Verfasst von: Eva | 05/02/2010

Zivilcourage

Der erste Gedanke, der sich mir bei fehlender Zivilcourage aufdrängt, ist das Klischee der auf der Straße umgekippten Person, an der die Passanten achtlos vorüber gehen. Das gehört natürlich zum Thema, keine Frage. Doch was sagt dieser Begriff „Zivilcourage“ wirklich aus? Er wird mit Mut verknüpft, denn Courage ist das französische Wort für Mut oder Tapferkeit. Das gesamte Wort bedeutet in seinen Ursprüngen „mit dem Mut des Einzelnen“ oder „staatsbürgerlicher Mut“.

Warum braucht man Mut, um jemand zu helfen? Worin ist dieser Mut begründet? Vor kurzem las ich in einem lokalen Bezirksblatt, eine 13jährige wurde für ihre Zivilcourage von der Stadt Wien ausgezeichnet. Es gab einen Autounfall. Viele Leute blieben neugierig stehen, beobachteten interessiert den Vorfall und manche zückten ihre Handy-Kameras, um die Sensation festzuhalten. Niemand kam auf die Idee, nach dem Fahrer, der offenbar schwerer verletzt war, zu sehen. Bis sich das Mädchen aus der Menge löste und ihn mit dem Rautek-Rettungsgriff aus dem Auto zerrte, ihn seitlich lagerte und so lange beruhigte, bis der von ihr per Handy alarmierte Rettungsdienst eintraf.

Das braucht wahrlich Mut – aber warum nur? Ich denke, der Mut bezieht sich auf folgende vier Worte „… aus der Menge löste…“. Was sind wir doch alle „mehrheitsorientiert“! Und davon nehme ich mich selbst gar nicht aus. Nur nicht auffallen lautet die Devise. Selbst in einer Großstadt wie Wien, wo es praktisch alles gibt, wo es völlig normal ist, dass Punker neben älteren Damen im Pelzmantel in der Straßenbahn fahren, wo verstümmelte Bettler vor teuren Einkaufszentren am Boden sitzen und weder der Lebensstil noch die Einstellungen auf einer Linie sind, haben wir Angst, aufzufallen. Zwar ist die Scheu, aufzufallen, nicht besonders ausgeprägt, wenn wir uns verrückt kleiden oder gebärden, um unsere „Individualität“ auszudrücken, aber wenn wir uns durch menschliches Mitgefühl und Verantwortungsbereitschaft abheben, kommt nahezu Scham auf.

Noch paradoxer wird das Ganze dadurch, dass jeder Einzelne sich als Betroffener Reaktionen wie die des Mädchens wünschen würde. Wir unterdrücken unserere Empfindungen und wünschen uns zugleich, andere möchten dies nicht tun.

Was stimmt hier an unserer Gesellschaft nicht?

Spontan komme ich zum Bild einer Herde. Die Herde gibt Schutz und Sicherheit. Solange wir Teil dieser Herde sind, kann uns wenig passieren, da wir im Kollektiv weit weniger angreifbarer sind als als Einzelne. Selbst in obigem Fall würde der Vorwurf der unterlassenen Hilfestellung an alle, die nur zugesehen haben, keine besondere Wirkung hinterlassen. Nicht einmal rechtlich. Ein „Wir“ spricht das Individuum sehr weit von Verantwortung frei.

Natürlich ist das nicht wirklich der Fall. Ein Mensch ist ein Mensch und niemals nur als Teil einer Gruppe existent. Aber er ist eben auch Teil einer Gruppe, selbst wenn sie anonym ist. Und allzu leicht verliert sich die Autonomie des Einzelnen darin.

Was unterscheidet dieses Mädchen vom Rest der Gruppe? Ich würde es spontan „Beherztheit“ nennen. Beherzt zu sein, bedeutet zwar ebenfalls, mutig zu sein, aber es hat auch mit dem Herzen zu tun. Auf sein Herz zu hören, ist mit Mut zu sich selbst verbunden. Leider wird uns das nur allzu oft von klein auf abtrainiert, stellt keinen heraus ragenden Wert in der Gesellschaft dar (siehe Arno Gruen).

Nicht auf seine Empfindungen zu hören, sie als lästige Hintergrundimpulse abzutun, bis sie kaum mehr wahrnehmbar sind, ist leider „normal“. Wobei ich mit normal nicht meine, es sei gut und natürlich, sondern nur, dass es der Norm entspricht. Normen können gut oder schlecht sein. Es ist irrig, anzunehmen, dass „alle“ (in Wirklichkeit sind es zudem niemals alle) richtig liegen müssen. Weder ist das, was „alle“ tun, ein Hinweis auf Richtigkeit noch auf das Gegenteil davon.
Wäre es das Ergebnis vieler individuell bewusst getroffener Entscheidungen, wäre es als Orientierung vielleicht tauglich, jedoch ist das nicht so. Die meisten schwimmen einfach mit, von Bewusstheit keine Spur. Es ist auch legitim und gut so. Wir würden andernfalls den ganzen Tag damit verbringen müssen, über jeden unserer Schritte nachzudenken und zu reflektieren.

Dennoch darf dieses Mitschwimmen nicht zu weit gehen. Wird es zur Herzlosigkeit, ist Bewusstheit vonnöten.

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