Verfasst von: Eva | 19/07/2009

Das Recht, sich schlecht zu fühlen

Den Titel dieses Threads habe ich an den Titel eines Buches von Lesley Hazleton angelehnt, das mir vor Jahren sehr geholfen hat. Es geht darin um den „Wahn“ des ständigen Glücklichseinwollens. Mich hat das Lesen dieses Buches damals von sehr viel Druck befreit.
Zu dieser Zeit hatte ich viele Bücher über diverse Methoden, Techniken und Heilsversprechen gelesen, die darauf ausgerichtet waren, ein fortwährendes Gefühl von „Mit geht es wunderbar“, „Ich liebe alles, was es gibt“ und in letzter Konsequenz praktisch „In mir ist 24 Stunden lang ununterbrochene Freude und Liebe“ zu erzeugen.

Natürlich bin ich daran hoffnungslos gescheitert. Wer das kann, muss entweder permanent unter Drogen stehen oder er hat sich so weit in eine Scheinwelt begeben, dass er sich damit vom Menschsein meilenweit entfernt hat. Nichtsdestotrotz gibt es tausende solcher Bücher und Lehren weiterhin am Markt.

Die Grundaussage (zusammengefasst) dieses Buches ist folgende:

Sich schlecht zu fühlen, Depressionen zu haben, hat man zu einer furchtbaren Leere gemacht, einem riesigen Gefahrenbereich, den es um jeden Preis zu meiden gilt, wenn wir nicht unsere Selbstachtung oder gar unser Leben verlieren wollen. Vor lauter Angst haben wir aus einer normalen Emotion ein Schreckgespenst gemacht. Das Gegenstück zum Schreckgespenst, der uns zu Hilfe eilende Ritter in schimmernder Rüstung, steht für das Glücklichsein. In der Tat ist der Wunsch, sich gut zu fühlen, ganz natürlich. Welcher halbwegs Normale wollte nicht geliebt, geachtet, geborgen, zufrieden und glücklich sein? Doch wenn man uns sagt, dass wir uns NUR so fühlen sollten und alles andere falsch sei, dann wird das Streben nach Glück zu einer aussichtslosen Hetzjagd, die uns wie ein Schraubstock unter Druck setzt.

Sich gut zu fühlen ist nicht mehr bloß ein Recht, sondern eine gesellschaftliche und persönliche Pflicht. Es liegt an uns, so hat man uns eingeredet, wenn wir uns nicht gut fühlen – und wir sind schwach oder krank, liegen falsch oder haben eine innere Störung. Das Recht, sich gut zu fühlen, ist über jedes gesunde Maß hinausgewachsen – bis zu dem Grad, dass wir das Recht, uns schlecht zu fühlen, jetzt von neuem fordern müssen.

Wir müssen wieder das Recht auf die ganze Bandbreite der Gefühle fordern, einschließlich des Rechts, um die zahllosen Verluste zu trauern, denen wir ausgesetzt sind. Dies ist nichts anderes, als das Recht, wie Menschen zu reagieren statt wie Roboter, die ungeachtet der Tatsachen des Lebens mit grimmiger Entschlossenheit „den einmal eingeschlagenen Weg zum Glück“ weiter gehen.

Der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass alle Versprechungen auf den „Schlüssel zum ewigen Glück“ falsch sind, so verlockend wie die Fata Morgana einer Quelle in der Wüste.

Denn sind wir nicht fähig zur Depression, sind wir auch nicht fähig zum Glück.

Jede Depression erfüllt im Grunde den gleichen Zweck: sie ist ein Gesundungsprozess von der Wunde des Verlusts und der quälenden Herausforderung des Selbstgefühls, die dieser Verlust zur Folge hat. Wenn wir gegen sie ankämpfen, sie verleugnen oder verdrängen, dann verlängern wir die Depression nicht nur, sondern hindern sie auch an der Erfüllung ihrer Funktion.

Bewusst sein bedeutet, nicht nur das Glücklichsein, sondern auch die Depression zu erfahren. Alle Mittel – chemische und mentale – führen vielleicht dazu, sich besser zu fühlen, aber besser machen können sie nicht. Weder im Sinne von bessere Menschen noch besser im Sinne von „geheilt“. Sie führen zu keiner Lösung des Problems, sondern lediglich zu einer Auflösung des Bewusstseins des Problems.

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Responses

  1. Wahre Worte!
    Die meines Erachtens excellent zusammengefasste Kernaussage des Buches macht neugierig.

  2. Ich finde die Kernaussage dieses Buches sehr wichtig. Denn unter dem Druck des „Alles-muss-immer-gut-sein“ brechen wir unweigerlich als lebendige Menschen irgendwann zusammen und lehnen uns in wichtigen entwicklungsfördernden Prozessen ab.

  3. Vielleicht eine kleine Ergänzung aus medizinischer Sicht:

    Eine „echte“ Depression wird von Betroffenen oft nicht als „ich fühl mich schlecht – ich bin traurig“ erlebt, sondern fataler Weise eher als „Ich fühle NICHTS“

    Notwendige Trauerarbeit ist wichtig und soll nicht verdrängt werden!

    Äußerst quälend und völlig unproduktiv ist jedoch das Gefühl innerer Lähmung und Leere – der völlige Verlust von Bedeutung, der sich auch auf Bereiche erstreckt, die sonst eine Quelle von Freude und Anregung waren (z.B. Hobbies).

    Dann legt sich die Depression wie Mehltau auf die gesamte Wahrnehmung.

    Dies ist kein heilsamer Zustand.
    Die damit verbundene Beeinträchtigung kognitiver Funktionen lässt auch kein aktives „Umdenken“ oder Verarbeiten zu – der Wille ist dann tatsächlich wie gelähmt.

    Insofern ist m.E. „Depression“ nicht das kontrastierende Gegenstück zu „Glücklichsein“ – das wäre nach meinem Verständnis tatsächlich die Trauer, die Auseinandersetzung mit Grenzen, Verlust, Scheitern, der Schmerz…

    • Guter Einwand – und du hast damit natürlich völlig recht. Es hat auch mir nicht zugesagt, dass die Autorin Depression mit „sich schlecht fühlen“ gleich setzt. Ich glaube allerdings, dass sie damit keine echten – in medizinischer Sicht – Depressionen meinte. Andernfalls würde das ja den Inhalt des Buches ad absurdum führen.
      Ich habe ihre Aussagen nie als Plädoyer für Depressionen gesehen, daher habe ich dazu auch nichts weiter geschrieben.
      Was jedoch auch richtig ist – dass landläufig jedes schlechtes Gefühl mit „deprimiert sein“ betitelt wird. Ich denke, dass sie eher darauf Bezug genommen hat.


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