Verfasst von: Eva | 20/07/2009

Esoterik-Boom

Eine der massivsten zeitgeistigen Erscheinungen der letzten 20 Jahre ist der zunehmende „Esoterik-Boom“.

Die Vereinzelung der Menschen, der Wegfall von Traditionen und Halt gebenden gesellschaftlichen Strukturen zeigen ihre Schattenseiten in einer wachsenden Orientierungslosigkeit. Gerade auch deshalb, weil wir materiell mehr oder weniger abgesichert sind und unsere Grundbedürfnisse erfüllt haben, kommen andere Bedürfnisse auf.

Nach Ansicht des humanistischen Psychologen Abraham Maslow wird der Mensch in seinem Verhalten von hierarchisch strukturierten Bedürfnissen geleitet. Zuerst müssen die grundlegenden Bedürfnisse befriedigt werden, damit der der Mensch zur Erfüllung seiner höheren Bedürfnisse voranschreiten kann.

Zu den grundlegenden Bedürfnissen gehören Geborgenheit, Sicherheit, Liebe und Zusammengehörigkeit, die Achtung durch andere und Selbstachtung. An der Spitze steht mit dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung das eigentliche Ziel des Menschen, das aber erst dann erreicht werden kann, wenn alle grundlegenderen Bedürfnisse befriedigt worden sind.

bedürfnispyramide

Nun werden auf dem Esoterik-Markt diese Bedürfnisse sehr stark aufgegriffen. Die einschlägige Werbemaschinerie bietet auf Esoterikmessen, in speziellen Zeitschriften und Anzeigen mit der Befreiung von allen möglichen Blockaden bis hin zu Ausblicken auf die Zukunft einen übervollen Bauchladen verlockender Heilsangebote an.

Damit werden gezielt die tiefsten Wünsche und Sehnsüchte der Menschen nach einem glücklichen und erfüllten Leben angesprochen. Die Verwirklichung aller Träume scheint damit in greifbarer Nähe. Jeder kann alles erreichen, jeder kann sich sein Paradies auf Erden abseits der Leistungsgesellschaft einrichten.

Denn die Kehrseite der Leistungsgesellschaft ist, dass sich viele Menschen in ihren Gefühlen alleingelassen und unverstanden fühlen und verzweifelt nach Beachtung, Zuwendung und Wertschätzung suchen.

Hier kommen esoterische Angebote wie gerufen. Wer hört es nicht gerne, etwas ganz Besonderes und von universeller Lebensenergie erfüllt zu sein bzw. aus unbegrenzten Kraftquellen schöpfen zu können? Wer sehnt sich nicht nach dem „wirklichen Sein“ oder sogar nach „Erleuchtung“?

Dass menschliche Entwicklung seine Zeit braucht und meist ein langer Prozess ist, Arbeit an sich selbst bedeutet und keineswegs nur schmerzfrei abläuft, wird dabei geflissentlich übergangen. Verschiedene „Techniken“ und „Rituale“ versprechen den schnellen Weg dahin – die kosmische Abkürzung zum Glück.

Hier zeigt sich schon eines der Merkmale esoterischer Realitätsflucht: die Vermeidung von Konflikten und die Ablehnung „negativer“ Gefühle. Alles Negative wird einem Irrtum gleichgesetzt und muss möglichst rasch durch positive Wahrheit ersetzt werden. Mentale „Umprogrammierungen“ in vielfältiger Form stellen den Anspruch, in kürzester Zeit zu tiefstem inneren Frieden und Glück zu finden.

Was dabei wirklich geschieht, ist nicht viel mehr als forcierte Verdrängung. Man muss sich nur stark genug einbilden, dass dies möglich ist und es zeigt tatsächlich Wirkung.

Sehr entscheidend ist wohl auch der menschliche Kontakt zum „Heiler“, welcher meist liebevoll und wertschätzend auftritt. Das ist schon mehr als die meisten Menschen im Alltag haben und damit willkommene Seelennahrung.
Nun stellt sich aber die Frage, wie lange diese Freude anhält. Um sie aufrechtzuerhalten, bedarf es eines ständigen Kontakts zu den Heilern samt ihren Angeboten. Dies bedingt aber, dessen Weltbild und Glaubenssystem zu übernehmen.

Aber gleichgültig, wie lange die Beeinflussung anhält – verdrängte Probleme lösen sich nicht auf – es verschwindet nur das Bewusstsein dafür. Die Anfangseuphorie mag zwar alles überdecken, aber Euphorien haben es an sich, nicht ewig anzuhalten. Meist führt das jedoch dazu, sich noch weiter in esoterische Theorien und Scheinwelten zu begeben, um die „Heile Welt-Sicht“ zu verdichten.

Letztlich wächst der Zwang zur Verdrängung permanent an. Die „Heiler“, welche das kindlich-naive Omnipotenzgefühl nähren, dass für jeden ALLES möglich ist, tragen dazu sehr aktiv bei.

Ein Idealbild von unbegrenzter Harmonie auf Lebenszeit ist zwar ein schöner Traum, kann aber niemals verwirklicht werden.

„Die abwertende Haltung gegenüber negativen Emotionen hat zur Folge, dass in der Beziehung zu sich und zu anderen – wir erleben es oft in der Beratung von Paaren – Konflikte nicht angesprochen und Gefühle wie Trauer, Angst oder Wut verdrängt bzw. durch positive Gedanken “weggeglaubt” werden.“ (Horn, Klaus P.: Die Erleuchtungsfalle. Niedertaufkirchen 1997)

Dieses „Wegglauben“ mag eine Zeitlang gut funktionieren. Aber es kann nicht auf Dauer funktionieren. Irgendwann kommt der Moment, wo sich die verdrängten Gefühle Bahn brechen – sei es durch psychische oder körperliche Extremsituationen, einen Schicksalsschlag oder Krankheiten – welche sich nicht mehr weg denken lassen. Das Glaubensfundament bekommt Risse, das Kartenhaus beginnt zu wackeln.

“Spiritualität und auch Mystik dürfen nicht mit außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen irgendwelcher Art gleichgesetzt werden: Ekstase, Visionen und Auditionen signalisieren an sich ebenso wenig spirituelles Erwachen wie irgendwelche magischen, para-psychologischen oder okkulten Phänomene“.

Nicht wenige Sinnsuchende verlaufen sich auf dem spirituellen Weg oder erkennen die Krise nicht, die sie überhaupt diesen Pfad einschlagen ließ.

Wenn man also auf Sinnsuche geht, tut man gut daran, den Hausverstand nicht ganz außer Acht zu lassen. Oder wie es Scharfetter ausdrückt: „Der Buddhismus weiß, dass es gerade auf dem verschlungenen Pfad des wirklichen spirituellen Lebens sehr alltäglich zugeht.“

(Psychologie Heute – compact 19/2008, Prof. Christian Scharfetter, Wissenschaftler an der an der Züricher Psychiatrischen Universitätsklinik)

Ich möchte niemand, der auf diesem Gebiet tätig ist, unterstellen, dass er absichtlich und bewusst „Schein“ verkauft. Ich bin sogar überzeugt davon, dass diejenigen, die das tun, selbst daran am meisten glauben. Sie haben es sich zur persönlichen Lebensphilosophie gemacht und unzweifelhaft hat jeder seine persönlichen Gründe dafür.

Ich kann mich den Esoterik-Gegnern, die behaupten, alles sei nur Geschäft, nicht völlig anschließen. Natürlich gibt es auch genügend solche, die auf jeden Zug aufspringen und sich bereichern möchten. Der Esoterikmarkt bietet sich dafür, vor allem aufgrund der Möglichkeit, schnelles Geld mit wenig Können zu machen, besonders an.

Dennoch glaube ich, dass es die Mehrzahl ehrlich meint. Das macht es zwar nicht besser und auch nicht ungefährlicher, aber sicherlich ist nicht jeder esoterische Anbieter bewusster Blender.

Nichtsdestotrotz handelt es sich in den meisten Fällen um eine Fixierung auf bestimmte Ideen und Lebensvorstellungen. Es ist nichts dagegen einzuwenden, Ideen von anderen Menschen anzunehmen. Jeder tut das in einem bestimmten Rahmen. Aber es ist gefährlich, sich Theorien zu verschreiben, welche der eigenen Abwehr Vorschub leisten.

Die zweite Gefahr, die nicht unterschätzt werden darf, ist, dass man damit in starke Abhängigkeit gerät. Selbständiges Denken wird beiseite geschoben, man folgt seinem „Guru“, der die Lebensanschauung vorgibt.

Welche Position hat dieser Guru für seine „Jünger“? Ist es die des Übervaters, den man endlich gefunden zu haben meint? Oder – bei weiblichen Personen – die Übermutter?

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die seelischen Hintergründe bei vielen in diese Richtung gehen. Der Suche nach Orientierung wird durch „liebevolle Führung“ ein Ende gesetzt. Menschen auf der Suche nach Geborgenheit gehen sehr leicht in diese Falle.

Aber auch die „Gurus“ selbst profitieren von der Bewunderung, Ergebenheit und den Sympathiebekundungen ihrer Anhänger. Die Abhängigkeit ist nicht einseitig. Auch am Heiler selbst wirkt die esoterische Weltflucht und das meist wesentlich dauerhafter als an seinen Jüngern oder Klienten. Denn er hat sich seine Existenz darauf aufgebaut und durch den Ausstieg wäre er praktisch „arbeitslos“.

Auch Heiler sind Menschen mit Bedürfnissen. Die sie jedoch ungern sehen möchten. Wie aber würden sie sich fühlen, wenn ihnen niemand zuhören würde, wenn der beständige Strom an Zuneigung von ihren Anhängern versiegen würde? Sie würden feststellen, dass sich ihr Selbstbild von innerer Befriedigung und vermeintlicher Bedürfnislosigkeit ziemlich schnell auflösen würde.

Ein Irrtum wird nicht zur Wahrheit, indem man ihn an möglichst viele weiter gibt. Anhänger lassen sich für alles finden, oft für die abstrusesten Ideen. Daraus zu schließen, es müsse wahr sein, ist ein Trugschluss. Was sind nicht schon Menschen „Führern“ gefolgt, die blanken Unsinn verbreitet haben? Ein warnendes Beispiel sind Sektenmitglieder, welche zutiefst von der Wahrheit oft haarsträubender Denk- und Lebenssysteme überzeugt sind. Aber auch Esoteriker neigen dazu, ihre Weltsicht als absolut anzusehen.

Aus esoterischen Lehren entstehen in gewissem Sinne elitäre Systeme, die eine Art Führerkult betreiben und von selbständigem Denken und Fühlen ziemlich weit weg führen. Ihre Anhänger sind oft sehr intelligente Menschen, denen allerdings das selbständige Denken und Fühlen abhanden gekommen ist oder nie ausgebildet wurde. Es bedarf einer gewissen Ich-Stärke, eines „Bleiben-könnens bei sich selbst“ zur Immunisierung gegen die Heilsverführungen.

Es ist tragisch, dass gerade intelligente Köpfe und sensible Seelen in diese Scheinwelten abgleiten und sich damit vom echt Lebendigen entfernen. Wir alle würden sehr davon profitieren, dass gerade solche Menschen ernsthaft an der Verbesserung und Veränderung der Gesellschaft mitwirken.

Nicht indem sie sich als „esoterisch Erleuchtete“ fühlen, sondern indem sie als leuchtendes Beispiel von Menschlichkeit auftreten. Scheinwelten sind keine echten Welten, auch wenn sie für den Betreffenden noch so real sein mögen.

Infos über Sekten, Kulte und den Psychomarkt

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Responses

  1. Danke Super , ganz richtig

  2. Wenn das nur mehr erkennen würden… Danke für die Zustimmung.


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