Verfasst von: Eva | 18/03/2010

Wünsche ans Universum

„Liebes Christkind, bitte bring mir eine schöne große Puppenküche, den roten Roller und einen kleinen Hund. Bitte mach, dass ich besser Klavier spielen kann und dass Susi meine beste Freundin wird.“
Anne, 7 Jahre

„Heute habe ich 6 oder 7 Bestellungen aufgegeben, unter anderem Sonnenschein für den Hundespaziergang , einen Ball für meinen Hund, den sie am Weg finden soll , demnächst eine neue Wohnung mit Balkon und ruhigen Nachbarn sowie einen verständnisvollen und attraktiven neuen Freund.“
Birgit, 42 Jahre

Kleine Kinder begreifen sich als vom Schicksal abhängig und können für die Erfüllung ihrer Wünsche noch nicht selbst sorgen. Ob diese erfüllt werden, liegt meist außerhalb ihrer Macht. Was ihnen bleibt, ist das Wünschen. Die Formulierung „Mach bitte, dass …“ kennt wohl jeder aus seiner eigenen Kindheit.

Mit zunehmender Reife und Selbständigkeit erwirbt der Mensch jedoch die Fähigkeit, aktiv zur Erfüllung seiner Ziele und Wünsche beizutragen. Gleichzeitig erkennt er auch, dass nicht jeder Wunsch in Erfüllung gehen kann. Verzicht gehört in gewissem Maß zum Leben jedes Menschen – und ebenso die Fähigkeit, diese Tatsache akzeptieren zu können. Kinder sind noch nicht in der Lage, größere Zusammenhänge zu begreifen, sie leben daher in einer magischen Welt, in der vieles „wie von Zauberhand“ geschieht. Dies ist natürlich dem Entwicklungsstand von Kindern angemessen. Äußerst bedenklich wird es jedoch, wenn erwachsene Menschen auf diesen Stand zurückfallen. Ratgeber, die kräftigst dabei mithelfen, sind Bärbel Mohrs Bücher.

Mohr ist 46 Jahre alt und war bis zu ihrem Erfolg durch ihre Bücher Fotoreporterin und -redakteurin sowie Grafikerin. Vermutlich damit ein künstlerisch ambionierter und fantasievoller Mensch. Was sie auch letztlich auf ihre individuelle Art umgesetzt hat. Ihr heutiges Angebot reicht von Lebensratgebern, spirituellen Weisheiten und Gesundheitsratgebern bis hin zu Kinderbüchern. Sie hält Seminare, Vorträge und Workshops ab (u.a. vier Wochenenden um 1.500 Euro), ihr Ehemann bietet dazu Coaching, auch per Telefon.

Mohrs Bücher erreichten Millionenauflage und wurden in 14 Sprachen übersetzt. Auch zum Thema Heilung, Kinderbücher, Beziehungsratgeber und an das hawaiianische  Ho’oponopono angelehnte Werke hat sie verfasst. Sie hat drei Filme gedreht (u.a. „Bärbel Mohr’s Cosmic Ordering“).

Auf ihrer Homepage gibt es „Energetisierte Cosmic-Ordering-T-Shirts“ um 55 bis 64 Euro pro Stück zu bestellen. Originaltext: „Dieses wunderschöne ‚Wunsch-Energie-Shirt‘ hüllt uns ein in eine feine Schwingung, durch die wir uns selbst näherkommen. Die einzigartige Soft-Batik in sky-blau ergibt bei jedem Shirt Ihr persönliches Unikat und erinnert uns daran, dass der Himmel hinter den Wolken immer blau ist und unsere Wünsche im Universum ankommen.“

Was bleibt dazu zu sagen? – Ein besonders krasses Beispiel dafür, welch skurrile Auswüchse sich auf dem esoterischen Lebenshilfemarkt finden lassen. Man kann praktisch mit allem, das gut präsentiert wird, dem Zeitgeist entspricht und die kindliche Seite in Menschen anspricht, ein extrem gutes Geschäft machen.

Als echte Hardcore-Esoterikerin hat Mohr einen Fragebogen zur Finanzkrise erstellt, wobei sie von der esoterischen Annahme ausgeht, dass sich der Mensch sein Universum selbst erschafft. Einige der Antworten hat sie auf ihrer Webseite veröffentlicht – unter anderem diese:

„Ich habe mir diese Finanzkrise erschaffen um damit aufzuhören. Sie macht mich wach. Unsere ganze Welt ist so aufgebaut, dass wir an Krankheiten und Fehlfunktionen mehr verdienen als am Gesunden…“

Offenbar hat da jemand ernsthaft die Ansicht verinnerlicht, er würde die Welt erschaffen. Diese Antwort ist aber keineswegs ein Einzelfall.

Weitere Aussagen von Menschen, die sich nach der von Mohr verbreiteten Lebensphilosophie richten:

„Man darf nie vergessen, etwas Bestelltes, aber nicht mehr Erwünschtes, abzubestellen. Sonst kennt sich der kosmische Service nicht mehr aus.“
„Ich hab mir auch schon einiges bestellt, beim Universum und es ist wirklich größtenteils erfüllt worden. Doch ich bin drauf gekommen, das man genau bestellen sollte.“
„Ich hab mir einen Partner bestellt mit einigen Eigenschaften. Das hat wirklich geklappt.“
„Ich hab mir auch noch eine Berghütte am Waldesrand bestellt.“
„Der Hinweis, die Zeichen nicht zu übersehen, die mich zu den Lieferorten führen, hat meinen Blick geöffnet.“

Allzu viel kann man dazu wohl nicht sagen. Es ist nicht wirklich nur amüsant, sondern im Grunde kaum zu fassen, wo (leider viele) Menschen in ihrer Entwicklung stehen. Sie sind wie kleine Kinder in erwachsenen Körpern. Dass natürlich dieser Nonsens nicht immer aufgehen kann, ist klar. Doch auch dafür gibt es „schlüssige“ Erklärungen: Entweder man wünscht nicht auf „die richtige Art“ oder man hat Details vergessen, wovon das Universum irritiert ist. Doch selbst darauf reagiert Mohr immens clever. Eines der neueren Bücher „Reklamationen beim Universum“ beinhaltet „stimmige und leicht nachzuvollziehende Erklärungen“, warum es mit einigen Bestellungen beim Universum nicht klappt.

Und zusätzlich – zur Untermauerung der Richtigkeit ihrer Annahmen – veröffentlichst sie folgendes auf ihren Internet-Seiten:
„Ich muss es einfach sagen: Auch die großartigsten Heiler dieser Erde haben keine Erfolgsquote von 80% oder noch besser. Es ist mehr so, dass sie bei vielleicht 1-5 % totale und sofortige Heilung von Schwersterkrankungen bewirken und in weiteren 20% bis maximal 70% deutliche Besserungen und beim Rest sind es leichte Verbesserungen.“

Woher die Prozentangaben kommen, wird nicht erwähnt. Da es dazu keine Studien gibt, sind es einfach Behauptungen. Die jedoch nicht als subjektive Vermutung dargestellt werden. Anhänger ihrer Lehre werden diese genau so wenig in Frage stellen wie die gesamte Theorie überhaupt. Denn wer unbedingt etwas glauben will, wird immer und überall „Zeichen“ dafür sehen, die seinen Glauben bestätigen. Es ist ein wirkliches Drama, eins, das man nicht unterschätzen darf. Menschen, die so weit von Mündigkeit entfernt sind und sich von derartigen „Philosophien“ völlig unqualifizierter Einzelpersonen zutiefst beeinflussen lassen und sich daran orientieren, lassen sich auch – wenn es gut genug präsentiert und aufbereitet wird – von allerlei anderem genau so beeinflussen.

Bärbel Mohr ist keine „Menschenführerin“, bei der einem angst und bange werden muss. Ihre Philosophie ist ziemlich harmlos-kindlich und sie ist eine unheimlich clevere Geschäftsfrau, die damit kolossale Gewinne macht. Sie ist auf den Zug der zeitgeistigen Esoterik aufgesprungen und bereichert sich daran wie viele, viele andere auch. Die Verlage für ihre Bücher prüfen wohl kaum die Qualität ihrer Aussagen, sondern orientieren sich hauptsächlich auch an den Gewinnchancen. Wer naiv meint, dass die Auflage und Verbreitung von Büchern ein inhaltliches Qualitätskriterium darstellt, ist wirklich zutiefst naiv (Hitlers ‚Mein Kampf“ lag weit darüber).

Ob solche Menschen tatsächlich bis ins Innerste an das glauben, was sie verbreiten oder ob sie es kalkuliert gewinnorientiert einsetzen, ist zweitrangig. Ob ein Mensch einem Quacksalber aufsitzt, der sich damit nur bereichern will und bewusst Unsinn erzählt, weil er damit gut ankommt oder ob er selber an den Unsinn glaubt und sich damit genau so bereichert, macht kaum einen Unterschied. Nicht für diejenigen, die ihnen vertrauensvoll folgen. Samt allen Folgen. Niemand ist in der Lage, das wirklich zu unterscheiden. Menschen, die sich nicht über einen kindlichen Zustand hinaus entwickeln, werden immer verführbar sein von allen, die sich als „Eltern“ präsentieren, die ihnen vorgeben, wie sie die Welt zu sehen haben.

Für Humorvolle möchte ich hierzu noch einen Link einstellen:

Wünsche Universum

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Responses

  1. Guten Morgen Eva

    Die guten Wünsche ans Universum müssen selbstverständlich ganz genau ausformuliert werden, sonst klappt das nicht. Und wenns nicht klappt (wegen der unklar formulierten Wünsche) ist man ja selber Schuld…

    Dieser ganze Hype um die Wünsche ans Universum verursachen mir fast physisch Schmerzen. Da werden meist ganz „banale“ Sachen gewünscht wie z.B. ein neues Auto, Geld, ein Hund… Wenn das System so stark ist, warum hat sich denn nie eine Gruppe zusammengetan und den nachhaltigen Weltfrieden gewünscht?

    Toll ist auch, sich einen Partner zu wünsche, welcher XY und YZ-Eigenschaften mitbringt… Im Moment mögen diese Eigenschaften einem selber wichtig scheinen – aber ist das noch in 3 Monaten so? Muss man, um GANZ genau zu wünschen, also all die positiven Eigenschaften wünschen und dabei aber auch noch alle negativen Eigenschaften explizit ausschliessen? Ui, das scheint mir nun aber doch etwas sehr kompliziert zu werden.
    Oder ist es nicht doch eher so, dass es entweder passt oder nicht? Und dass man halt – weil man sich ja hoffentlich entwickelt – konstant an der Beziehung und an sich selber (versteckte Muster) arbeiten muss? Das scheint mir irgendwie realistischer und plausibler.

    Zum Thema: Wir erschaffen das Universum. Der dahinterliegende Grössenwahn übersteigt meine Fantasie – da bin ich schlicht sprachlos… Wenn ich also einen geistig kranken Menschen vor mir habe, hat er sich die Krankheit selber erschaffen? Auch wenn die Krankheit vererbt wurde?… Oha, ich glaube, mir wird gerade schlecht.

    Danke für deinen Blogbeitrag – ich lese deine Posts immer wieder gerne. 🙂

    Liebe Grüsse
    Anna

  2. Liebe Anna,

    kann ich verstehen. Mir ist bei meinen Recherchen zu diesem Thema auch fast schlecht geworden. Abgesehen von dem Wahnsinn, solche Dinge zu glauben, ist daran so viel Unlogisches, dass es jedem vernünftigen Menschen auffallen müsste, der darüber nachdenkt.

    Wenn ich das Universum selbst erschaffe (was für eine Annahme – da wird der subjektive Blickwinkel, den wir alle haben und mit dem wir uns unsere Überzeugungen erschaffen, etwas ZU wörtlich genommen), dann brauche ich mir doch nichts mehr zu wünschen. Ich kann es mir ja selbst erschaffen. Ev. wäre es eine neue Geschäftsidee, energetisierte Zauberstäbe dafür anzubieten – bringt garantiert eine Erfolgsquote von nicht nur 1 – 5 Prozent, sondern von 6 – 10. 🙂

    Und was ist „Das Universum“, an das ich mich wende? Es wird einerseits personifiziert wie der Weihnachtsmann und andererseits bin ich dessen Schöpfer. Ich erschaffe mir etwas, von dem ich mir dann Sachen wünschen kann. Warum dieser Umweg?

    Durch die Bank alles Unsinn – selbstverständlich wie alle Esoterik-Weisheiten mit Halbwahrheiten und punktuellen Wahrheiten verquickt, um Unangreifbares einzubauen. Denn wenn ich einen intensiven Wunsch ausdrücke und formuliere, programmiere ich mich innerlich natürlich darauf, auf alles ganz genau zu achten, das mich ihm näher bringt. Womit ich mich innerlich beschäftige, sehe ich fokussierter im Außen. Bestes Beispiel: Eine schwangere Frau sieht auf einmal unendlich viele andere Schwangere, die „vorher nicht da waren“. Klar waren sie da, aber man achtet nicht darauf. Kann ich aus persönlicher Erfahrung bestätigen.

    Es ist erschütternd, zu sehen, was ohne Wissen und gesundes Empfinden anderen abgekauft wird. Im wahrsten Doppelsinn des Wortes „abkaufen“.

    LG
    Eva


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