Verfasst von: Eva | 30/09/2009

Das Annehmen von Hochsensibilität

feinWas manchen weniger bis fast gar nicht zusetzt, kann für hochsensible Menschen sehr beeinträchtigend sein.

Entsprechend Eduard Schweingrubers Ausführungen (s. Artikel ) zur oft übermäßig vorhandenen Innenspannung möchte ich bekräftigen, was dabei hilft, innere Spannung zu reduzieren bzw. gar nicht erst aufkommen zulassen.

Der Weg von Hochsensiblen muss ein sehr klarer sein. Je geradliniger mit dem Leben umgegangen wird, umso weniger komplizierte Verwicklungen entstehen. Das Wegschieben von unangenehmen Tatsachen, ungelösten Konflikten, uneingestandenen Zweifeln und unangemessene Anpassung führen aufgrund der hohen Spürfähigkeit zu innerem Druck, welcher die Energiespeicher leert.

Je sensibler ein Mensch ist, umso weniger ist es ihm möglich, darüber hinweg zu gehen. Ich bin überzeugt davon, dass alles, was für Hochsensible zutrifft, auch auf weniger sensible Menschen zutrifft – mit dem einzigen Unterschied, dass letztere Disharmonien nicht so deutlich spüren.

Oft gehörten Argumenten, dass die Empfindsamkeit sensibler Menschen eine Art von Lebensuntüchtigkeit darstellt und diese Probleme sehen, wo es keine gibt, kann ich nicht zustimmen. Gerade die Sensiblen sehen und spüren vor allem Probleme wesentlich deutlicher. Wer das als Lebensuntüchtigkeit bezeichnen mag, dem sei das unbelassen.

Hochsensible Menschen passen weder in das Schema der infantilen Fun-Gesellschaft noch der gefühlsreduzierten ellbogenbewährten Leistungsgesellschaft, ebenso wenig in jenes der esoterischen „Happyologen“.

Aber ungeachtet der vielleicht mehr oder weniger drastischen Ausgrenzung, der Hochsensible von Kindheit an ausgesetzt sind, dürfen sie niemals auf die Idee verfallen, ihren Wert in Frage zu stellen, weil sie nicht mit dem Mainstream – also dem Durchschnitt – konform gehen.

Ihre Begabungen sind wertvolle, auch wenn sie unbequem sein mögen. Vor allem sind sie ja auch unbequem für sie selbst, da es sich niemals als Minderheit in einer Mehrheit leicht lebt. Dennoch plädoyiere ich dafür, zu seiner Eigenart zu stehen und den Versuch, sich der Mehrheit anzupassen, aufzugeben. Erstens wird es ohnehin niemals gelingen und zweitens wäre es für niemanden ein Gewinn.

Leider ist es oft – sogar meistens – so, dass hochsensible Menschen nicht von klein an in ihrem Wesen bestärkt, beschützt und gefördert werden. Den mehr oder minder heftigen Zwang zur Anpassung kennt wohl jeder Hochsensible. Da aber die emotionale Lebensbasis in der Kindheit gelegt wird, ist es nicht verwunderlich, dass viele Hochsensible sowohl mit einem geringen Selbstwertgefühl als auch mit Selbstzweifeln kämpfen.

Da Menschen soziale Wesen sind, sind diese Auswirkungen verständlich. Wir beziehen viel Energie von Bindungen und je schlechter es damit bestellt ist, umso unverstandener und unakzeptierter sich Menschen fühlen, desto schwerer liegt diese Last auf der Seele. Besonders schwer liegt sie auf der Seele von hochsensiblen Menschen. Die einerseits das gleiche Bedürfnis wie alle anderen haben, akzeptiert, gemocht und anerkannt zu werden, andererseits sich aber den Bedingungen dafür nicht beugen können.

Sie durchschauen Unechtheit und an Bedingungen geknüpfte Liebe und Zuwendung weit schneller als andere.

In Abgrenzung zu Neurotikern möchte ich sagen, dass diese das aber nicht können. Wobei natürlich auch ein hochsensibler Mensch neurotisch sein kann – und oft auch lange Zeit mit seinen Neurosen zu kämpfen haben wird.

Nicht rein aufgrund seiner Hochsensibilität, sondern vor allem aufgrund der sozialen Reaktionen darauf. Doch gerade darin, dass er sehr hohe Fähigkeiten zur Reflexion hat, liegt seine große Stärke. Er erfasst nicht nur sich selbst, sondern auch andere sehr tiefgehend. Ihm fallen die Widersprüche auf, er stolpert nicht auf ausgetretenen Pfaden durchs Leben.

Er hinterfragt und erfühlt, er spürt mit seinen feinen Antennen Dissonanzen, denen robustere Naturen viel zu wenig Beachtung schenken.

Was man meiden sollte, sind zusammengefasst schlicht und einfach Lebenslügen. Das umfasst eigentlich alles, was wirklich wichtig ist. Ein Hochsensibler mag andere Menschen belügen können, weil er sich sehr fein auf dessen Gefühle einstellen kann – aber er kann sich selbst nicht belügen.

Vielleicht kann er es kurzfristig, weil die (meist soziale) Belohnung dafür so groß ist. Aber er wird merken, dass er es nicht auf Dauer kann. Deshalb sollten hochsensible Menschen niemals den vordergründig einfachen Weg wählen. Der Tag, mit dem sie aus diesem schön geschnürten Paket an Lebenslügen heraus gerissen werden, kommt unweigerlich. Die Wucht der Erkenntnis wird aus dem eigenen Inneren kommen.

Daher ist der Weg, den hochsensible Menschen beschreiten sollen und beschreiten müssen, derjenige der Klarheit. Alles Zusammengereimte, Erfundene und Beschwichtigende ist letztlich auf Dauer nicht hilfreich. Die feinfühlige Wahrnehmung, das hypersensible Gespür für die Wahrheit lassen sich nicht unterdrücken und nicht umdenken.

Es gibt Menschen, die sich als höchst sensibel darstellen und das zu können scheinen. Aber davon sollten sich Hochsensible niemals täuschen lassen. Diese Menschen sind nicht so fein justiert wie sie. Sie verfolgen nur ein subjektives Selbstbild von hoher Sensibilität, das dem aber bei näherer Betrachtung nicht standhält.

Hochsensibilität sollte nie als Sammelbecken von neurotischen und egozentrischen Menschen definiert werden. Denn das wäre gänzlich falsch. Sie sind gerade dazu geschaffen, sich an keine Weltbilder anzuhängen. Ihre feine Wahrnehmung ist besonders dazu prädestiniert, all diesen Versuchungen zu widerstehen.

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Responses

  1. Vielen Dank für diesen Artikel!

    In Teilen davon erkenne ich mich wieder, andere sprechen mir aus tiefster Seele, einige werde ich noch ein wenig auf mich wirken lassen.

    LG Michael

  2. Lieber Michael,

    danke auch für deine Rückmeldung! Ich kann mir gut vorstellen, dass du dich in vielem wieder findest. Wenn du alles lange genug auf dich wirken hast lassen – und vielleicht Einwände finden solltest – lass es mich wissen. Denn ich schätze deine Anregungen sehr.

    LG
    Eva

  3. Liebe Eva,

    nein, keine Einwände, auch nicht nach dem zweiten und dritten Blick auf diesen Artikel. Und ein wenig Innenschau.

    Eine erhöhte Empfänglichkeit für äußere und innere Reize habe ich an mir schon des öfteren festgestellt. Häufig auch verbunden mit inneren Spannungen und einem daraus resultierenden Unwohlsein. Meine Art, damit umzugehen (oder sollte ich es die Strategie nennen, die ich im Lauf meines Lebens entwickelt habe?), erkenne ich in Deiner Beschreibung auch sehr genau wieder. Es ist eine zweigleisige Strategie.

    Einerseits bemühe ich mich in meinem Leben um das, was Du als Klarheit bezeichnest. Dazu gehören für mich auch bestimmte feste Strukturen in meinem Leben. Nicht, um Dinge auszublenden, ich habe inzwischen gelernt, dass mir das nicht dauerhaft gelingt, sondern eher, um mir reizarme Zonen der Entspannung zu schaffen, zum Beispiel durch ein sehr schlichtes, reduziertes Wohnumfeld oder auch durch ausreichend Zeit für mich selbst, verbunden mit Bewegung an der frischen Luft und in der Natur.

    Andererseits akzeptiere ich inzwischen Eigenschaften an mir, die ich früher häufiger hinterfragt habe, oft genaug auch versucht habe, sie abzustellen, allerdings ohne Erfolg. Mit meiner heutigen Einstellung lebe ich recht gut:
    Ich bin, wie ich bin.
    Und das ist gut so.

    Lieber Gruß
    Michael

  4. Lieber Michael,

    du scheinst ein Naturtalent im Umgang mit dir selbst zu sein. Beneidenswert, denn die meisten tun sich da nicht so leicht.
    Damit meine ich jetzt nicht nur mich selbst, sondern meine Erfahrungen in Hochsensiblen-Foren.
    Schön ist deine heutige Einstellung – zu ihr sollte eigentlich jeder irgendwann finden.

    LG
    Eva

  5. Auch ich sage Danke.

    In Ihrem Artikel und in Ihrem Blog generell finde ich Vieles aufgegriffen und vertieft, worüber ich teilweise schon lange nachdenke bzw. woran ich arbeite.

    Auch, was Sie im obigen Kommentar zum Thema „feste Strukturen“ schreiben, passt zu meiner Lebensgestaltung. Lange dachte ich, dass ich mit jenen festen Strukturen Dingen ausweiche bzw. sie verdränge, und stürzte mich daher in ein überaus frei gestaltbares Studium.

    Inzwischen meine ich aber zu wissen, dass die festen Strukturen mir einfach gut tun und ich spüre, dass ich mein Leben so gestalten muss dass es meinen Bedürfnissen entspricht. – Jedoch immer mit dem Wissen, dass ich meine Sensiblität nicht verhätscheln darf. (Ein bisschen) Herausforderung bringt uns immer weiter, denke ich.

    Viele Grüße von anna

  6. Liebe Anna,

    schön dass du eine Vertiefung deiner Gedanken in meinen Texten findest. Ich halte es für so wichtig, dass sich hochsensible Menschen gegenseitig ein bisschen weiter helfen können. Denn einfach war bzw. ist unser Leben nicht. Und wer sich selber nicht versteht, tut sich damit noch schwerer.
    Das „Verhätscheln“ halte ich auch nicht für gut, das macht nur immer ängstlicher. Und überhaupt – ein Leben ohne Herausforderungen gibt es nicht.

    Liebe Grüße
    Eva

  7. Liebe Eva,

    nachdem mich Deine Rezension zu Schweingrubers „Der sensible Mensch‘ so neugierig gemacht hat, hab ich es gleich bestellt und an einem Abend durchgelesen. Natürlich war das nicht das letzte Mal, dass ich es in der Hand hatte. Schon nach der Lektüre von Elaine Arons Buch fühlte ich mich erleichtert. Schweingruber jedoch gibt zusätzlich ganz handfeste Ratschläge, die mir sehr weiterhelfen: Sie helfen relativ nüchtern zur Arbeit an sich selbst auf, ohne die Wesensart der Sensiblen zu mystifizieren.

    Vielen Dank, liebe Eva, für Deinen wertvollen Buchtipp. Du hast mir sehr weitergeholfen auf meinem Weg, der mich zu mehr Sachlichkeit führen soll. Ich hoffe, dass ich anderen Hochsensiblen auch irgendwann einmal etwas von meinen Erfahrungen abgeben kann, wie Du es tust.

    Liebe Grüße von anna

    • Liebe Anna,

      das freut mich sehr. Auch ich mag das Handfeste und Klare in dem Buch so gerne.
      Liebe Grüße
      Eva

  8. Liebe Eva,

    gerade bin ich auf das Thema HSP gestoßen und beginne mich langsam, aber mit großer Neugier einzuarbeiten. Bei deinem Artikel bin ich besonders über den vorletzten Absatz gestolpert „Es gibt Menschen, die sich als höchst sensibel darstellen …“ Könntest du das für mich etwas genauer ausführen? Das verstehe ich nicht, würde es aber gerne …

    Danke und liebe Grüße,
    minusch

  9. Liebe Minusch,

    damit meinte ich, dass hohe Sensibilität, die sozusagen in die Wiege gelegt ist, nicht dasselbe ist wie das Verhalten, das oft narzisstisch gestörte Menschen an den Tag legen. Also eine Überempfindlichkeit, was eigene Belange betrifft, während alles außerhalb des eigenen Lebens weit weniger „sensibel“ bei ihnen ankommt.
    Hochsensibilität ist ein Begriff, der auch missbraucht werden kann (oft ohne Bewusstsein, dass man es tut). Auch heftige Neurosen machen zum Beispiel höchst empfindlich und unbelastbar, dennoch ist das etwas anderes.

    LG
    Eva

  10. Liebe Eva,

    danke für deine Antwort! Wie gesagt, ich fange ja eben erst an mich mit dem Thema zu befassen … deine Aussagen sind wirklich interessant. Dann bin ich jetzt gespannt welche Beispiele mir dazu zukünftig über den Lebensweg laufen … bis dahin stöbere ich hier gerne noch etwas weiter.

    LG, minusch

  11. Hochsensibilität….ich kenne es auch und deine Worte sind ein Ausdruck dessen, was mich schon lange berührt. Hochsensibilität ist für mich eine Gabe und niemals ein Fluch.

  12. Ja, es ist eine Gabe. Aber auch eine Bürde, weil es sich damit oft nicht leicht leben lässt. Die Bürde ist eine soziale und keine innere, denn Ablehnung und Unverständnis hat wohl jede/r Hochsensible schon erlebt. Zumindest, wenn nicht von klein auf Wertschätzung darin erlebt wurde.

    Das macht enorm viel aus und kann einen sehr langen Leidensweg bedingen. Die Regeln, an die Anpassung erfolgen soll(te), sind nicht unbedingt für feinfühlige und tiefgründige Menschen gemacht.

    Umso wichtiger ist es, unseren Kindern anderes mitzugeben.

    LG
    Eva

  13. Ich kam heute erstmal auf die Idee, ich könne hochsensibel sei, als ich für eine Studie einen Fragenbogen ausfüllte. Ca. 70% (vielleicht auch 80) passten richtig gut, und plötzlich (wie damals beim Erkennen der Hochbegabung) fügt sich ein neues Bild zusammen. Kannst du mir vielleicht sagen, ob es Tests gibt, die mir etwas mehr Klarheit verschaffen? Kann mir meine Hausärztin da mehr zu erzählen? (Sie hat auch eine Ausbildung zur Psychotherapeutin.)

    Danke für deinen Text!

  14. Liebe Ellen,

    ich hab dir ein E-Mail geschrieben.

    LG
    Eva

  15. Ja danke!
    Tja, wer kann sich nicht damit identifizieren? Mit dem Gefühl sich anzupassen, aber damit nur seine Unfähigkeit die Dinge auf Distanz zu halten ,zu überspielen? Ich bin Profi darin! Aber ich ziehe auch Menschen magisch an, die mir Kraft klauen.Die vor lauter Sensibilität einen riesigen Egoismus errungen haben, deren Mullabladeplatz ich bin. Selten schenken sie mir Kraft zurück. Aber sie nicht zu fragen ist schwer ich spür das es ihnen nicht gut geht.
    Ich ertrinke all das gerade. Scheisse

  16. Liebe Rici,

    niemand sagt, dass du die Unfähigkeit, Dinge auf Distanz zu halten, überspielen musst. Wenn du das tust, dann tust du es doch aus irgendwelchen Gründen. Hast du die schon intensiver hinterfragt? Anpassung ist bis zu einem gewissen Grad natürlich nötig in einer Gesellschaft, aber ab einem gewissen Grad ist sie das wiederum auch nicht mehr. Nämlich dann, wenn du deine Grenzen spürst und nicht darüber hinweg gehen willst/kannst, weil es dir schaden würde.

    Dazu gehört ein stabiles Selbstwertgefühl und das hat man vielleicht, wenn man schon von klein auf so akzeptiert und gestützt wurde, wie man ist. Die meisten haben das aber nicht erlet. Auch bei mir war das nicht der Fall. Es hilft leider nicht weiter, wenn man damit nur hadert (ich meine damit nicht, dass Hadern nichtin Ordnung ist, war ja alles auch ungerecht bis zum Anschlag, aber eben nicht ständig, weil das nichts ändert – irgendwann muss man die Ärmel hochkrempeln und sich eingestehen, dass man den Mist tatsächlich selber aufarbeiten muss… erst dann stößt man auf seine eigene Kraft).

    Anderen kann man nur dann helfen, wenn man selber stabil ist – sonst wird man tatsächlich zum freiwilligen Müllabladeplatz. Die Alternative ist aber nicht unbedingt, dass man böse auf die anderen wird, sondern dass man ihnen sagt, dass man das einfach nicht unbeschadet auffangen kann. Der Preis dafür ist (oft) Ablehnung, aber jeder muss einfach für sich entscheiden, was er tragen kann, ob er überhaupt beeinträchtigt wird und wie weit er gehen will.

    Du „musst“ nicht der Müllabladeplatz für andere sein, das liegt nur in deiner Hand. Ohne dem Egoismus das Wort zu reden – aber wenn du dich nicht ausreichend für dich selbst einsetzt und kümmerst, dann wird das auch niemand anderer tun. Erwachsene Menschen müssen für sich selbst eintreten.

    LG
    Eva

  17. Danke für den intensiven Beitrag. Ich kann das alles „unterschreiben“.

  18. Liebe Sylvia,
    danke für deinen Kommentar.


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