Verfasst von: Eva | 08/09/2009

Positivdenker denken nicht positiv

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Zuversicht, der Glaube an sich selbst und die Möglichkeit, vieles schaffen zu können, hat mit dem „Positiven Denken“, wie es von Motivations/Glücks-Trainern verkauft wird, nicht das Geringste zu tun.

Hierbei geht es nicht darum, die Welt möglichst objektiv wahrzunehmen, um damit überkommene Glaubenssätze, falsche Vorstellungen und Prägungen abzubauen – es geht vielmehr darum, all dem neue Glaubenssätze und Vorstellungen entgegen zu setzen. Der Teufel wird mit dem Beelzebub ausgetrieben…

Überzeugte Positivdenker erkennen nicht, dass sie eine Einseitigkeit mit der gegenteiligen Einseitigkeit kurieren wollen. Es ist kein anderer Mechanismus als jener beim folgsamen Kind, das irgendwann zu rebellieren beginnt und eine oppositionelle Haltung einnimmt. Es fühlt sich damit frei und selbstständig. Dem ist mitnichten so.

Frei wäre es, wenn es je nach Situation eine angemessene Wahl treffen könnte. In Extremen gefangen, hat es aber keine Wahl. Denn es empfindet jedes Verhalten, das von der neuen Linie abweicht, als eines der alten Linie. Dadurch steckt es weiterhin in seiner subjektiven Konditionierung.

Möglichst hohe Objektivität zu erreichen, bedeutet, die Welt immer besser zu erkennen, wie sie ist. Positivdenken (und ebenso Negativdenken) ist aber an eine durch und durch subjektive Vorstellung der Welt geknüpft. Die ehemals negative Sichtweise, fokussiert auf eine „völlig böse Welt“ – mutiert zur positiven Sichtweise, fokussiert auf eine „völlig gute Welt“.

Insofern sind Positiv- und Negativdenken nur die zwei Seiten ein- und derselben Medaille.

Der Name dieser Medaille ist Realitätsferne. Diese zeichnet sich durch Denken mit Absolutheitsanspruch und einer mangelnden Fähigkeit zur Objektivierung und Selbstdistanzierung aus.

Für andere mag das offensichtlich sein – für sie selbst ist es das nicht. Die schwarze Brille wird abgenommen, die rosarote aufgesetzt. Wo früher Probleme als zu erdrückend gesehen wurden, werden Probleme nun ausgeblendet.

Unzweifelhaft ist es angenehm, in einer Welt ohne Probleme zu leben. Aber trotz aller Überzeugung, Bemühung und missionarischem Eifer, lassen sich Probleme durch Ignorieren nicht lösen.

Je länger die Suggestionen wirken, je mehr Begeisterung das „neue Lebensgefühl“ entfacht, umso härter wird früher oder später der Fall sein. Denn menschliches Leben, das niemals auf ein Hindernis trifft, das keine Krise und keine Schwierigkeiten beinhaltet, ist nur ein Wunschtraum.

Dennoch ist verständlich, warum sich die irrtümliche Überzeugung, ein Wechsel vom negativen zum positiven Denken sei ein riesiger Entwicklungsschritt, einstellen kann. Wer erlebt hat, (auch) Probleme gesehen zu haben, wo es keine gab, wem es schlecht damit ging – wird hocherfreut sein über die Möglichkeit, jegliches Leid durch eine positive Denkweise zu eliminieren. Und das noch dazu auf so einfache Weise ohne jede Anstrengung.

Für naivere Gemüter muss dies der Offenbarung gleichkommen, ein wunderbares Allheilmittel gefunden zu haben. Das ist niemandem vorzuwerfen, denn jeder Mensch, der leidet, sehnt sich danach, nicht mehr zu leiden.

Positivdenker wähnen sich immun gegen Unglück, Misserfolg und Leiden.

Man kann sich vorstellen, wie heftig die Erschütterung bis an die Grundfesten ihrer Lebensanschauung ginge, wenn das Damoklesschwert doch einmal auf sie herabfiele.

Positivdenker haben keine Problemlösungskompetenz und keine realistische Sicht der Dinge entwickelt. Die Gefahr ist riesengroß, dass sie im Falle einer Krise, die sich mit suggestivem Denken nicht mehr aufhalten lässt, aus schwindelnden Höhen in ihre alte negative Sichtweise zurück fallen.

Im besten (und wünschenswerten) Fall führt es zu einem Erwachen – ohne schwarze, ohne rosarote Brille – und der damit verbundenen Chance, die Welt in Echtfarben zu erleben.

Erst dann kann damit begonnen werden, das Leben wie es ist, mit all seinen Sonnen- und Schattenseiten auf positive Art anzunehmen. Dazu gehört Zuversicht und Stärke – beides hat mit Positivdenken im obigen Sinne allerdings nichts zu tun. Die Fähigkeit dazu müsste sich hier erst beweisen.


Artikel im Spiegel

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Responses

  1. Ich hab auch so meine Schwierigkeiten mit einer solchen „Strategie“ und halte sie für Selbsttäuschung.

    Allerdings hilft es mir manchmal, wenn ich mir vergegenwärtige, dass ich selbst eher eine Neigung zum Schwarzsehen habe, v.a. was meine „Selbstbewertungen“ betrifft:

    Ich erlaube mir dann ganz bewusst, quasi eine etwas rosafarbenere Brille aufzusetzen 🙂 ,um diese verzerrte Sichtweise meiner selbst ein bisschen zu korrigieren.
    Etwa nach dem Motto:
    Du irrst offenbar sowieso schon tendenziell immer in der einen Richtung – da darfst du dann ruhig mal ein bisschen zur „positiven“ Richtung hin irren – vielleicht triffst du dann mit etwas Glück die Mitte!

    • Ja, das passt aber doch gut zu der Auffassung, die ich davon habe. Als Korrektur zum „Negativdenken“ stellt es einen Ausgleich dar. Und das ist auch gut und richtig so. Wer erkennt, dass er zu negativ denkt, setzt dem positivere Gedanken entgegen und kommt dadurch in die Mitte. Ich halte das keineswegs für falsch.
      Beim ausgeprägten Positivdenken ist das aber nicht so. Da werden Probleme, die konkret existieren, als solche nicht mehr anerkannt. Die Hälfte der Realität wird bewusst ausgeblendet, man möchte nur auf der Sonnenseite stehen. Da das Leben so nicht beschaffen ist, muss man sich folglich eine Scheinwelt schaffen, die diesen Anforderungen entspricht. Positivdenken ist nicht „gut“, weil es automatisch mit dem Ausblenden alles Leids einhergehen muss. Es beinhaltet daher auch nur oberflächliches Mitgefühl mit anderen, da deren Leiden als selbstverschuldet durch falsches Denken angesehen wird. Was in vielen Fällen schlicht und einfach eine völlig falsche Auslegung ist. Wer die Welt insgesamt nur durch die rosarote Brille sieht, sieht sie meiner Meinung nach gar nicht, sondern lebt in einem subjektiven Konstrukt, weil er mit der Realität nichts zu tun haben möchte.

  2. Ein schöner Artikel, der das „positive Denken“ einmal von der negativen Seite aufzeigt. Vielen Aspekten gebe ich hier vollkommen recht und das obwohl ich mich selbst zu den „Positiv-denkern“ zähle.

    Wie bei so vielem, so kommt es auch hier in meinen Augen auf das richtige Maß an. Wer positiv Denken als eine Flucht vor dem Alltag wählt und sich einfach nur die rosarote Brille aufsetzt, der wird damit in der Tat schnell auf die Nase fallen.

    Man kann diese Strategie für ein glückliches Leben aber auch anders (und in meinen Augen erfolgreicher) einsetzen. Wenn es gelingt, sich selbst nicht zu belügen, die aktuelle Situation so anzunehmen, wie sie derzeit ist und eifach auch mal den negativen Aspekten im Leben in die Augen zu sehen, dennoch aber mit der Aufmerksamkeit (und somit mit der eigenen Energie) beim bereits bestehenden Guten zu bleiben, dann wird man bald spüren, dass das eigene Leben neuen Aufwind erfährt. Dazu braucht man keine rosafarbene Brille, denn man nimmt das Leben ganz offen und ehrlich wahr.

    Um dort hinzukommen, bedarf es aber ein wenig der Übung. 🙂
    Also: erster Schritt: Annehmen, dass man noch kein Meister ist.
    zweiter Schritt: auf die Situationen im Leben blicken, in denen man bereits, wie ein Meister gehandelt hat.

    Und nie vergessen: Energie folgt immer der Aufmerksamkeit. 😉

    Herzliche Grüße
    Johanna

  3. Liebe Johanna,

    ich kann dir in allem zustimmen. Außer vielleicht darin, dass man sich eine positive Einstellung sozusagen vornehmen kann. Wenn sie wirklich von innen heraus kommt, ist sie weit stabiler als wenn sie nur antrainiert ist.
    Dennoch halte ich es als ersten Schritt gut, sich einmal darin zu versuchen, einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Es kann der erste Schritt zu einer Eintwicklung sein, die von Festgefahrenem löst.
    Aber um tatsächlich und nachhaltig eine positive Grundeinstellung zum Leben zu haben – trotz aller Schattenseiten und ohne sie auszublenden – bedarf es auch der persönlichen Weiterentwicklung und des verstehenden Annehmens seiner Geschichte. Die ja in den meisten Fällen dazu geführt hat, sich auf das Negative zu fixieren.
    Wer allerdings die Schattenseiten des Lebens nur als negativ wahrnehmen kann, hat für meine Begriffe keine positive Grundeinstellung.
    Auch Wut, Zorn, Schmerzen, Verluste und Enttäuschungen gehören zu einem gelebten Leben, in dem alles Lebendige seinen Platz haben darf.

    LG
    Eva

  4. Selbstverständlich muss so eine Einstellung von innen heraus kommmen! Da hast du vollkommen recht!
    Und ich habe nie geschrieben, dass es soetwas wie negative Gefühle gibt. Wut, Zorn und all die anderen, die du erwähnst, können durchaus auch wichtig für uns sein. Die volle Palette der Gefühle gehört zum Mensch-sein dazu und im rechten Maß geben sie eine schöne Gewürzmischung für das Leben! 🙂

    Alles Liebe!
    Johanna


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