Verfasst von: Eva | 29/01/2010

Toleranz

Wir werden sehr häufig damit konfrontiert, dass Toleranz einen hohen Wert darstellt. Auf die Schnelle würde ich dem sofort zustimmen. Intoleranz verbinde ich mit Kleinlichkeit, Egozentrik, einem Mangel an Verständnis dem Andersartigen gegenüber (Rassismus) u.dgl. mehr.
Allerdings werde ich auch immer häufiger damit konfrontiert, dass Menschen eine derart „umfassende Toleranz“ vertreten, dass mir das Unbehagen bereitet. Die Kernaussage dabei ist, alles hätte die gleiche Gültigkeit.

Daran stimmt etwas nicht. Das Wort „Toleranz“ bedeutet so viel wie „Erdulden“ oder „Duldsamkeit“.
Lt. Wikipedia „Das zugrundeliegende Verb tolerieren wurde im 16. Jahrhundert aus dem lateinischen tolerare („erdulden“) entlehnt. Das Adjektiv tolerant in der Bedeutung „duldsam, nachsichtig, großzügig, weitherzig“ ist seit dem 18. Jahrhundert belegt.

Ich setze Großzügigkeit und Weitherzigkeit nicht mit Duldsamkeit gleich. Weitherzigkeit – ein weites Herz – ist das Gegenteil von Engherzigkeit. Da Enge immer mit Einschränkung zu tun hat, ist Weitherzigkeit etwas sehr Positives. Großzügigkeit kann ich nur im konkreten Zusammenhang bewerten. Man kann großzügig sein, indem man Kleinigkeiten außer Acht lässt – das kann je nach Situation mit Toleranz gleich gesetzt werden oder aber auch dramatische Fehler nach sich ziehen. Duldsamkeit ist in vielen Fällen nicht als positiv anzusehen und mit Nachsichtigkeit verhält es sich ganz ähnlich. Es kommt immer auf den Kontext an.

Wenn nun Toleranz aus dem Eigenschaftsbündel Duldsamkeit, Nachsichtigkeit, Großzügigkeit und Weitherzigkeit besteht, bedeutet dies, dass dieser Begriff per se nicht immer als etwas Positives angesehen werden kann.

Toleranz gegenüber dem Andersartigen, dem uns Zuwiderlaufenden bedeutet Respekt davor. Auch wenn man selber nicht damit konform geht. Man kann aber sicher nicht von Toleranz sprechen, wenn man mit etwas ohnehin einverstanden ist und keinerlei Probleme damit hat. Toleranz fängt erst dort an, wo wir etwas hinnehmen, das wir zwar selber nicht so machen würden, das uns fremd ist, aber dennoch akzeptieren können. Lässt es uns völlig unberührt, ist das keine Toleranz, sondern Gleichgültigkeit.

Ist es so, dass Toleranz in allen Fällen gut ist? Kann man uneingeschränkt sagen, je größer und umfassender die Toleranz, umso besser? Ich meine, nein. Denn Toleranz kann auch ein Begriff sein, hinter dem man sich versteckt.

Würden wir alles tolerieren, gäbe es keine Zivilcourage mehr, gäbe es keine Gegenstimmen zu falschen Entwicklungen, der Willkür wäre Tür und Tor geöffnet, Missstände blieben unbehelligt. Wir bräuchten sogar, überspitzt gesagt, keine Gesetze mehr. Alles, was ist, wäre ja gleich gültig und würde „geduldet“. Keine Gesellschaft könnte in diesem Zustand existieren.

Selbstverständlich ist eine tolerante Gesellschaft erstrebenswert. Jedoch sollte damit kein undifferenziertes Akzeptieren und Sein-Lassen von allem, was, ist verbunden sein. Wir Menschen können sehr wohl aktiv an der Gestaltung unseres Lebens mitwirken und damit auch an gesellschaftlichen Entwicklungen. Dies bedeutet aber auch, zu manchem klar „Nein“ zu sagen. Würden wir niemals Nein sagen, würde das bedeuten, zu allem Ja zu sagen. Und das kann ernsthaft niemand für gut finden.

Es gibt auf der Welt so vieles, das gar nicht in Ordnung ist und mutige Menschen, die dagegen auftreten, machen ganz bestimmt nicht die Mehrheit aus. Das ist das ewige Dilemma von unserem tief verankerten Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit (denken, wie alle in unserem Umfeld denken, tun, was alle tun), um die sozialen Vorteile nicht zu verlieren – und der Besinnung auf uns selbst. Ich bin überzeugt davon, dass sozialer Druck einer der stärksten ist, dem zu widerstehen nur die wenigsten gewachsen sind. So werden die meisten erzogen, so tragen sie es weiterhin in sich.

Leider läuft es oft so, dass wir uns nicht die Zeit nehmen, die eigene Bewusstheit zu entwickeln und uns danach das Umfeld aussuchen, das zu uns passt. Sehr oft ist es umgekehrt – dass wir uns an das Umfeld anpassen, das uns umgibt und diese wichtige Entwicklung übergehen. Viele, die ihre Stärke aus der sozialen Eingebundenheit beziehen, können alleine gar nicht auf eigenen Beinen stehen. Ohne diese Fähigkeit ist es aber unmöglich, zu eigenen Erkenntnissen zu finden – besser gesagt, man wagt es nicht, danach leben.

Es gibt ja das bekannte Milgram-Experiment, wo Versuchspersonen von Autoritätspersonen Anordnungen zum Quälen durch Stromstöße von angeblich anderen Versuchspersonen gegeben wurden (die in Wahrheit Schauspieler waren, denen gar nichts passierte). Das Ergebnis war erschütternd:

„Einige protestierten, andere schwitzten, zitterten, begannen zu stottern oder zeigten andere Zeichen der Anspannung. Dennoch gehorchten sie den Anweisungen des Versuchsleiters. Auffällig am Verhalten der Probanden war, daß sie häufig versuchten, ihr Opfer so wenig wie möglich wahrzunehmen und ihre Aufmerksamkeit ausschließlich auf den Versuchsleiter zu richten versuchten. Das geschah vermutlich, um die inneren Spannungen, die durch die wahrgenommenen Schmerzen des Opfers hervorgerufen wurden zu mildern, durch ein geschicktes Anpassungsverhalten die Situation zu ertragen. Dieses Phänomen bezeichnete Milgram als „Einstimmung auf die Autorität“. Einige TeinehmerInnen bestritten, daß das Opfer tatsächlich schmerzhafte Schocks erhielt und die viele leugneten einfach ihre Verantwortlichkeit, manche verlangten zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt des Experiments zusätzlich eine Versicherung, daß sie für ihre Handlungen nicht haftbar gemacht werden können. Oder die Verantwortung wurde mit der Begründung auf das Opfer übertragen, daß es sich ja freiwillig gemeldet habe.

Vermutlich müßten sie sich im Falle eines Abruchs eingestehen, daß ihr vorheriges Verhalten falsch gewesen war. Allein dadurch, daß sie weitermachten, rechtfertigten sie ihre vorherige Handlungsweise. Somit ist dieser Wiederholungscharakter bereits ein Bindungsfaktor, der es der Versuchsperson erschwert, ungehorsam zu sein.“ (Q: Link)

Keine einzige Versuchsperson weigerte sich von vornerherein, die Anweisungen des Versuchsleiters zu befolgen und nur ein Drittel brach das Experiment vor dessen Ende ab.

Ein reichlich desillusionierendes Ergebnis für die Fähigkeit der Menschen, selbständig zu denken und Entscheidungen aus sicher heraus zu treffen. Äußere Autoritäten werden in den allermeisten Fällen über die innere gestellt.

Ich halte es für vergebliche Mühe, daran etwas gravierend verändern zu wollen. Es ist so, es hat in Gemeinschaften seinen Sinn und seine evolutionäre Berechtigung. Was aber unheimlich wichtig ist, ist die Verantwortung, die Autoritätspersonen tragen. Jeder, der Einfluss auf andere ausübt, sollte sich sehr genau überlegen, was er tut. Und da auch das eher eine Utopie denn eine realistische Sichtweise ist, brauchen wir unbedingt Menschen, die es wagen, Misstöne aufzuzeigen. Sie werden niemals so viele Gleichgesinnte finden wie die Masse. Aber jede Kurskorrektur braucht Menschen, die nicht alles „erdulden“. Selbst Toleranz wäre ein Fremdwort, wenn es diese Menschen nicht gäbe.


„Toleranz ist die Tugend des Mannes, der keine Überzeugungen hat.“  Gilbert Keith Chesterton (1897 – 1936)

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