Verfasst von: Eva | 20/02/2010

ADHS positiv gesehen

Ich möchte keinesfalls etwas, das schwierig ist, einfach in Positives umdeuten. Nichts liegt mir mehr fern. Aber zu einer ausgewogenen Sichtweise gehört es, immer die zwei Seiten der Medaille zu sehen. Nur das Negative hervor zu heben, ist ebenso schlecht wie sich ausschließlich auf das Positive zu konzentrieren. Sehen wir nur das Schwierige und Negative einer Sache, wirkt das demotivierend, weil uns damit die Hoffnung abhanden kommt, dass es zum Besseren verändert werden kann. Sehen wir jedoch ausschließlich das Positive, besteht die Gefahr, die Schwachstellen völlig zu übersehen, die irgendwann zum Verhängnis werden können.

ADHS – ich nehme der Einfachheit halber diesen Begriff. Ich bin aber nicht davon überzeugt, dass es das ist, was viele behaupten – eine neurobiologische Störung. Die Besonderheiten von ADHS bilden sich neurobiologisch ab, keine Frage, aber das sagt relativ wenig aus, denn alles bildet sich neurobiologisch ab. Dass es aber eine Besonderheit abseits der Norm ist, ist unbestritten.

Vor kurzem sah ich eine Dokumentation über außergewöhnliche Begabungen. Diese Menschen haben auch von der Norm abweichende Hirnaktivitäten. Aber solange sie nur über ihre besonderen Talente definiert werden, wird der Begriff „Störung“ kaum verwendet. Es ist eben eine Andersartigkeit. Wie diese bewertet wird, hängt vom Kontext ab. Selbstverständlich ist es wichtig, ob der Betreffende unter seiner Andersartigkeit leidet oder dadurch eingeschränkt ist. Man kann schlecht behaupten, dass man es positiv sehen sollte, wenn jemand herzkrank ist und damit auch außerhalb der Norm liegt. Er hat damit eindeutige Nachteile, ist in seinen Aktivitäten eingeschränkt und das Wort „Leiden“ als Synonym für Krankheit ist hier gerechtfertigt.

Aber bei ADHS ist das anders. Die Probleme, das Leiden, das auch damit oft verbunden ist, kommt weniger aus direkter Eingeschränktheit durch die Symptome, sondern vor allem und in erster Linie aus der Eingebettetheit in das soziale System unserer Kultur. ADHS macht weniger anpassungsfähig und das ist die größte Krux daran. Aus innerseelischen Mechanismen heraus ist es diesen Menschen nicht so einfach wie anderen möglich, sich ins Kollektiv, das nach Genormtem verlangt, einzufügen.

Die Gründe dafür sind weder Böswilligkeit noch mangelnder guter Wille – wie oft fälschlich angenommen – sondern sie können das nicht. Können mit Wollen zu verwechseln kann eine ganz große Ungerechtigkeit sein. Aber was ist das wirklich Schlimme daran, dass sich Menschen nicht so einfach dem beugen können, was von ihnen verlangt wird? Verlangt im Sinne des in unserer Kultur Üblichen und Verbreiteten?

Nun ja – es stellt Etliches in Frage und wohl oft auch auf den Kopf, das stillschweigend als gegeben und „normal“ angenommen wird. Kinder haben sich den Lebensgewohnheiten ihrer Eltern anzupassen, müssen sich in Schule und Beruf den gängigen Regeln fügen. Ebenso in Partnerschaften und sozialen Beziehungen aller Art. Sehr provokant gesagt – sie müssen sich um Mittelmäßigkeit bemühen. Und wenn sie von ihren Fähigkeiten her nicht mittelmäßig sind, müssen sie nur die gesellschaftlich anerkannte Komponente davon leben, um Anerkennung zu erhalten.

Genau das ist aber ADHS-Betroffenen nicht möglich. Jedenfalls nicht von Geburt an. Kinder sind ursprünglich. Sie leben alles aus, was ihnen gegeben ist, haben gar keine andere Wahl. Wer zieht nicht ein „braves Baby“ einem Schreikind vor? Wer findet es nicht entzückend, wenn ein Kleinkind ruhig in einer Ecke sitzt, während die Erwachsenen anderes tun und sich nicht gestört von ihm fühlen? Es ist einfach angenehm so.
Ein Kind, das jedoch vor Energie nahezu platzt und permanent in Bewegung ist, Aufmerksamkeit fordert sowie seine Kreativität und seinen Tatendrang hemmungslos auslebt, ist äußerst anstrengend. Es passt sehr oft nicht in das Leben, das wir zu führen gewohnt sind.

Wir schrecken vor seiner Intensität zurück und versuchen, sie einzudämmen. Aber wer ist „wir“? Wir sind jene Menschen, die erfolgreich sozialisiert wurden. Die die kulturellen Regeln angenommen haben und damit keine gravierenden Probleme hatten. Obwohl – ganz so ist es nicht wirklich. Wir haben vielleicht auch unsere Probleme damit, aber wir begehren nicht auf, weil wir „robuster“ sind als Menschen, die ADHS-Züge aufweisen und uns unsere Gefühle nicht so piesacken. Wir orientieren uns wie selbstverständlich am Vorgegebenen, weil wir es akzeptieren können, ohne dass es uns allzu sehr beeinträchtigt. Und wenn wir dennoch damit Probleme haben, schreien wir sie sicher nicht so lautstark hinaus wie diese Kinder.

Es sei jedem Elternteil unbelassen, wie er darauf reagiert. Wenn er den familiären Frieden nur mit Medikamenten – bevorzugt Ritalin – wahren kann, ist das für die Kinder oft die bessere Variante als die ewige Verzweiflung durch negative soziale Rückmeldungen. Auch wenn wir nicht wissen, wie sich Ritalin langfristig auf den Körper auswirkt. Ein völlig negatives Selbstbild, das ins Erwachsenenalter natürlich mitgenommen wird, betrifft und beeinflusst das gesamte weitere Leben. Ich sage ganz bewusst, dass es wohl das kleinere Übel sein kann, einen kleinen Menschen nicht mit diesem Bild irgendwann in die Selbständigkeit zu schicken, sondern mit einem leidlich positiven Selbstbild. Auch wenn es über Medikamente erworben wurde.

Aber ich glaube auch nicht, dass es keine anderen Lösungen gibt. Doch muss man immer davon ausgehen, was machbar ist. Anzunehmen, dass alle Eltern von ADHS-Kindern fähig und willens sind, diese Herausforderungen anzunehmen, wäre naiv gedacht. Oft genug blicken sie selbst auf eine leidvolle eigene Geschichte zurück, in der sie sich mühsam angepasst haben, weil sie selber davon betroffen sind. Dieses empfindliche Gleichgewicht wird von ihren Nachkommen dann sehr drastisch in Frage gestellt. Und sie haben keine schlechten Absichten, wenn sie ihren Kindern helfen wollen, das eigene Leid nicht ebenfalls erneut zu durchleben.

Dennoch – wer den Mut hat, zu seinem Kind zu stehen, wie es ist und sich damit auch selbst und seine Geschichte erneut in Frage zu stellen getraut, hat die besseren Karten. Menschen, die von ADHS betroffen sind, sind weder krank noch ungut. Ja – sie sind unbequem. Sie reagieren auf vieles viel zu stark. Aber damit haben sie auch eine Art Fokus-Funktion auf Misstöne. Es ist schwer, in einer hoch zivilisierten Gesellschaft darauf adäquat zu reagieren. Sie um des eigenen inneren Friedens Willen als krank einzustufen, ist verständlich, aber nicht sinnvoll. Sie zwingen uns nicht nur dazu, uns mit uns selbst auseinander zu setzen, sondern auch mit den Regeln, nach denen wir leben und die wir als gut und „normal“ befinden.

Wenn wir sie schlecht behandeln, ihnen Unfähigkeiten zuschreiben, sie nur als rebellische oder verträumte Chaoten ansehen, haben wir zwar die Mehrheit hinter uns und fühlen uns dazu berechtigt, sie an unsere Sichtweise anzupassen. Aber es gäbe auch eine andere Sichtweise: Wir hinterfragen ihren Widerwillen, ihre Erregungszustände nach den Ursachen, ihre Unaufmerksamkeiten, ihren impulsiven Zorn. Sie selbst wissen darüber wohl meist genau so wenig wie wir. Weil auch sie sozial konditioniert wurden und die Urteile anderer – über sich selbst – übernehmen.

Ich finde, jeder sollte sich darüber seine eigenen Gedanken machen. Klar sind „Andersartige“ immer eine große Herausforderung. Aber wo stehen wir in deren Einordnung als von ihnen wahrgenommene „Andersartige„? Die Mehrheit hat nicht immer Recht, ist nicht immer Garant für gesundes und erfülltes Leben. Was natürlich keinesfalls bedeuten soll, dass Fantasten eher Recht haben. Aber Menschen Gehör zu schenken, sie ernst zu nehmen,  ohne sie für krank zu erkären, wäre schon ein Riesenschritt in eine gute Richtung!

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Responses

  1. ADHS kann uns nach vorne katapultieren, wenn wir unser Profil kennen.

  2. Richtig gut!

  3. Ja, Sarah – es gibt viele Sichtweisen ein- und derselben Sache. Ich ziehe meine eigene derjenigen der „Gesellschaft“ vor. Und auch wenn ich dafür sehr angefeindet wurde, glaube ich noch immer dasselbe.
    Wir leben so falsch, dass viele Kinder darüber „ausrasten“ – insbesondere die sensiblen und begabten – und die dann als krank angesehen werden. Un der Rest erfolgt dann über die Pharmaindustrie und die Abgestumpftheit der Eltern.

    Niemand will verändern, was längst veränderungswürdig ist.

    LG
    Eva


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