Verfasst von: Eva | 03/01/2010

Das „innere Kind“

Es gibt gegenwärtig unzählige Bücher darüber. Was ist unter dem „inneren Kind“ überhaupt zu verstehen? Bekannt wurde dieser Begriff durch das „Healing Your Aloneness: Finding Love and Wholeness Through Your Inner Child“ der amerikanischen Therapeutinnen Erika Chopich und Margaret Paul (1990).

Damit wurde den im Gehirn gespeicherten Gefühlen, Erinnerungen und Erfahrungen aus der eigenen Kindheit ein Name gegeben, der sie mit diesem Begriff auf eine gewisse Art „personifiziert“. Neu ist daran allerdings nur die Verpackung und der zeitgeistige spirituelle Touch, denn die Erkenntnis, dass jeder Mensch von seinen Kindheitserlebnissen zutiefst geprägt wird und sich frühe ungelöste Konflikte, Kränkungen, Traumata und Mängel das gesamte weitere Leben auf unbewusster Ebene auswirken, haben wir Sigmund Freud zu verdanken.

Doch offenbar braucht jede Zeit die ihr gemäße Aufbereitung, vor allem, wenn man ein Thema für die Massen aufbereiten möchte. Seither hielt das „innere Kind“ in alle möglichen Bereiche, die sich mit der Psyche befassen, Einzug. Es gibt dazu nicht nur Neuauflagen unter Psychologen, sondern vor allem auch in etlichen esoterischen Bereichen wie Geistheilung, Astrologie usw. Leider wurde damit wieder einmal eine bereits bestehende grandiose Erkenntnis – eben durch die Psychoanalyse Sigmund Freuds – isoliert heraus genommen und als nahezu „neu“ vermarktet.

Das „innere Kind“ ist natürlich keine eigene Person innerhalb des Menschen. Man kann es höchstens als Metapher für bestimmte Anteile der Persönlichkeit ansehen. Die Aufdröselung von Menschen in einzelne Bereiche hilft vielleicht beim Verständnis der Mechanismen des Zusammenspiels aller Kräfte in uns, aber zugleich gaukelt es auch eine Trennung vor, die es so nicht gibt und nie gegeben hat.

Ein bisschen hat diese Aufspaltung zu einem Kult um dieses innere Kind geführt. Es scheint alles Wertvolle, alles Menschliche, alles Authentische zu beherbergen. Unzählige Workshops und Seminare versprechen tiefe Lebensfreude durch „dessen Heilung“.

Ich glaube nicht, dass alleine durch die Reaktivierung kindlicher Verhaltensweisen irgend etwas tatsächlich geheilt wird. Die „Heilung des inneren Kindes“, wenn man es denn so nennen mag, bedingt großen Mut und ist alles andere als ein „Kinderspiel“. Sich seinen inneren Verletzungen, den erlebten Mängeln zu stellen, die früh erlebten Schmerzen erneut aufleben zu lassen, auszuhalten und da durch zu gehen, führt tatsächlich zu Heilung. Doch der Weg dahin ist steinig, hart und langwierig.

Keinesfalls ist das in einem Wochenend-Seminar möglich! Es genügt nicht, sich in kindlichen Anwandlungen am Boden zu wälzen und seine spielerische Seite auszuleben. Das bewirkt nur eines: dass man in kindliche Verhaltensweisen zurück fällt, dass man ein wenig Auszeit vom „Erwachsenenleben“ nimmt. Da dies meist in Gruppen geschieht, wirkt das Ganze auch recht euphorisierend. Doch gewonnen ist damit nicht mehr als ein, zwei Tage Auszeit vom Alltagsleben, vielleicht gute Vorsätze für die nächsten Tage oder Wochen. Langfristig bewirkt es jedoch nichts. Die vorübergehende Identifikation mit dem kindlichen Ego ist eine Regression, die das erwachsene Ich weg schiebt.

Ganzheit entsteht aber nicht durch Trennung, Wegschieben oder Einseitigkeit. Die Assoziation, dass der Zugang zum inneren Kind Glück pur bedeutet, ist ein naiver Trugschluss. Es war alles andere als immer glücklich, sonst hätte es  ja nichts verdrängen müssen. Aber gerade darum wird in diesem Kult ein ziemlich großer Bogen gemacht. Das innere Kind soll sich austoben und alleine dadurch glücklich machen.

Das funktioniert aber nur für (sehr) begrenzte Zeit. Es kann jedoch nicht auf Dauer funktionieren. Erwachsene sind keine Kinder mehr. Und gerade die „Heilung des inneren Kindes“ bedarf sehr starker erwachsener Anteile. Ohne diese ist sie unmöglich. Sich dem zu stellen, das wir als Kinder nicht fühlend zulassen konnten, erfordert immensen Mut. Und ist gewiss nicht angenehm!

Und das hat gute Gründe. Diese Verdrängungen geschahen deshalb, weil sie zu schmerzhaft waren, um sie integrieren zu können. Die landläufige (sehr bequeme) Ansicht, dass Kinder vieles leichter weg stecken, ist nicht richtig. Sie stecken es zwar weg – aber nicht weil es ihnen so leicht fällt, sondern weil sie damit überhaupt nicht zurecht kommen.

Nur wer ein relativ stabiles erwachsenes Ich entwickelt hat, kann sich dem wieder fühlend annähern. Er muss stark genug sein, um das auszuhalten, was er als Kind nicht ausgehalten hat. Selbst wenn dieser Mensch als Kind „nur“ von allem Kindlichen abgehalten wurde (dem Idealbild der Eltern vom „kleinen Erwachsenen“ entsprechen musste) und sich freut, es endlich einmal ausleben zu können – steckt eine Riesenmenge Schmerz dahinter.  Davon abgehalten worden zu sein, sein kindliches Naturell auszuleben, bedeutet, davon abgehalten worden zu sein, man selbst zu sein.

Und solange er sich dessen nicht bewusst wird, sich von diesen eingesperrten, bedrohlichen Gefühlen nicht befreit, wird sich nichts dauerhaft in seinem Lebensgefühl verändern. Befreien aber kann man diese Gefühle nur, indem man sie zulässt.

Das fühlt sich in dem Moment genau so schrecklich an wie damals, als man noch Kind war. Man wird praktisch für eine begrenzte Zeitspanne wieder zu dem Kind, das man einmal war – mit allem, was dazu gehört hat. So gerne man das auch als lächerlich abtun möchte – es ist eine Wiederauferstehung all dessen, was man versuchte, weg zu schieben. Und zwar aus gutem Grund. Wenn man irgendwann dahin kommt, zu verstehen, wie viel man sich selber damit angetan hat – antun hat müssen – ist der Weg frei, sich davon endgültig zu verabschieden.

Gerade dazu ist das erwachsene Ich dringend notwendig. Denn wären wir in diesem Moment noch die Kinder, die wir einmal waren, würden wir uns erneut davon distanzieren (müssen), weil die kindliche Seele nicht genug Kraft dazu hat.

Die meisten Menschen lassen sich auf diese Erfahrungen nicht ein. Sie richten ihr gesamtes erwachsenes Leben um ihre Beeinträchtigungen herum aus. Sie greifen zu allen möglichen Tricks, um davon unbehelligt zu bleiben. Ein Mangel an früher Liebe wird zur Sucht nach ständiger Liebe (obwohl die Vorstellungen von Liebe sehr kindlich und daher unerfüllbar sind), ein Mangel an Anerkennung wird zur Sucht nach Bewunderung, ein Mangel an Bestätigung zum lebenslangen Kampf um Zustimmung.

Leider sind gerade die Vertreter jener Richtungen, die mit Schlagzeilen wie „Lasse dein inneres Kind leben“ werben, genau die falschen für echte Entwicklung. Denn sie lenken ihr Interesse auf Nebenschauplätze und nicht zum Kern des inneren Geschehens. Es ist nämlich keineswegs ein Spaziergang, die frühen Wunden zu heilen. In einem „Kurs“ oder „Workshop“ ist dies nicht möglich.

Diejenigen, die das propagieren, haben wohl ihre inneren Wunden selbst nie geheilt, glauben aber (möchten glauben), sie hätten das getan – und geben ihren Stand an andere weiter. Oft beschleicht mich der Verdacht, dass sie die Bestätigung von anderen brauchen, um selber daran zu glauben…

Fazit: Die eigene Kindheit ist lebensprägend und was alles daraus resultiert, lässt sich nur durch jahrzehntelange Erforschung ergründen. Aber nicht nur intellektuell, sondern auch fühlend. Am Ende sollte ein Mensch da stehen, der zu seinem Innersten gefunden hat. Dieses Innerste beinhaltet seine volle Kreativität, Intuition und Fühlfähigkeit. Wenn man das als „spirituelle Entwicklung“ ansehen mag, bin ich damit einverstanden. Aber der Weg dahin hat so gar nichts „Mystisches“ an sich!

Denn das Gefühl der Ganzheit und des Zugangs zu seinen inneren Quellen ist das Produkt von langjähriger und ernsthaft betriebener Selbstsuche. Kein Umschiffen aller „Gefahrenquellen“, keine Realitätsflucht, kein Aufgehen in Illusionen.

Den Unterschied dazu kennt nur derjenige, der diesen Weg gegangen ist. Derjenige, der durch Selbstflucht meint, zum selben Ergebnis gekommen zu sein, kennt ihn nicht.

Advertisements

Responses

  1. Liebe Eva

    Danke. Um es in den Worten eines Freunden zu sagen: spannend. Der Weg und die Erkenntnisse sind spannend und mögen für Aussenstehende faszinierend sein (im positiven Sinne). Aber eben – spannend heisst nicht angenehm… Wenn man selber den Weg gehen muss, ist weder das „Spannende“ noch das „Faszinierende“ zwingend positiv konnotiert…

    Ich stimme mit dir überein: Das lässt sich nicht so husch-husch-schnell-schnell suchen, finden und heilen. Wo bleibt denn die „Nachbehandlung“ eines solchen Workshops? Was passiert, wenn effektiv ein Traumata z.B. 4 Wochen später aufgrund des Workshops auftaucht und diese Person in eine Depression fällt? Ist der Workshop-Leiter dann auch in der Lage, fähig und willig, sich die GANZE Geschichte der Person anzuhören? Sich Zeit zum Zuhören zu nehmen, vielleicht über Wochen? Ohne gleich eine konforme 0815-Lösung der Person überzustülpen? Und dann ist es grundsätzlich egal, ob es sich hierbei um einen Esoterik-, Psychologie-, Lebens-Coach-, Business- oder was-weiss-ich-Kurs handelt. Es gibt schlicht und ergreifend keine Instant-Lösung für die Auseinandersetzung mit sich. Dies braucht Zeit. So wie es Zeit brauchte, die Prägungen herzustellen. Wäre ja auch seltsam, jahrelange Prägungen innerhalb von 2 Tagen aufzulösen – irgendwie sehr unlogisch, oder?

    Um den Bezug zum Kung-Fu-Unterricht zu machen: Ich kann niemandem in einem Workshop etwas „beibringen“. Neues Zeigen, die Türe für etwas öffnen – Ja. Aber verstehen wird die Person/der Trainierende es erst, wenn er sich später gründlich damit auseinandersetzt. Mit einem Lehrer, Coach oder Tutor an seiner Seite, der das Gelernte mit der Person gemeinsam überprüft und Korrekturen erarbeiten kann.

    Das Kind soll entdeckt werden, aber was mache ich, wenn ich es gefunden habe? Diese Frage sollte man sich vielleicht stellen, bevor man sich auf die Suche macht…

  2. Liebe Anna,

    bei „Instantlösungen“ gibt es im Grunde nur zwei Möglichkeiten: die eine greift nur so flach, dass sich gar nichts auf Dauer verändert (das ist die ungefährliche Variante, die ein paar schöne Vorstellungen beschert, die nicht lange anhalten) oder es kann passieren, dass tatsächlich ein Punkt getroffen wird, der in der Tiefe liegt. Und das halte ich für sehr gefährlich, da es ja, wie du schreibst, in den meisten Fällen keine Nachbetreuung gibt. Ein populäres Beispiel dafür ist das Familienstellen nach Hellinger, das sogar auf Bühnen für Schaulustige präsentiert wird.
    Es hat mit der psychologisch fundierten Familienaufstellung, die auf Virginia Satir zurück geht, nicht viel gemeinsam, doch wird kaum von jemand ein Unterschied gemacht.
    Solche Praktiken/Methoden münden oft in einem persönlichen Drama.
    Und Unterschied macht es schon, ob Esoterik- oder Psychologie-Veranstaltung, denn erstere Leiter haben meist keine seriöse psychologische Ausbildung. Das ist vielen nicht bewusst, sie glauben ihnen ihre „Kompetenz“, mit der sie auftreten.

    LG
    Eva


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: