Verfasst von: Eva | 11/08/2009

Arno Gruen

…ist ein deutsch-schweizerischer Schriftsteller, Psychologe und Psychoanalytiker (geb. 26.5.1923). Er wurde in Berlin geboren, seine Familie flüchtete 1936 aus Deutschland in die USA. 1958 eröffnete er dort eine psychoanalytische Praxis und war u.a. Professor der Psychologie an der Universität von New Jersey. Heute lebt Arno Gruen in Zürich.

Arno Gruens Leidenschaft gilt der Erforschung der Ursachen von Hass und Gewalt. Sein Lebensthema ist die menschliche Seele und ihre sogenannten “Abgründe“ – der Verlust des Mitgefühls und die zunehmende Verrohung der Gesellschaft. Sein Credo: Gegen jede Art von Fremdbestimmung aufbegehren!

Gruen geht davon aus, dass die Basis für die psychische Fehlentwicklung bereits in der Kindheit gelegt wird. Das Kind unterliegt einem Entfremdungsprozess vom eigenen Selbst durch Unterdrückung von natürlichen Lebensäußerungen sowie Zwang zum Gehorsam.

In der Folge entsteht im Kind selber eine Ablehnung gegenüber seinen ungeliebten vitalen Seiten. Es orientiert sich nicht mehr an den eigenen inneren Prozessen, sondern an Autoritäten. Es ist nicht fähig, zu erkennen, dass unter dem Deckmantel von „Liebe“ seine Lebendigkeit zerstört wird. Dieser „Selbst-Verllust“ führt zum Verlust von Menschlichkeit, wenn sich ein Mensch nicht mehr mit seinen grundlegenden Gefühlen und Bedürfnissen wahrnehmen kann. Er wird anfällig für Abhängigkeit und im wahrsten Sinne des Wortes autoritätsgläubig. Er verlässt sich selbst und stellt sich auf die Seite jener, die ihm sein Selbst genommen haben – um dasselbe fortzuführen, das ihm geschehen ist. Er identifiziert sich mit den „Herrschenden“, um dem Schmerz der Konfrontation mit seinem eigenen Drama zu entfliehen.

„Reflexion und Mitgefühl sind im Prinzip so etwas wie in uns eingebaute „Schranken zum Unmenschlichen“, wodurch Korrekturen von Handlungen und Innovation ermöglicht werden. Mitgefühl ist die empirische Grundlage für die Sensibilität, die notwendig ist, um Zusammenhänge zu verstehen und um zu wissen, wie weit man seinen Egoismus treiben darf, ohne sich selbst und anderen zu schaden.“
Werden diese inneren Schranken außer Kraft gesetzt, entsteht Destruktivität. Diese steht viel öfter als uns klar ist hinter vermeintlicher Menschenfreundlichkeit und „vernünftigem“ Handeln.

Menschen streben nach Autonomie, aber unterwerfen sich Autoritäten. Menschen verlangen nach Liebe, aber machen sich abhängig von falschen Göttern. Wer Glück verheißt, dem folgen sie. Ohne ausgleichende Zärtlichkeit der Eltern bleibt ein ungestilltes Bedürfnis nach Zuneigung, das aber nicht eingestanden wird. Gehorsam gegenüber der Autorität verspricht Erlösung, Gewalt wird als Stärke – Mitgefühl als Schwäche erlebt. Gruen unterscheidet die Ursachen für rechten und linken Radikalismus. Anhänger des ersten hassen Liebe, Zärtlichkeit und Mitgefühl, weil ihnen diese in der Kindheit vorenthalten wurden. Die Anhänger des zweiten fürchten die Liebe, die sie suchen.

Wir vertrauen falschen Göttern. Die Objekte unserer Anbetung können zwar wechseln, aber der Drang, sich ihnen zu unterwerfen, bleibt bestehen. Wer als Kind zu wenig einfühlsame Liebe (besitzergreifende Liebe, Liebe für Leistung, Zwang und Drill, Kälte, Gleichgültigkeit) erlebt hat, muss sich mit den mächten Elternfiguren identifizieren, um zu überleben. Damit wird der Grundstein dafür gelegt, sich auch später immer wieder mit anderen Autoritäten zu identifizieren. Unbewusster Gehorsam wird in „Überzeugung“ uminterpretiert, da der Mensch ohne Verbindung zum eigenen Selbst sich im Außen orientieren muss. Anpassung blendet eigene Erkenntnisse und mitfühlendes Interesse aus – wir landen im „Wahnsinn der Normalität“. „Während jene als verrückt gelten, die den Verlust der menschlichen Werte nicht mehr ertragen, wird denen Normalität bescheinigt, die sich von ihren menschlichen Wurzeln getrennt haben.“

„Wirklich verantwortungsvolles Handeln und echte Menschlichkeit sind nur möglich auf der Basis eines autonomen Selbst, das Innenwelt und Außenwelt integriert. Darin liegt unsere Hoffnung.“

Die Säulen der Menschlichkeit sind nach Gruen Liebe und Mitgefühl vom ersten Atemzug an: „Es ist Terror, wenn ein Säugling stundenlang schreit und trotzdem weggesperrt wird, nur damit seine Eltern ihre Ruhe haben. Weil ein solcher Schmerz auf Dauer unerträglich ist, nabelt sich ein Mensch mit der Zeit von seinen Gefühlen ab“.

„Das ständige Bedürfnis nach Strukturen ist kennzeichnend für Menschen, die kein eigenes Selbst entwickeln konnten. Autoritäre Strukturen verleihen ihnen das Gefühl einer Identität. Es ist das Auseinanderbrechen dieser Strukturen, das die angestaute Wut in ihnen zum Ausbruch bringt. Die Rebellion, die dadurch ausgelöst wird, hat nicht Freiheit zum Ziel, sie will sich neuen Autoritäten und Strukturen ergeben.“

Gruen: „Ich wollte immer schon herausfinden, was die Menschen bewegt beziehungsweise zu dem werden lässt, was sie sind. Auf diesem Weg hat mich insbesondere Huxleys utopischer Roman ‚Brave New World‘ (Schöne Neue Welt) beeinflusst. Freud war für mich natürlich bedeutend, weil ich in ihm einen Denker sah, der in die Tiefe geht und uns die Kindheit zurückbringt.

Damit die Welt vielleicht besser werden kann, müssten die Rahmenbedingungen für die Menschen verbessert werden. Für Arno Gruen sind es die fehlende Liebe der Eltern zu ihren Kindern, und auch das mangelnde Gefühl der Eltern für sich selbst, die dazu führen, dass sich Menschen freiwillig und gehorsam scheinbaren Autoritäten unterwerfen.

Bücher von Arno Gruen:

Der Verlust des Mitgefühls: Über die Politik der Gleichgültigkeit
Falsche Götter. Über Liebe, Haß und die Schwierigkeit des Friedens
Der Verrat am Selbst: Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau.
Der Wahnsinn der Normalität: Realismus als Krankheit: eine grundlegende Theorie zur menschlichen Destruktivität
Hass in der Seele
Der Kampf um die Demokratie. Der Extremismus, die Gewalt und der Terror
Der Fremde in uns
Verratene Liebe – Falsche Götter
„Ich will eine Welt ohne Kriege“

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Responses

  1. Ich habe heute die Radiosendung mit Herrn Arno Gruen gehört und mich gleich über Internet informiert.Die Grundfähigkeit von Gemeinschaft und Freiheit in Einklang bringen erscheint mir wichtig. Das Leben wagen, auf Unterstützung hoffen und Stillstand zu vermeiden. Das Defizitdenken, die vielen Analysen und Beratungen sind teuer und vielleicht gar nicht so zielführend. Die moderne Hirnforschung besagt, dass wer mit Freude sein Leben ausstattet viel bessere Möglichkeiten hat.

  2. Liebe Traute,

    ich glaube nicht, dass es dazu die Hirnforschung braucht, um festzustellen, dass ein glückliches Leben besser ist. 🙂 Das weiß wohl jeder und jeder strebt auch auf seine eigene Art danach.

    Doch wenn es so einfach wäre – eine Willensentscheidung, die besagt „Nun bin ich glücklich“ würde nichts bewirken – wären alle glücklich. Dass wir das aber nicht sind, sagt ja gerade Arno Gruen und er legt sehr ausführlich die Hintergründe dafür dar.

    Das Leben, das echte Lebendigsein zu wagen, schließt auch mit ein, sich den inneren Verletzungen zu stellen. Defizitdenken kommt nicht von ungefähr, es entspringt ja inneren Defiziten. Und die können wir uns nicht einfach weg denken, denn solange sie unbewusst sind, steuern sie uns unbemerkt unser ganzes Leben lang. Viele streben nach Glück, indem sie nach Auffüllen dieser Dezifite und des inneren Mangels im Außen suchen – was erst recht nicht glücklich machen kann, da Geschehenes nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann und ein Nachholen von Anerkennung oder Liebe im Erwachsenenalter durch die anderen nicht das heilen kann, was früh angerichtet worden ist.

    Wir müssen uns schon uns selbst stellen, um wieder halbwegs heil zu werden und dieser Weg ist kein leichter. Selbst wenn wir ihn ernsthaft gehen, sind wir dennoch weiterhin von anderen umgeben, die ihn nicht gehen. Arno Gruen lebt in einem ganz anderen Umfeld als die meisten Menschen und zieht das für meine Begriffe zu wenig in Betracht. Dass man nämlich dadurch, ehrlich den Weg zu sich zu gehen, „anders“ wird als andere und Gemeinschaft nicht so leicht zu finden ist.

    LG
    Eva


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