er fängt an, sich zu sich selbst hin zu entwickeln, ein Prozess der Selbstwerdung wird in Gang gesetzt.

Man kann sich seiner inneren Zusammenhänge, Probleme und Fehlhaltungen nicht bewusst werden, wenn man sie nicht versteht. Doch üblicherweise bedeutet “nicht verstehen” sehr oft: missinterpretieren und abwerten. Die gelernte Haltung, man müsse anders sein, man dürfe diese und jene Gedanken, Gefühle und Eigenschaften nicht haben, weil man dafür abgelehnt wird, führt dazu, sie tief zu internalisieren. Wem nun aber ein Mensch begegnet, der in aufrichtiger und in einfühlsamer Zuwendung wertschätzend zuhört, nicht verurteilt, bewertet oder banalisiert – erlebt etwas, das ein großes Gegengewicht zum bislang nicht Erfahrenen darstellt.

Lernfähig ist jeder Mensch, solange er am Leben ist. Auch wenn die Basis der Kindheit schwer wiegt – im Guten ebenso wie im Schlechten – bedeutet das nicht, dass sie unveränderbar ist. Wo ich mich wirklich aussprechen darf, wo ich keine Angst davor haben muss, dass mein Gegenüber mich ablehnt, meine Probleme für ihn zu schwer sind oder ich mich lächerlich machen könnte – dort kann ich ich selbst sein. So wie ich in diesem Augenblick bin. Ich muss nicht wachsam auf kleinste Nuancen im Blick oder der Körpersprache meines Gegenübers achten, um dem Moment der Verurteilung oder Ablehnung rechtzeitig zu entgehen, sondern ich darf mich ganz offen mitteilen.

Es erzeugt ein Gefühl der Verbundenheit, ein Wahrgenommenwerden und zugleich Sich-Wahrnehmen als reale Person in all ihren Facetten. In solchen Momenten wird die Verbindung zum inneren Selbst hergestellt.

Dass dies kein Prozess ist, der von heute auf morgen stattfinden kann, ist wohl für jeden einsichtig. Lange geübtes Verhalten und tief sitzende Einstellungen lösen sich nicht über Nacht auf. Jedoch kann ein Schritt genügen, um Mut zu fassen, sich auf den Prozess der Selbstwerdung einzulassen.

Menschen werden in allererster Linie von ihren Erfahrungen geformt. Weit weniger als von rein intellektuellen Erkenntnissen oder bloßem Wissen. Was wir erleben, bestimmt unsere Sichtweise und unser Weltbild. Gefühle steuern und lenken unsere Existenz.  Es ist unmöglich, sie durch reines Denken tiefgreifend zu verändern. Natürlich ist Wissen ein hohes Gut und hilfreich in vielen Bereichen des Lebens, doch was nicht innerlich erlebt wurde, bleibt abstrakt.

Einem Menschen in seelischer Not, dem ein mitfühlender und authentischer Mitmensch voller Anteilnahme zuhört, ist mehr geholfen als durch jegliche Psychotechniken oder Lösungsvorschläge, die aus den Wertmaßstäben oder der Routine des “Beraters” stammen. Ich wage sogar zu behaupten, dass selbst in letzterem Fall auch in erster Linie die Zuwendung, das Interesse und das “Kümmern” Effekte bewirkt – und viel weniger die Techniken oder Vorschläge an sich.

Denn es ist in gewissem Sinn eine entmündigende Herangehensweise, die dem Notleidenden nicht zutraut, er könne eigene Entscheidungen treffen und sich aus sich selbst heraus weiter entwickeln. Während bei der wertschätzenden einfühlsamen Anteilnahme “nur” die Bedingungen dafür geschaffen werden, Mut zu fassen, sich auf sich selbst zu besinnen und seine Möglichkeiten zu erkennen. Wie ein Gärtner, der nicht bestimmt, welche Blume aus dem Samen wird, der aber das beste Klima für ihre Entfaltung bereitet.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.