Verfasst von: Eva | 30/03/2010

Ideologien

Es gibt keinen Menschen ohne Weltanschauung. Wie schon der Begriff aussagt, ist es eine Sichtweise der Welt – man schaut die Welt auf eine bestimmte Weise an. Und das tut jeder.

Zur Bildung dieser Weltanschauung tragen viele Faktoren bei – auf jeden Fall die Kultur, in der wir leben. Darin erlernen wir nicht nur unsere Sprache, sondern auch die Lebensweise, den verbreiteten Wissensstand und was „normal“ ist. Je einheitlicher die Gesellschaft ist, in der wir aufwachsen, umso weniger Spielraum für Abweichungen gibt es. Wenn der gesellschaftliche Druck stark ist, werden wir anders geprägt als wenn viele verschiedene Sichtweisen nebeneinander existieren.

Wer in einem sehr religiös geprägten Land aufwächst, dem wird diese in Fleisch und Blut über gehen, wer relativ frei aufwächst, wird das als selbstverständlich ansehen.

Nicht jede Weltanschauung ist eine Ideologie. Meist ist sie ein individuelles Gemisch aus diversen Einstellungen und Ansichten, das aus verschiedenen Quellen zusammen getragen wurde – daraus entsteht eine eigene Sichtweise. Je größer die Bereitschaft, immer wieder Neues einzubeziehen, umso weniger Affinität zu festen Ideologien.

Leider sind wir nicht nur eine hoch zivilisierte, sondern auch eine hoch neurotische Gesellschaft. Vielfältige eigene Mängel und Unverarbeitetes mischen kräftig bei der Entstehung der eigenen Sichtweise mit. Niemand ist perfekt und vieles, das als bewusst und schlüssig gewählte Überzeugung angesehen wird, passt oft nur besonders gut zur Kompensation eigener Schwächen.

Ideologien sollte es eigentlich für Individuen, die das Leben als einen fortwährenden Entwicklungsprozess sehen – außer vielleicht für eine befristete Zeitspanne – nicht geben. Was heute noch dem momentanen Entwicklungsstand entspricht, tut es nicht bis in alle Ewigkeit. Ideologien verändern sich aber nicht, sie sind geschlossene Gedankengebäude. Wer meint, damit den Zenit seiner Erkenntnisfähigkeit erreicht zu haben, stoppt an diesem Punkt sein Wachstum.

Damit ist wohl ein großes Bedürfnis nach fester Orientierung und Sicherheit verbunden, um sich gegen die Ungewissheit des Lebens abzuschirmen. Doch gleichzeitig richtet sie sich gegen die eigene Lebendigkeit. Wer genau meint, zu wissen, wie alles zusammen hängt, was richtig und falsch ist, was wahr und was unwahr, braucht nicht mehr darüber nachzudenken. Dass es keinem Menschen möglich ist, alles zu wissen, immer die richtigen Entscheidungen zu treffen, alle Zusammenhänge zu erfassen – davon zeugt schon die Tatsache, dass es so viele verschiedene Ideologien wie Sand am Meer gibt. Und doch stellt jede Absolutheitsanspruch. Von außen betrachtet, mutet es ein wenig lächerlich an, wie alle einander bekämpfen und sich als im Besitz der Wahrheit sehen möchten.

Eine große Anzahl Gleichgesinnter und Gleichdenkender bestätigt sich gegenseitig die Richtigkeit ihrer Sichtweise – davon leben Ideologien hauptsächlich. Ist man erst einmal in diesem „Wir“ fest eingebunden, bedeutet dies aber bald das Ende jedes selbständigen Denkens. Nur selten lösen sich Einzelne wieder aus dieser Gruppe heraus, weil innerlich Entwicklung statt gefunden hat. Dogmen, die als Wahrheit verkauft werden, kann man zwar in der ersten Euphorie tatsächlich mit Wahrheit verwechseln, aber sobald sich der Überschwang legt, bleibt meist nicht mehr viel davon übrig. Es mag eine Teilwahrheit gewesen sein, ein Aspekt davon, aber differenziert und offen bleibt der Blick in ideologisch ausgerichteten Gruppen nie. Gruppenbezogene Wahrheitsüberzeugungen dienen vornehmlich den Interessen ihrer Mitglieder.

Völlig gleichgültig, um welche Ideologie es sich handelt. Ob es sich nun um Rationalisten, Esoteriker, Religionsfanatiker oder auf sonst eine Sichtweise Fixierte handelt – der Blick ist einseitig und stark eingeschränkt. Ideologien sind zwar Gedankengebäude, aber es geht bei weitem nicht nur ums Denken. Im Grunde geht es um Identifikation.

Die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten spielt dabei eine wichtige Rolle. Das „Wir“ macht stark, fegt Bedenken hinweg und der soziale Nutzen macht langsam taub für die innere Stimme. Wie schwach sich auch ein Individuum alleine fühlen mag – in einer Gruppe fühlt es sich stärker. Um diese Stärke nicht wieder zu verlieren, wird meist alles, was nicht zur gemeinsamen Weltanschauung passt, ausgeblendet – im schlimmsten Fall ausgerottet. Jede Ideologie hat zudem ihre Autoritäten, die verehrt (und oft sogar „geliebt“ werden). Sie nehmen  die Last der Entwicklung zu Eigenständigkeit und Autonomie von den Schultern, denn ihre Überzeugungen werden zu den eigenen.

Wer nicht zu seiner eigenen Identität gefunden hat, nimmt fremde Identitäten an, orientiert sich an anderen. Anstelle innerer Gewissheit steht der Zusammenschluss zu gemeinsamen Überzeugungen, die wie ein Bollwerk nach außen verteidigt werden.

„In der Sekundärtugenden, in den Außenmerkmalen und in der Sprache drückt sich für den Ideologen das wirkliche Credo eines Menschen aus. An ihnen erkennt er seinen eigentlichen Stallgeruch oder auch sein Hexenzeichen. Die Echtheit dieser Merkmale muss dabei dauernd überwacht werden. Da ihm aber nicht nur der Weg zum Inneren der anderen, sondern auch zum eigenen Inneren verschlossen bleibt, neigt er ständig zur Darbietung seines eigenen Credos, was seinem Benehmen häufig etwas Floskel- beziehungsweise Hülsenhaftes gibt. Wir zeigten bereits, dass auch für den Narzissten Außenmerkmale von größter Bedeutung sind, sei es bei sich oder bei den anderen. Sie dienen allerdings nicht so sehr der Orientierung als der Bekundung von Macht. Und wie der Ideologe steht auch der Narzisst sich selber und seiner Mitwelt in einer angespannt überprüfenden Haltung gegenüber. Überprüft wird hier allerdings nicht die Echtheit, sondern die Tragfähigkeit der Wirklichkeit für den eigenen Bedarf.”
[Huth, Werner: Glaube, Ideologie und Wahn. Das Ich zwischen Realität und Illusion. München: Nympenburger V., 1984, S. 260]

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