Verfasst von: Eva | 25/01/2010

Die Kraft von innen

Ich habe ein Buch geschenkt bekommen. „Wahre Kraft kommt von innen“ von Louise Hay.

Ich kannte die Autorin nicht, ahnte aber, dass es einer der zahllosen New Age-Ratgeber sein würde. Dennoch habe ich mich guten Willens daran gemacht, es zu lesen. Über Seite 35 bin ich allerdings nicht hinaus gekommen, abgesehen vom mehr oder weniger raschen Durchblättern des Rests. Es stand nichts darin, das ich nicht schon kannte.

Nun habe ich mir diese ersten 35 Seiten des Buches sehr genau durch gelesen und sogar Notizen gemacht. Danach erlahmte mein Durchhaltevermögen. All diese Bücher sind nach demselben Muster gestrickt. Jemand hat vorzugsweise ein dramatisches Erlebnis (meist Krankheit, seelisch oder physisch – Hay hatte Krebs), überwindet diese Krankheit und fühlt sich danach dazu berufen, die ganze Welt mit seinem Glauben zu missionieren, auf den er seine Heilung zurück führt. Da damit aus eigener Erfahrung berichtet wird, wirken diese Autoren besonders glaubwürdig.

Jedes dieser Bücher folgt demselben Muster: das Aufgreifen verbreiteten „Fehlverhaltens“, verpackt in eine mystische Weltanschauung und dargeboten als Heilslehre.

Bemerkenswert fand ich im Vorwort die Aussage, dass es jedem freigestellt sei, die Bezeichnungen für manches durch andere zu ersetzen, falls einem diese nicht zusagen sollten. Auch, dass man nicht alles anzunehmen bräuchte, sondern nur das, was gefällt und anspricht. In vielen anderen Büchern wird das nicht so freimütig gehandhabt. Man könnte eigentlich das gesamte Buch – von weltanschaulichen Ansichten befreit – ganz gut in sachliche Informationen übersetzen. Das Gemisch an „Neo-Religiösem“ und psychologisch längst Erforschtem ist aber kaum zu trennen.

Ich denke, die Zielgruppe für derartige Bücher setzt sich aus folgenden Personengruppen zusammen:

– psychologische Laien, die stimmige Erklärungen für seelische Vorgänge suchen
– religiöse Menschen, die mit der christlichen Religion nicht viel anzufangen wissen und denen Esoterik Ersatz dafür bietet
– weltanschaulich Orientierungslose, die der Faszination dieses Systems erliegen
– Menschen, die den gesellschaftlichen Entwicklungen sehr kritisch gegenüber stehen und sehr unkritisch in Esoterikern Mitstreiter sehen, die sich für eine bessere Welt einsetzen

Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass allen eines gemeinsam ist: ein Mangel an Liebe (damit schließe ich mich Hay an). Und das ist kein Wunder in unserer Zivilisation, wo das „Gegeneinander“ das „Miteinander“ bei weitem überwiegt. Wo es Kinder sehr selten ohne innere Mangelzustände und den sich daraus bildenden Neurosen bis ins Erwachsenenalter schaffen.

Das Positive an dem Buch: es regt zu Selbstreflexion an. Die eigenen Gedanken und Aussagen zu beobachten, ist ein wichtiger Schritt dabei. Man kann dadurch etlichen seiner Glaubenssätzen auf die Schliche kommen. Aber obwohl Hay davon schreibt, dass sie selber eine Psychotherapie gemacht hat, in welcher sie sogar sehr intensiv an ihren seit der Kindheit verdrängten Aggressionen arbeitete – bleibt sie letztlich dennoch bei den üblichen Ratschlägen, sich über Affirmationen und positives Denken „von allem Negativen zu befreien“. Ich finde es sehr schade, dass sie an dieser Stelle nicht den Lesern nahe legt, auch sie sollten sich (u.U. ebenfalls mit Hilfe einer Psychotherapie) ihren inneren Verletzungen und unterdrückten Gefühlen stellen sowie möglichst sachliche Selbstreflexion betreiben. Denn das wäre endlich ein Schritt in die richtige Richtung.

Leider findet er nicht statt. Je weiter man liest, umso esoterischer wird das Ganze wieder. Das Höhere Selbst führt uns zu jeder Zeit (und im Widerspruch dazu kommen Tipps, wie man das Bewusstsein beeinflussen kann, um dem Höheren Selbst wieder die Macht zu geben …), es versorgt uns in allen Lebenslagen verlässlich mit dem, was wir brauchen. Die strikte Ausblendung, dass man selber und auch nicht der Ort, wo man lebt, der Nabel der Welt ist, sondern es eine Menge Länder und Völker gibt, die von nichts und niemandem versorgt werden, oft in bitterster Armut ums Überleben kämpfen, ist in der Esoterik überall anzutreffen. Es funktioniert eben nicht überall, sich nur selbst zu lieben und von seinem Höheren Selbst versorgen zu lassen. Es sei denn, man unterstellt pauschal all diesen Menschen, sie seien selbst an ihrer Misere beteiligt (schlechtes Karma).

Was im Grunde auch getan wird.

Fazit: Wir gehören alle einer Elite an, die solches Karma nicht mehr abzutragen hat. Alles ist in Ordnung und wir können wunderbar über die Missstände hinweg sehen. Mitgefühl ja – aber doch mit dem wohligen Wissen, dass uns das nicht passieren kann, weil wir da längst darüber stehen… Ich kenne keine Esoteriker, die aktiv an positiven Veränderungen mitwirken, sich die Ärmel aufkrempeln, Hilfsprojekte organisieren oder sich für andere einsetzen. Sie kreisen ausschließlich um sich selbst und die erhoffte „Erleuchtung“. Meist im Verein mit anderen, die ebenso denken.

Hay behauptet auch – denn mehr als eine Behauptung ist es nicht – dass Krebs aus lange unterdrückten Aggressionen entsteht. Ich frage mich, wie das auf krebskranke Babys zutreffen kann!
Weiters schreibt sie, speziell Brustkrebs träfe Frauen, die nicht „Nein“ sagen könnten. Ich denke eher, da Frauen noch immer sehr verbreitet dazu erzogen werden, nicht „Nein“ zu sagen, gibt es viele solcher Frauen und daher wird auch deren Anteil bei Brustkrebserkrankungen hoch sein. Abgesehen davon kommt Brustkrebs auch bei Tieren relativ häufig vor.

Mich macht die hemmungslose Verbreitung solch einseitiger Erklärungen nahezu wütend. Es trägt nicht nur zur Verdummung der Menschen bei, sondern kann auch gefährliche Folgen haben. Kranke verweigern sich (oft sogar mitsamt ihren Kindern) medizinischer Hilfe und hoffen auf Selbstheilung. Einige Fälle von Spontanheilung bei schweren Krankheiten (der Prozentsatz ist verschwindend gering) reichen den meisten Esoterikern als unumstößlicher Beweis für ihre Theorien.

Wenn jemand krank wird, verhungert, durch Naturkatastrophen oder Gewalttaten stirbt, trägt er die Verantwortung dafür – ebenso dafür, wenn er davon nicht betroffen ist. Hay schreibt nur, man dürfe das nicht mit Schuld verwechseln, weil Schuldgefühle niemandem weiter helfen, aber man müsse sich seiner Verantwortung bewusst sein.

Aus esoterischen Kreisen kommen auch immer wieder angstmachende Warnungen vor Impfungen. Wenn aber nicht ca. 90 % der Bevölkerung gegen bestimmte Krankheiten (zum Beispiel Masern) geimpft sind, besteht die Gefahr von Epidemien. Das Riskio von Hirnentzündungen nach einer Erkrankung beträgt 1:1000, nach der Impfung 1: 1000000. Die New Age-Bewegung ist also nicht ganz so harmlos wie oft dargestellt. Obwohl bei ca. 30 Millionen Impfungen in Deutschland 2001 nur 236 Verdachtsfälle von Impfkomplikationen auftraten (0,02%), von denen noch dazu keiner bleibende Schäden hinterließ, werden Impfungen immer mehr verteufelt. Selbst die behauptete steigende Allergieanfälligkeit durch Impfungen wurde längst dadurch widerlegt, dass es in der DDR weit weniger Allergien gab als in der BRD, obwohl in der DDR Impfpflicht herrschte. Doch die Behauptungen halten sich hartnäckig, Fakten werden einfach negiert.

Alles in allem werden wahre Aussagen – jedem Menschen ist es zuträglich, seine eigene Verantwortlichkeit  zu erkennen – mit teilweise absurden Philosophien verwoben, die auf Glauben beruhen (wir brauchen alles, das uns widerfährt für unsere Entwicklung – wenn Menschen daran zugrunde gehen, gibt es eben die Wiedergeburt).

Immer wieder stelle ich fest, dass esoterische Aussagen dogmatisch sind. Wir haben alle Verantwortung für uns selbst (soweit wir dazu fähig sind, bei manchen Krankheiten würde ich das nicht so sehen), aber einzelne Menschen haben nicht die Verantwortung dafür, dass sie bei einer Flutkatastrophe oder einem Erdbeben umkommen. Sie tragen auch gewiss keine Verantwortung dafür, dass ihnen ein Ziegelstein auf den Kopf fällt. Darin „göttliche Vorsehung“ zu sehen, erscheint mir ebenso an den Haaren herbei gezogen wie der naive Glaube, alle Menschen seien grundlegend gut. Differenzierung ist Esoterikern ein Fremdwort, Verabsolutierung das Gewohnte.

Den Wunsch, nicht zu leiden, keine Krankheiten zu haben und ein von allen Katastrophen verschontes, glückliches Leben zu führen, haben wir alle. Aber wir wissen nicht einmal mit Sicherheit, was in der nächsten Sekunde passieren wird. Wer die Ungewissheit des Lebens nicht annehmen kann (und trotzdem das Beste hofft), ist wie ein Kind im Körper eines Erwachsenen. Der Schutz hinter Mamas Rockzipfel sucht und immer wieder die Bestätigung braucht, dass alles in Ordnung ist. Erschreckend finde ich das rasante Tempo, in dem diese Infantilisierung um sich gegriffen hat und weiter greift.

Gut finde ich an dem Buch den Titel. Wahre Kraft kommt tatsächlich von innen. Erwachsenwerden ist ein langer Prozess, menschliche Reife bedingt ständiges inneres Wachstum. Erkenntnisse kommen aus dem Inneren – und nicht von außen durch die Übernahme diverser Lehren. Weder Reife noch Entwicklung kann vermittelt werden – man kann sich nur die Informationen beschaffen, die zu mehr Wissen führen. Und mit dessen Hilfe zu Verständnis gelangen.

Ich möchte dazu ein Zitat Marie von Ebner-Eschenbachs (eine hochgebildete soziale Denkerin mit politischem Bewusstsein) nennen:

„Wer nichts weiß, muss alles glauben.“

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Responses

  1. Louise Hay ist einer der unvermeidlichen „Geschenktipps für Krebskranke“. Ein kleines Paket einer verschränkten Logik schließt bei Hay nur scheinbar sinnvoll den Kreis: Es wird vermeintlich Trost geschenkt, wenn Menschen in Krisen auf die endlose Reise nach verborgenen Kräften in sich selbst oder auf andere ferne – und meistens teure – Inseln geschickt werden.

    Hays „viel versprechendes“ Werk reiht sich nahtlos ein in die Reihe von Büchern, die „positives Denken“ oder wie auch immer sonst man dieses Spektrum umfassen kann, den geneigten LeserInnen als den „wahren Weg“ verkaufen.
    Ich finde es richtig, diese Riege, zu der auch Hays Publikationen gehören, und die beginnen bei Simonton mit „Wieder gesund werden“ (Getting well soon) und weitergehen mit ganzen Generationen von Therapeuten, aber auch selbst an Krebs Erkrankten wie Hay, endlich umfassend kritischer zu betrachten. Die manipulative Brille des Denkens, die sich in dieser Form der Erkenntnisliteratur verbirgt, wurde erfunden, um mit scheinbaren Patentrezepten nicht zuletzt kommerziellen Gewinn zu erzielen. Bedenklich stimmen besonders sich ähnelnde sektiererische Grundmuster, die pseudowissenschaftlich verpackt daherkommen.

    Die Zielgruppe der LeserInnen solcher Bücher lässt sich erweitern, gerade auch auf Menschen in Krisen, mit Krebserkrankung und natürlich den wohlmeinenden Freundinnen und Freunden, Angehörigen, die gerne helfen und Trost schenken möchten. Du bist krank? Schwer krank? Macht nichts, da öffnet sich die unendliche „Welt des positiven Denkens“. Beim Schenken wird es mystisch: Geschenkt wird, woran man sich vielleicht selbst gerade besser nicht hält: Esoterische Versprechungen und Heilslehren. So stehen Bücher von Hay und Co, es gibt noch Tausende davon, bei von Krankheit Betroffenen und damit bei uns allen, oft gleich reihenweise in den Bücherregalen. Sehr im Trend sind aktuell Lachtherapien, auch Lachyoga genannt. Und wie bei des Kaiser’s neuen Kleidern traut sich auch hier schon keiner mehr zu fragen. Es gehört dazu, taucht auf wissenschaftlichen Fachveranstaltungen auf und wird selbstverständlich völlig – Ernst genommen – (lach!).
    Die Manipulation des Denkens hat unterschiedliche Erscheinungsformen und Funktionen und hält fern von anderen kritischen Fragen. Warum werden wir wirklich krank, wenn wir kontaminiert werden mit Strahlen, Chemikalien, Giften, Hormonen, schädigenden Umwelteinflüssen? Diese Fragen zögen in der Konsequenz gesellschaftliche Änderungen nach sich, zu denen unsere Wachstumsgesellschaften nicht im Ansatz Bereitschaft bisher zeigen, bis jetzt. Das Ablenkungsmanöver, die Geschädigten auf die Fährte nach der Schuld in sich selbst und bei sich selbst, verhaltensbedingt, ausgerechnet im „falschen Denken“ oder eigenem Fehlverhalten auszusenden, funktioniert immer noch perfekt. Und wenn’s mit der Gesundung dann doch nicht funktioniert: Pech, einfach wieder alles falsch gemacht, doch falsch gedacht, selbst Schuld eben. Und wieder schließt sich scheinbar dieser Kreis.

    Bei den Impfungen würde ich unterscheiden. Es ist sehr schwer, hier die Verantwortung für alle zu tragen. Wenn hinter den Kulissen der Pharmaforschung getrickst wird, ist das schlimm. Von Interessenkonflikten wird ja viel gesprochen heute. Die aktuelle Grippeimpfung war vielleicht eine „Blase“. In welchem Umfang sie hilft und wem sie nur schadet, ist auch einige kritische Fragen wert. Auch die HPV-Impfung wird meistens kritisch diskutiert. Tetanus-Impfungen, Kinderlähmung, Impfungen gegen Pocken – wenn man diese Impfung denn bräuchte -, haben einen anderen Wirksamkeitsgrad gezeigt. Also muss jede Impfung – und Impfsituation – für sich betrachtet werden, weder generelles Ablehnen noch generelles Empfehlen wäre demnach der Weg, was auch hier gegen dogmatische Sichtweisen sprechen würde.

  2. Liebe Gudrun,

    toll – dein Statement! Wirlich mit Herzblut und Engagement vorgetragen. Mehr kann und möchte ich dazu nicht sagen außer – ich bin bei dir.

    Liebe Grüße
    Eva


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