Verfasst von: Eva | 01/10/2009

Überwindung des Egos

schattenDas Ego – das bin ich. Denn Ego heißt Ich.

Um dieses Ich – also mich selbst – am Leben zu erhalten, muss ich auf meine Bedürfnisse achten, sowohl die körperlichen, seelischen als auch die geistigen.

Egobedürfnisse sind weder etwas Schlechtes noch sind sie unnatürlich. Ganz im Gegenteil – sie sind untrennbar mit unserer Existenz verbunden. Jedes lebende Wesen hat sie.

Nichts ist verkehrt an unseren Bedürfnissen. Sie sind wichtig, sie sind nicht wegzudenken, weil sie das Überleben sichern. Jeder Mensch hat sie, jedes Kind kommt damit zur Welt. Die Natur hat uns so erschaffen. Das Ego kann nicht überwunden werden, weil es das Ende der Selbsterhaltung bedeuten würde.

Würden sich Menschen nicht mehr um sich selbst kümmern und ihre Bedürfnisse ignorieren, könnten sie nicht überleben. Wir würden sterben, weil alleine schon die körperlichen Bedürfnisse nach Nahrung und Schlaf lebenswichtig sind. Gäbe es nicht das Bedürfnis nach Fortpflanzung, wäre die Menschheit längst ausgestorben.

Was soll es also bedeuten, dass die Überwindung des Egos die höchste Stufe menschlicher Entwicklung darstellt? Diese Überzeugung findet sich speziell in esoterischen Kreisen, wird aber auch von vielen Religionen vertreten.

Was unter einem „Egoisten“ zu verstehen ist, weiß jeder. Bei ihm nehmen die eigenen Bedürfnisse eine so überwertige Stellung ein, dass nichts anderes mehr zählt. Moralisch wird diese extreme Selbstbezogenheit und Ego-Überblähung zu Recht negativ bewertet. Denn Einzelne, die rücksichtslos nur ihre eigenen Wünsche durchsetzen wollen, schaden ihren Artgenossen.

Wie aber kann ein Mensch sein Ego vollständig überwinden?

Religiös/esoterisch wird das Ego nicht mit dem Ich gleich gesetzt, sondern es ist ein Teil in uns, der ständig nach Aufmerksamkeit, Geltung, Macht und materiellem Besitz verlangt. Dies wird als schlecht, als Anzeichen von Unreife und Unentwickeltheit angesehen.

Paradoxerweise wird aber gerade in esoterischen Kreisen genau diesen Bedürfnissen entsprochen. Menschen, die in der Esoterik Zuflucht suchen, erhalten Aufmerksamkeit und Aufwertung ihrer Persönlichkeit. Ebenfalls wird das Gefühl vermittelt, mächtig (oft sogar all-mächtig) zu sein. Und Geld spielt auch keine geringe Rolle. Gratisanbieter sind nämlich kaum zu entdecken. Wer „höhere Wahrheiten“, Lebenshilfe oder „spirituelle Beratung“ verkauft, verdient gutes Geld damit. Er ist damit weder altruistisch noch von eigenen Bedürfnissen, Leistungs- oder Statusdenken frei.

Auch die Abwesenheit von Ehrgeiz und letztlich oft sogar Gier, ist nicht zu erkennen. Eine Menge esoterischer Anbieter betreibt gezielt Werbung für ihre Leistungen, verfasst ständig neue Bücher, die verkauft werden – je höher die Auflage, umso besser – und zumeist werden auch um teures Geld Seminare und Workshops angeboten. Wer mit gutem Kundenzulauf rechnen will, muss sich einen Namen machen. Wirtschaftliche Erwägungen hier wie da. Angefangen vom kleinen Anbieter bis zum großen Guru leben alle von ihrem Image, ihren (Geschäfts)Ideen und dem Geld ihrer Kunden.

Auch wenn es gepredigt wird – die Esoterikszene ist kein Umfeld, in dem von Überwindung des Egos die Rede sein kann.

Ist also alles nur Humbug? Ist das hohe Ziel der Überwindung des Egos nur Geschwätz?

Ich denke nicht.

Wenn man unter Ego das Wunsch- und Zerrbild versteht, das man von sich selbst hat, taucht ein neuer Begriff auf: das verzerrte Ego. Wenn wir uns mit diesem Ego identifizieren, leben wir gegen unser eigenes Ich. Unverfälscht ist es wohl nur im Augenblick der Geburt vorhanden, danach setzt die Vielfältigkeit äußerer Einflüsse ein. Kinder sind alles andere als bedürfnislos, ganz im Gegenteil, sie sind voll und ganz auf Lebenserhaltung ausgerichtet und dementsprechend stark sind ihre Bedürfnisse.

Die von anderen befriedigt werden müssen, da sie selbst noch nicht dazu in der Lage sind. Das Drama in unserer Kultur besteht darin, dass diesen natürlichen Bedürfnissen oft nur mangelhaft entsprochen wird. Bedingt durch die Zivilisation, unsere heutigen Lebensformen, Notwendigkeiten und Ausrichtungen finden wichtige Bedürfnisse zu wenig Beachtung. Genau daraus entwickelt sich das verzerrte Ego.

Das Kind, das zu wenig echte Beachtung und Anerkennung um seiner selbst Willen erhält, wird diesen Mangel ein Leben lang spüren. Ge- und Verbote, die mit schmerzhaften seelischen oder körperlichen Verletzungen verbunden sind, die es unmöglich verkraften kann, bringen es dazu, sich diesen zu beugen.
Es als Erwachsener vergessen zu haben, bedeutet nicht, dass das Erlebte keine Wirkung mehr zeigt.

Der erwachsene Mensch reagiert unbewusst weiterhin nach diesen Vorgaben. Da die inneren Motivationen weder durch Unterdrückung noch Rationalisierung aufgelöst werden können, sind wir ihnen ausgeliefert. Sie tauchen in verkleideter Form an allen Ecken und Enden unseres Lebens auf.

Die Erfüllung dieser Bedürfnisse gleicht einem Fass ohne Boden. Noch so viele Erfolge, noch so große Anerkennung können den Mangel nicht ausgleichen. Jegliche Befriedigung erweist sich als nur vorübergehend. Das Fass ohne Boden lässt sich nicht füllen.

Ich halte nichts von gut gemeinten, aber naiven Ratschlägen, dem Ego keine Beachtung zu schenken, sich nicht damit zu identifizieren oder es als „schlecht“ zu erkennen. Da dieses Ich wir selbst sind, würden wir uns damit von uns selbst abschneiden. Die Verbindung zum eigenen Inneren darf jedoch keinem philosophisch-gedanklichen Überbau geopfert werden.

Befreiung entsteht nicht durch Abspaltung unserer Schattenseiten, sondern durch Verbundenheit zum eigenen Wesenskern. Wer den Weg durch die eigenen Schatten scheut, wird niemals dahin finden.
Der Prozess dahin ist ein langer und keineswegs einfacher. Er setzt vor allem eine Menge Durchhaltevermögen und den Willen danach voraus. Abkürzung gibt es keine.
Die bewusste Ausrichtung nach hohen Ich-Idealen mag das Ich vielleicht in ein anderes Wunschbild hineinzwingen, aber es bleibt noch immer ein Wunschbild. Das verzerrte Ich wird nur in eine andere Richtung gezogen, die sich besser anfühlt. Und bleibt verzerrt.

Die unbewussten Wünsche haben neue Kleider bekommen, inhaltlich hat sich nichts geändert. Der Ausgangspunkt bleibt immer derselbe. Das bedürftige Ich sucht nach Ausgleich. Endlich will es die Anerkennung finden, die ihm versagt geblieben ist. Die Außenorientierung setzt sich unendlich fort.

Keineswegs möchte ich damit ausdrücken, dass Anerkennung für Menschen unwichtig ist. Wir brauchen sie alle. Aber die größte Anerkennung erhalten wir, indem wir wir selbst sind und damit angenommen werden. Wenn wir den Mut aufgebracht haben, durch unsere Schatten zu gehen, können wir unser einzigartiges Wesen in seiner gesamten Palette ausdrücken und zu lebendigen, authentischen Menschen werden.

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Responses

  1. Liebe Eva

    Ich möchte dir sagen: Du kommst sehr authentisch rüber. 🙂 Merci.

    Herzlich
    anna

  2. Ich hoffe auch, ich bin’s. Hab lange daran gearbeitet, immer mehr ich selbst zu werden. 🙂

    LG
    Eva

  3. Du schreibst herrlich reflektierte Artikel! Es ist für mich eine Freude, sie zu lesen. LG Simone

    • Es freut mich, wenn du das so siehst. Danke. LG Eva

    • Gerne! LG Simone


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