Verfasst von: Eva | 30/07/2009

Ulrich Schaffer


Ulrich Schaffers Gedichte und Texte begleiten mich schon seit vielen Jahren. Immer wieder finde ich sie schön, gehaltvoll und berührend. Ulrich Schaffer ist 1942 in Pommern geboren und begann 1958 zu schreiben. Heute lebt er mit seiner Familie in Gibsons an der Küste von British Columbia.

Ein paar Texte von ihm, die mir besonders gut gefallen:

einmalig
zu sein
bringt auch einsamkeit mit sich.
du spürst,
daß niemand dich versteht.
du sinkst auf den grund
in dir
wie ein kiesel im kalten bach.
das ist der preis.


doch im einsamsein
wirst du reicher.
in den stunden allein mit dir selbst
entdeckst du,
wer du bist.
in den schmerzen wirst du fester.
das ist der kampf.


oder willst du lieber so tun,
als wärst du der freund aller,
und dabei die freundschaft mit dir selbst verlieren?


********

sei dem treu,
was in dir entsteht,
und lebe nicht nach den werten anderer.


was du bist,
hast du zu geben.
deine echtheit ist dein beitrag,
nicht deine fähigkeit,
die anderen nachzuahmen
und so zu leben wie sie.

wenn du echt sein willst,
mußt du lernen, NEIN zu sagen
zu dem, was dich erstickt.
dann wirst du
zu dem finden,
was dir entspricht,
und darin aufblühen

********


Ich wage es,
an mich selbst zu glauben:
an meinen Drang nach Reife,
an meine Liebesfähigkeit,
an meine Begabung zur Freundschaft,
an meine entschiedene Ausdauer,
an meine immer neue Hoffnung.
Aber auch wenn ich versage und Fehler mache,
wenn ich unnötig verletze,
wenn ich anderen die Freiheit nehme,
wenn ich kleinkariert werde,
wenn ich mich nicht mehr erneuere,
wenn ich hart und unnahbar werde,
auch dann will ich glauben,
daß neben der Zerstörung
auch das Lebensförderliche in mir wohnt,
und ich will es hervorlocken
mit meiner Hoffnung und meinem Mut.
Ich wage der Mensch zu sein, der ich bin:
unfertig, aber doch glücklich,
unsicher im Neuen und doch wissbegierig,
manchmal ängstlich in Entscheidungen,
verwirrt im Überangebot der Ideen,
doch auch begeistert von Kleinigkeiten.
Zweifelnd und zögernd,
dann wieder mutig und ernst,
verzaubert von Worten
oder schweigsam zurückgezogen.
Manchmal zerrissen und voller Widersprüche,
aber auch einseitig und naiv.
Und noch vieles mehr bin ich,
oft nicht genau zu beschreiben.
Ich wage es, mich selbst so anzusehen,
so zu lieben, wie ich bin und mich auch so zu zeigen,
ob ich nun dafür geliebt werde oder nicht.


Du entscheidest auch,
wer du in Zukunft sein wirst.
Aber dazu musst du auf dich achten,
musst dich suchen, finden und wieder neu suchen.
Es gibt noch Bereiche in dir,
die voller Geheimnisse sind.
In dir schlummern Kräfte,
die eingesetzt werden wollen.
Es gibt Gedanken in dir,
die sich noch verstecken
und auf ihre Zeit warten.
Die Möglichkeiten, die vor dir liegen,
sind nicht unbegrenzt.
Aber wenn du das tust,
was du begriffen hast
und was möglich ist,
wirst du dich erweitern
und das Leben führen,
das du als lebenswert empfindest.
Du,
es ist an dir,
dich Stück um Stück zu erfinden.

********

Deine Würde kommt von deiner Beziehung zu dir selbst.
Niemand kann dich entwürdigen, nur du selbst kannst es.
Und die Würde, die andere dir geben, kann nie die Würde ersetzen,
die du selbst dir gibst. Alles beginnt in dir.
Vielleicht ist nichts so spannend, wie die Gestaltung der leeren Momente,
der freien Plätze, der unverstellten Räume,
der unbewohnten Gegenden deines Lebens.
Fülle sie nicht mit dem, was andere dir anbieten,
nicht mit dem Überfluss der Welt, nicht mit den Spielzeugen, die dich ablenken,
nicht mit den Dingen, die dich arm machen, oder mit Gedanken,
die dich gefangen setzen, nicht mit dem bunten Abfall, der dich entwürdigt.


Gib der Kleinigkeit nicht nach. Nimm wahr, dass du auch aus Löchern bestehst,
die nicht gestopft werden müssen, die aber mit Bedeutung gefüllt werden können.
Weite ist deine Berufung. Kannst du dir vorstellen, jetzt, in deinem Alter,
noch neue Haltungen zu entwickeln, ungewohnte Einstellungen zu üben,
und nicht schon im Voraus zu wissen, wie es am besten ist?
Oder hast du dich so festgelegt und festlegen lassen,
dass jede Veränderung dir zu anstrengend ist?


Kannst du dich noch in Frage stellen, dich herausfordern etwas Neues zu wagen,
anstatt dich immer nur zu wiederholen? Lass dich von dir selbst überraschen!
In dir gibt es noch Reichtum an Unerschlossenem, Wirklichkeiten,
die erlebt werden wollen, Gedanken, die in Taten umgesetzt werden wollen.
Kannst du noch aufbrechen? Vielleicht ist nichts wichtiger
als deiner reifen Liebe eine einmalige Gestalt zu geben,
sie nicht mehr nach Mustern und Vorbildern zu gestalten,
deren innere Welten du nicht kennst. Immer mehr löst du dich aus dem,
wie andere es sehen, wie das übergroße „man“ alles sieht,
und immer mehr ist jetzt wichtig zu verstehen,
dass deine Art zu lieben ein Teil des ganzen Bildes ist.
Mach aus deinem Leben ein Seminar der Zuwendung,
eine Feier des Verstehens, ein Fest der Liebe.

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Responses

  1. Die Texte sind wirklich wunderschön und sehr berührend. Liest man diese Zeilen, entsteht umgehend ein Bedürfnis seinen eigenen Lebensweg sowohl zu überdenken als auch zu hinterfragen. Das Leben könnte viel einfacher sein, wenn man immer und in jeder Situation zu sich selbst und der eigenen Überzeugung stehen würde.
    Nur jedoch stellt die Umsetzung solcher einfachen Worte in der Realität ein schwierigeres Hindernis dar.

  2. Danach zu leben, die Umsetzung in die Realität, sind insofern schwierig, als es nicht das ist, worin wir bestärkt wurden und was wir gelernt haben. Der Weg dahin kann deshalb mühsam sein und Mut erfordern. Das macht das Hindernis aus.
    Es befindet nicht außerhalb, sondern in uns.


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