Verfasst von: Eva | 25/07/2009

Logotherapie

Logotherapie ist mein absoluter Favorit unter den psychotherapeutischen Richtungen.
Natürlich spricht nicht jeden dasselbe an, ich finde einfach viele Parallelen meiner persönlichen Einstellungen zum Konzept der Logotherapie, weshalb sie mich besonders anzieht.

Die Logotherapie und Existenzanalyse wurde von dem Wiener Psychiater und Neurologen Viktor Frankl (1905 – 1997) begründet. Als ich seine Bücher gelesen habe, fühlte ich mich davon sehr angesprochen. Sie sind zwar nicht leicht zu lesen, weil sie teilweise in einer sehr akademischen Sprache verfasst sind, aber es ging mir in erster Linie um den Inhalt und die Aussagen. Es ist eine Psychotherapierichtung, die über das reine Psychologisieren weit hinaus geht und im Menschen wesentlich mehr sieht als ein von Erleben und Anlagen bestimmtes Wesen.

Logotherapie und Existenzanalyse ist eine der in Österreich gesetzlich anerkannten Psychotherapierichtungen. Sie wird auch als „Die dritte Wiener Richtung der Psychotherapie“ neben Sigmund Freuds Psychoanalyse und Alfred Adlers Individualpsychologie bezeichnet.

Ganz besonders beeindruckt hat mich ein persönliches Telefonat, das ich vor über 15 Jahren mit Viktor Frankl hatte. Ich hatte ihm damals einen Brief geschrieben, in dem ich ihm mein Verständnis der Logotherapie recht begeistert mitgeteilt habe, aber auch ein paar Fragen dazu stellte, weil ich mir nicht ganz sicher war, ob meine Sichtweise richtig war. Nach ein paar Tagen klingelte mein Telefon und Viktor Frankl persönlich (er hatte sich meine Telefonnummer einfach aus dem Telefonbuch geholt) war am Apparat. Er führte ein langes Gespräch mit mir und ich habe ihn als einen überaus vitalen, leidenschaftlichen und einfühlsamen Menschen kennen gelernt. Obwohl er schon um die 85 war, wirkte er äußerst lebendig.

Im Zentrum des Logotherapeutischen Konzepts steht der Sinn-Begriff. Frankl geht von der Freiheit des menschlichen Willens und dem Willen zum Sinn, der in jedem Menschen angelegt ist, aus. Menschen streben zutiefst nach Sinnhaftigkeit – kommt der Sinn abhanden, ist das schon ein Anzeichen dafür, dass etwas schief läuft. Es geht darum, seinen eigenen Weg zu finden und ein erfülltes Leben zu führen. Auch wenn Schmerz und Leid vorhanden sein sollten, kann dennoch Sinn gefunden werden. Hyperreflexion, das zu starke Kreisen um sich selbst, wird vermieden, Logotherapie ist zukunftsausgerichtet.

Schlüsselbegriffe der Logotherapie sind Liebe, Glaube, Kreativität und Hingabe.
Das Menschenbild ist dreidimensional, besteht aus Körper, Seele und Geist und ist damit an Ganzheitlichkeit orientiert. Frankl sieht den Unterschied zwischen Mensch und Tier im Geistigen, das nur dem Menschen zu eigen ist. Mit Hilfe des Geistes wird der Mensch zum verantwortlichen Wesen, das immer über einen Entscheidungsspielraum verfügt – trotz aller möglichen Widrigkeiten („Trotzmacht des Geistes“). Er sieht in der Freiheit des Geistes kein frei sein von etwas, sondern ein frei sein zu etwas.

Sinnorientierte Beratung setzt den Focus nicht auf das Schwierige und Verletzende der Vergangenheit, auch wenn es manchmal wichtig ist darauf zu sehen, sondern auf das Positive und Mut-Machende, das immer auch vorhanden ist. Freiraum für neue Möglichkeiten, Vertrauen und die sich daraus ergebende Verantwortung werden gesucht und gestärkt. Dies kann in Krisen zwar nicht von heute auf morgen, aber Schritt für Schritt wieder zu einem Lebensgefühl führen, das mit Sinn erfüllt ist.

Dass Viktor Frankl kein Theoretiker war, sondern sein Konzept unter schwersten Bedingungen selbst gelebt hat, wird nach der Lektüre seines Buches „… trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“ ersichtlich.
Im Buch schreibt er darüber, wie er sich in der schrecklichen Umgebung des Konzentrationslagers selber Trost und Hoffnung gespendet hat, indem er sich geistig auf die Zukunft ausgerichtet hat.

„Da stellte ich mir vor, ich stünde an einem Rednerpult in einem großen, schönen, warmen und hellen Vortragungssaal und sei im Begriff, vor einer interessierten Zuhörerschaft einen Vortrag zu halten unter dem Titel ‚Psychotherapeutische Erfahrungen im Konzentrationslager’ und ich spräche gerade von alledem, was ich soeben erlebte.“

Die Verantwortung des Menschen als schöpferisches Wesen mit einem freien Geist drückte Frankl mit folgenden Worten aus:
„Wir müssen lernen und die verzweifelten Menschen lehren, dass es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet!“

Logotherapie ist darauf begründet, dass menschliches Leben auch unter schweren und extremen Bedingungen die Möglichkeit sinnvoller Gestaltung in sich trägt. Durch Erleben von Natur, Kunst, Bewegung, durch Aktivität und Kreativität, Hingabe an etwas außerhalb unserer selbst sowie der Fähigkeit, sich auch unter schwierigsten Bedingungen selbst treu zu bleiben, kann das Ruder der Hoffnungslosigkeit doch wieder herum gerissen werden und in einem sinnerfüllten Leben münden.

Logotherapie ist keine „Methode“, sondern eher eine Lebenseinstellung, auch wenn verschiedene Methoden zum Einsatz kommen können. Eine davon ist die „Paradoxe Intention“, die mir besonders gut gefällt. Sie arbeitet mit Humor und paradoxen Anweisungen hauptsächlich bei bestimmten Ängsten.

In Erinnerung ist mir das Beispiel eines Mannes geblieben, der immer heftige Schweißausbrüche bekam, wenn er eine Rede halten musste. Er bekam die Anweisung, sich vorzustellen, nicht nur zu schwitzen, sondern dass er wahre Ströme von Schweiß produzieren sollte – so viel, dass er zwei Kübel damit füllen könnte. Damit wurde die Symptomatik so weit ins Absurde verzerrt, dass damit sehr viel Druck heraus genommen wurde.

Man kann diese Methode im Alltag in manchen Lagen auch selber anwenden. Wer kennt es nicht, im Bett zu liegen und sich schlaflos herum zu wälzen, während die Gedanken um „ich sollte endlich einschlafen“, „ich muss einschlafen, um morgen fit zu sein“ kreisen? Der Druck, unter den man sich damit selber setzt, hilft nicht wirklich beim Entspannen. Schreibt man sich nun vor, auf keinen Fall während der nächsten 15 Minuten die Augen schließen zu dürfen  oder seinen Blick nicht von den Leuchtziffern des Weckers zu lösen, fallen die Augen meist ganz von alleine zu. Der Zwang wird aufgelöst, indem man den gegenteiligen Zwang an dessen Stelle setzt. Der Druck wird dadurch nicht verstärkt, sondern heraus genommen.

Verwandt ist damit auch die „Dereflexion“. Hier wird versucht, zwanghafte Selbstbeobachtung oder übermäßige Konzentration auf die Angst wieder aufzulösen. Oft werden autonome Vorgänge durch starke Selbstbeobachtung gestört. Wie im Witz vom Tausendfüßler, der gefragt wird, wie er denn das mache, all seine Beine zu koordinieren. Woraufhin dieser anfängt, seine Bewegungen zu beobachten und seine Beine durcheinander kommen.

Eine Aussage Frankls mag ich besonders: „Man muss sich nicht von sich selbst alles gefallen lassen.“
Durch selbstdistanzierte Reflexion und den Einsatz des Willens können wir uns aus so mancher negativen Fixierung heraus holen. Damit ist jedoch nicht gemeint, Dinge mit angestrengter Disziplin zu unterdrücken, sondern ein geistiges Erkennen dessen, was ist, um damit ein Stück weit aus der unbewussten Identifikation mit dem, was uns zu schaffen macht, heraus zu gehen.

Viktor Frankls Anschauungen unterscheiden sich von denen seines früheren Lehrers Sigmund Freud darin, dass Freud hauptsächlich vom unbewusst Triebhaften ausging, während Frankl vom unbewusst Geistigen ausging. Er sieht eine im Menschen unbewusste Religiosität angelegt und umschreibt dies mit dem „unbewussten Gott“. Damit schafft er eine Verbindung zwischen Psychotherapie und Spiritualität.  Seine spannenden Gedanken dazu kann man in seinem Buch „Der unbewusste Gott – Psychotherapie und Religion“ lesen (Kösel-Verlag, München).

TILO – Institut für Logotherapie und Existenzanalyse
Viktor Frankl Institut

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