Verfasst von: Eva | 18/09/2009

Konstruierte Wirklichkeit

rosesDie Ansicht, dass wir uns alle unsere Wirklichkeit konstruieren, ist weit verbreitet. Und hat durchaus seine Berechtigung.
Ein dazu immer wieder gehörtes Argument ist, dass wir die Welt über unsere Sinne wahrnehmen und sie daher von deren Kapazität abhängig ist. Was unzweifelhaft stimmt.

Was jedoch noch viel mehr damit gemeint ist, ist, dass wir unsere Weltsicht mit unseren Gedanken und Überzeugungen konstruieren. Nichts ist wie es scheint und wer seine Gedanken und Überzeugungen verändert, verändert damit auch die Welt.

Dem kann ich nicht zustimmen. Wir verändern damit zwar die Sicht auf die Welt, aber die Welt ganz sicher nicht.

Durch Neubewertungen dessen, was ist, kann durchaus subjektiv sehr viel verändert werden – angefangen von der Befindlichkeit über den Umgang mit anderen Menschen bis hin zum eigenen Selbstbild. Im Grunde sind Neubewertungen veränderte Vorstellungen samt deren zugehöriger Einstellungen.

Menschen brauchen eine gewisse Ordnung im Leben. Daher entsteht auch der Drang, alles einordnen zu wollen. Letztlich Zusammenhänge zu finden, um nicht im unberechenbaren Chaos leben zu müssen. Erklärungsweisen sind wichtig, um sich in der Welt zurechtzufinden. Aus subjektiven Bewertungen, Einstellungen und Erfahrungswerten erklären wir uns die Welt, weil es uns Sicherheit gibt.

Schon Kinder tun das. Sie erklären sich alles auf die Art, die ihrer Entwicklung entspricht und mit dem, was sie gelernt und von anderen übernommen haben. Niemand wird von einem Kind ernsthaft verlangen, dass es Zusammenhänge begreift, für die es noch nicht reif ist. Es lebt zwar nicht auf einer anderen Welt als die Erwachsenen, aber es begreift die Welt noch aus einem ganz anderen Blickwinkel.

Konstruktionen sind allerdings nicht „frei wählbar“. Sie ergeben sich aus dem jeweiligen kulturellen und individuellen Hintergrund. Mit zunehmender Reife und Lebenserfahrung veränderen sich daher auch diese Konstruktionen.

Auch wenn es sich längst um einen erwachsenen Menschen handelt, ist dennoch nicht gesagt, dass sich seine Sichtweise mit zunehmendem Alter der Wirklichkeit annähert. Er wird weiterhin von Vorstellungen bestimmt. Das Unbewusste mit seinen unreflektierten Gefühlen und emotionalen Einflüssen lenkt sowohl seine Wahrnehmung als auch seine Affinität zu bestimmten Ansichten.

Und hier gabelt sich der Weg für viele. Ein Teil möchte die Mechanismen der Wirklichkeit immer besser verstehen (inklusive der internen), andere streben danach, sich mit ihrer Sichtweise von der Wirklichkeit möglichst abzuschotten.

Ein Beispiel für beide Varianten:
Jemand tut sich sehr schwer mit Konflikten. Er hat Probleme damit, sich zu streiten oder mit verbalen Attacken umzugehen.

Welche Reaktion darauf lässt sich von den zwei unterschiedlichen Sichtweisen erwarten?

Derjenige, der zum Reflektieren neigt, wird diese Tatsache hinterfragen. Er weiß und sieht, dass andere oft gänzlich anders damit umgehen als er selbst und möchte wissen, warum das so ist. Es geht in erster Linie gar nicht um das Ziel, das zu können oder zu tun, was andere tun, jedoch sucht er Klarheit, um die Unterschiede zu verstehen. Die Wahl, ob er es dabei belässt oder ob er es ändern möchte, hat er erst danach. Dazu gehört Aufrichtigkeit, aber auch Offenheit und Mut zur Wahrheit.

Derjenige, der sich von der Wirklichkeit abschottet, wird vermutlich gar nicht auf die Idee kommen, dass er nicht konfliktfähig ist. Er hält sich u.U. für einen besonders friedfertigen Menschen, ein wenig zu gut für die Welt. Je höher die geistige Kapazität, umso ausgeklügelter können die Begründungen sein. Er wird eventuell Konfliktlosigkeit zum absoluten Ideal erklären, seine „Friedfertigkeit“ damit zur persönlichen Auszeichnung küren.
Was damit einhergeht, ist aber die Notwendigkeit, Konflikten beständig auszuweichen. Am einfachsten gelingt dies, indem er sich ein Umfeld schafft, das sein Ideal teilt. Sein Spektrum an sozialen Kontakten wird daher von der Vielfältigkeit her eingeschränkt sein müssen.

Dies ist nur ein Beispiel – es gäbe tausende weitere.

Konstruktionen können natürlich auch sehr hilfreich sein, wenn sie die Realität nicht ersetzen, sondern ihr etwas hinzufügen. Ein Beispiel dafür ist der Glaube. Menschen, die gläubig sind, beziehen dadurch meist Kraft und Trost in schweren Zeiten. Dagegen ist nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil. Hier stellt sich nicht die Frage, ob es erfunden oder wahr ist, denn selbst wenn wir wollten, könnten wir nicht über etwas reflektieren, das über uns hinausgeht. Das gehört in den Bereich der Philosophie und kann niemals „gewusst“ werden. Solange damit keine lebensfeindlichen und realitätsfernen Überzeugungen verbunden sind, ist Glaube für viele eine große Bereicherung.

Obwohl wir alle bis zu einem gewissen Grad Konstruktionen brauchen, um uns manche Dinge einfacher zu erklären als sie sind (niemand hat die Möglichkeiten, alles zu verstehen), sind doch die beiden Herangehensweisen qualitativ sehr unterschiedlich.

Wie schon André Heller sang: „Ich will, dass es alles gibt, was es gibt.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: