Verfasst von: Eva | 06/09/2009

Esoterik – Notwendigkeit und Widerspruch

Es gibt viele Menschen, die sich für Esoterik überhaupt nicht interessieren.

Es gibt etliche, die Teile des esoterischen Gedankenguts in ihre Lebenssicht einbauen.

Und es gibt jene, die alles, was man der Esoterik zurechnen könnte, komplett ablehnen.

Es gibt aber auch viele, die das esoterische Weltbild komplett zu ihrem eigenen gemacht haben und ebenfalls alles andere ablehnen.

Es sieht aus, als stünden sich in letzteren zwei Gruppierungen zwei Extreme gegenüber. Denn was selten gesehen wird, ist, woher das Bedürfnis nach esoterischer Weltsicht kommt. Es wird durch genau jene Einstellungen, die rein rational sind nahezu zwingend hervorgerufen.

Insofern ist es mehr als verständlich, dass sich der esoterische Markt etablieren konnte und dass er sich weiterhin regen Zulaufs erfreut. Es ist sogar rational verständlich – grundlos gibt es selten derartige Massenphänomene.

Aber auch wenn es verständlich ist und seine Berechtigung hat, ist es völlig unverantwortlich, was damit getrieben wird. Diejenigen, die dieses Weltbild verinnerlicht haben, leben fern jeglicher Realität in infantilen Scheinwelten. Da sie aber nicht wissen – und noch weniger glauben – dass es sich um Scheinwelten handelt, sind sie zutiefst überzeugt von der Richtigkeit ihrer Sichtweise. Damit stehen sie den Vertretern der „rationalen Seite“ an Überzeugtheit in nichts nach.

Dennoch kann man die beiden Richtungen keinesfalls gleich setzen. Rationalität hat seine Berechtigung, ist wichtig und unerlässlich. Sie abzutun und dem eine Sichtweise entgegen zu setzen, die völlig einseitig auf Harmonie ausgerichtet ist, geht weit über ein gesundes Maß hinaus.

Selbstverständlich ist es legitim, die Schwächen der Einseitigkeit einer rein rationalen Sichtweise aufzuzeigen. Kein Mensch besteht nur aus reiner Ratio, wir wären damit nichts weiter als Computer auf zwei Beinen. Für ein gelungenes und gutes Leben braucht es um einiges mehr.

Allerdings ist die volle Konzentration NUR auf das Gegenteil weder zielführend noch ausgewogen. Meist ist das Gegenteil von etwas genau so schlecht wie das, wogegen opponiert wird. Vor allem ist es ebenso einseitig.

Und das ist die krasse Schwäche der Esoterikbewegung. Nichts spricht dagegen, seelische Streicheleinheiten, liebevolle Gemeinschaften, sanfte Massagen, entspannende Gespräche u.dgl. anzubieten. Viele würden sicherlich von solchen „Wohlfühl-Anbietern“ Gebrauch machen.

Aber wer damit eine gesamte Weltsicht von ein paar Wahrheiten mit einem vernebelten mystischem Denken verkauft, schießt gefährlich übers Ziel hinaus. Das, was die esoterischen Angebote so attraktiv macht – man wird gehört, erfährt Einfühlsamkeit, freundliches Entgegenkommen, Interesse am eigenen Schicksal – wird damit überhöht verpackt und untrennbar mit irrationaler Philosophie verbunden.

Durchschnittliche Menschen reflektieren nicht ständig. Wenn jemand erlebt, dass er sich in esoterischen Kreisen gut aufgehoben fühlt, viel Positives erfährt und darauf nicht verzichten möchte, wird er der Philosophie dahinter unkritisch Glauben schenken. Die Gruppendynamik ist überall dieselbe – je mehr davon überzeugt sind, umso einfacher fällt die eigene Überzeugung.

Denn würde man kritisch darüber nachdenken, käme man in Bedrängnis. Es gibt nur ein Entweder-Oder am esoterischen Markt. Entweder man glaubt, was alle glauben und gehört damit zur Gemeinschaft – oder man glaubt es nicht und gehört damit nicht dazu. Esoterik ist ein System und darin werden logischerweise – wie in allen Systemen – keine Systemkritiker zugelassen.

Die propagierte grenzenlose Toleranz und „Liebe zu allem und jedem“ findet dort ihre Grenzen, wo jemand an den Gedankengebäuden rüttelt. Denn das, was schon „so viele erfahren und erlebt“ haben, kann keine Einbildung sein.

Das Tragische ist, dass sie es oft auch gar nicht ist. Dennoch ist zum überwiegenden Teil die Philosophie, die dahinter steht, Einbildung.

Positives Denken löst bei weitem nicht alle Lebensprobleme – auch wenn es in manchem eine gute Motivation sein kann. Nämlich dann, wenn man sich mit negativem Denken selbst jeglicher Energie beraubt. Bei Problemen, die ganz andere, meist wesentlich tiefere Ursachen haben, ist es nutzlos und geht am Kern der Sache vorbei.

Karten sagen keine Zukunft voraus. Aber es ist spannend und wohltuend, wenn man von einem Menschen freundliche und konzentrierte Aufmerksamkeit erfährt, der damit in gewissem Sinne Anteil am eigenen Leben nimmt. Der mystische Touch gibt zudem ein Gefühl von Geborgenheit durch eine geheime „höhere Ordnung“, die sich dadurch offenbart.

Astrologie wird nie und nimmer dazu fähig sein, Hilfestellungen bei Entscheidungen bezüglich Partnerschaften, Beruf und Lebenskonzepten zu geben. Das muss jeder Mensch nun mal durch Lebenserfahrung und realistische Selbsteinschätzung selber heraus finden. Dennoch regt Astrologie zur Selbstreflexion an. Und das ist das wirklich Gute an ihr.

Bei vielen anderen esoterischen Techniken und Methoden geschieht nichts weiter als Suggestion und Sinngebung. Menschen, denen der Lebenssinn abhanden gekommen ist – sei es durch Verzweiflung oder Langeweile – finden darin einerseits tröstende quasi-religiöse Ermutigung bzw. eine spannende Beschäftigung, die im besten Fall (wenn man es so sehen mag) auch noch Geld einbringt.

Worin jedoch trotz der positiven Möglichkeiten die ganz große Gefahr liegt, ist in erster Linie, dass selbständiges Denken nicht mehr gefragt ist. Die Negierung der Realität und das Aufgehen in abgehobenen Anschauungen führt zu einer kollektiven Irrationalität, welche unhinterfragt bleibt. Die Vorgaben existieren längst und es besteht keine Notwendigkeit, diese anzuzweifeln. Was der Guru, das Buch oder der Seminarleiter sagt, wird als wahr angenommen, die Philosophien werden nicht als Philosophien, sondern als Wahrheitssicht begriffen.

Warum auch äußerst intelligente Menschen diesem Wahn verfallen, ist nicht verwunderlich. Intelligenz alleine ist ein gut funktionierender Denkapparat. Dieser hat mit Weltanschauungen nichts zu tun, sondern ist eine neutrale Fähigkeit, die man auf alle möglichen Arten einsetzen kann. Affinität zu bestimmten Weltanschauungen ist etwas zutiefst Subjektives und wird nicht von Intelligenz gelenkt. Oft ist es sogar so, dass gerade sehr intelligente Menschen sich besonders gut in sehr abgehobene und irrationale Systeme hinein denken können.
Ein gesunder Menschenverstand, Pragmatismus – vor allem aber eine gute Verbindung zu seinen eigenen Gefühlen (Bauchgefühl) – sind weit eher geeignet, den Schritt in die Esoterikfalle zu verhindern als nur hohe intellektuelle Kapazität.

Dabei gibt es in diesen Weltanschauungen so viele Widersprüche, dass man sie kaum aufzählen kann.

Einer der größten Widersprüche ist jener zwischen dem Unterbewusstsein und Bewusstheit. Zweifellos strebt jeder Esoteriker nach möglichst hoher Bewusstheit. Es wird sogar „Erleuchtung“ in Aussicht gestellt, wenn man lange genug die Regeln befolgt, die dazu führen sollen.
Auf der anderen Seite weiß das Unbewusste alles. Ob Karten mit seiner Hilfe gezogen werden, ob man Bachblüten-Fläschchen damit auswählt oder ob Kinesiologen darauf schwören, mit Hilfe des Muskeltests bekäme man richtige Informationen aus dem Unbewussten – alles tiefere Wissen kommt aus dem Unterbewusstsein.
Wozu braucht man dann noch Bewusstheit?

Im Widerspruch dazu steht auch die „Kraft der Gedanken“. Es gibt Techniken, welche auf schablonenhafte Denkmanipulation setzen. Das falsche Denken sitzt im Unbewussten – zum richtigen findet man durch ein paar strikt fest gelegte Gedanken, die vorgegeben werden. Also irrt das Unbewusste – andernfalls müssten die Gedanken ja richtig sein, die unbewusst aufsteigen. Wozu sie dann verändern?

Noch einmal im Widerspruch dazu steht der Ansatz, dass man alles nur in sich selbst finden kann und sich daher kein Mensch fremdbestimmen lassen sollte. Denkmanipulation ist aber unbestreitbar sogar sehr heftige Fremdbestimmung.

Vielleicht müsste man die Aussage derart umgestalten, dass jeder das Recht hat, von wem er sich wie weit fremdbestimmen lässt? Das käme der Realität schon um einiges näher.

Andererseits passt das wieder nicht mit der sehr verbreiteten esoterischen Ansicht zusammen, dass jeder Mensch sich all seine Bedürfnisse nur selber erfüllen kann. Wozu braucht er dann andere?

Nur dafür, „ihm ein Spiegel“ zu sein? Wenn also andere Menschen dazu dienen, dem eigenen Selbst einen Spiegel vorzuhalten, dann muss es ja umgekehrt auch so sein. D.h. jeder spiegelt jedem das eigene Selbst.

Das eigene Selbst kann es aber dann gar nicht geben, weil ja jeder nur jedem Spiegel ist. Zu Ende gedacht, kann aber nichts gespiegelt werden, wenn es auf beiden Seiten kein eigenes Selbst gibt.

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