Verfasst von: Eva | 09/09/2009

Alice Miller

Wer sich mit seiner Vergangenheit und Kindheit auseinander setzen will, sollte Alice Millers Bücher unbedingt lesen.
Alice Miller studierte in Basel Philosophie, Psychologie und Soziologie. Nach der Promotion machte sie in Zürich ihre Ausbildung zur Psychoanalyse und übte 20 Jahre lang diesen Beruf aus. 1980 gab sie ihre Praxis und Lehrtätigkeit auf, um zu schreiben. Sie verfasste Bücher, in denen sie die Ergebnisse ihrer Kindheitsforschungen darlegte. Die verborgenen Manipulationen in der Erziehung und Politik aufzudecken war lange das Ziel ihrer Bemühungen, später befasste sie sich auch mit der Analyse von vereinnahmenden Gruppen.

Alice Millers Annahmen gehen dahin, dass frühe emotionale Erfahrungen in Körper und Seele Spuren hinterlassen, und als Informationen abgespeichert werden. Diese beeinflussen unsere Art zu denken, zu fühlen und zu handeln. Da sie sich dem Bewusstsein entziehen, ist den meisten Menschen dieser Zusammenhang nicht klar. Aus dem Verständnis der eigenen Geschichte kann jedoch ein tieferes Bewusstsein erwachsen, kann Befreiung erfolgen. Ihr berühmtestes Buch ist „Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“ (Erstausgabe 1979).

Hier ein Auszug aus einem ihrer neueren Bücher

„Evas Erwachen, über die Auflösung emotionaler Blindheit“ (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001).

Prolog: Du sollst nicht wissen

Schon in meiner Kindheit hat sich für mich die Schöpfungsgeschichte auf den verbotenen Apfel konzentriert. Ich konnte nicht begreifen, weshalb es Adam und Eva untersagt war, nach dem Wissen zu greifen. Für mich bedeuteten Wissen und Bewußtsein immer etwas Positives. Es schien mir daher nicht logisch, daß Gott Adam und Eva es verwehrt haben sollte, den essentiellen Unterschied zwischen Gut und Böse zu erkennen.

Meine kindliche Auflehnung hat sich die ganzen Jahre über gehalten, obwohl ich später unterschiedliche Auslegungen der Schöpfungsgeschichte kennenlernte. Gefühlsmäßig weigerte ich mich, Gehorsam als Tugend, Neugierde als Sünde und Unkenntnis von Gut und Böse als Idealzustand anzusehen, da für mich der Apfel der Erkenntnis das Böse zu erklären versprach und damit eigentlich die Erlösung, das heißt das Gute repräsentierte.

Ich weiß, daß es unzählige theologische Rechtfertigungen für die Motivation der göttlichen Entschlüsse gibt, aber ich erkenne in ihnen allzu oft das terrorisierte Kind, das versucht, alle Maßnahmen der Eltern als gut und liebevoll zu deuten, auch wenn es sie nicht begreift und nicht begreifen kann, denn die Beweggründe für die Maßnahmen bleiben auch für die Eltern unverständlich, im Dunkel ihrer eigenen Kindheit verborgen. So kann ich es bis heute nicht verstehen, warum Gott Adam und Eva nur unwissend im Paradies behalten wollte und sie für ihren Ungehorsam mit schwerem Leid bestrafte.

Ich sehnte mich nie nach einem Paradies, das Gehorsam und Unwissen zur Bedingung der Glückseligkeit macht. Ich glaube an die Kraft der Liebe, die für mich nicht Liebsein und Gehorchen bedeutet. Sie hat etwas mit der Treue zu sich selbst, zu seiner Geschichte, zu seinen Gefühlen und Bedürfnissen zu tun. Dazu gehört die Sehnsucht nach Wissen. Offenbar wollte Gott Adam und Eva dieser Treue zu sich selbst berauben. Ich gehe davon aus, daß wir nur dann lieben können, wenn wir sein dürfen, was wir sind: ohne Ausflüchte, ohne Masken, ohne Fassaden.

Wirklich lieben können wir nur, wenn wir uns dem Wissen, das uns zugänglich ist (wie der Baum der Erkenntnis bei Adam und Eva) nicht verweigern, nicht davor fliehen, sondern den Mut haben, den Apfel zu essen. Daher fällt es mir noch heute schwer, Toleranz aufzubringen, wenn ich höre, man müsse Kinder schlagen, damit sie so „gut“ werden wie wir und Gott an ihnen Gefallen findet. Ich kann mich erinnern, daß ich als Kind meine Eltern in große Erklärungsnot brachte, weil ich nicht aufhören wollte, Fragen zu stellen, die ihnen sichtlich unangenehm waren.

So habe ich schließlich, aus Mitleid mit ihnen, meine Fragen unterdrückt. Doch sie stiegen und steigen immer wieder in mir hoch, und ich möchte von meiner Freiheit als erwachsener Mensch profitieren und dem Kind erlauben, sie endlich auszusprechen. Das Kind wollte fragen: Warum hat Gott den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse mitten in den Garten Eden gepflanzt, wenn er nicht wollte, daß die beiden von ihm geschaffenen Menschen dessen Früchte aßen? Warum hat er seine Geschöpfe in Versuchung geführt? Warum hat er das nötig, wenn er doch der Allmächtige Gott ist, der die Welt erschaffen hat?

Warum hat er es nötig, die beiden Menschen zum Gehorsam zu zwingen, wenn er der Allwissende ist? Wußte er nicht, daß er mit dem Menschen ein Wesen ins Leben rief, das neugierig ist, und daß er es gezwungen hat, seiner Natur untreu zu werden? Wenn er Adam und Eva als Mann und Frau schuf, die sich sexuell ergänzen, wie konnte er gleichzeitig erwarten, daß sie ihre Sexualität ignorieren? Warum sollten sie das tun? Und was wäre passiert, wenn Eva nicht in den Apfel gebissen hätte? Dann hätten sich die beiden nicht sexuell vereinigt und keine Nachkommen gezeugt. Wäre dann die Welt menschenleer geblieben? Hätten Adam und Eva ewig gelebt, allein, ohne Kinder?

Weshalb ist das Zeugen von Kindern an die Sünde geknüpft, und weshalb der Akt des Gebärens an Schmerzen? Wie soll man es verstehen, daß Gott einerseits die beiden Menschen als unfruchtbar plante und andererseits die Schöpfungsgeschichte davon spricht, daß die Vögel sich vermehren? Also hatte auch Gott schon einen Begriff von Nachkommenschaft. Und weiter ist davon die Rede, daß Kain geheiratet und Kinder gezeugt habe. Woher nahm er die Frau, wenn es auf der Welt niemand anderen gab als Adam und Eva, Kain und Abel? Weshalb hat Gott Kain abgelehnt, als dieser Eifersucht zeigte? Hat Gott nicht in ihm diese Mißgunst geradezu hervorgerufen, indem er eindeutig Abel bevorzugte?

All diese Fragen wollte mir niemand beantworten, weder in der Kindheit noch später. Man war empört, weil ich Gottes Allwissenheit und Allmacht in Frage stellte und die mir angebotenen Erklärungen als unlogisch und widersprüchlich empfand. Meistens wich man mir aus. Es hieß zum Beispiel: Das mußt du alles nicht wörtlich nehmen, es sind ja nur Symbole. Symbole für was?, fragte ich, erhielt aber keine Antwort. Oder man sagte: In der Bibel steht aber auch viel Wahres und Kluges. Das wollte ich nicht bestreiten. Aber warum muß ich dann auch das hinnehmen, was ich als unlogisch empfinde?, dachte das Kind. Was soll ein Kind, jedes Kind, mit solchen Reaktionen anfangen? Es will nicht abgelehnt oder gehaßt werden, also ordnet es sich unter.

Genau das tat ich. Doch mein Bedürfnis zu verstehen war damit nicht verschwunden. Als ich mir Gottes Beweggründe nicht erklären konnte, suchte ich weiter, um wenigstens die Beweggründe der Leute zu begreifen, die sich mit Widersprüchen so leicht abfinden.
Mit dem besten Willen konnte ich an Evas Handlung nichts Böses finden. Wenn Gott die beiden Menschen wirklich geliebt hätte, würde er sie nicht blind haben wollen, dachte ich. Hat wirklich die Schlange Eva zur „Sünde“ verführt, oder war es Gott selber? Wenn ein gewöhnlicher Sterblicher mir etwas Begehrenswertes zeigen und sagen würde, ich dürfe es nicht beachten, fände ich das grausam. Von Gott aber durfte man das nicht einmal denken, geschweige denn sagen.

Ich blieb also allein mit meinen Überlegungen, und ich suchte vergeblich nach einer Antwort in den Büchern. Bis ich verstanden habe, daß das überlieferte Gottesbild von Menschen geschaffen worden war, die nach den Prinzipien der Schwarzen Pädagogik erzogen wurden (derer die Bibel voll ist), für die Sadismus, Verführung, Strafe und Machtmißbrauch zum Alltag ihrer Kindheit gehört hatten. Die Bibel wurde von Männern geschrieben. Man muß annehmen, daß diese Männer keine guten Erfahrungen mit ihren Vätern gemacht hatten.

Offenbar kannte keiner von ihnen einen Vater, der am Entdeckungsdrang seiner Kinder Freude hatte, nicht Unmögliches von ihnen erwartete und sie nicht strafte. Daher schufen sie ein Gottesbild, dessen sadistische Züge ihnen nicht auffielen. Ihr Gott dachte sich ein grausames Szenario aus, schenkte Adam und Eva den Baum der Erkenntnis, verbot ihnen aber ausgerechnet dessen Früchte zu essen, das heißt zu wissenden und autonomen Menschen aufzuwachsen.

Er wollte sie ganz von sich abhängig machen. Ein solches Vorgehen eines Vaters bezeichne ich als sadistisch, weil es die Freude am Quälen des Kindes enthält. Das Kind dann auch noch für die Folgen des väterlichen Sadismus zu bestrafen, hat nichts mit Liebe, sondern eher mit der Schwarzen Pädagogik zu tun. Aber so haben die Bibeldichter unbewußt ihre angeblich liebenden Väter gesehen. Im Brief an die Hebräer 12,6-8 sagt Paulus deutlich, daß die Züchtigung uns die Sicherheit verleihe, wahre Söhne Gottes zu sein und nicht Bastarde: „So ihr die Züchtigung erduldet, so erbietet sich euch Gott als Kindern; denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? Seid ihr aber ohne Züchtigung, welcher sie alle teilhaftig geworden, so seid ihr Bastarde und nicht Kinder.“

Heute kann ich mir vorstellen, daß Menschen, die ihre Kindheit in Respekt, ohne Schläge und Demütigungen verbrachten, später, als Erwachsene, an einen anderen Gott glauben werden, an einen liebevollen, führenden, erklärenden, Orientierung vermittelnden Gott. Oder daß sie vielleicht ohne Gottesbilder auskommen, sich aber an Vorbildern orientieren, die für sie wirkliche Liebe verkörpern.

In diesem Buch identifiziere ich mich mit Eva. Nicht mit der infantilisierten Eva der Überlieferung, die wie das Rotkäppchen im Märchen ahnungslos der Verführung durch ein Tier erlegen war, sondern mit einer Eva, die die Ungerechtigkeit ihrer Situation durchschaute, das Gebot „Du sollst nicht wissen“ ablehnte, den Unterschied zwischen Gut und Böse unbedingt in der Tiefe verstehen wollte und bereit war, die volle Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen.

Das vorliegende Buch berichtet über Erkenntnisse, die sich mir erschlossen haben, nachdem ich bereit war, den Mitteilungen meines Körpers zu folgen und auf diesem Wege die Anfänge meines Lebens zu entschlüsseln. Die Reise in meine frühe Kindheit bis zu den Anfängen meines Lebens ermöglichte mir, viele Mechanismen zu entdecken, die auch bei anderen Menschen auf der ganzen Welt aktiv sind. Leider werden sie allzu selten erkannt, weil uns das lähmende Gebot „Du sollst nicht wissen“ an dieser Wahrnehmung hindert.

Ich meine, daß wir nicht nur wissen dürfen, sondern auch unbedingt wissen müssen, was gut und böse ist, um Verantwortung für unser Leben und das unserer Kinder tragen zu können. Damit wir endlich aus der Angst des beschuldigten und bestraften Kindes herauswachsen können, der verhängnisvollen Angst vor der Sünde des Ungehorsams, die das Leben so vieler Menschen zerstörte und sie auch noch heute an ihre Kindheit kettet.

Als Erwachsene können wir uns mit geeigneter Hilfe von diesen Ketten befreien, uns lebenswichtige Informationen verschaffen und befriedigt feststellen, daß wir nicht mehr genötigt sind, in allem, was uns unsere Erzieher und Religionslehrer aus der eigenen Angst heraus erzählten, einen tieferen Sinn zu erblicken.

Wenn wir diese Anstrengung aufgeben, erleben wir mit Staunen die Erleichterung, daß wir nicht mehr die Kinder sind, die sich zwingen müssen, die tiefere Logik des Unlogischen zu ergründen, wie es viele Philosophen und Theologen noch tun weil wir uns (endlich) als Erwachsene das Recht genommen haben, Realitäten nicht auszuweichen, unlogische Begründungen abzulehnen und unserem Wissen, unserer Geschichte treu zu bleiben.

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