Verfasst von: Eva | 25/02/2010

Selbstsein

Es ist nahezu unvorstellbar, in unserer Gesellschaft gänzlich ohne Maske zu leben. Die meisten hegen und pflegen ein Image, mit dem sie nach außen auftreten. Die Selbstverständlichkeit, mit der Kinder ursprünglich sie selbst sind, geht durch Sozialisation im Laufe der Zeit verloren.

Wer ist noch ganz er selbst, sobald er einige Jährchen auf dem Buckel hat? Kinder werden schon in ihren Familien mit Rollen- und Wunschbildern überhäuft und dadurch ge(ver)formt.  Und damit oft auch im Sinne der Bedürfnisse ihrer Bezugspersonen benutzt. Je weniger Freiheit sie in ihrem Sein erleben, umso mehr entfernen sie sich davon. Das Kind will gefallen, muss gefallen, um sein Überleben zu sichern. Selbst wenn es innerlich dagegen rebelliert, hält das die schleichende Beeinflussung nicht auf.

Sozialisation ist natürlich notwendig. Im Sinne von grundlegenden Verhaltensregeln im Umgang miteinander und Anpassung an unsere Kultur, um sich darin zurecht zu finden. Aber dabei bleibt es oft nicht. Die Regeln und Vorgaben gehen nicht selten weit darüber hinaus. Was der Vater nicht erreicht hat, soll der Sohn endlich schaffen, Vorstellungen eines erfolgreichen Lebens der Eltern werden den Kindern übergestülpt, Belohnung gibt es für „richtiges“ Verhalten im Sinne der Bezugspersonen. Und bei dieser Forderung spielen die blinden Flecken, Prägungen und unbewusste Motive der Eltern kräftig mit.

Jeder Mensch hat ein Selbstbild. Wie das Wort schon aussagt, handelt es sich dabei um ein „Bild“, mit dem er sich identifiziert. Dabei spielen die frühen Einflüsse eine große Rolle. Dieses Bild haben wir nicht alleine geschaffen, es setzt sich aus den Reaktionen anderer auf uns zusammen. Je subjektiver motiviert diese Reaktionen, umso verzerrter ist das Selbstbild. Das lebhafte Kind, das „nervt“, sieht sich bald als Störenfried, das sensible, das „sich nicht so anstellen soll“ als übermäßig wehleidig, das eigenständige, das sich nicht so leicht lenken lässt, als „widerborstig“, das stets folgsame als „liebenswürdig“. Aber auch das auf einen imaginären Thron erhobene kann sich fälschlicherweise ein Leben lang  als „kleinen Prinzen“ empfinden und dementsprechend unkritisch sich selbst gegenüber werden.

Auch wenn es auf den ersten Blick so erscheinen mag, als hätten es Letztere besser getroffen, sind beide Selbstbilder künstlich. Selbstbewusstsein bedeutet, sich seines Selbst bewusst zu sein. Dies erfordert eine realistische Sichtweise.  Kaum etwas ist schwieriger zu erreichen. Eine zu geringe Meinung von sich selbst entmutigt und verhindert es, sein Potenzial zu entfalten, fehlende Selbstkritik setzt die Lernfähigkeit herab, da die vermeintliche Perfektion keiner Verbesserung bedarf.

Es ist nicht damit getan, einem allzu negativen Selbstbild ein positives entgegen zu setzen und es reicht auch nicht aus, eine überzogen grandiose Selbstsicht zu dämpfen. Denn die Macht des früh Gelernten ist niemals zu unterschätzen. Die menschliche Seele funktioniert nicht gleich einem Computer, in dem man Programme löschen und neu installieren kann. Auch wenn einige angebotenen Methoden dies behaupten, handelt es sich dabei um Wunschdenken und eine viel zu oberflächliche Sichtweise.

Ich kann mir zwar über das Bettlerhemd die Königsrobe werfen, aber wer ich ohne beides bin, weiß ich dennoch nicht. Bewusstsein hat nichts mit Glauben zu tun, sondern mit Gewissheit. Wenn ich um meine Fähigkeiten und Schwächen weiß, wenn ich mich selbst verstehen gelernt habe, wenn ich mich selber zu spüren beginne – dann handelt es sich um echtes Selbst-Bewusstsein. Erst dieses löst die Identifikation mit Fremdbildern auf.

Dass man dazu nicht von heute auf morgen kommen kann, liegt auf der Hand. Für unbewusste Programme gibt es eben keine Delete-Taste und neue Programme muss man schon selber entwickeln, damit es die eigenen sind. Übernimmt man sie nur von anderen, sind es wieder Fremdprogramme.

Es gibt viele Menschen, die sich mit einer Rolle oder Vorbildern identifizieren. Und gerade mangelndes Selbst-Bewusstsein fördert dies. Sobald sich die Identität auf dem eigenen Selbst gründet, wird Fremdidentifizierung nicht nur unmöglich, sondern erscheint sogar absurd. Ich habe mir oft die Frage gestellt, warum Menschen es nicht merken, wenn sie in Identifikationen und Rollen gefangen sind. Ich glaube, dass dies deshalb so ist, weil sie es von viel zu früh an nie entspannt erlebt haben, sie selbst zu sein. Das ist praktisch ein unbekannter Zustand.

Beide Selbstbilder – das übertrieben negative und das übertrieben positive – sind außenorientiert. Wo der eine ständig befürchtet, er könne wieder etwas falsch machen und auf Kritik stoßen, die er von klein auf schmerzvoll erlebt hat, sucht der andere wie gewohnt überall nach Bestätigung und Bewunderung, weil er keine andere Form der Selbstbestätigung kennt.  Frei aus sich selbst heraus kann keiner leben.

Echtes Selbstbewusstsein geht nicht von einem starren Bild aus. Es schließt das Wissen ein, dass kein Mensch perfekt ist, dass Leben Entwicklung und Veränderung bedeutet und dass wichtige Impulse dazu von außen als auch von innen kommen können. Es beinhaltet sowohl die Fähigkeit zur Selbstkritik als auch, Kritik von anderen Gehör zu schenken. Ohne daran zu verzweifeln oder in helle Wut zu geraten.

Es bedeutet, sich hinterfragen zu können und sich Fehler zu verzeihen. Sich selbst auch in seinen Fehlern und Schwächen annehmen zu können, ist ein wichtiges Merkmal eines Menschen mit echtem Selbstbewusstsein. Und Grundvoraussetzung dafür, auch andere damit annehmen zu können. Andernfalls haftet man einem Bild von Perfektion an. Und diese Haltung verbindet ein zu negatives und ein übertrieben positives Selbstbild. Der eine hält es für ein unerreichbares Ideal, der andere muss überall beweisen, dass er ihm entspricht.

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