Verfasst von: Eva | 07/01/2010

Astrologie „rückblickend“

Da ich mich etliche Jahre selber mit Astrologie befasst habe und diese Sichtweise – über ein Horoskop einen Menschen zu verstehen bzw. ihn zu erkennen – bis zu einem hohen Grad verinnerlicht hatte, habe ich heute eine Sichtweise, die wohl nicht sehr verbreitet ist. Denn die meisten Menschen sind entweder „astrologiegläubig“ oder „nicht astrologiegläubig“ – und bleiben bei ihrer Überzeugung. Ich habe meine Sichtweise geändert.

Bestimmt war mein Leben von Astrologie nie, weil ich nicht dazu neige, mich einer Richtung zu verschreiben. Aber sie war zumindest ein Teil meiner Weltanschauung und hat sie natürlich beeinflusst.

Ich denke, die meisten Menschen widmen sich der Astrologie anfangs motiviert durch die Suche nach sich selbst. Es wird von Astrologiegegnern gerne behauptet, dass „rationale“ Menschen nie auf „diesen Humbug“ herein fallen würden. Meine Erfahrungen besagen aber etwas anderes: gerade Menschen, die sich die Welt und das Leben gerne rational erklären möchten, fühlen sich von Astrologie – zumindest im Rahmen esoterischer Angebote (wenn sie diese nicht von vorneherein ablehnen!) – besonders angesprochen.

Astrologie basiert nicht hauptsächlich auf Intuition und Gespür, sondern auf  Berechnungen und einem vorgegebenen „Plan“ – dem Horoskop. Diesen zu entschlüsseln kommt gerade denkerisch begabten Menschen entgegen – es verlangt eine gute Kombinationsgabe, Logik und das Lesen von viel einschlägiger Literatur. Es ist ein spannendes System, es fordert vor allem geistig heraus.

Ich glaube, dass jeder, der sich für Astrologie ernsthafter zu interessieren beginnt und sich in diese Weltsicht begibt, eine Zeitlang (wenn nicht sogar für immer) dabei bleiben wird.  Es gibt so viele Schulen und Richtungen und je mehr man darüber liest, umso spannender wird das Ganze, umso mehr Aha-Erlebnisse verbucht man auf sein Wissenskonto.

Für Zweifel bleibt bei Enthusiasmus wenig Zeit. Sie treten in den Hintergrund bzw. sind gar kein Thema. Astrologie ist wie ein aufregendes Spiel und je mehr man sich damit befasst, umso „süchtiger“ wird man danach. Dies ist vor allem so, weil es ein „selbstbelohnendes System“ ist: je intensiver man sich in die Materie begibt, umso mehr Möglichkeiten entdeckt man, umso mehr wächst die Begeisterung und umso mehr „begreift“ man damit. Man findet Kontakte zu anderen Astrologiegläubigen, das gemeinsame Interessensgebiet verbindet. Begibt man sich in die einschlägige „Szene“ findet man eine Menge „Spielpartner“.

Astrologie befasst sich mit menschlichen Themen – besonders mit der Psyche. Es geht darum, das Wesen eines Menschen über ein Horoskop zu erkennen. Das nächstliegende ist natürlich das eigene – welche Eigenschaften habe ich, wo liegen meine Problembereiche, was bestimmt meinen Lebensweg? Ein enorm spannender Themenkomplex, wenn man auf Selbstsuche ist.

Die Erklärungen und Bedeutungen, die das Horoskop liefert, bringen Ordnung und Struktur ins eigene Wesen bzw. Leben, immer mehr scheint sich durch bestimmte Konstellationen erkennen zu lassen. Und schon ist die Falle zugeschnappt – was als wahr angenommen wurde, erscheint als wahr und wird nicht mehr in Frage gestellt.

Ich bin jedoch nach langer Zeit zu dem Schluss gekommen, dass diese Strukturen und „Wahrheiten“ nicht das eigene Wesen (oder das anderer) erfassen und beschreiben, sondern dass es genau umgekehrt ist: das eigene Wesen bzw. das anderer wird anhand dieses Rasters erklärt. Das Horoskop gewährt keine Einblicke in das Wesen, sondern das Wesen wird als das gesehen, was das Horoskop aufzeigt.

Ich bin mittlerweile überzeugt davon, dass man jedes Horoskop jedem Menschen als das eigene nahe bringen kann und für dessen Deutung Zustimmung erfahren wird. Diverse Versuche damit belegen dies auch. Astrologie ist sehr allgemein gehalten, da sie dem „senkrechten Weltbild“ eines Priesters, der 300 v. Chr. lebte, folgt (Analogien entsprechender Prinzipien „wie oben so unten“). Dies bedeutet, dass – je nach Entwicklungsstand und konkreter Ausformung – eine bestimmte Konstellation nahezu beliebig viele Entsprechungen „auf einer Linie“ haben kann. Auch wenn man diese Linien nur aus Büchern erfährt und sie logisch nicht nachvollziehbar sind, wird davon ausgegangen, dass sie wahr sind. Wer sich mit Astrologie befasst, darf sie nicht hinterfragen, weil sie darauf aufgebaut ist. Ist die Suche nach der „richtigen“ Entsprechung hartnäckig genug, wird sie auch garantiert gefunden!

Natürlich ist es ein großer Unterschied, ob jemand nur zur „Lebensberatung“ zum Astrologen geht oder ob er sich selbst mit Astrologie befasst bzw. selber berät. Erstere sind einfach astrologiegläubig und lassen sich von einer vermeintlichen „Autorität“ ihr Leben erklären. Letztere sind diejenigen, für die Astrologie zur absoluten Weltanschauung geworden ist.
Es ist eine riesige Verlockung, ein System gefunden zu haben, das uns nicht nur aufzeigt, wie wir sind, welches unsere Lebensprobleme sind, sondern mit dem wir auch noch in die Zukunft blicken können.

Was einem nicht klar ist, wenn man sich in dieses System begibt, sind die eigenen Motive: im allertiefsten Grunde ist es ein Bedürfnis nach Kontrolle und Struktur durch eine „beglaubigte Übersicht“ und Vorhersehbarmachung des Lebens. Wir wollen alles verstehen, alles erkennen und in ein schlüssiges übergeordnetes System einbetten. Es nimmt dem Dasein die Unsicherheit und ersetzt Hoffnung und Glaube an unsere Fähigkeiten zur immer wieder erneuten Überwindung von Hindernissen und dem Bestehen von Herausforderungen duch beruhigende Schicksalsgläubigkeit. Und je „sicherer“ wir uns fühlen wollen, umso öfter werden wir ins Horoskop blicken, um keinen Ereignissen unvorbereitet ausgesetzt zu sein, um nichts hinnehmen zu müssen, das wir uns nicht erklären können – oder nach dessen Hintergründen wir mühsam suchen müssten.

Aber weder ist das Leben in all seinen Facetten übersichtlich zu erfassen, noch kann man alles vorhersehen. Astrologie delegiert Lebenserfahrungen und Probleme an das vorgegebene Schicksal. Das Gefühl, dieses Schicksal durch Astrologie zu „verstehen“, Einblick in den „universellen Plan“ gefunden zu haben, ist sehr aufregend. Es ist eine Art „Navigationssystem durchs Leben“. Wir brauchen uns nicht mehr tiefgründig mit unserem Innenleben auseinander zu setzen, wenn wir zu uns selbst finden wollen – wir fahren mit „Navi“ durchs Leben.

Astrologie als überliefertes Wissen birgt viele Weisheiten in sich. Es fußt auf der Beobachtung des Lebens und beschreibt sehr gut bestimmte (Entwicklungs)Phasen und die oft widerstrebenden Kräfte in der Natur des Menschen. Aber ein Horoskop gibt keinerlei Antworten auf die Ursachen unserer Probleme oder Wesenseigenheiten. Denn ob nun Saturn oder Mars irgendwo steht und irgendwie wirkt, ist ja keine Erklärung der Ursache. Es ist nur „Entsprechung“ (wie oben so unten). Nach den Hintergründen wird nicht gefragt.

Selbst wenn Astrologie funktionieren würde wie behauptet, hätte sie keinerlei Nutzen. Sie ist nicht imstande, ein Problem zu lösen. Man sähe davon im besten Fall nur eine „Abbildung“ des Problems. Die „Lösungen“, die Astrologen dazu anbieten, sind nichts als Spekulationen und Binsenweisheiten à la „Wenn es sich um einen sehr energiegeladenen, aggressiven Menschen handelt, sollte er viel Sport betreiben“ u.dgl. Was passen kann, aber auch nicht.

Doch Astrologie funktioniert nicht. Sie ist zu einer Zeit entstanden, in der es noch keine Wissenschaft im heutigen Sinn gab, keine Aufklärung, keine Psychologie. Die Phänomene der Natur des Menschen waren aber dieselben wie in der Gegenwart. Und der Drang, mehr zu wissen, hat wohl schon immer die Menschheit dazu getrieben, Erklärungen zu suchen, um etwas zu verstehen, das man nicht als unerklärlich hinnehmen möchte. Genau das hat dazu geführt, dass wir heute die Wissenschaften haben und sie uns bisher nahezu unglaubliche Erkenntnisse beschert haben.

Doch die mystischen Erklärungen der fernen Vergangenheit in der Gegenwart erneut hervor zu holen, halte ich für eine kollektive Regression, eine zeitgeistige Herrschaft des kindlichen Gemüts in der Menschheit. Vieles an der Astrologie gründet sich auf überholte Vorstellungen der Antike, die aus heutiger Sicht eher Märchen als Realität sind.

Niemand interessiert die astronomische Tatsache, dass sich die Sternbilder längst sehr weit verschoben haben und die Berechnung der Horoskope gar nicht mehr stimmt. Wer in diesem Jahr etwa als Wassermann geboren wird, hat zwischen dem 16. Februar und dem 12. März Geburtstag, d.h. fast einen Monat später als es die herkömmlich betriebene Astrologie behauptet. Und dennoch wird das Horoskop nach den Sonnenständen berechnet, die heute keine Gültigkeit mehr haben.

Wer in einer kindlichen Welt leben will, wird diese verteidigen. Kaum ein Astrologiegläubiger wird offen dafür sein, die Aussagekraft der Astrologie in Frage zu stellen. Auch wenn alle Argumente, Versuche und Tests dagegen sprechen. Warum? Weil er sie nicht hinterfragen will, weil er daran glauben möchte! Er würde sein Lieblingsspielzeug verlieren und sich eingestehen müssen, einer Illusion aufgesessen zu sein.

Doch einen Irrtum zuzugeben, bedeutet meiner Ansicht nach Aufrichtigkeit – auch sich selbst gegenüber. Irren ist menschlich und aus Erfahrungen lernen wir. Wir erfahren mehr über uns selbst, indem wir darüber reflektieren, warum wir uns von Astrologie so faszinieren ließen als durch jedes Horoskop.

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Responses

  1. Hi Eva.

    Finde ich gut, wie du beschreibst, wie wir die Kontrolle nicht aufgeben wollen und uns für die kommende „Zukunft“ emotional wappnen können und darum versuchen, in die Zukunft zu gucken. Weil wir schlicht und ergreifend Angst haben. Wovor auch immer.

    Alle esoterischen „Hilfsmittel“ können einen den steinigen Weg der eigenen Auseinandersetzung mit sich selber und das Hinnehmen der Gegenwart nicht abnehmen. Sie sind – ganz provokativ gesprochen – Krücken, damit wir vielleicht ein bisschen besser gehen können. Doch gehen müssen wir schon selber.

    Wer sich auf die Hilfsmittel (ob Engelskarten, Pendel, Astrologie) etc. verlässt, verlässt dabei sich selber. Wer sie jedoch quasi als Spiegel verwendet und dabei auch den Mut und die Ausdauer aufbringt, auch in den Spiegel zu schauen, dem kann man gratulieren. Wer dann auch noch die Konsequenz aufbringt, die Voraussagungen genau aufzuschreiben und retrospektiv zu überprüfen… tja, der wird die eine oder andere Ernüchterung erleben. Und dabei wahrscheinlich seiner Persönlichkeit näher kommen…

    Wer sich konsequent reflektiert, der braucht je länger, je weniger die Krücken. Da man dann erkennt, dass man immer rundherum Spiegel hat… Menschen, Situationen, Reaktionen.

    Wenn man beobachtet, wie und warum man auf die eine oder andere Art reagiert, braucht keine Hilfsmittel mehr. Denn das Problem an den Hilfsmitteln ist: Sie können verschieden interpretiert werden… Sie sind nicht deine Beine.

    Trotz aller Reflexion möchte ich aber eines betonen: Lebe! Geniesse! Sei du selbst! Denk nicht zu viel nach. 😉 Und wenn wir einen Fehler machen: Was solls! 🙂

    Wie sinnvoll ist DAS denn: Man weiss zwar sehr viel über sich selber, hat aber vor lauter Denken das Lachen und das Geniessen des Lebens vergessen? 🙂

    In diesem Sinne: Cheerio und weiter so! 🙂

  2. Liebe Anna,

    „Wer sich aufs Hilfsmittel verlässt, verlässt sich selber“ könnte von mir sein. Nur ist’s ein bisschen umgekehrt mit der Reihenfolge – denn wer Hilfsmittel braucht, hat sich schon verlassen. Ansonsten würde er sie nicht brauchen.

    „Lebe, genieße, sei du selbst, denk nicht zu viel nach“ ist ein frommer Wunsch, wenn man sich selbst verlassen hat bzw. eigentlich verlassen musste. Denn bewusst und freiwillig tut das ja niemand. Also braucht’s auch einen gewissen Weg der Rückbesinnung, den man ohne Denken wohl nicht so einfach gehen kann.

    Aber keine Sorge, nur zu denken, ist nicht meins. Ganz und gar nicht! Und Fehler hab ich genug gemacht – und werde ich auch zukünftig noch viele machen.

    Hoffentlich! Denn wer nicht den Mut hat, Fehler zu machen, hat ziemlich wenig Lebensmut.

    Liebe Grüße
    Eva

  3. Folgender Kommentar ist heute hier angekommen (nicht zu diesem Artikel direkt, sondern übers Kontaktformular):

    Hallo,
    gell, jetzt habens dir zum Geburtatag kratuliert bei astro.com, dich manipuliert wieder was zu schreiben und wieder kaputtgemacht.
    Reingefallen. ha ha ha

    Was soll man dazu sagen? Vielleicht „kratulieren“ zu seiner/ihrer geistig offenen und intelligenten Einstellung? 😉

    Zur Vorgeschichte: Da ich früher in diesem Astrologie-Forum geschrieben habe, in dem ich jetzt offenbar als „Abtrünnige“ gelte, habe ich mich mit dem Gedanken, man könne vielleicht zwischen Menschen, die nicht an Astrologie glauben im Sinne von Aussagekraft von Horoskopen und absoluten Gegnern, die auch das Archetypische daran ablehnen, eine Brücke bauen. Indem man weder die eine noch die andere Position einnimmt, sondern nur das Verbindende stehen lässt. Die Reaktionen darauf waren ablehnend bis aggressiv. Daraufhin habe ich das Forum verlassen, weil mich nichts mehr damit verbindet.

  4. Hallo Eva,

    ein sehr schöner Artikel! Ich beschäftige mich jetzt schon einige Jährchen mit dem Phänomen Astrologie und kann Deine Kritikpunkte leider nur bestätigen. Viele der Erfahrungen, die Du so treffend beschrieben hast, hätte ich sogar noch etwas schärfer formuliert.

    Ich war ebenfalls einige Zeit in einem einschlägigen Foren unterwegs, habe dann aber erkennen müssen, dass die meisten Forenteilnehmer kaum bereit sind, von ihrem starren Weltbild auch nur einen Millimeter abzurücken und konträre Standpunkte zuzulassen. Meine Versuche in dieser Richtung riefen ganz ähnliche Reaktionen wie die von Dir geschilderten hervor.

    Ich hatte diese merkwürdige Gefühl, als ob ich auf einem Spielplatz den im Sandkasten sitzenden Kindern plötzlich eines ihrer Schippchen und Plastikförmchen weggenommen hätte…

    Grüße von
    C.T.D.

  5. Finde ich interessant, was du schreibst. Was hättest du denn schärfer formuliert?

    LG
    Eva

  6. Hallo Eva,

    nun, eigentlich hätte ich ja schon längst geantwortet, aber schärfere Formulierungen wären dem gehoben Stil deines Blogs nicht angemessen gewesen. Anlass für meinen Unmut war eine zeitnahe Begegnung mit einer „Astro-Therapeutin“ im echten Leben.

    Normalerweise tendiere ich auch dazu, Extremstandpunkte zu vermeiden und die verschiedenen Perspektiven soweit zu integrieren, dass erste gemeinsame Berührungspunkte deutlich werden.
    Leider scheitert das zu oft daran, dass gerade im Esoterikbereich die dazu nötige Abstraktionsfähigkeit einfach nicht vorhanden ist..

    Glaubenssysteme werden dann als persönlicher Rettungsring benutzt und vorsichtige Einwände werden als persönlicher Angriff interpretiert. Nimmt man die oft anzutreffende Wissenschaftsfeindlichkeit hinzu, ergibt das in der Summe eine Mischung, die dem Pathologischen recht nahe kommt.

    In dem Forum, in dem ich einige Zeit aktiv war, und das zunehmend von einer astrologischen Schulrichtung dominiert wurde, gab es tatsächlich einige Teilnehmer, die in psychiatrischer Behandlung waren (oder noch sind) und dann seitenlang mit abstrusen Horoskopdeutungen therapiert wurden.

    Teilweise las es sich so, als hätte sich H.P. Lovecraft aus seinem Grab per Modem direkt in das Forum eingeklinkt – gruselig.

    Bei einem statistischen Unabhängigkeitstest mit einer neutralen Vergleichsgruppe fand ich witzigerweise auch einige leicht signifikante Konstellationen, die in der sog. Klassischen Astrologie ungefähr dem entsprechen, was mir unangenehm aufgefallen ist. Nachdem ich dies in einem Beitrag beiläufig anmerkte, war mein Ruf endgültig ruiniert.

    Grüße von C.T.D.

    • Hallo C.,

      Glaubenssysteme halten sich nur solange, solange man sie nicht ernsthaft hinterfragt. Und das tun Anhänger der Astrologie (und div. weiterer esoterischer Richtungen) nun mal nicht. Offen zu sein für das viele, das an uns heran getragen wird, ist ja überhaupt nichts Schlechtes, wie ich finde und ich kann eigentlich jeden Astro-Anhänger sehr gut verstehen, war ich es doch selbst mal.

      Ich weiß noch sehr gut, wie viel man da einfach ausblendet, das nicht passt und wie sehr man sich seinen Glauben selber bestätigt. Die selektive Wahrnehmung läuft dabei auf Hochtouren.

      Der einzige Unterschied zu vielen anderen war bei mir, dass ich irgendwann so ziemlich alles hinterfrage mit meinem angeborenen „Forschergeist“. Auch den eigenen Glauben. Wenn man sich aber damit ausführlicher zu beschäftigen beginnt und (vor allem) auch andere Sichtweisen zulässt – ich meine damit nicht diejenigen, die darüber überhaupt nicht reflektieren und gleich von vorneherein alles ablehnen, denn die sind genau so wenig kompetent wie die, die alles glauben – verändert sich die Perspektive. Man bekommt Abstand und Abstand halte ich für eins der wichtigsten Kriterien für einen klaren Blick.

      Solange man mitten in etwas drin steckt, ist Abstand unmöglich. Wenn solche Glaubenssysteme aber „hilfreich“ sind (in Wirklichkeit helfen sie ja nicht weiter, sie trösten vielleicht oder bieten Scheinklarheiten), will man da nicht raus.

      Deshalb glaube ich, dass vor allem Menschen, die ihren Kopf von alten Glaubensmustern frei bekommen haben, keine anderen mehr brauchen. Zumeist werden ja nur die alten gegen neue (bessere) ausgetauscht. Das „hilft“. Es ist nicht viel anders als wenn jemand vom zB Selbsthass zum Positivdenker wird. Er hat nur die Richtung geändert, aber er selbst hat sich nicht wirklich weiter entwickelt. Er hängt weiter in vorgegebenen Glaubenssystemen, die andere aufgestellt haben und denen er sich anschließt. Selbständiges Denken ist dabei nicht inkludiert.

      LG
      Eva

  7. Liebe Eva!

    Ich finde, dass Dein Artikel die Thematik herovrragend auf den Punkt bringt. Ich habe selten etwas so ehrliches zu dieser Problematik gelesen.
    Allerdings geht es nicht für alle, die ihre Türen für die Astrologie geöffnet haben, so glimpflich aus, wie für Dich (wie du es umrissen hast: als nicht wahrhaftiges, aber zumidest beruhigendes Konstrukt aus Schein-Gesetzen). Ich meine damit, dass die Schicksalsgläubigkeit in vielen Fällen zwar durch die von Dir beschriebene Absicht begründet ist, Übersicht und Kontrolle über Unkontrollierbares und Unvorhersehbares zu erlangen – aber in der Realität (entgegen der zugrundeliegenden Absicht) sehr oft alles andere als „beruhigend“ wirkt. Ganz im Gegenteil (ich habe es sowohl in meinem eigenen Fall wie auch im Fall einiger Bekannter von mir hautnahe erfahren): Abhängig selbstverständlich von der bisherigen Biographie und dem daraus resultierenden vorhandenen oder nicht vorhandenen Vertrauen ins Leben UND abhängig davon, welche Qualitäten dem eigenen Sonnenzeichen oder den Konstellationen im Geburts- oder Vorschauhoroskop von der Astrologie zu- oder aberkannt werden, kann der Versuch einer Selbsterforschung über die Astrologie statt „beruhigende Sicherheit“ zu spenden genauso massive Verunsicherung bewirken. Oft werden dann z.B. ursprünglich kleine Unsicherheiten, die man mit einer Portion Hausverstand und ehrlichem Hinterfragen der eigenen Herangehensweise leicht in den Griff bekommen könnte, aufgrund von Beahuptungen, die ein Horoskop oder ein Astrologe irgendwann über die eigenen Möglichkeiten hat, zu einer zehrenden und kraftraubenden Falle, die ein negatives Selbstbild oder Weltbild fördert und somit von vornherein jeden Schritt in eine positive oder sinnvolle Richtung stört.
    Was ich damit sagen wll, ist, dass Du zwar Recht damit hast, dass man nicht mit Scheuklappen durch das Leben gehen sollte (was auch für Personen vom rein rational/wissenschaftlichen Lager gelten soll) aber wenn ich ehrlich sein darf, wäre es mir lieber gewesen, ich hätte mich nicht auf die Astrologie eingelassen und wäre in jüngeren Jahren mehr mit Realitäten als mit Eventualitäten beschäftigt gewesen. Wäre ich in einem Elternhaus mit sehr rationalen Menschen aufgewachsen, die dieses von den Esoterikern oft bekrittelte „selbstgerecht Belächeln ohne sich damit auseinanderzusetzen“ für derlei Dinge aus Überzeugung praktiziert hätten, wäre ich sicher ein glücklicheres, unbelasteteres Kind gewesen als ich es war.

    Ich würde daher – trotzdem Weltoffenheit in jeder Hinsicht immer ratsam ist – in keiner Weise jemandem raten, sich in Abhängigkeit zu irgendeiner Form der Wahrsagerei zu begeben – nur um zu wissen, wovon er redet. Ich für meinen Teil würde lieber nicht wissen, wovon ich in dem Punkt rede und habe etliche Jahre gebraucht, um mich aus diesem Sumpf wieder zu lösen, in den ich schon als Kind hineingezogen wurde. Und eines ist sicher nicht von der Hand zu weisen: um aus den vielen, sich widersprechenden Aussagen in der Astrologie überhaupt ein schlüssiges Konzept herauszufiltern, MUSS man sich zwangsläufig so weit auf die Materie einlassen, auch in puncto Schicksalsgläubigkeit, bis man sich komplett verlaufen hat – und (wenn man es überhaupt schafft, wieder zurück zur Objektivität zu finden) einen langen Weg gehen musste, um die vielen Vorurteile und Schubladen wieder aus dem Kopf zu kriegen, die die Astrologie analog der menschlichen Bereitwilligkeit zum Schubladisieren dort installiert hat.

    Ich kann mir nach allem, was ich in dem Zusammenhang erlebt habe, absolut nicht vorstellen, dass es jemals irgendwem möglich gewesen sein soll, sich diese „Wissenschaft“ oder was auch immer es sein soll, rein objektiv und informativ, rein sozusagen aus „Weltoffenheit“, anzueignen. Entweder lässt man sich nämlich darauf ein – und IST somit bereits gefangen, oder man verschließt sich der Sache komplett. Ich würde Letzteres als gesundes Selbstvertrauen bezeichnen, das viel zu vielen Menschen ganz einfach nicht beigebracht wurde – und dann wendet man sich nach außen, mitunter an die dubiosesten Adressen, um die Antworten zu finden, die man eigentlich nur selber wissen kann… Der langen Rede kurzer Sinn: Die Anregung, alles zu ergründen um sich eine Meinung zu bilden ist eine tolle Sach – nur sollte man auch nicht verharmlosen, was die Auseinandersetzung mit bestimmten Lehren (vor allem im religiös/esoterischen Sektor, wo viel Unüberprüfbares behauptet wird und mehr oder weniger blinder „Glaube“ oder „Vertrauen“ vorausgesetzt wird, um etwas „erfassen“ zu können) für die eigene Psyche bedeuten kann. Ich glaube, hier sind Vorbehalte und Skepsis ein durchaus angebrachter und wertvoller Schutz vor Übergriffen auf die eigene Psyche/Seele (was auch immer)…

    Das sind meine Gedanken dazu. Danke nochmals fürs Veröffentlichen Deines sehr nachdenklichen und ehrlichen Artikels!!

    LG,
    C.

  8. Ich kann mir gut vorstellen, dass es sehr schwer ist, aus solchen Sichtweisen wieder heraus zu finden, wenn man ganz tief drin steckte. Obwohl ich mich intensiv damit befasst habe, steckte ich aber nie so tief drin, weil in mir immer Restzweifel vorhanden waren. Insofern war es auch ein wenig eine Spielerei. Ich bin viel zu pragmatisch, um mich in diesen Gedankengebäude gänzlich zu verlieren. Den Wendepunkt erlebte ich durch einen Online-Kurs mit zwei „namhaften“ Astrologen, die zwar ausgesprochen nett und einfühlsam agierten, aber auf mich immer unechter wirkten. Ich fühlte mich fast wie in einer Sekte und das hat mich total verwirrt und ziemlich viel Chaos in mir angerichtet. Es ist eine Sache, wenn man sich selbst mit Astrologie befasst und eine ganz andere, wenn man mit vollkommen indoktrinierten Menschen zusammen ist. Mir wurde klar, dass die überhaupt keinen einzigen selbstständigen Gedanken mehr in sich haben und nur nach dem vorgegebenen Modell leben, denken und agieren. Das fand ich schrecklich, denn ich schätze selbständig denkende Menschen außerordentlich, sind sie doch eher selten zu finden. Und Sekten finde ich gänzlich abstoßend.
    Aber du hast schon recht: es ist nicht jedermanns Sache, sich so weit einzulassen und dann doch wieder heraus zu finden. Das Schubladendenken ist verdammt hartnäckig. Man merkt nicht, wie sehr es die klare Sicht verstellt, man wrd zum reinen Reproduzierer von einem Modell, das man nie ernsthaft in Frage gestellt hat und damit immer unselbständiger und abhängiger. Zugleich wird man wird zum „Experten“ mit vielen Jüngern und das tut dem Ego gut.
    Doch die große Diskrepanz von angeblich mehr oder weniger erleuchtetem Wissen und der extremen menschlichen Unreife, dem Schönreden von Problemen und Erklärungen dafür, die die Verantwortung auf das Schicksal schieben und abseits jeglicher realistischer bewusster Einsicht waren, hat mir die Augen geöffnet.
    Man kann da nur aus sich heraus weg kommen, jegliche Kritik von anderen wird niedergeschmettert, weil man zutiefst überzeugt ist und nur mehr in diesen Kategorien denkt.
    Ich halte das Ganze mittlerweile auch nicht mehr für harmlos. Vor allem die Erklärungen für schreckliche Vorkommnisse auf dieser Welt kotzen mich nahezu an – alles ist selbstverschuldet, alles macht Sinn… Wie blind muss man schon sein, um das zu glauben? Wenn einem das Gespür für Ungerechtigkeiten und das Böse, das auch in der Menschheit steckt, verliert, wird’s echt gefährlich.
    Wobei ich blindes Jüngertum ohnehin schon immer sehr schlimm fand. Man gibt das eigene Denken und Fühlen ab und orientiert sich nur mehr am „Guru“. Wobei auch Astrologie ein „Guru-Modell“ ist.

    LG
    Eva

  9. Hallo nochmal! Danke für den ausführlichen Input. Habe großen Respekt vor so viel geistiger Selbständigkeit. Ich hoffe, dass Deine Anregungen von vielen im Netz gefunden werden, die beim Versuch einer Loslösung vom Astro-Kaugummi etwas Rückendeckung gebrauchen können.

    THX und LG, C.

  10. Ich denke, nur für solche Menschen ist anregend, was ich schreibe. Mir ist klar, dass ich keinen einzigen, der davon überzeugt ist, beeinflussen kann. Es kann nur jene erreichen, die zweifeln, denn die, die nicht zweifeln, erreicht ohnehin nichts.
    „Astro-Kaugummi“ finde ich übrigens sehr originell – und zutreffend. Ich würd’s noch ausweiten auf „Esoterik-Kaugummi“ und sonstige schrägen Methoden, die alle darauf pochen, die Wahrheit gefunden zu haben. Und vielleicht sogar auf gar nicht so schräge Methoden, die im Grunde auf auch keiner so viel anderen Basis stehen.
    LG
    Eva


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