Verfasst von: Eva | 25/09/2009

Denkkonstrukt Astrologie

teil1

Es sei dahin gestellt, wie viel Astrologie über den einzelnen Menschen aussagen kann. Darauf kommt es nicht wirklich an. Da sie sich aus zwölf archetypischen Energiemustern aufbaut, die jedem Menschen inne wohnen, ist es sehr schwer zu sagen, ob Astrologie tatsächlich die individuellen Energiemuster abbilden kann. Einiges spricht dafür – vieles dagegen. Der Wahrheitsgehalt liegt weit mehr in diesen Lebensprinzipien als in der maßgeschneiderten Analyse des Einzelnen.

Was sie aber vermittelt, ist eine Sichtweise. Astrologie ist im Grunde nichts anderes als eine überlieferte Typologie innerer Persönlichkeiten. Und darin ist sie uns hilfreich. Typologien gibt es seit jeher und immer wieder werden neue erschaffen. Sie dienen der Einschätzung und dem besseren Verständnis von Komplexität.

Typologien entstehen, wenn durch Herausarbeiten bestimmter Muster eine Systematik gefunden wird.

Schon vor über 2000 Jahren gab es die Temperamentenlehre, die auf den „vier Säften“ des Menschen (Blut, Schleim, schwarze und gelbe Gallenflüssigkeit) basierte. Die danach benannten Typen waren der Choleriker, der Sanguiniker, der Phlegmatiker und der Melancholiker. Obwohl es eine einfache und nur vierteilige Systematik ist, trägt sie doch bis heute einiges zum besseren Verständnis von Menschen bei. Auch wenn sie mit irgendwelchen Körpersäften nichts zu tun hat. Das war eben die damalige Erklärung dafür. teil2

Die Psychologie arbeitet ebenso mit Typologien – wenn auch auf weitaus differenziertere Art und ohne diese so zu benennen. Aber ohne Klassifikationen von psychischen Zuständen gäbe es keine Psychotherapie im heutigen Sinn.

Obwohl es diese Typen natürlich niemals rein gibt, erweisen sie sich als äußerst hilfreich.

Astrologie ist nur eines von vielen Konstrukten, um die Natur zu verstehen. Vor allem versucht sie, die zahlreichen Facetten des menschlichen Wesens durchschaubarer zu machen. In gewissem Sinn „zerlegt“ sie den Menschen in einzelne Teile (Durchsetzungsfähigkeit, Sensibilität, Verstandesbetontheit, Emotionalität, Leidenschaft, Tiefgang usw.) und versucht diese „Eigenschaftenansammlung“ zu beschreiben.

Normalerweise werden Menschen nicht auf diese Art wahrgenommen. Wir gehen von einem Gesamteindruck aus, der oft nur ein grobes Bild wieder gibt. Dieses Bild basiert auf einem Gemisch aus subjektiven Erfahrungen und Erlebnissen, aus Ansichten, Glaubenssätzen und Einstellungen, die zu einer persönlichen Einschätzung führen, welche auch Verallgemeinerungen und Vorurteile einschließt.

Hat sich jemand jedoch intensiver mit Astrologie befasst, wird das allzu Subjektive durch eine objektivere Sichtweise ersetzt. So wie wir alle aus denselben körperlichen Elementen bestehen, die doch in ihren vielfältigen Ausprägungen jeden Menschen völlig anders aussehen lassen, setzen wir uns auch alle aus den inneren Persönlichkeiten in ihrer unterschiedlichen Ausprägung zusammen.

Da Astrologie aus einer Zeit stammt, in der noch vieles mangels Hintergrundwissen mit Magie und religiösen Inhalten erklärt wurde, ist sie im Gegensatz zur Psychologie bei den meisten Menschen mit dieser Lebensanschauung verbunden. Diese beschränkt sich nicht auf die Typologie an sich, sondern geht von einem göttlichen Plan, Wiedergeburt, Medialität – kurzum – vom damaligen mystischen Weltbild aus.

Astrologie könnte man in diesem Sinn als Vorläuferin aller Wissenschaften ansehen. Mangels anderer Möglichkeiten wurde die Natur im Zusammenhang mit dem Himmel beobachtet. Ob tatsächlich ein Zusammenhang besteht, weiß niemand mit Sicherheit. Was aber erkannt wurde, waren die archetypischen Energiemuster, aus denen sich das Leben zusammen setzt. Damit ist auch erklärt, warum sich Menschen in jedem Horoskop bis zu einem hohen Grad wieder finden. Das Selbstbild lässt sich nicht exakt messen und wenn nun durch Astrologie alle zwölf inneren Persönlichkeitsanteile angesprochen werden, ist es mehr als wahrscheinlich, dass man davon viel in sich erkennt.

Der Astrologie wäre viel gedient, würde man sie als eine Art Archetypenlehre ansehen, die den Menschen zu mehr Verständnis menschlichen Lebens führt. Eine Astrologie, die aber ohne jegliche Beweise behauptet, das Schicksal Einzelner abzubilden, sogar die Zukunft voraus sagen zu können, führt sich selbst ad absurdum. Sie geht damit am eigenen wertvollen Kern vorbei, überbläht sich und wird damit zu einer Art Jahrmarktsattraktion.

Das Prinzip Uranus steht unter anderem für die Astrologie selbst. Es ist das Prinzip der Aufhebung von Polaritäten – und damit auch von Hierarchien, die immer aus einem Oben und Unten, Besser und Schlechter bestehen. Nichts steht über etwas anderem und nichts ist besser oder schlechter. Alles hat seine Berechtigung, es gibt keine Wertung mehr. Uranus steht für Objektivität, Distanz und Ideenreichtum. Er befähigt, höhere Ordnungen zu erkennen.

Astrologie tut das auch, indem sie Lebensprinzipien klassifiziert. Kluge und tiefsinnige Denker gab es zu allen Zeiten. Aber jede Zeit hat ihren Wissensstand – Erkenntnisse, für die es noch keine Erklärung gab, wurden (und werden bis heute) ins Reich der Mystik eingeordnet. In Zeiten, wo Mystik ein fester Begriff war, den niemand in Frage stellte, wurde wild darüber spekuliert, warum die Dinge sind, wie sie sind. Fügte es sich gut und war es schlüssig, wurden die Erklärungen akzeptiert. Nichtsdestotrotz waren sie keine echten Erklärungen. Sie waren Fantasiegebilde, welche die Wirklichkeit begründen sollten.

Werden astrologische Inhalte heute weiterhin an Erklärungen geknüpft, welche vor ein paar tausend Jahren aktuell waren, begeben wir uns geistig in die Steinzeit. Es geht nicht mehr um wertvolle Erkenntnisse, sondern um den alten Glauben, der damit verbunden war. Uranus ist aber nicht das Prinzip des Glaubens, sondern des Wissens. Ein lebensphilosophischer Überbau ist nicht seine Sache. Er sucht nach höheren Ordnungen, allgemeingültigen Gesetzen und Zusammenhängen.

Salopp gesprochen werden Menschen astrologisch in ihre Einzelteile zerlegt, um sie besser zu verstehen. Alles, was darüber hinaus geht, hat nichts mehr mit dem Wert astrologischer Typologie zu tun.

Eine astrologische Weisheit ist, dass das uranische Lebensprinzip aber nicht das höchste ist. Es ist diesem zwar das näheste, führt jedoch zu keiner Gesamtschau. Dazu ist dieses Konstrukt – und sei auch noch so brillant – nicht fähig.

Um das Gesamte zu erfassen, müssen die Einzelteile wieder in den Hintergrund treten. Wer in einem Rosenblatt unter dem Mikroskop die Schönheit der Rose sucht, wird sie nicht finden.teil3

Wer sich auf Astrologie einlässt und nicht weiter geht, bleibt vor dem Mikroskop stehen. Er verharrt auf der Stufe des Analysierens, des Denkens, der Distanztheit und der Einordnung. Es ist nicht verkehrt oder falsch, sich mit Astrologie auseinander zu setzen – durch viele Dinge muss man hindurchgehen, um sie hinter sich zu lassen.

Die Weisheit der Astrologie offenbart sich nicht, indem sie sich als Selbstzweck ansieht. Sie ist ein Instrument, um Ordnungen zu erkennen, den Blick weiter zu fassen und subjektive Einschätzungen zu modifizieren.

Astrologisch gesehen führt das Lebensprinzip Uranus zu jenem von Neptun. Von den höheren Ordnungen zur Ganzheit.

Das Wissen ist verinnerlicht und verschwindet wieder aus dem Bewusstsein, es hat zu einer neuen Qualität der Wahrnehmung geführt. Der Stein der Weisen ist gefunden, wenn erkannt wird, dass auch er nur ein Konstrukt ist.

Es ist wie der Kreislauf des Lebens. Kinder leben ganzheitlich, doch sie müssen etliche Entwicklungsstadien durchlaufen und Wissen erwerben, um erwachsen und reif zu werden. Um letztlich wieder in der Ganzheitlichkeit zu landen – jedoch auf einem ganz anderen Niveau.

Aus unklaren intuitiven Eindrücken wird intuitives Verstehen. Es ist ein weiter Weg dahin. Zu Wissen findet man, indem man es sich aneignet. Ganzheitliche Wahrnehmung kann man sich nicht aneignen. Sie entsteht von alleine, wenn alle anderen Entwicklungsstadien durchlaufen wurden.

Der Astrologie verhaftet zu bleiben, bedeutet im Grunde, das Leben durch Typologien einfangen zu wollen. Es schärft den Blick auf Einzelnes – und verstellt ihn auf das Ganze.

Astrologie depersonalisiert, obwohl sie – und gerade weil sie – so sehr vereinzelt.

Wer das Lächeln eines Menschen einordnen möchte, lässt sich vom Lächeln selbst nicht bezaubern.

Falter

P.S. Ich hatte in meinem ganzen Leben bisher drei astrologische Beratungen.

Die erste war völlig nichtssagend – darin hätte ich mich weder erkennen noch nicht erkennen können, sie war viel zu allgemein gehalten.

Die zweite war eindeutig komplett falsch. Es ging mir damals um ein herausragendes und tief berührendes Erlebnis – aber ich habe mich im Jahr geirrt. Und bekam auf das falsche Jahr hinauf eine Erklärung, die sich gut und stimmig anhörte… Als „Draufgabe“ bekam ich die Aussage, ich selbst wäre als „Finanzberaterin“ beruflich gut geeignet. Wenn ich mir das nur vorstelle, stellen sich mir die Haare auf – niemals und unter keinen Umständen möchte ich Finanzberaterin sein! Erstens, weil mich Geld nie interessiert hat und zweitens weil ich mich schon zutiefst quälen muss, wenn ich meine Versicherungen und Steuererklärungen in die entsprechenden Ordner heften muss.

Die dritte war vom Ansatz her gut und tiefgehend richtig. Sie erfasste die psychologische Dimensionen meiner Problematik. Aber das war’s auch schon. Nachfolgend kamen völlig falsche Einschätzungen meines Wesens, die sogar das Gegenteil dessen ausdrückten, wie ich bin. Ich habe darin eine Übertragung der Eigenschaften desjenigen gesehen, der sie ausgesprochen hat. Denn „zufällig“ hatten wir einige ähnliche astrologische Konstellationen. Ich habe mich damit gefühlt, als würde er von sich auf mich schließen. Und das hat nicht im Geringstgen gestimmt!

Ein nachdenklich stimmendes Video zu astrologischen Aussagen, die auf Einzelindividuen zutreffen sollen:



>Kommentare dazu im Forum Astrodienst

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