Verfasst von: Eva | 16/08/2009

Intuition und Bewusstheit

Ein Mensch hat endlich das Gefühl, in der Phase zu sein, wo nicht mehr Altlasten zu verarbeiten sind, sondern wo er sich ganz der Gegenwart widmen kann. Die wichtigste Aufgabe – und Herausforderung – ist es nun, sich mit dem, was er „frei geschaufelt“ hat, zu befassen. Wenn etliches jahrzehntelang nicht frei gelebt werden konnte, weil zu viele innere Blockaden da waren, ist man darin „Anfänger“, egal wie alt man ist.

Es fühlt sich an, als wäre nun ein befreites Kind mit seinem gesamten Potenzial vorhanden, aber es weiß noch nicht genau, wie es damit umgehen soll. Früher hat das Kind sein Wesen unbewusst gelebt – unter dem unterschwelligen Einfluss unverarbeiteter Erfahrungen. Alte Mankos, die sich als Bedürfnisse und Sehnsüchte ausgewirkt haben, schienen Teil der Persönlichkeit zu sein. Bewusster Umgang damit war nur insofern möglich, als das erwachsene Ich darüber eine gewisse Kontrolle ausüben konnte. Aber innerlich war nicht wirklich etwas veränderbar.

Erst nachdem mit der Zeit die Prägungen aus dem Unbewussten heraus gehoben, reflektiert und verarbeitet wurden – ein Weg, der Jahrzehnte dauert – eröffnet sich ein neuer Zugang. Es ist ein bisschen so, als würde das erwachsene Ich nun mit dem inneren Kind zusammenarbeiten. Diese Zweiteilung ist natürlich fiktiv, aber als Vorstellung recht praktikabel. Im Grunde bedeutet es nichts anderes als bewussten Umgang mit sich selbst und dem Leben. Man ist nicht mehr getrieben von Reaktionen auf alte Wunden oder Mängel, sondern hat freie Wahl.

Keine beliebig große, d.h. niemand kann sich wie aus einem Katalog aussuchen, auf welche Art er mit seinen Gedanken und Gefühlen umgeht, welche Ansichten er haben möchte oder wofür er sich interessiert. Denn das würde das Gegenteil bedeuten – dass überhaupt keine Verbindung zum Fühlen besteht. Die Wahl hat er aber insofern, als er sie bewusster treffen kann.

Es ist eine Sache des Denkens und Fühlens – nicht im Widerspruch zueinander, sondern in Übereinstimmung. Denken kann isoliert betrachtet kluge Lösungen vorgeben – wenn jedoch das innere Gefühl der Stimmigkeit fehlt, war es nur losgelöste Theorie. Das Fühlen wiederum kann vorpreschen und unüberlegte Aktionen setzen – wenn jedoch dagegen zweifelnde Gedanken stehen, waren es losgelöste Affekte.

Denken und Fühlen sind in jedem Menschen untrennbar miteinander verbunden. Ob man sich dessen bewusst ist oder nicht. Gedanken lösen Gefühle aus und Gefühle stehen hinter Gedanken. Dass beide als getrennt voneinander, oft sogar gegensätzlich erlebt werden, hat seine Ursache in Unbewusstheit.

Solange wir auf einer Ebene agieren, die von ungelösten inneren Konflikten und Glaubenssätzen bestimmt wird, werden Fühlen und Denken nicht harmonieren. Je nach Temperament werden wir entweder viel zu emotional leben – oder viel zu kopflastig. In jedem Fall einseitg. Manchmal auch im Wechsel das eine und dann wieder das andere. Eine Seite dominiert und übergeht dabei großteils die andere.

Wachsende Bewusstheit kann nur Reflexion bringen. Einerseits sich an die ungelösten inneren Probleme heran tasten, sie aus der Versenkung holen und aufarbeiten – andererseits seine Glaubenssätze auf ihren tatsächlichen Wahrheitsgehalt hinterfragen. Selbsterkenntnis ernsthaft betrieben ist Arbeit. Weder gibt es Abkürzungen noch rasche Lösungen. Es ist ein jahrelanger Weg mit Höhen und Tiefen. Aber mit jedem Stück, das man hinter sich gelegt hat, wächst das Bewusstsein.

Leider wird vielfach nur Symptombekämpfung betrieben, die mit Bewusstwerdung nichts zu tun hat. Alte Glaubenssätze werden gegen neue ausgetauscht, Gefühlen wird nicht auf den Grund gegangen, sie werden kompensiert und damit nur auf andere Weise weiter gepflegt. Dies alles ist als Übergangslösung in Ordnung, um Kraft zu tanken. Ebenso können Psychopharmaka in schwersten Krisen ein Segen sein. Für die ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst braucht es ein gewisses Quantum an Kraft. Es ist wichtig, diese Kraft aufzubauen.

Allerdings brechen allzu viele an diesem Punkt ihre Bemühungen ab. Die Erleichterung ist zu verlockend, der Zustand angenehm genug, um ihn langfristig fortzuführen.

Damit wird aber niemals jene Bewusstseinsebene erreicht, die durch tiefgehende Arbeit an sich selbst entsteht: der Einklang von Denken und Fühlen. Der Begriff dafür ist INTUITION.

Entgegen der Meinung, Intuition hätte in erster Linie mit dem Fühlen zu tun, bin ich ganz und gar nicht dieser Ansicht. Intuition ist das nahtlose Zusammenspiel zwischen Fühlen und Denken. Es ist eine ganzheitliche Form der Wahrnehmung. Bedingung dafür ist, dass innere Wunden geheilt sind und das Denken von überkommenen Glaubessätzen befreit ist. Diese Bedingung zu umgehen, führt nicht weiter.

Intuition stellt sich nämlich ganz von alleine ein, man kann sie nicht durch Techniken hervorrufen oder trainieren.

Obwohl es auch dafür Anbieter gibt. Doch diese gehen am Grundlegenden vorbei. Intuition wird meist als „reines Bauchgefühl“ vermittelt. Das entspricht jedoch nicht den Tatsachen. Reines Bauchgefühl ist nur Fühlen und solange im Inneren noch jede Menge Blockaden vorhanden sind, wird auch das Bauchgefühl dementsprechend ausfallen. Es wird mich immer dorthin drängen, wo ich aufgrund unerfüllter Bedürfnisse, welche mir nicht bewusst sind, hinzukommen hoffe.

(Ein interressanter Link dazu, den ich nachträglich gefunden habe)

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Responses

  1. Dies ist eine äusserst wertvolle Seite, erst recht für mich, da ich auf der Suche nach Antworten bin.
    Vieles las ich hier, was ich schon seit Jahren „weiß“, aber eben nur fragmentarisch, es geht immer wieder unter.

    Solches hier dann so akzentuiert lesen zu dürfen, ist ein grosses Geschenk, Danke!

    Und nebenbei, ich denke, der Umstand, das nur wenige Leute kommentieren, spricht eher für die Stimmigkeit hier gemachter Aussagen.

    Also, ohne hier etwas bewerten oder auspreisen zu wollen, diese Seite ist eine sehr schöne Geste.

    Mit herzlichen Grüssen

    Thomas

  2. Lieber Thomas,

    vielen Dank für deine schöne Rückmeldung. Ja, ich suche ebenfalls nach Antworten und werde mich bemühen, auch zukünftig immer wieder über Themen zu schreiben, die mir am Herzen liegen.

  3. Liebe Eva,

    ich habe hier mittlerweile so viele interessante Artikel entdeckt, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll mit Kommentieren, dass ich es hier tue, ist daher mehr oder exemplarisch.

    Schon in den Sätzen, mit denen Du Deinen Artikel eingeleitet hast, steckt eine Menge drin.
    U. a. auch eine Lebenssituation bzw. Phase, die mir sehr bekannt vorkommt. In der es schwer ist, Denken und Fühlen unter einen Hut zu bringen, obwohl sie sich – und das sehe ich genau so – grundsätzlich nicht ausschließen, sondern in einem möglichst ausgewogenen Gleichgewicht stehen sollten. Auch die Schlüsse, die Du daraus ziehst, finde ich bemerkenswert. Gerade im Hinblick auf die Intuition, auch wenn ich ihnen nicht ganz zustimmen kann. Ich denke schon, dass zur Intuition auch das Denken beiträgt. Ohne ein Stück „gesunden“ Menschenverstand und ohne einen gewissen Erfahrungsschatz ist das intuitive Erfassen einer Situation wohl gar nicht möglich. Aber ich neige doch eher zu der mehr oder weniger klassischen Auffassung, dass das erst ein zweiter Schritt ist, der Verstand sozusagen als Kontrollinstanz eine Lösung prüft, die aufgrund einer inneren Eingebung plötzlich im Raum steht. Wobei dieses „Abchecken“ sicher sehr schnell gehen kann und mehr oder weniger unbewusst abläuft. Aber Vorausgehen muss diesem Schritt nach meiner Auffassung etwas, was aus dem Bauch oder sonst wo her kommt, ich kann es leider nicht so genau fassen, aber für mich hat es etwas mit Instinkt zu tun.

    Dass Intuition nicht lernbar oder beeinflussbar ist, glaube ich auch. Ich halte es sogar für so etwas wie eine Gabe, die den Menschen in unterschiedlichem Maß gegeben ist. Und auch wenn ich dem männlichen Geschlecht angehöre, dem ja im Gegensatz zum weiblichen nicht besonders viel Intuition nachgesagt wird, glaube ich, dass ich über eine ordentliche Portion davon verfüge. Und das eben nicht erst mit wachsender Lebenserfahrung, sondern schon seit meiner Jugend. Ich konnte mich bislang immer darauf verlassen, habe das in jungen Jahren auch getan und lag damit für meine Verhältnisse immer goldrichtig. Erst später, als ich das Bauchgefühl verstandesmäßig hinterfragte und ihm dann nicht mehr bedingungslos folgte, traf ich die ein oder andere Entscheidung, die nicht unbedingt „richtig“ war und eher daneben lag. Daraus habe ich dann in den letzten Jahren wieder die Konsequenz gezogen, alle wichtigen Entscheidungen aus dem Bauch zu treffen, und damit bin ich auch wieder ganz gut gefahren.

    So, das war jetzt ganz schön lang, trotzdem möchte ich es nicht versäumen, noch ein wenig in die gleiche Kerbe zu schlagen wie die vorherigen Kommentatoren. Ich finde diesen Blog absolut interessant und lesenswert – auch wenn er nicht diesen Anspruch erhebt.

    Lieber Gruß
    Michael

  4. Lieber Michael,

    ich glaube, wir sind doch einer Meinung bezüglich Intuition. Du siehst zwar den Verstand als (blitzschnell und unbewusst) zum Bauchgefühl zugeschaltet und ich sehe es eher so, dass Gefühl und Verstand parallel auftreten – aber letztlich ist es egal. Auf jeden Fall stimmen beide überein. Falls nicht, handelt es nicht um Intuition, sondern entweder nur einen gefühlsmäßigen Eindruck oder eine Schlussfolgerung. Dass bei Intuition der Verstand als Kontrollinstanz überprüft, kann ich nicht bestätigen. Ja, vielleicht nachher – dann aber schon mir bewusst, weil ich es nicht so ganz wage, der Intuition zu trauen und versuche abzuschätzen, inwieweit diese innere Erkenntnis „vernünftig vertretbar“ ist.

    Ich glaube, besser gesagt spüre, dass es sich bei Intuition im Grunde weder um Gefühl noch um Verstand im klassischen Sinne handelt. Es ist nicht nur die Summe beider, sondern verfügt über eine ganz eigene Qualität. „Eingebung“ kommt dem vielleicht ziemlich nahe.

    Auch ich verfüge über eine starke Intuition von Kindheit an – und mir ist es damit genau so gegangen wie dir. Die Phase, wo ich doch lieber mehr auf den Verstand setzte, ist mir gut bekannt. Und die unglaublichen Verirrungen und Fehlentscheidungen ebenso. Aber vielleicht gehört das zur Entwicklung dazu und man muss diese Zeit durchlaufen, um sich auf wesentlich bewussterer Ebene dann doch für die Intution zu entscheiden.

  5. Hmmmh…Soll ich jetzt mit Dir darüber streiten, nein diskutieren, ob Gefühl und Verstand seriell oder parallel oder sonst wie gleichgeschaltet…

    Nein, das ist wirklich egal, so lange beide im Ergebnis übereinstimmen.

    An so etwas wie eine klitzekleine Kontrollinstanz glaube ich dennoch. Vielleicht hätte ich sie besser nicht als „Verstand“, sondern als „Vernunft“ bezeichnen sollen und damit als dritte Instanz. 😉 Vermutlich hängt das sogar mit dem auch von Dir beschriebenen Entwicklungs-Prozess zusammen.

    Denn ausschließlich auf meinen Verstand zu hören, muss noch lange nicht vernünftig sein, im Gegenteil, es kann durchaus vernünftig sein, einer spontanen Eingebung zu folgen. Vielleicht ist es das, was Mensch im Lauf seines Lebens erst mühsam lernen mus…

    LG Michael

  6. Ausschließlich auf den Verstand zu hören, kann so ziemlich das Dümmste überhaupt sein. 🙂
    Und hat m.E. tiefgehende Gründe (wohl unbewusste Angst vor Gefühlen), die oft mit haarsträubenden Pseudo-Erklärungen verdrängt werden. Man kann sich mit dem Verstand weit mehr vormachen als mit Gefühlen.
    Eine Diskussion (streiten will ich keinesfalls, dazu besteht überhaupt kein Anlass) darüber, ob Kontrollinstanz ja oder nein, halte ich auch für nicht wirklich wichtig. Denn ALLES kann niemand bis ins Letzte durchschauen – und vom Ergebnis her liegen wir ja ohnehin auf derselben Linie. 😉

  7. Liebe Eva

    Hihihi – bevor ich deinen Artikel und den von Focus heute gelesen habe, hatte ich folgenden Satz seit einigen Monaten zu meinem Credo erhoben:

    Ich handle erst, wenn Kopf und Herz GEMEINSAM Ja zu dieser Handlung sagen…

    Lustig ist: wenn Kopf und Herz gemeinsam Ja sagen, dann sind die „emotionalen Überlagerungen“ (wie ich sie nenne) weg. D.h. keine Wut, Hoffnung oder Gier, sondern nur noch Klarheit und das Bewusstsein, dass diese Handlung die richtige ist. Und man selber mit jeglicher Konsequenz daraus umgehen kann.

    Ich erachte mich aber noch nicht als so „fortgeschritten“, als dass ich behaupten könnte, meine alten Glaubenssätze seien alle weg. Oder dass ich mit schon gänzlich selber kenne und mich absolut bis ins kleinste Detail kenne/selber liebe.

    Es gibt oft Momente, an denen ich mich kaum aushalten mag. Das sind die Zeiten der Hoffnung, der Zweifel, der Wut. Aber eben: Die gibts halt. 😉

    Und nichtsdestotrotz durfte ich die Erfahrung der Geistesblitze, der Intuition schon machen, juhui!

    Die liebe Kraft aufzubauen ist manchmal ganz schön anstrengend… Drum meine kreative Auszeit. 🙂

    Danke dir für deine Artikel.

    Liebe Grüsse
    Anna

  8. Liebe Anna,

    wer kennt sich schon gänzlich selber? Ich denke, das ist unmöglich. Es würde bedeuten, dass man komplett berechenbar ist. Ist das überhaupt erstrebenswert?

    Natürlich ist es gut, sich selber gut einschätzen zu können, eine Sicherheit in sich selbst zu finden. Doch manchmal darf man sich auch von sich selbst überraschen lassen.

    Wichtig dabei ist nur, dass man ein gewisses „Grenzbewusstsein“ hat – also reines Ausrasten nicht zu den üblichen Überraschungen gehört. 🙂

    Und überhaupt – du bist noch sehr jung. Damit möchte ich nicht sagen, dass Alter alleine Bewusstheit hervorbringt, leider ist das ganz und gar nicht so. Aber wenn jemand schon in jüngeren Jahren darin einen Wert sieht, wächst das Bewusstsein mit den Jahren, weil die Zeit einfach auch eine Komponente dafür ist.

    Dennoch kann ein Zwanzigjähriger bewusster sein als ein Siebzigjähriger. Aber nicht wie ein Siebzigjähriger, der sich jahrzehntelang darum bemüht hat. Ich hoffe, das kommt jetzt nicht falsch an.

    LG
    Eva


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