Verfasst von: Eva | 24/10/2009

Ganzheitlichkeit

bluhaGanzheitlichkeit ist ein Begriff, der derzeit hoch im Kurs steht. Was aber ist darunter zu verstehen?

Ganzheit meint ein Leben in Balance – Yin und Yang, männliche und weibliche Prinzipien im Einklang.

Unsere gesamte westliche Gesellschaft steht unter der dramatischen Überhöhung des männlich-rationalen Prinzips. Wir alle leiden darunter. Ehrgeiz, Status, Verdienst, Wettbewerb, Konkurrenz, Wachstum, Leistung, schneller, höher, besser – das sind die Faktoren, die unser Wertesystem bestimmen.

Einseitigkeit kann aber nicht funktionieren. Kein Einatmen ohne Ausatmen, keine Aktivität ohne Ruhe, kein Tag ohne Nacht. Erst im gesunden Rhythmus beider Seiten findet sich Harmonie.

Die Sehnsucht nach Ganzheit ist groß. Und dafür hält die Esoterik ihre Tore einladend weit offen. Sie stellt sich, oberflächlich betrachtet, dem weiblich-mitfühlenden Prinzip, ja sogar der allumfassenden Liebe verpflichtet, dar. Bei näherer Betrachtung ist es jedoch nur ein unzulänglicher Deckmantel dafür, dass das männliche Prinzip des Denkens auf anderer Ebene verherrlicht wird. Das Fühlen steht weit darunter, wird es doch nach Ansicht von Esoterikern vom Denken gelenkt. Das Männliche herrscht auch dort über das Weibliche.

Mit der Propagierung des konstruktivistischen Ansatzes „Jeder hat seine eigene Wahrheit, seine eigene Wirklichkeit, jeder ist allmächtig und erdenkt sich die Welt. Denkt er anders, verändert er die Welt.“ tanzt die Esoterik ganz genau so um das goldene Kalb der Ratio wie unsere Leistungsgesellschaft.

Man muss unberührbar werden, unerwünschte Gefühle los werden. Man muss darüber erhaben sein – jeder ist nur für sein Leben alleine verantwortlich. Nie sind es die Umstände oder andere, es gibt keine Unterdrückung, Verletzung und Ungerechtigkeit. Denn was zählt, sind alleine die eigenen Gedanken.

Nur von Dingen wie einem schönen Sonnenaufgang, von Tautropfen auf der Blüte dürfen wir uns berühren lassen. Jedoch nicht vom Leid unserer Mitmenschen. Denn diese sind dafür immer selbst verantwortlich.

Dahinter steht die Unfähigkeit, damit umgehen zu können. Das Leid anderer erinnert an das eigene verdrängte – abstrahiert man es, lässt man sich davon nicht anrühren – muss man sich auch nicht damit konfrontieren. Es gibt genügend Theorien, an die man sich halten kann, um davon unbehelligt zu bleiben.

Unsere Gesellschaft ist voll von narzisstischen Menschen. Gut gemeint, aber leider zu wenig reflektiert, bietet sich die Esoterik als „Ausweg“ an. Der Ausweg besteht leider nur darin, den Narzissmus unerkannt weiter zu fördern.

Narzissmus entsteht durch einen Mangel an echter Liebe. Sei es, dass ein Kind zu wenig Beachtung erhielt oder nur für Leistungen bewundert wurde – beiden ist gemeinsam, dass das Kind niemals um seiner selbst Willen geliebt wurde.

Daraus entwickelt sich eine lebenslange Gier nach Anerkennung. Der Mensch bleibt gefangen in diesem unbewussten Mangel und versucht ihn zu beheben. Im Zweig des leistungs- und statusorientierten Bereichs unserer Gesellschaft, indem er versucht, möglichst leistungsstark einen hohen Status zu erreichen – im Zweig der Pseudospiritualität, indem er nach persönlicher Perfektion strebt, die ihn für jede Kritik unantastbar macht. Der Inhalt ist der gleiche, nur die Verpackung eine andere.

Er sehnt sich nach der nie erhaltenen Liebe. Da er gelernt hat, dass Zuneigung nur für Leistung/Perfektion zu erhalten ist, bleibt er dabei, weil er sich nicht vorstellen kann, um seiner selbst Willen – mit allen Schwächen, Fehlern, einfach in seinem Sein, geliebt zu werden. Er lebt hinter einer Maske der vermeintlichen Einzigartigkeit und Vollkommenheit – und erkennt nicht, dass er sie gerade dadurch verliert.

Pseudospiritualität bietet die nicht zu überbietende Chance, ohne Reflexion dieses Idealbild von sich zu schaffen. Verleugnung und Verdrängung erlittener Schmerzen und Ängste stehen an erster Stelle. Das Fühlen – das dem weiblichen Prinzip angehört wird abgewertet und abgewehrt. Gelebt wird nur in einer Gedankenwelt mitsamt ihren künstlich erzeugten Hochgefühlen. Positives Denken ist angesagt, alles, was dem entgegen steht, wandert in den Untergrund und wird nicht mehr wahrgenommen. Wertschätzung geht nur mehr in eine einseitige Richtung. Alles, was dem Ideal entspricht, ist gut, alles andere muss ausgemerzt werden.

Das Werk der gefühlsfeindlichen Bezugspersonen wird fortgesetzt, der Anspruch nach Perfektion internalisiert und mittels der „richtigen Gedanken“ versucht zu erreichen.

Man begibt sich in die Illusion, sich selbst, ja sogar die Welt mit seinen Gedanken im Griff zu haben. Die persönliche innere Leere und der Mangel an echten lebendigen Gefühlen wird mit diversen religiösen Praktiken als erstrebenswert angesehen und kommt der Erleuchtung nahe.

Kritik ist unerwünscht und stempelt den Kritiker zum Unentwickelten ab, der noch viele Stufen bis zur „Erleuchtung“ gehen muss, ab. Dass Kritik aus Mitgefühl und Zugewandtheit, aus dem Wunsch heraus, etwas aufzuzeigen, aus dem Bedürfnis, dem Menschen hinter seiner Maske nahe zu kommen, entstehen kann, ist nicht vorstellbar. Niemand darf Kritik äußern – jeder ist seines Glückes Schmied, jeder für sich selbst verantwortlich und an Wahrheiten gibt es so viele, wie es Menschen gibt.

Es gibt aber nicht so viele Wahrheiten, wie es Menschen gibt. Es hat und wird immer nur eine Wahrheit und eine Wirklichkeit geben. Allein der Weg, auf dem Menschen dahin kommen, ist individuell. Dazu muss man den Weg aber gehen und darf nicht stehen bleiben.

Verdrängung und Verleugnung sind kein lebenszugewandter Weg. Sie zementieren Lebendigkeit ein. Das Ideal von Esoterikern, sich von nichts berühren zu lassen, das Leid (eigenes und das anderer) abzuspalten, indem sofort eine Methode bei der Hand ist, durch die davon befreit wird, spiegelt ihre Angst vor dem Leben und letztlich der eigenen Lebendigkeit wider.

Auch hier gibt es wieder Parallelen zur oberflächlichen „Fun-Gesellschaft“, von der sich Esoteriker so gerne distanzieren. Konflikte werden nicht ausgetragen, Nähe nicht ausgehalten, „allen geht es immer gut“. Das grandiose – und alles andere als tiefreichende – Selbstbild darf keine Kratzer bekommen.

Verdrängte Gefühle haben dazu die Eigenschaft, destruktiv zu werden. Um sich ihnen niemals stellen zu müssen, werden Worthülsen um Worthülsen der Scheinharmonie verbreitet, alles wird schön gedacht und schön geredet. Ob Sucht nach Ablenkung und ständigem Spaß oder Sucht nach der heilen Welt – eins gleicht dem anderen.

In diesem Sinn dient diese Art der vermeintlichen „Spiritualität“ nur der Abwehr und keineswegs der Ganzheitlichkeit.

Ganzheit wäre nur zu finden, indem man sich allem wertschätzend zuwendet. Es ist nicht damit getan, in einer selbstgezimmerten oder übernommenen Fantasiewelt zu leben, um den ungeliebten Anteilen auszuweichen. Denn erst die Annahme aller Gefühle führt zur Heilung und Ganzheit.

Wer nicht erkennt, dass er durch pseudospirtuelle Praktiken sich immer weiter von sich selbst entfernt, wird irgendwann zur menschlichen Marionette, die nichts mehr fühlt, die Leiden nicht mehr verstehen kann.

Gefühle, die aus der Verdrängung und Verleugnung befreit sind und uns damit wieder zu lebendigen fühlenden Menschen machen, bieten uns eine wichtige menschliche Orientierungshilfe. Sie sind die Basis von Intuition und Einfühlsamkeit. Ohne diese werden wir empfänglich für alles, was sich „logisch“ argumentieren oder einfach nur behaupten lässt, weil wir das Unechte nicht mehr spüren.

Ich meine – das ist eine sehr gefährliche gesellschaftliche Entwicklung!

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