Verfasst von: Eva | 20/09/2009

Des Kaisers neue Kleider

… oder was dabei heraus kommt, wenn man der eigenen Wahrnehmung nicht traut.

Es war einmal ein Kaiser, der so ungeheuer viel Wert auf neue Kleider legte, daß er all sein Geld dafür ausgab.

Eines Tages kamen zwei Betrüger, die sich für Weber ausgaben und ihm weismachten, dass sie die wunderbarsten Kleider weben würden, die man sich nur vorstellen konnte. Es gäbe nur eine Kleinigkeit, die zu beachten sei: Für jeden, der nicht für sein Amt tauge oder der unverzeihlich dumm sei, seien sie unsichtbar.

Der Kaiser war begeistert. Ich hätte nicht nur die schönsten Kleider, sondern könnte auch noch die Klugen von den Dummen unterscheiden! Das wollte er unbedingt und bezahlte die Betrügern reichlich, damit sie ihre Arbeit beginnen konnten.

Die beiden stellten Webstühle auf und taten, als ob sie arbeiteten. Sie verlangten die feinsten Stoffe und viel Gold – steckten es jedoch in die eigene Tasche und arbeiteten unermüdlich an den leeren Webstühlen.

Der Kaiser konnte seine Neugier kaum bezähmen, aber ihm war auch mulmig zumute, wenn er daran dachte, daß keiner, der dumm sei oder schlecht zu seinem Amte tauge, etwas sehen könne. Daher wollte er doch lieber zuerst einen andern senden, der ihm berichten sollte. Inzwischen wussten schon alle Menschen im Land von diesen Zauberstoffen und jeder war begierig darauf, zu erkennen, wer schlecht oder dumm sei.krone

Der Kaiser schickte also seinen ältesten und ehrlichsten Minister zu den Webern. Dieser hatte Verstand und niemand versah sein Amt besser als er.

Als der Minister zu den zwei Betrüger kam, die an den leeren Webstühlen arbeiteten, riss er erschrocken die Augen auf. Denn er konnte keine Stoffe sehen. Da schämte er sich fürchterlich und beschloss, dies niemandem zu sagen.

Die Betrüger baten ihn, näher zu treten und führten im die hübschen Muster und schönen Farben vor. Dann zeigten sie auf den leeren Stuhl, und der arme, alte Minister fuhr fort, die Augen aufzureißen, aber er konnte nichts sehen, denn es war nichts da. ‚Herr Gott‘, dachte er, ich habe nie geglaubt, dass ich dumm bin und mein Amt nicht gut ausführe, aber es scheint so zu sein. Das darf kein Mensch wissen!“

Als er wieder beim Kaiser war, lobte er daher die feinen Stoffe im Übermaß und drückte seine Begeisterung aus.

Nach einiger Zeit sandte der Kaiser wieder einen anderen tüchtigen Staatsmann hin, um zu sehen, wie es mit dem Weben stehe. Als dieser ebenfalls nichts sehen konnte, dachte er: „Dumm bin ich nicht, es ist also das Amt, zu dem ich nicht tauge!“ Das traf ihn sehr, aber er wollte sich nichts anmerken lassen. Daher lobte er die Stoffe wie sein Vorgänger.

Alle Menschen im Land sprachen von den prächtigen Stoffen. Nun wollte der Kaiser sie endlich auch selbst sehen.Mit einer Schar auserwählter Männer, unter denen auch die beiden ehrlichen Staatsmänner waren, ging er zu den listigen Betrügern.

„Ja, ist das nicht prächtig?“ sagten die beiden ehrlichen Staatsmänner. „Wollen Eure Majestät sehen, welches Muster, welche Farben?“ und dann zeigten sie auf den leeren Webstuhl.

Der Kaiser erschrak, denn er konnte nichts erblicken. „Das ist ja schrecklich“, dachte er; „ich sehe nichts! Bin ich dumm, tauge ich nicht dazu, Kaiser zu sein? Niemand darf das wissen!“

„Oh, es ist sehr hübsch“, sagte er; „es hat meinen allerhöchsten Beifall!“ und er betrachtete wohlwollend den leeren Webstuhl. Das Gefolge, das ihn begleitete, sah und sah, aber es bekam nicht mehr heraus als alle andern.

„Oh, wie hübsch!‘ sagten sie dennoch und sie rieten ihm, diese neuen prächtigen Kleider bei dem großen Fest, das bevorstand, zu tragen.

Der Kaiser verlieh jedem der Betrüger ein Ritterkreuz, um es in das Knopfloch zu hängen, und den Titel Hofweber.

Die ganze Nacht vor dem Fest waren die Betrüger auf und taten, als ob sie die Stoffe aus dem Webstuhl nähmen, sie schnitten in die Luft mit großen Scheren, sie nähten mit Nadeln ohne Faden.

Am Tag es großen Festes sagten die Betrüger zum Kaiser: „Belieben Eure Kaiserliche Majestät Ihre Kleider abzulegen – so wollen wir Ihnen die neuen hier vor dem großen Spiegel anziehen!“

Der Kaiser legte seine Kleider ab, und die Betrüger taten so, als ob sie ihm jedes Stück der neuen Kleider anzogen, die fertig genäht sein sollten. Der Kaiser wendete und drehte sich vor dem Spiegel.

„Sitzt es nicht gut?“ sagte er und dann wendete er sich nochmals zu dem Spiegel; denn es sollte scheinen, als ob er seine Kleider betrachte.

Als der Kaiser zum Feste schritt, griffen die Kammerherren, die das Recht hatten, die Schleppe zu tragen, mit den Händen gegen den Fußboden, als ob sie die Schleppe aufhöben. Sie wagten es nicht, es sich anmerken zu lassen, daß sie nichts sehen konnten.

So ging der Kaiser nackt unter dem prächtigen Thronhimmel, und alle Menschen auf der Straße und in den Fenstern sprachen: „Wie sind des Kaisers neue Kleider unvergleichlich! Welche Schleppe er am Kleide hat! Wie schön sie sitzt!“ Keiner wollte zugeben, dass er nichts sehen konnte; denn damit hätte er ja nicht zu seinem Amte getaugt oder wäre sehr dumm gewesen.

Doch plötzlich trat ein Kind hervor und rief laut: „Aber er hat ja gar nichts an!“ „Hört die Stimme der Unschuld!“ sagte dessen Vater nach einer Schrecksekunde. Da ging ein Raunen durch die Menge und einer erzählte dem anderen weiter, was das Kind gesagt hatte.

„Aber er hat ja gar nichts an!“ rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn das Volk schien recht zu haben, aber er dachte bei sich: ‚Nun muß ich aushalten.‘ Und die Kammerherren gingen und trugen weiter die Schleppe, die gar nicht da war.

Fazit: Wer einen Irrtum nicht zugeben kann, weil es seine Eitelkeit verletzt, muss weiter an der Wahrheit vorbei leben.

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