Verfasst von: Eva | 11/03/2010

Igitt – negativ!

Wir leben in einer Zeit, in der die Verherrlichung des Positiven sich ausbreitet wie eine heimliche Sucht und viel mehr Menschen infiziert, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Es hält in nahezu allen Bereichen Einzug. Im Gegenzug zum neuen „Positivismus“ wird das Aufzeigen von Misständen als „Negativismus“ empfunden. Zeitgeistige Strömungen sind immer sehr mächtig und werden aufgrund ihrer weiten Verbreitung und „Normalität“ selten grundlegend hinterfragt.
Auch wenn die Intentionen, die damit ursprünglich verbunden waren, keineswegs schlecht waren und einer negativen Sichtweise als Gegenpol entgegen gesetzt wurden, handelt es sich doch um ein Extrem. Ausgewogenheit, Harmonie und Gesamtschau sind aber nie in Extremen angesiedelt.

Eine optimistische Einstellung hat mit Einseitigkeit nichts zu tun. Optimismus ist eine innere Grundhaltung, die Vertrauen zum Leben beinhaltet – trotz aller Widrigkeiten. Sie beinhaltet die Fähigkeit, auch unter schwierigen Bedingungen und Erfahrungen des Scheiterns nicht den Lebensmut zu verlieren oder zu verbittern. Nur in allem das Positive sehen zu wollen, ist darauf ausgerichtet, sich das Negative so weit wie möglich fern zu halten und verbirgt oft die unterentwickelte Fähigkeit, mit Widrigkeiten und Konflikten überhaupt umgehen zu können.
Schwierigkeiten, Fehlentwicklungen und Probleme lassen sich aber nur vermeiden, wenn man ihre Zusammenhänge begriffen hat. Auch wenn sich die Ursachen bestehender Probleme nicht mehr verändern lassen, da sie in der Vergangenheit liegen, kann man damit neue Fehler – welche die Ursachen von zukünftigen Problemen darstellen – reduzieren. Symptombekämpfung und Gedankenkosmetik mögen zwar im Einzelfall schwierige Situationen erträglicher machen, aber von Grund auf bereinigt wird dadurch nichts. Damit geben wir unseren Kindern nur dieselben Fehler weiter, die wir selbst gemacht haben und lehren sie im besten Fall, wie man den Symptomen besser beikommt.

Das Positive ständig zu überhöhen und dem Negativen die Daseinsberechtigung abzusprechen, ist menschenfeindlich. Menschen sind lebendige fühlende Wesen. Wenn es absolut erstrebenswert ist, Schmerz, Wut und Trauer aus dem Leben zu verbannen, wird der Mensch in seinem Sein reduziert und verliert jegliche Ursprünglichkeit und Lebendigkeit.
Dieses Bild von Homogenität durch ständige positive Gedanken und Sichtweisen reduziert nicht nur die Vielfalt menschlicher Gefühle, sondern kostet auch sehr viel Energie. Es verlangt das Wegschieben natürlicher Empfindungen, die nicht dazu passen. Diese Empfindungen gehören aber genau so zum menschlichen Leben wie Freude, Heiterkeit und Wohlbefinden. Der Traum vom Schlaraffenland mag seit Urzeiten vorhanden sein – aber er war nie etwas anderes als ein Traum und eine Sehnsucht. Eine notwendige innere Motivation, um immer weiter zu streben und Dinge zu verbessern – der Motor menschlicher Entwicklung schlechthin. Mit all ihren grandiosen Fortschritten und dramatischen Auswüchsen.

Zum ständigen Sehenwollen nur des Positiven (an allem, in allem) gehört es, die Dinge über Gebühr zu simplifizieren. Ihre Komplexität wird verneint und alles in einfachen – und eingängigen – Formeln zusammengefasst. Diese Herangehensweise beinhaltet eine nicht zu unterschätzende Reduktion des Blickwinkels. Denn ohne Scheuklappen und Tunnelblick ist es nicht möglich, immer nur das zu sehen, was man sehen will.
Dass es sich mit einer ausgesprochen negativen Sichtweise genau so verhält, braucht nicht zu verwundern. Denn entgegengesetzte Extreme haben immer gemeinsame Charakteristika. Solange man auf die Form starrt, mag es nicht offensichtlich sein, sobald man aber die Aufmerksamkeit auf die dahinter liegenden Mechanismen richtet, bleiben sie nicht lange verborgen. Das krasse Gegenteil von etwas ist meist genau so schlecht, da nur eine Umkehrung der Vorzeichen erfolgt.

Im Sinne echter Problemlösungen ist es daher unerlässlich, den Blick nicht einzuschränken, sondern auszuweiten. Obwohl dies manch ernüchternde und vielleicht sogar erschütternde Erkenntnis nach sich ziehen kann, ist es doch der chancenreichste Weg zu Verbesserungen – und manchmal zur Akzeptanz unveränderlicher Tatsachen. Mit Schöndenken alleine ist es nicht getan. Naiv und voller Illusionen durchs Leben zu gehen, kann zu einem sehr bösen Erwachen führen. Wer sich einer Sache zu sicher ist und jeden Zweifel ausgeräumt hat, verstellt sich nicht nur selbst den Blick aufs Gesamte, sondern steht auf dünnem Eis, das jederzeit brechen kann.

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