Verfasst von: Eva | 18/02/2010

Die Sehnsucht nach der heilen Welt

Wem würde das nicht gefallen?

Eine Welt,
in der jeder Mensch stets Gerechtigkeit erfährt,
wo alles von Sinn erfüllt ist,
wo Krankheiten nur der Entwicklung dienen,
keine Naturkatastrophen oder schmerzlichen Verluste existieren,
wo es keine Kriege und kein Leid gibt,
wo alles zu jedermanns Gutem führt,
wo wir konfliktfrei und permanent glücklich leben.

Alles eingebettet in eine höhere Ordnung, in der es kein Chaos, keine falschen Entscheidungen und kein Scheitern gibt. Eine perfekte Welt, ein perfektes Leben, das Paradies auf Erden.

Wir alle wissen, dass es diese Welt nicht gibt und niemals gegeben hat. Dass Leben sich anders definiert und Hell und Dunkel die zwei Seiten derselben Medaille sind. Doch die Sehnsucht nach dem Paradies bleibt. Sie findet sich in jeder Religion und Heilslehre wieder. Wir bewahren unsere Kinder vor den Härten des Lebens so gut wir können, wir erzählen ihnen Märchen, in denen das Böse am Ende immer bestraft wird und das Gute siegt. Wir tun dies, um sie zu beruhigen und der kindlichen Seele in ihrem Fassungsvermögen nicht zuviel zuzumuten.

Doch wenn wir langsam erwachsen werden, müssen wir auch Schritt für Schritt mit der Realität zurecht kommen. Es sollte darin münden, das Leben so sehen zu können, wie es ist: mit allem Guten und mit allem Schlechten. Wer das nicht kann, wird zwangsläufig der kindlichen Welt der Märchen und des magischen Denkens verhaftet bleiben.

Wie es aussieht, sind viele darin stecken geblieben. Die derzeitige Esoterikbewegung – respektive ihre Gurus, Heilslehrer und deren unzählige Sprachrohre – finden immer mehr Anhänger. Es scheint so, als hätte eine Schar Kinder in erwachsenen Körpern nur darauf gewartet, dass ihre Sehnsüchte angesprochen werden. Wenn damit auch noch der Glaube an persönliche und spirituelle Weiterentwicklung geschürt wird, schafft das ein Tor, durch das die Massen nur allzu willig laufen.

Wie üblich bei Massenverführung bekommt jeder Einzelne das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein. Was in tausenden Jahren bislang niemand gelungen ist – weder den herausragendsten Wissenschaftlern noch den klügsten Philosophen – scheint nun problemlos möglich. Die höhere Ordnung, der wir alle unterliegen, ist entschlüsselt.

Wäre es nicht so banal, wie immer wieder enthusiastische Bewegungen davon überzeugt sind, die Welt durch und durch zu verstehen, könnte man darüber lachen. Doch spätestens, wenn man die Auswirkungen dieser Entwicklung bedenkt, bleibt einem das Lachen im Halse stecken.

Individuelle und gesellschaftliche Entwicklung bleiben auf der Strecke, von Menschen verursachte Ungerechtigkeiten, Ausbeutung, Armut, Hungersnöte, Rassendiskriminierung und die Folgen korrupter Herrschaft werden durch eine mystische Weltsicht gerechtfertigt. Alles hat seinen Platz in der „höheren Ordnung“.

Eine der krassesten Ausformungen von Heile-Welt-Sehen-Wollen.
Erwachsene, die sich dieser Sichtweise anschließen, sind aber keine Kinder mehr, ihr seelisches Fassungsvermögen ist weit größer. Warum nützen sie es nicht, warum sehen sie sich nicht als verantwortliches Mitglied der Gesellschaft an, das seinen Teil – wenn auch oft nur einen ganz kleinen – zur Veränderung eben dieser beitragen kann? Warum flüchten sie in Gedankengebäude, in denen von immerwährender Harmonie fantasiert wird? Warum blenden sie wissenschaftliche Erkenntnisse aus, verleugnen oder verharmlosen das Leid, akzeptieren keine Grenzen und keine Naturgesetze? Was verführt sie, daran zu glauben, jeder Mensch wäre gottähnlich omnipotent und würde nur in seinem eigenen Universum leben?

Es kann doch keine ernstzunehmende Alternative zu gesellschaftlichen Fehlentwicklungen sein, sich in Welten zu flüchten, die nur aus Illusionen und Glauben bestehen?! Wo die Verantwortung des Einzelnen einer Schicksalsgläubigkeit weicht, wo Erzengel uns beschützen und wir mittels Karten, Horoskopen oder Pendel meinen, in die Zukunft blicken zu können, befinden wir uns im tiefsten Aberglauben. Wir lebten alle als Kinder in einem Reich, das von Zauberern, Hexen und Feen bevölkert war. Doch wird es nicht langsam Zeit, den Glauben daran abzulegen?

Werden mit diesen Fantasiegebilden Fehlentwicklungen aufgehoben? Werden sie verbessert, verändert, korrigiert? Ganz sicher nicht! Wenn ich dem Einzelnen einrede, dass alles, was er erleidet, genau so gewollt ist und letztlich nur seinem Besten dient, sehe ich keine Zusammenhänge mehr und weigere mich, anzuerkennen, dass es auch Schlimmes im Leben gibt und nicht immer alles gut ausgeht. Wenn ich die Ursache alles Leidvollen nur im falschen Denken des Einzelnen sehe, spreche ich andere von Verantwortung frei und fördere damit eine Abkehr von sozialem und politischem Bewusstsein.

Darin liegt die Gefahr und Macht jeglicher Esoterik – in der stillschweigenden Übernahme von Ideologien, die unser gesamtes Denken beeinflussen.
Kritik daran ist unerwünscht und wird als Angriff auf die Meinungsfreiheit gedeutet. Jeder hat das Recht auf seine eigene Wahrheit. Selbst wenn Kausalitäten einfach zusammen gereimt und behauptet werden. Irgendjemand hatte ein „mystisches Erlebnis“, interpretert dies als Zugang zu höheren Wahrheiten – und verbreitet diese. Je charismatischer seine Ausstrahlung, umso mehr Gläubige wird er finden. Er muss nur eines beachten: die Inhalte müssen den Bedürfnissen seiner Anhänger entgegen kommen. Denn unbequeme Wahrheiten hört niemand gerne. Einfache Rezepte und schlüssige Weltformeln, die uns ruhiger schlafen lassen, jedoch schon.

Endlich sagt jemand genau das, was sich erwachsene Kinder insgeheim schon immer gewünscht haben: du musst nicht die Ärmel hochkrempeln und sehen, wie du das Leben möglichst gut bestehen kannst, du musst dich für nichts und niemanden anstrengen – alles geht ganz leicht. Du musst nicht überlegen, welche Entscheidungen du triffst und die Folgen davon tragen, denn alles kommt ohnehin so, wie es kommen soll und wenn du schon vorher wissen willst, wie es kommen wird, hol dir dein Pendel, deine Tarotkarten oder geh zum Astrologen. Wenn du ein Problem hast, helfen dir diese Untensilien abermals, denn damit entdeckst du die universellen Zusammenhänge deiner Nöte. Und wirst sie danach nicht mehr als Nöte, sondern als Segen ansehen.

Von reifer Einstellung kann hier wohl nicht die Rede sein. Die Entwicklung des Einzelnen ebenso wie die Entwicklung von Gesellschaften basiert auf Erkenntnissen, die zum Großteil aus Erfahrenem und dessen Folgen bestehen. Wenn jedoch alles Schlechte und Schmerzhafte nur ins Positive umgedeutet bzw. ausgeblendet wird, können wir auch nichts mehr daraus lernen.

Der Mechanismus ist derselbe, als würde man einem Kind, das auf die heiße Herdplatte fasst, bloß sagen – sieh das Positive an der Sache: du wirst verarztet, erhältst viel Aufmerksamkeit und bekommst vielleicht zum Trost ein neues Spielzeug. Das Universum meint es gut mit dir.

So lächerlich das im Kleinen klingen mag, so dramatisch ist es bei anderen Dingen. Menschen, die an schweren Krankheiten leiden, wird im Grunde dasselbe gesagt. Du bist nur krank, weil höhere Mächte deine falschen Gedanken korrigieren möchten, es ist zu deinem Besten. Und solltest du daran sterben, hast du bis zu deinem Ende falsch gedacht. Notfalls muss auch altes Karma als Ursache herhalten – du denkst nicht nur in diesem Leben falsch, sondern hast es auch in vergangenen getan.
Bis in die letzte Konsequenz wird der Glaube an das Weltbild einer höheren Ordnung aufrecht erhalten. Wenn die Welt schon nicht heil ist, so denken wir sie uns heil und leben so, als wäre sie es. Damit verändern wir zwar nichts zum Besseren, aber uns geht es gut dabei.

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