Verfasst von: Eva | 17/01/2010

Neid

Das Thema ist mich jetzt so richtig angesprungen. Ich kann es nicht begründen, warum, aber es ist, wie ich finde, ein interessantes Thema.

Obwohl Neid landläufig als „Gefühl“ angesehen wird, sehe ich das nicht so. Neid ist wohl eher eine Reaktion auf Gefühle, die dahinter liegen. Vielleicht im Grunde ein Bedauern, selbst nicht über etwas zu verfügen, worüber andere verfügen.

Mir ist aufgefallen, dass sich in der Reaktion darauf Menschen gravierend unterscheiden.

Der eine wird traurig, den anderen spornt es an, sein Möglichstes zu tun, um Ähnliches zu erreichen und ein anderer wiederum richtet seinen Groll auf denjenigen, der hat, was er nicht hat.

Letztere Reaktion würde ich als Neid bezeichnen. Eigentlich ein völlig widersinniges Unterfangen. Wenn jemand anderer über etwas verfügt, worüber ich auch verfügen möchte, muss ich mich eben anstrengen, um dasselbe zu erreichen. Und wenn mir der Weg dahin nicht gefällt oder mir nicht möglich ist, erscheint mir die Reaktion des Grolls ziemlich kindlich.

Sehr oft ist es aber auch so, dass man den Weg, den andere gehen, gar nicht gehen will – aber dennoch dessen Ergebnis haben möchte. Das ist seltsam einseitig gedacht.

Wenn schon, dann muss man auch das „gesamte Paket“ in Kauf nehmen.

Natürlich gibt es auch Erfolge, die man selber niemals erreichen könnte, auf die man neidisch sein kann – aus verschiedenen Gründen. Wenn es die Tatsache einer sehr ungleichen Ausgangsposition ist (keine Chancengleichheit), ruft das aber keinen Groll auf den anderen hervor. Dieser, der über die Chancen verfügt, über die ich nicht verfüge, hat ja mit meiner Situation nichts zu tun.

Wenn es darum geht, gegen eigene Werte handeln zu müssen, um das zu erreichen, was der andere erreicht hat, ist das eher ein Gewissenskonflikt, den man noch nicht in sich bereinigt hat, soferne man dabei Neid empfindet.

Neid bezieht sich sehr oft auf Materielles. Aber nicht nur. Man kann jemand auch sein Aussehen, seine Intelligenz, seine Zufriedenheit und sein Glück neiden.

Niemand neidet jemand sein Unglück, seine Unzufriedenheit oder seine Armut!

Also entsteht Neid immer auf der Basis von gefühlter Unterlegenheit, aus einem „Ich habe zu wenig und möchte mehr davon – so viel wie der andere oder besser noch mehr davon“. Neid kann im Grunde nur in Menschen entstehen, die sich selbst und ihr Leben nicht annehmen, wie es ist. Und die auch keine Möglichkeit in Betracht ziehen, es zum Besseren zu verändern. Die Gründe dafür können sehr unterschiedlich sein. dennoch sagt Neid sehr viel über die eigenen Wertvorstellungen aus.

Niemand neidet jemandem etwas, das ihm nicht sehr wichtig ist. Aber selbst, wenn ihm etwas sehr wichtig ist und jemand anderer darüber verfügt, muss die natürliche Reaktion darauf keinesfalls immer Neid sein. Es kann auch Bewunderung sein, Vorbildwirkung haben oder große Freude bereiten.

Ich war vor etlichen Jahren mit einer Bekannten in einem klassischen Liederabend. Der Sänger war einer der ganz Großen und hat sehr berührt. Es war ein außergewöhnliches Erlebnis. Als der erste große Applaus kam, sagte meine Bekannte etwas, das mir zutiefst fremd vom Empfinden her war. Sie meinte, wie toll es doch sein müsse, auf einer Bühne mit solchem Applaus zu stehen – wie ungemein erhaben man sich da fühlen müsse, wenn man so viele Menschen beeindrucken könne.

Ich war richtig perplex. Nach der Aussage meiner Bekannten fühlte ich mich nahezu niedergeschlagen und bereute es, nicht alleine in dieses Konzert gegangen zu sein. Diese Egozentrik löste unangenehme Empfindungen in mir aus, die so gar nicht zu dem schönen Erlebnis passten. Zudem fand ich es sehr schade, dass sie die Schönheit des Gesangs nicht in sich aufnehmen konnte, ohne Gedanken daran, wie es wäre, wenn sie selbst „erfolgreich“ auf der Bühne stünde.

Dieselbe Bekannte hat mich noch einmal auf das Thema Neid gebracht. Sie interessierte sich wie ich selbst sehr für psychologische Themen und erwog, eine Ausbildung darin zu machen. Aber eines ihrer Argumente dafür war, dass der Stundenlohn für so eine Tätigkeit von 70 Euro aufwärts ginge – und dass das eine Vorstellung sei, die ihr sehr gefiele.

Abermals war ich irritiert. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Menschen, die sich in diese Bereiche begeben, so denken.

Fazit: Ich denke, Neid ist eine bevorzugte Reaktion von narzisstisch gestörten Menschen. Alles dreht sich um sie selbst, man kann nicht in Freude im Positiven aufgehen, solange es nicht von einem selbst kommt. Man kann das Positive zwar wahrnehmen, aber die eigenen tiefinnersten Minderwertigkeits- und zugleich Größenwahngefühle lassen es nicht zu, sich mit anderen zu freuen, sondern enden in Missgunst. Die Euphorie stellt sich nur durch die Vorstellung ein, selbst an Stelle dessen zu sein, der Erfolg hat. Mitfühlen ist im Grunde etwas Fremdes, alles dreht sich nur um sich selbst. Würde man mitfühlen, würde man sich ja selbst aus dem Zentrum nehmen müssen.

Und wenn es jener Neid ist, der sich um Vergünstigungen von Menschen dreht, die sich diese auf unlautere Weise  bemächtigt haben? Dann, ja dann muss man einfach zu sich selbst und seinen Werten stehen und darf nicht über die „Ungerechtigkeit der Welt“ jammern, denn niemand hat uns versprochen, dass das Leben gerecht ist.

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Responses

  1. Liebe Eva,
    spannendes Thema, was mich auch beschäftigt. Aber mehr im Sinne von Vergleichen mit Anderen.
    Mein Kollege ist so toll in vielen Belangen, da kann ich nicht mithalten. Das mir einzugestehen fällt mir nicht so leicht.
    Ich finde Dich zum Schluß des Textes etwas zu absolut, so mal ein bißchen neidisch zu sein ist doch eine läßliche Sünde oder etwa nicht? (das schreibe ich als früherer Katholik). Mit sich gnädig zu sein ist auch eine Kunst.
    Ja, sich so anzunehmen wie man ist und dazu zu stehen ist schon ein schwieriges Unterfangen. Vor allen Dingen wenn man nicht in den Mainstream passt.
    Nochmals liebe Grüße Norbert

  2. Lieber Norbert,

    ich finde – bzw. habe es mit der Zeit erlernt – dass man sich für oder gegen Neid (zumindest als reflektierender und weitgehend entwickelter Mensch) entscheiden kann.
    Neid ist einfach nur kontraproduktiv in allem. Am meisten schadet er einem selbst – und zudem kann man andere damit auch noch ziemlich fies behandeln.
    Nicht falsch verstehen! Ich meine nicht, dass es reicht, sich gedanklich zu sagen, Neid sei eigentlich sehr schädlich und dann hat man ihn nicht mehr, denn so einfach ist das nicht, aber wenn man sich tiefergehend damit auseinander setzt und sich wirklich selber „am Riemen reißt“, wenn man Gefahr läuft, sich darin zu verlaufen, sollte man innerlich ein ganz großes Stoppschild aufstellen.

    Den Schluss meines Textes hab ich nicht unüberlegt so verfasst. Ich mache mir schon seit längerer Zeit darüber Gedanken, wie gut wir es hier eigentlich materiell haben. Wir können uns feinsten Seelenregungen widmen, da die meisten von uns weder im Überlebenskampf noch in sonstwelchen existenziellen Problemen stecken. Damit möchte ich keinesfalls seelische Probleme schmälern, denn die können bis zur Selbstvernichtung anwachsen.
    Aber wenn man den Horizont ein wenig weitet, sieht man, dass unser Fleckchen, auf dem wir leben, nicht die Welt ist. Es ist nicht mal ein großer Teil der Welt.

    Es gibt Menschen – sehr, sehr viele – die täglich ums Überleben kämpfen und ein Teil davon verliert diesen Kampf. Ich möchte das nicht als abstraktes Argument anführen – wie viele Menschen, wie viele Kinder hungern, während wir hier im materiellen Überfluss leben (trotz Wirtschaftskrise bersten die Supermärkte vor Angeboten) – sondern als reale und realisierte Tatsache.

    Daher habe ich mich auch vor kurzem dazu entschlossen, eine Patenschaft für ein Kind aus einem Entwicklungsland anzunehmen. Ich bezahle dafür 35 € pro Monat. Das ist für mich nicht einmal spürbar, wenn ich auf ein paar Luxusartikel verzichte, die mir kaum abgehen werden.

    Aus dieser Position heraus musst du es sehen, wie ich das Ende meines Texts schrieb. Ich hoffe, du kannst das verstehen.

    Liebe Grüße
    Eva

  3. Hallo zusammen

    Hmmmm. Neid ist ein spannendes Thema. Ich glaube, wenn jemand neidisch ist, ist das per se mal nicht schlecht – zumindest muss man sich selber nicht gleich kasteien. Ich glaube, es reicht auch nicht, sich dann selber „am Riemen zu reissen“. Schon alleine die Vorstellung davon, bereitet mir Unbehagen.

    Wenn ich sehe, wie jemand irgendwo besser etc. ist als ich und das Gefühl von Minderwertigkeit auftaucht, dann muss ich das zuerst einmal akzeptieren. Und dann kann ich das transformieren versuchen. Ist das, was die Person „besser“ kann als ich auch wirklich erstrebenswert? Warum fühle ich mich denn minderwertig? Ist das wirklich gerechtfertigt? Und wenn ja: Kann ich das auch? Wenn ja (selbst wenn es Mühen bereitet) – dann kann Neid doch ein wunderbarer Antrieb sein, um etwas zu erreichen.
    Wenn die „Sache“ nicht erstrebenswert ist: Dann liegt das Problem des Minderwertigkeitsgefühls wohl irgendwo anders.
    Wenn ich das Beneidete aus welchen Gründen auch immer nicht erreichen kann: Tja… Das ist dann der schwerste Weg – sich für den anderen freuen und sich auf seine eigenen Sträken konzentrieren.

    Ich beneide auch einige Leute, dass sie toll snowboarden, malen, singen, designen können. Aber vielleicht ist „beneiden“ auch das falsche Wort: Ich würde auch gerne so singen etc. können, kann es aber nicht und es scheint mir auch nicht wahnsinnig erstrebenswert (für mich). Ich bewundere sie dafür, empfinde jedoch keine Missgunst, sondern freue mich für sie.

    Ich finde, Neid entspringt eben NICHT aus dem Fokus auf sich selber, sondern – im Gegenteil – weil man den Fokus auf den anderen gerichtet hat. Würde man den Fokus auf sich selber richten, würde man vielleicht entdecken, dass man selber ganz andere Bedürfnisse und Fähigkeiten hat?

    Bitte entschuldige, wenn die Gedanken ein bisschen wirr sind… 😉 Aber vielleicht bin ich ja zu sehr auf mich fixiert und deshalb narzisstisch gestört? 😀

    http://de.wikipedia.org/wiki/Neid

  4. Liebe Anna,

    ich kann deinen Gedanken gut folgen. Unter Neid – so im richtigen und heftigen Sinn – meine ich eigentlich die Form, die mit Missgunst einher geht. Wo man sich eben nicht freut, dass jemand anderer etwas hat oder kann.

    Schon klar, dass man dabei auf den anderen sieht, aber dennoch entspringt die Missgunst doch aus einem Vergleich mit sich selbst. Wo er oft nicht hin gehört. Man ist dabei – meiner Meinung nach – zu wenig beim anderen, denn Mitfreuen ist doch mehr beim anderen sein als bei sich selbst.

    Das Beneiden, das du erwähnst, sehe ich eher als Bewunderung mit dem Wunsch an, das Bewunderte auch erreichen zu können. Dagegen spricht überhaupt nichts, es ist allenfalls ein gesundes Konkurrenzdenken, das anspornen kann.

    Wenn jemand etwas Bewundernswertes tut und in mir steigt sofort Missgunst auf, denn im Grunde möchte ICH das tun oder können – dann ist der Fokus in erster Linie bei sich selbst, würde ich meinen.

    Liebe Grüße
    Eva

  5. P.S.
    Den Link habe ich noch nicht gelesen – hol ich nach, aber ich muss jetzt weg.


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