Verfasst von: Eva | 10/08/2009

Der sensible Mensch – Teil 2

3. Kapitel – Der Sensible gewinnt seine Lebenseinstellung

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Es gibt zwei Begriffe, die für den sensiblen Menschen äußerst wichtig sind – Sachlichkeit und Hingabe.
Mit Sachlichkeit ist gemeint, dass er zu einer ruhigen und objektiven Einstellung seiner eigenen Sensibilität finden muss. Sie hat ihre Vor- und Nachteile wie alles im Leben. Dem Mangel an selbstverständlicher Vitalität steht ein Vorzug durch verfeinertes Empfinden, rascherem Aufnehmen und seelischer Tiefe gegenüber.

Sensibilität ist wie alle Veranlagungen nur Rohmaterial – es kommt darauf an, was damit gemacht wird. Das Leben eines Sensiblen kann ein schönes und tiefsinniges Kunstwerk werden, wenn er nicht dabei bleibt, sich nur mit den Vorteilen seiner Veranlagung zu trösten und deren Mängel in Kauf nimmt.

Mit Distanz zu sich selbst, Sorgfalt ohne Besorgtheit, Selbsterkenntnis und Arbeit an sich, ohne sich selber zu wichtig zu nehmen, kann dies gelingen.

Über sich selber hinaus schauen kann nur der weitgehend sachlich-objektive Mensch.

Eine der Aufgaben des Sensiblen ist auch, seine Isoliertheit zu überwinden. Er wird nie zu den übermäßig geselligen Menschen gehören, aber ehrliche Freundschaft zu einem oder einigen anderen, die ihn in seiner Eigenart bejahen, ist wichtig. Je schwerer sich der Mensch mit seiner Sensibilität tut, umso hilfreicher ist ihm, von anderen Menschen angenommen zu werden, wie er ist. Es ist wichtig, dass er sich einem anderen Menschen offen mitteilt. Denn wer es nicht fertig bringt, aus sich heraus zu gehen, ist nicht sachlich.

Der Sensible wird immer wieder einsame Stunden des Rückzugs brauchen – aber keine Isolation.

Eine Möglichkeit, die aber nicht allen gegeben ist, ist es auch, in jahrelanger Auseinandersetzung mit einem geliebten Menschen zu immer tiefer greifender Durchschau und Durcharbeitung seiner selbst zu gelangen. Zusammenwachsen mit einem geliebten Menschen bedeutet auch fortgesetzte, lebendige Auseinandersetzung mit sich selbst.

Auch ein geliebter Beruf kann dazu beitragen – allerdings nur bedingt, da er uns nicht liebt und nicht kennt und nicht bejaht und daher niemals ins Tiefste reichen kann.

Die lebendigste und zugleich empfindlichste Stelle ist das tiefste Ich-Ideal des Individuums. Als was wünsche ich mich eigentlich in der Welt? Welche Rolle und Bedeutung messe ich mir zu?

Die meisten Menschen haben ein unbescheidenes, oft sogar kindliches Ich-Ideal. Daher rührt auch die Unsachlichkeit der Allgemeinheit (auch der nicht übermäßig Sensiblen) sich selbst gegenüber. Aber gerade der Sensible muss sich dieser Frage ehrlich stellen, um Innenspannung abzubauen. Je schlichter und einfacher sein Innenleben wird, umso besser ist es für ihn und seine Umwelt. Vielleicht verliert er dadurch Illusionen, gewinnt aber an Wahrhaftigkeit – somit an echtem Persönlichkeitswachstum.

Das wahrhaftige Selbstbild wird aber weder vom Willen noch vom Intellekt diktiert. Die Seele gebiert es aus sich selbst heraus durch Intuition, die sich mit sachlich gesehener Wirklichkeit entwickelt. Er hängt nicht mehr an einem Wunschbild – er verfügt über Selbsterkenntnis seines tatsächlichen Wesens.

Zu Hingabe sagt Schweingruber folgendes: Ohne Hingabe verkümmert die Seele. Menschen, deren Leben gelingt, leben immer in Hingabe an etwas Größeres als ihre eigene Person. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, wird das Große finden, dem er zu dienen sich berufen fühlt. Je greifbarer diese Hingabe ist – bei aller Geistigkeit – umso wahrhaftiger. Wir können uns um das Wohl anderer kümmern, über das eigene Ego hinaus auf die Anliegen der anderen blicken. Rings um uns ist Leben, das zu pflegen und zu fördern sich lohnt.

Der Sensible neigt jedoch zum Klammern und ist in gewissem Sinn gierig. Er identifiziert sich mit seinen Interessen und dieser persönliche Anteil, diese Hingabe an seine Triebe und Regungen – das ist seine Gier. Etwas Übersteigertes, Hungriges, das das Leben an sich reißen möchte, ist in ihm. Gier ist falsche Hingabe – ans Kleine anstatt ans Große, an sich selbst anstatt an etwas außerhalb, an Besitz oder Leistung anstatt wirklich Gutes.

Wenn der Sensible wahre Hingabe lernt, darf das Objekt seiner Hingabe jedoch niemals etwas bloß Erträumtes sein. Es muss ein bodenständiges Ideal sein. Jeder Sensible sollte den Wert des Einfachen schätzen lernen, denn er ist immer in Gefahr, das Komplizierte und Unlösbare zu lieben. Seine Weltanschauung – ob mehr philosophisch oder religiös – auch sie sollte einfach und schlicht sein.

Wenn er sich hingibt, sollte er sich damit auf klare Weise in die menschliche Gemeinschaft einreihen. Sensible neigen stark dazu, sich von Menschen unnötig zu distanzieren und zuviel Zeit in innerer Einsamkeit zu verbringen. Zwar soll er kluge „Diät“ halten und manchmal auch „fasten“, was menschliche Gesellschaft betrifft, aber er sollte sich immer als Teil eines großen „Wir“ sehen.

4. Kapitel – Der Sensible findet seine Lebenskunst

Für einige Sensible besteht die ganze Lebenskunst darin, mehr zu schlafen, sich nicht zu überfordern, mehr zu ruhen, weniger zu hasten – und die Übererregbarkeit verschwindet.

Für andere – und das sind die meisten – bedarf es aber mehr. Für sie bedarf es einer ausgewogeneren Lebenskunst.

Dazu gehören

– immer „vom Nullpunkt aus“ leben

– die Verbindung mit der vitalen Grundschicht pflegen

– entspannte Konzentration

Immer vom Nullpunkt aus zu leben bedeutet, dass gestaute Eindrücke abreagiert werden müssen, um die Innenspannung aufzuheben. Dafür muss sich der Sensible viel Zeit nehmen und wohl auch das Entspannen üben, wobei auch suggestive Techniken helfen können. Auflockerung und Entspannung bedeuten stets ein Flüssigwerden und Aufsteigen des Unverarbeiteten. Was er beiseite schieben oder leugnen möchte, rächt sich, indem es innerlich zutiefst weiter arbeitet und seelische Spannungen im Unbewussten erzeugt. Dies führt zum Verlust seiner Bodenständigkeit.

Oft werden die Anzeichen des beginnenden Aufstauens nicht bemerkt. Der Sensible muss lernen, auf feinste Anzeichen zu achten – unauffällige Erregtheit, übermäßige Begeisterung, unerklärliche Müdigkeitsgefühle, Muskelverspannungen, Kreuz- oder Kopfschmerzen, Vergesslichkeiten und Ungeschicklichkeiten, die überhand nehmen.

Zur Abreaktion gehört Alleinsein. Am besten in der Stille der Natur oder seines Zuhause.

Die Verbindung mit der vitalen Grundschicht zu pflegen, ist für jeden übermäßig Sensiblen unerlässlich. Wenn er Streben und Handeln, planendes Wollen und den Erlebnis- und Wissenshunger für eine Zeitlang einstellt, in seinen Körper Entspanntheit und Tatenlosigkeit einkehren lässt, wenn innerer Ballast abreagiert ist und die Seele sich sammeln konnte, dann gelangt er mit seinem erlebenden Ich immer mehr in das Empfinden einer allgemeinen, ungeteilten und intensiven – wenn auch stillen und ruhigen – Grundlebenskraft. Er kommt in Verbindung zu sich selbst.

Dazu gehört genau so die Ruhe des Tiefschlafs wie auch im Wachsein die Einkehr in den Ruhezustand. Keines ersetzt das andere. Ausgiebiger Schlaf ist für den Sensiblen ebenso wichtig wie innere Ruhezeiten tagsüber. Er darf sich nicht vom hektischen Zeitgeist, der die Nachtruhe verkürzt und verkümmern lässt und alle besinnlichen Stunden überrennt, beeinflussen lassen.

Schlaf und Ruhe sind nicht Schwäche oder sinnloses Nichtstun, sondern unersetzlich zur Kraftspeicherung. Gesundes Leben strömt aus der Ruhe in die Ruhe. Ruhe bedeutet schöpferische Pause, eine Abkehr vom Übereifer, die Klarheit bringt.

Zur Verbindung zu der vitalen Grundschicht gehört auch Körperbewegung. Gedanklich-theoretische Beurteilung des Lebens ist zu wenig. Der Körper ist nicht nur Werkzeug und Mittel zum Zweck, sondern ein vollwertiger, lebendiger Organismus – gepaart mit dem seelischen Organismus. Ihn als solchen zu erkennen, gehört zum harmonischen, für Körper und Seele zuträglichen Verhältnis. Viele nervöse Spannungen und Symptome können sich überhaupt nur bilden, wenn diese Basis der Empfindung gestört ist.

In Betracht kommen Leichtathlektik, Ballspiele, Turnen, Schwimmen, Wandern, Bergsteigen, Massagen, Wasseranwendungen usw. – vorausgesetzt, dass sie für den Sensiblen nicht zu anstrengend sind. Der Körper soll während dieser Zeit nicht etwas leisten, sondern ganz seinen eigenen Weg gehen dürfen im Auffinden und Ausleben seiner Bewegungen und Ruhezustände. Der Mensch lernt seinen Körper zu empfinden. Dieser ist die Basis und das Gefäß unseres Lebens, auch des seelischen. Empfindungsgemeinschaft mit dem Körper ist auch Empfindungsgemeinschaft mit der ungeteilten Lebenskraft.

Entspannte Konzentration

Nach Abbau neurotischer Einschläge, dem Erwerb von Sachlichkeit und Finden zur Hingabe steigt der Sensible nun in die Vordergründe des Alltags – in Arbeit, Freizeitbeschäftigung und Umgang mit anderen. Hier soll sich der Sensible in aller Klarheit immer innerlich nur einem Tun widmen und sich vorbehaltlos in innerer Ruhe der Arbeit, der Freizeit oder der Geselligkeit überlassen. Jeder Gedanke an Nebenmotive und –interessen sollte verscheucht werden. Wenn etwas getan wird, dann in Konzentration nur auf dieses Eine. Schlicht und echt da zu sein, wo er ist – und das zu tun, was er tut – ist für den Sensiblen eine Wesentlichkeit seiner Lebenskunst. Schlichte und ehrliche Konzentration auf das Hier und Jetzt in einem klaren Nacheinander anstatt in einer krausen Allgegenwärtigkeit seiner Gefühle und Interessen.

Er ist angewiesen, sich zu einer reinen Hingabe an die Stunde und den Tag zu erziehen. Denn dauernde Grundentspanntheit ist nur möglich bei eindeutiger Konzentration auf das Hier und Jetzt.

Damit ist keine zu heftige Verwicklung in das Tun gemeint. Manchen türmt sich schon am Morgen der Tageslauf mit einer Reihe von Pflichten wie ein steiler Berg auf. Hier sollte sich der Sensible seine Pflichten klar und entspannt hintereinander ansehen – und nicht übereinander getürmt. Gleichsam als Wegsteine auf einer ebenen Straße und nicht als steilen Kletterberg.

Die richtige Innenhaltung ist die Mittellage zwischen Selbstkontrolle und Sorglosigkeit. Für alle Sensiblen besteht die Notwendigkeit, im Tagesablauf ein Augenmerk auf sich selbst zu haben – ein waches Empfinden für seinen Gesamtzustand und seine Grundhaltung. Zu dieser selbstverständlichen Selbstempfindung zu kommen, bedeutet Reife. Vielleicht braucht der Sensible viele Jahre dazu, bis er das innere Gleichgewicht bei allem Tun und Lassen leben kann – aber es ist die Zeit wert.

Es ist für den Sensiblen der Weg zur Persönlichkeit, zur Harmonie und seinem individuellen Sein.

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