Verfasst von: Eva | 19/03/2010

Leben im Hier und Jetzt

Eine Tatsache, die sich nicht bestreiten lässt: Leben findet immer in der Gegenwart statt. Gleich einer kostbaren Erkenntnis ist diese Aussage heute in vielen Ratgeber-Büchern zu finden. Eckhart Tolles „Jetzt!“ war ein Welterfolg. Dazu passt sehr gut Marie von Ebner-Eschenbachs Aussage:  „Sage etwas, das sich von selbst versteht, zum ersten Mal und du bist unsterblich.“

Ich möchte gerne anfügen, dass es etwas sein sollte, das wir uns selten bewusst machen, denn ich glaube kaum, dass es Begeisterungsstürme und philosophische Euphorien auslösen würde, zu sagen „Der Tag hat 24 Stunden“: Das ist uns nämlich sehr bewusst, weil wir täglich unsere Zeit einteilen müssen, um alles unterzubringen, was wir zu tun gedenken.

Der Blickwinkel, der den Jetzt-Hype geschaffen hat, ist davon geprägt, dass der Wert der Präsenz entdeckt wurde. Wer tatsächlich im Jetzt – innerlich, gedanklich und im Tun – anwesend ist, hat begriffen, was Leben bedeutet. Es ist sinnlos, in der Vergangenheit zu verweilen oder immer nur an die Zukunft zu denken. Soweit, so wahr.

ABER: Ganz so einfach ist das nicht. Man kann das Leben nicht in unendlich viele, voneinander unabhängige Jetzt-Momente zerhacken, weil es nämlich ein Kontinuum ist. Das Jetzt ist nicht zufällig genau so, wie es ist, sondern es speist sich aus Vergangenem. Erfahrungen und Erlebnisse schaffen Einstellungen und tragen zu unserem jetzigen Erkenntnisstand bei. Und nur aus diesem heraus können wir agieren. Auch unsere Vorstellungen über die Zukunft sind davon beeinflusst. Wünsche und Ziele entstehen daraus, was wir jetzt nicht haben, aber zukünftig gerne hätten.

Das Jetzt zu begreifen, bedeutet nicht nur, den Augenblick zu zelebrieren und lt. Tolle „den analytischen Verstand auszuschalten“ (wieder einmal eine Verabsolutierung, die eine herausragende Fähigkeit, die wir von Natur aus erhalten haben, als Ursache allen Übels ortet und ohne Differenzierung, ob und in welchen Situationen es angebracht ist, den analytischen Verstand einzusetzen, insgesamt verdammt – auch der liebe Herr Tolle würde ohne analytischen Verstand seine Weisheiten nicht in Sprache umsetzen können), sondern es bedeutet vor allem, dieses Kontinuum, diesen Fluss des Lebens zu erkennen und ihm Rechnung zu tragen. Die Gegenwart sollte immer ernst genommen werden, da sie die einzige Dimension alles Lebendigen ist. Aber zugleich müssen wir uns auch bewusst machen, dass der Moment nur ein Punkt auf unserer gesamten Lebensstrecke ist.

Wer diesen Punkt als statisch ansieht und ihm eine Absolutheit zuschreibt, die er nie haben kann, dem fehlt entweder die Fantasie oder der Weitblick. Entscheidungen, die ich heute treffe, kann ich nur aufgrund meines heutigen Wissens, meines Entwicklungsstandes und damit meines jetzigen Wollens treffen. Da persönliches Wachstum ein lebenslanger Prozess ist, wird jede Entscheidung immer nur maximal die beste Entscheidung von heute sein. Sie könnte morgen, in einem Monat oder einem Jahr ganz anders aussehen.

Da Veränderung den meisten Menschen Angst macht und Sicherheit im Bleibenden gesucht wird, weitet sich diese Tendenz auch darauf aus, das Jetzt, den gegenwärtigen persönlichen Wissens- und Gefühlsstand, als feststehend anzunehmen. Eine der Auswüchse dieser Mechanismen sind Ideologien. Nicht lebenslanges Lernen und die damit verbundene unumgängliche Veränderung wird zum Ziel, sondern ein starres (wenn auch oft sehr komplexes) System, das alles erklärt, wird zum Fixpunkt. Man kann darin sein gesamtes Leben einrichten, wobei allerdings die Offenheit für einen dauerhaften Lernprozess – und damit persönliches Wachstum – verloren geht.

Natürlich ist es nicht so, dass wir ununterbrochen und jede Sekunde unseres Lebens lernen und großartige Veränderungen durchlaufen. Das wäre viel zu anstrengend und extrem. Selbstverständlich gibt es (oft sogar sehr lange) Phasen, in denen alles beim Alten bleibt und wir uns auch damit wohl fühlen. Doch ist dies nichts anderes als das Ergebnis einer gelungenen Lebensentscheidung – durch einen Glücksfall oder bewusste Wahl. Aber selbst wenn sie noch so gut war, wird sie irgendwann auf veränderte (innere und äußere) Bedingungen treffen. Ein neuer Blickwinkel führt dazu, neue Wege zu beschreiten.

Die frühere Entscheidung wird damit nicht falsch – nicht für damals, als sie getroffen wurde – aber sie gilt nicht mehr für heute. Diese vermeintliche „Unbeständigkeit“ ist im allgemeinen etwas, das viele Menschen überrascht und irritiert. Wer jedoch im Laufe seines Lebens immer bewusster wird, sich entwickelt und dadurch verändert (natürlich verändert sich nicht der Charakter, sondern die Einstellungen und damit oft auch das Verhalten), ist sehr wohl beständig. Er bleibt sich selbst treu und damit authentisch. Er lebt im Jetzt!


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Responses

  1. Wer jedoch im Laufe seines Lebens immer bewusster wird, sich entwickelt und dadurch verändert (natürlich verändert sich nicht der Charakter, sondern die Einstellungen und damit oft auch das Verhalten), ist sehr wohl beständig. Er bleibt sich selbst treu und damit authentisch. Er lebt im Jetzt!

    Yepp, so ist es, genauso und nicht anders. Es bewahrt mich nicht vor Fehlern und persönlichen Katastrophen, aber es sichert mir den bewussten Umgang mit ihnen und bereichert mich um das Wissen, dass nichts so bleibt, wie das Gestern, wenn ich dazu bereit bin.

    Herzlich

    Heide

  2. Ja, liebe Heide – Treue wird oft falsch verstanden. Das Lebendige wird abgewürgt, um Grund- und Glaubenssätzen ‚treu‘ zu bleiben. Ein wichtiger Wert, aber einfach falsch verstanden.

    LG
    Eva


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