Verfasst von: Eva | 20/01/2010

Ratschläge

Durch kürzlich Erlebtes machte ich mir Gedanken darüber, wie oft Menschen zu wissen glauben,  was „richtig“ ist. Vor allem in Bezug auf andere.

Ich meine damit nicht, etwas aufzuzeigen, das einem am anderen als unstimmig auffällt, denn dies kann oft sehr zum (fruchtbaren) Reflektieren anregen. Vielmehr meine ich Ratschläge, die blitzschnell ausgesprochen werden. Geht es um Fachwissen in Bereichen, in denen der andere über wenig Kompetenz verfügt, ist ein Rat oft wirklich hilfreich. Geht es jedoch um die Lebensgestaltung, kann ein Rat nur schlecht sein. Alles, was das individuelle Leben ausmacht, kann nur vom betreffenden Individuum selbst ausgehen.

Ein wirklich guter Therapeut wird nie konkrete Ratschläge geben. Oberste Maxime in einer Therapie ist es, dass Menschen zu ihren eigenen Lösungen finden. Und, ehrlich gesagt, bin ich auch dafür, ihm den Weg dahin freizustellen. Denn Techniken und festgelegte Methoden wirken keineswegs bei jedem gleich und sind auch längst nicht für jeden geeignet.

Alles, was einen Ratschlag zu persönlichen Themen ausmacht, ist die versteckte Aussage „So würde ich es machen.“ Das oft hinzugefügte oder nur gedachte „an deiner Stelle“ ist an sich absurd. Denn niemand ist an anderer Stelle. Weder haben zwei Menschen dieselbe Vorgeschichte, noch dasselbe Wesen, noch dieselben Ressourcen und Fähigkeiten. Dennoch wird oft munter drauflos geratschlagt. Am Ende steht oft das Urteil „Selbst Schuld an seiner Misere, lässt sich nichts sagen“.

Was für eine Überheblichkeit! Nicht derjenige, der dem anderen undurchführbare oder unpassende Ratschläge gibt, hinterfragt deren Richtigkeit, sondern dem anderen wird Uneinsichtigkeit angelastet.

Oft ist es so, dass jemand nicht so einfach argumentieren kann, warum manches nicht umgesetzt werden kann oder warum ein Ratschlag auch dann falsch ist, wenn er sich gut anhört. Und das alleine genügt meist schon, um ihm Unwilligkeit zu diagnostizieren.

Wir haben aber nicht für alles Worte. Wir können nicht immer erklären, warum etwas nicht geht. Wer das kann, müsste über ein extrem hohes Maß an Selbsterkenntnis verfügen. Ob daraus verständliche Argumente werden, ist dennoch fraglich. Noch dazu, wo Ratgeber sehr oft über Dinge nur theoretisch sprechen. Weder haben sie sich selbst schon in genau derselben Situation befunden, noch diesen Rat praktisch umgesetzt.

Ich kenne Menschen, die niemals Kinder aufgezogen haben, das Gefühl  nicht aus eigenem Erleben kennen, Eltern zu sein, den Alltag mit einem Kind nie erlebt haben, das Kind des anderen nicht einmal tiefergehend kennen – und dennoch genau zu wissen meinen, wie sich auf simple Weise alle möglichen Probleme lösen lassen.

Von der Erkenntnis, die jede Mutter und jeder Vater nach einiger Zeit der Elternschaft hat – dass nämlich Theorie und Praxis so weit auseinander klaffen wie kaum sonst etwas – weiß er nichts, da er nie in dieser Lage war.

Es gibt natürlich noch eine unendliche Menge von anderen Bereichen, in denen Ratschläge nicht nur falsch, sondern noch dazu kontraproduktiv sind.

Der innerlich Ruhige, der dem Nervösen erklärt, wie man es macht, ruhig zu sein

Der nie mit Sucht in Berührung Gekommene, der Süchtigen erklärt, wie man von der Sucht loskommt

Der Reiche, der dem Armen erklärt, wie er auch ohne Geld glücklich werden kann

Der sozial Eingebundene, der dem Einsamen erklärt, was er falsch macht

usw. usw. usw.

Die Welt ist voll von „begnadeten Ratgebern“, die sich einbilden, damit anderen helfen zu können. Und JEDER geht von sich aus. Wenn nicht von seinen Erfahrungen, dann von seiner Meinung dazu. Und hilfreich sind die allerwenigsten damit!

Daher halte ich eines für weit besser als Ratschläge zu geben: Zuhören. Einfach Zeit investieren und den anderen über seine Lage erzählen lassen. Ihn dazu ermuntern, seine Gefühle und Gedanken auszudrücken, die Umstände, die dazu geführt haben, ausführlich zu beschreiben. Ein Ohr für ihn haben. Ihm Fragen zu stellen, wenn er ins Stocken kommt. Ich halte das für den einzigen Weg, jemand anderen, der vor einem Problem steht, zu helfen. Das oft Festgefahrene kommt dadurch ins Fließen, angestaute Emotionen weichen sich auf und klären den Blick. Erkenntnisse kommen nur zustande, indem man seine Situation und sich selbst besser verstehen lernt. Wer könnte da hilfreicher sein als ein guter Zuhörer, der nichts abtut, nichts bewertet und nichts vorschnell verurteilt?

Verständnis tut gut. Es tut oft so gut, dass man sich alleine dadurch von großen Lasten befreit. Wenn ich mich in meinem Sein mit all meinen Schwächen angenommen fühle, kann ich mich auch selber besser annehmen. Wer sich selber annimmt, fängt an, sich zu vertrauen und findet zu Eigenständigkeit.

Gute Zuhörer sind selten. Bei den meisten reicht die Geduld nicht aus, diesen Prozess abzuwarten. Sie hängen der Illusion nach, dass angebotene Lösungen die bessere Variante sind. Sie können es vorübergehend sein, indem sie manches abmildern, aber sie sind es niemals auf Dauer. Denn angebotene Lösungen sind nicht gewachsene und erkannte Lösungen desjenigen, der nach ihnen sucht. Es sind nichts als Wegweiser von anderen, die den eigenen Weg nicht kennen.

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Responses

  1. Liebe Eva,
    schöner Text den Du geschrieben hast. Kann ich nur zustimmen, nicht umsonst sind Ratschläge ja auch oft „Schläge“. Bei den Schwierigkeiten mit meinem 20jährigen Sohn versuche ich das gerade zu beherzigen, was nicht so einfach ist.
    Schöne Grüße aus dem kalten Berlin von
    Norbert

  2. Lieber Norbert,

    das mit den „Schlägen“ im Wort hab ich mir auch überlegt – bin aber zu dem Schluss gekommen, dass man davon nichts ableiten sollte. Denn mir sind dazu Wörter eingefallen wie „Flügelschlag“, „Handschlag“ und „Aufschlag“ und da passt das Argument „Schläge“ im negativ gemeinten Sinn dann doch nicht.
    Obwohl – du hast schon irgendwie Recht – das Wort Rat (ohne Schlag) klingt weicher und nicht so übergriffig. 🙂

    Liebe Grüße aus dem kalten Wien mit frischem Schnee (gefällt mir gut, ich mag richtige Winter)
    Eva


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