Verfasst von: Eva | 09/08/2009

Der sensible Mensch – Teil 1

hands-snowSelbstverständlich verfügt jeder seelisch gesunde Mensch über ein gewisses Maß an Sensibilität, das von Mensch zu Mensch individuell variiert. Aber es gibt auch Menschen, bei denen die Sensibilität über die Bandbreite des normalen Maßes hinaus geht. Von diesen soll hier die Rede sein.

Man bezeichnet diese Sensibilität als Hyper- bzw. Hochsensibilität. Geschätzt wird der Anteil derjenigen, die diese Eigenschaft aufweisen, auf ca. 15% der Bevölkerung. Hochsensibilität ist nicht nur auf Menschen beschränkt, sondern betrifft auch höhere Säugetiere.

Hochsensible sind weder besser noch schlechter als normal sensible Menschen. Allerdings funktionieren sie ein bisschen anders. 1997 wurde von der amerikanischen Psychologin Elaine Aron dieses psychische Phänomen postuliert („The Highly Sensitive Person“).
2003 griff der österreichische Psychotherapeut Georg Parlow das Thema erneut auf und verfasste das Buch „Zart besaitet – Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochempfindliche Menschen“.

Es gibt aber noch ein wesentlich älteres Buch zu diesem Thema, das ich selber weit besser, klarer und einfacher finde als alle nachfolgenden. Es stammt vom Schweizer Theologen und Psychologischen Berater Eduard Schweingruber und wurde schon 1935 verfasst – „Der sensible Mensch“ (2. Auflage, August 1944, Kindler Verlag, München).

Zur Zeit Schweingrubers – aber auch noch jetzt – war der Begriff Hoch- oder Hypersensibilität so gut wie unbekannt. Menschen, die davon betroffen waren, hielten sich für „anders“, seelisch „übermäßig kompliziert“ und waren zumeist ziemlich unglücklich darüber. Was immer sie auch versuchten, um sich anderen anzupassen und deren Lebensstil zu kopieren – letztlich misslang es. Auch in Psychologenkreisen ist die Eigenschaft der Hochsensibilität sogar heute noch großteils unbekannt. Viele Patienten werden deshalb leider falsch behandelt, oft vielleicht sogar als „therapieresistent“ eingestuft.

Was Schweingruber erkannte, ist von unschätzbarem Wert für hochsensible Menschen und bietet eine echte Entlastung durch Verständnis für das eigene Wesen. Er bietet in seinem Buch auch konkrete praktische Ratschläge an, wie man mit dieser Eigenart umgehen kann, um zu einem harmonischen und erfülltem Leben zu finden. Doch mehr dazu in Teil 2.

Ich möchte mich in Teil 1 darauf beschränken, Schweingrubers Ausführungen zur Bestimmung von Hochsensibilität und den Konsequenzen daraus wiederzugeben.

Am Umschlag findet sich folgender Text:
„Jahrelange Erfahrung als Seelsorger und Psychologe hat den Autor zu der Überzeugung geführt, dass sensiblen Menschen durch keine schematische Behandlung, sondern nur durch eine auf den jeweiligen Patienten abgestimmte Therapie geholfen werden kann. Anhand von Alltagssituationen erläutert er Methoden der Konzentration, der Selbsterziehung und Entspannung, schildert die entscheidenden psychischen Hemmnisse, die einem normalen Umwelterleben im Wege stehen, und weist Wege zu selbständiger, seelisch gesunder Lebensführung.“

Ich möchte den Inhalt dieses Buches im folgenden zusammen fassen.

1. Kapitel – Ein Mensch entdeckt seine Sensibilität

„Eines Tages bemerkt der sensible Mensch, der bisher unbewusst in dieser Hinsicht gelebt hatte, dass ihm das Leben irgendwie mehr zu tun gibt als der Mehrzahl in seiner Umgebung.“

Der Sensible wird sich bewusst, dass er unter Dauermüdigkeit trotz ausreichender Erholungsphasen leidet, dass Anstrengung Zermürbung oder Reizbarkeit erzeugt, dass seine Gedanken- und Gefühlswelt für ihn zu stark im Vordergrund steht. Er ist seelisch und körperlich leicht erschöpft, fühlt sich oft nervös oder überdreht. In ihm herrscht ein Durcheinander von Wünschen und Sehnsüchten fern jeder Wirklichkeit und Möglichkeit. Er ist haltloser, empfindlicher, müder, unfähiger zu manchem wie andere, driftet in Überstimulierungen, aus denen er kaum mehr heraus zu kommen vermag.

Er leidet an sich selbst und findet doch nirgendwo Verständnis. Gut gemeinte Ratschläge von anderen, er möge doch wie alle anderen leben und nicht so kompliziert sein, helfen ihm nicht weiter. Der Sensible kann nicht einfach beschließen, nicht mehr kompliziert zu sein.

Er kann Gedanken und Gefühle nicht los lassen, alles bewegt sich stark in ihm weiter und ebbt nur sehr langsam ab. Gelöstes Erleben und Tun ist ihm selten möglich. Er wird mitgerissen von allem Interessantem, sein Gefühlsleben reagiert zu stark auf Situationen, die ihn umgebende Atmosphäre und andere Menschen. Er verfügt meist auch über ein Übermaß in der Empfindung von Schmerzen und erlebt Krankheitsvorgänge äußerst intensiv. Er ist bestimmt von großen Schwankungen und Gegensätzen im Gemüt und in seiner Leistungsfähigkeit. Seine Gefühle ordnen sich nicht selber in das Denken und Wollen ein, sondern überschwemmen seine Seele.

Mit seinen starken und maßlosen Reaktionen kann er andere erschrecken.

Der Sensible unterscheidet sich darin deutlich von Menschen, die über eine vitalstarke, kompaktere Widerstands-, Erlebens- und Tatfähigkeit verfügen. Bei ihm ist alles anders und er ist meist der Letzte, der darüber glücklich ist.

Wird er nun zum Feind seiner selbst und versucht, mit Willen und Verstand seine Gefühlsart zu unterdrücken – oder aber reagiert er durch übergroße Besorgtheit und Schonung – ist das nicht zielführend. Er verliert seine Lebendigkeit, wird u.U. zum ängstlichen Hypochonder.

Sensible haben die Fähigkeit, in allem Erleben zugleich auch immer ihr eigener Zuschauer sein zu können. Selten agieren sie frei und hingegeben.

Zusammengefasst ist eine übermäßige sensible Anlage gekennzeichnet durch:

Eine leichte und zu intensive Ansprechbarkeit auf Eindrücke und übermäßige Erregbarkeit von manchen oder allen Empfindungen, Gefühlen und Trieben.

Ein zu leichtes Eintreten von Kompliziertheiten im Verarbeiten der Affekte und Hinderungen im Abklingen der Affekte.

Eine intensive Auswirkung von Affektvorgängen auf die körperlichen Funktionen.

Umgekehrt auch eine zu intensive Rückwirkung von körperlichen Funktionen auf das Affektleben.

Nicht bei allen Sensiblen sind alle Anzeichen gleich stark verteilt. Es können, müssen aber nicht alle deutlich vorhanden sein.

Wie kann sich ein hochsensibler Mensch selber helfen, was kann er tun?

Schweingruber drückt in schönen Worten etwas sehr Wichtiges aus:
„Die gesamte Eigenart ist das Instrument, auf dem der Sensible die Melodie des Lebens zu spielen hat.“
Dies bedingt ernsthafte Arbeit an sich selbst und keine fortgesetzte Rauferei und Kampfansage an die eigene seelische Eigenart.

Vorbedingung dazu ist aber, auszuschließen, dass die hohe Empfindlichkeit nicht von einer körperlichen Ursache herrührt (Gehirn-, Nervenkrankheiten, falsche Ernährung, zu wenig Schlaf, ständige Überforderung) – oder von unverarbeiteten Ereignissen, die sich zu Neurosen ausgebildet haben. Denn jeder neurotische Mensch ist in bestimmten Bereichen überempfindlich.

2. Kapitel – Der Sensible durchschaut seine Eigenart

Sich selbst zu durchschauen, ist die ganz große Aufgabe für den Sensiblen und erfordert unbestechliche Sachlichkeit.

Sich selbst zu durchschauen ist ohne umfangreiches psychologisches Wissen allerdings nur Dilettantismus. Es erfordert entweder jahrelange Einarbeitung in psychologische Literatur – oder Zusammenarbeit mit einem fachlich versierten Menschen (Psychotherpeuten, Psychologen). Denn ohne sachliche Kenntnisse ist das eigene Selbstbild ein Gemisch aus Selbstbeobachtung, Wünschen, wie man sein möchte und Abwehr, wie man auf keinen Fall sein möchte. Die objektiven Gesetzmäßigkeiten der Seele und der seelischen Gesundheit zu kennen, ist unerlässlich.

Manche Menschen sind geborene Künstler der Selbstschau, aber andere sind darin wiederum unglaublich unfähig. Daher ist es wichtig, sich zumindest zeitweilig fachlichen Rat einzuholen, um nicht subjektiven Fehleinschätzungen aufzusitzen.

Sehr wichtig ist es auch, das Seelenleben anderer Menschen kennen zu lernen, um Vergleichsmöglichkeiten zu haben. „Es findet keiner den Weg zu sich selber, der nicht durch andere Seelen hindurch gegangen ist. Nur sich alleine kennen, heißt, sich noch nicht kennen.“

Sensible sind keine seelische Patienten, aber Kandidaten des Lebens, denen einige spezielle Aufgaben gestellt sind, die er zu lösen hat. „Er darf nicht, indem er sich seiner Eigenart einfach überlässt oder sich in sie verhakt, ein Pfuscher des Lebens werden.“

Nach Abklärung, dass keine körperliche Krankheit und keine Neurose vorliegt, kann der Sensible beginnen, mit seiner Sensibilität zu arbeiten.

Allerdings lädt sich fast jeder Sensible neurotische Innenspannungen auf, da er unharmonisch lebt. Es kann jedoch ein großes Unrecht sein, einem Sensiblen mit endlosen Analysen oder reiner „Neurosenbehandlung“ beikommen zu wollen. Es wäre nicht nur nutzlos, sondern auch schädlich und demoralisierend, da der Erfolg ausbleiben würde.

Um sich seiner Spannungen zu entledigen, ist es die Aufgabe des Sensiblen, das im Inneren angesammelte Material zu lösen, Haltungen zu revidieren und zu verändern. Er darf sich nicht damit abfinden, von subjektiven Einschlägen vollkommen beherrscht zu werden, sondern sollte sich zum Ziel setzen, frei – und damit er selbst – zu werden.

Vor Durcharbeitung der angesammelten (durchaus auch neurotischen) Spannungen ist ungewiss, wie viel von seiner Sensibilität übrig bleibt. Das was jedoch davon übrig bleibt, ist reine Sensibilität, die nicht von unverarbeiteten und verdrängten Erlebnissen beeinflusst ist.

Wie kann der Sensible seine Eigenart durchschauen?
Indem er sich die Frage stellt, worauf er sensibel reagiert – auf welche äußeren und inneren Situationen. Welche speziellen Einzeleindrücke, welche Eindruckshäufungen und Eindruckskombinationen bringen ihn aus der Ruhe?

Findet er seine Schwachstellen, ist schon ein Ansatzpunkt gefunden. Oft ergibt sich daraus das einfache Rezept: Meide das!

Er unterzieht sich damit einer speziellen „Erlebens-Diät“, d.h. einer Art feinen Askese bezüglich jener Reize, die ihn ins Ungleichgewicht bringen. Er muss das, was in ihm ist, in Harmonie bringen („Leben ist nur erfülltes Leben, wenn dessen Rhythmus mit dem eigenen Rhythmus in tiefstem Gleichklang schwingt.“)
Dieser Eigenrhythmus ist von Mensch zu Mensch verschieden, ebenso von Lebensalter zu Lebensalter innerhalb eines Menschen.

„Erlebens-Diät“ erfordert Willen und Ernst. Doch Leben braucht nicht immer in erster Linie leicht zu sein, um wertvoll und erfüllend zu sein. Kein Sensibler hat es immer leicht!

Jedoch ist Meiden nicht immer möglich, manches ist unausweichlich. In diesem Fall ist es immens wichtig, die innere Ansatzstelle für die Überreizung zu finden. Was keinesfalls bedeutet, dass der sensible Mensch nur rein nach Innen gewendet leben soll. Zu einer gesunden Persönlichkeit gehört ein Leben nach innen und außen. Aber der Sensible muss einen gründlichen Innenweg durchwandern!

Mit der Zeit wird der ernsthaft an sich arbeitende Sensible feststellen, dass immer wieder ein ähnlicher Vorgang in ihm abläuft:
Ein Eindruck, ein Gefühl, ein Interesse oder Wunsch nimmt ihn ohne sein Zutun so stark gefangen und in Beschlag, dass alles andere in den Hintergrund rückt. Die Seele verliert ihre Ganzheit.

Allem seelischen Geschehen liegt eine Tiefenschicht von ungeteilter Lebenskraft und elementarer seelischer Vitalität zugrunde. Von ihr aus gehen und in sie hinein münden alle seelischen Regungen. Sie sorgt für Einheit und Ganzheit.

Beim Sensiblen ist irgendwie der Zusammenhang zwischen den einzelnen seelischen Funktionen und dieser vitalen Grundschicht zu schwach. Die einzelne Funktion löst sich vom vitalen Untergrund, gerät dadurch in eine übermäßige Erregung – der Mensch verliert sich an seine Interessen oder an seine Gefühle.
Es besteht auch die Möglichkeit, dass zwei voneinander weg führende Interessen überstark angelegt sind, welche die Seele immer wieder auseinander zerren und damit aus der Verbindung mit dem vitalen Untergrund reißen.

Der Sensible muss innerseelisch den Zusammenhalt zwischen seinen einzelnen seelischen Funktionen und der Vitalgrundschicht stärken und festigen.

Solange der Sensible versucht, mit irgendeiner Methode die Folgen direkt abzubauen oder zu bekämpfen, erntet er Misserfolg und Enttäuschung. Nur wenn er den persönlichen Kontakt mit seinem vitalen Untergrund stärkt, erlebt er deutliche und rasche Verbesserungen seiner seelischen Befindlichkeit. Er muss sich nach innen stärker in den elementaren Untergrund und die vitale Gesamtheit verwurzeln. Er darf niemals nur nach außen leben.

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Responses

  1. Das ist sehr interessant, ich werde mir dieses Buch kaufen. Leider scheint es vergriffen zu sein.

    • Ich habe es selbst in einem Antiquariat gekauft. Anders dürfte es aufgrund seines Alters nicht mehr erhältlich sein. Schade, dass es so wenig Beachtung damals fand, denn für mich ist Schweingruber der unerkannte Pionier in der Entdeckung von Hochsensibilität.

  2. Ich konnte es auch gebraucht entdecken.
    Bin sehr gespannt darauf, da ich mich mit dem Thema schon sehr stark auseinandergesetzt habe, unter anderem, weil ich auch betroffen bin.

    Ich habe zwei Bücher dazu geschrieben, wer mag, kann mal probelesen auf meiner Homepage:

    http://www.Das-Wasser-des-Lebens.eu

    Vielen Dank, Eva, für Deine Anregung! Und vor allem für diesen wertvollen Hinweis auf das Buch.
    Den Blog werde ich bei Gelegenheit weiter durchstöbern. Ich freu mich drauf!

    VG, JN

  3. Hallo Jutta,

    ich hoffe, du magst das Buch auch so wie ich. Es beschönigt nichts, geht sehr klar und pragmatisch an das Thema heran und die etwas antiquierte Sprache finde ich auch schön. Es ist nur ein dünnes Büchlein, aber eins mit wertvollem Inhalt.

    LG
    Eva

  4. Hallo Eva,
    ich bedanke mich für den Buchtip. Ich habe mir das Buch auch im Antiquariat gekauft und finde es sehr klar und prägnant. Man merkt der Autor weiss wovon er schreibt, er lässt den (hochsensiblen) Leser nicht aus der Verantwortung. Für mich auch das beste Buch zum Thema (Hoch-)Sensibilität, ich habe von Parlow bis Nebeln einiges gelesen. Erstaunlich wie jemand schon 1934 so ein Buch schreiben konnte.
    Schöne Grüße aus Berlin Norbert

  5. Lieber Norbert,

    auch ich finde das Buch sehr klar und halte es für das beste über dieses Thema. Es wird einfach den besonderen Eigenheiten Hochsensibler gerecht – und zwar ohne Schörkel. Es gibt keinerlei Spekulationen über die Ursachen (die ich auch nicht für wichtig halte, da sie ohnehin nicht revidierbar sind), keine weltanschauliche Überhöhung (diese halte ich, wo immer sie auftritt, für völlig fehl am Platz, da ein Potenzial gelebt werden muss, um es zu entfalten und nur die Tatsache alleine, dass es existiert, nichts bewirkt. Abgesehen davon ist es alles andere als ein Honiglecken, überhaupt da ran zu kommen).

    Mir gefällt deine Formulierung, dass er den Leser nicht aus der Verantwortung lässt. Denn genau darum sollte es gehen.

    Liebe Grüße
    Eva


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