Verfasst von: Eva | 03/04/2010

Der Verrat am Selbst / Arno Gruen – Teil 1

Ich möchte hier in mehreren Teilen den Inhalt eines Buches wiedergeben, das ich für unheimlich wichtig halte. Der heute 87jährige Arno Gruen ist nicht nur Psychoanalytiker, der sich den Belangen Einzelner widmet, sondern seine tiefgehenden Analysen beziehen sich auf die Auswirkungen der von Generation zu Generation weiter gegebenen inneren Spaltung in unserer Gesellschaft.

Der Untertitel des Buches lautet: Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau. Mit Autonomie ist die vollkommene Übereinstimmung eines Menschen mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen gemeint – als Synonym für Authentizität.

Arno Gruen schreibt in seiner Einleitung folgendes: „Dieses Buch ist in der Hoffnung geschrieben, diejenigen, deren Sicht in einer Welt der Konformität und Anpassung immer noch für andere menschliche Welten offen ist, in ihrem Sein zu stärken. Ich möchte damit etwas dazu beitragen, der gefühlsbetonten Welt – im Gegensatz zum Denken und Verstehen, das vom Fühlen abgespalten ist – ihren rechtmäßigen Platz in unserer wissenschaftlichen Welt zurückzugeben.“

Für die menschliche Entwicklung gibt es zwei Wege – den der Liebe und den der Macht. Die allermeisten Kulturen haben die Macht gewählt und verbreiten eine Ideologie des Beherrschens. Was unter autonom verstanden wird, bezieht sich nicht auf unser wahres inneres Wesen, sondern auf eine Vorstellung davon, wer wir sein sollten. Diese hat mehr mit der Wichtigkeit der eigenen Person und ihrer Überlegenheit zu tun – also einer Idee von sich selbst – als mit eigenen Bedürfnissen und Gefühlen. Das Leben als permanenter Kampf um Stärke und Überlegenheit anstelle eines bejahenden Zustands, der Gefühle von Freude und Schmerz als Ausdruck des Lebendigen einschließt.

Das Neugeborene, welches seinen ersten Atemzug tut, wird von diesem Moment an „sozialisiert“. Das Bewusstsein seiner Bezugspersonen, der Zugang zu ihren eigenen Gefühlen wird zum bestimmenden Anteil der Entwicklung seines Selbst. Die Mutter, die ihr Kind schreien lässt, die ihm ihre Aufmerksamkeit und Fürsorge nur mangelhaft widmen kann, gibt damit ihre eigenen Beschränkungen weiter. Das Kind lernt, dass es nichts bewirken kann, dass seine Not nicht beantwortet wird und dass es nur dort gelobt wird, wo es seine Bedürfnisse den Erwartungen anderer anpasst. Damit ist der Grundstein gelegt, sich von seinen Gefühlen zu entfremden und den Prozess des Lernens als von außen her bestimmt zu empfinden.

Innere Vorgänge verlieren an Bedeutung und rufen in Folge Angst hervor. Man verlernt, seine eigenen Bedürfnisse und Beweggründe zu erkennen. Die damit verbundene Hilflosigkeit, die Angst und Wut darüber, werden jedoch erneut abgelehnt. Je intensiver die Erfahrungen, umso heftiger wird dieser Mensch sich mit der Zeit gegen alles in sich selbst und außerhalb seiner selbst richten, das echte Lebendigkeit weckt.

Wenn die Bezugspersonen zu wenig empathisch auf das Kind  reagieren, fühlt es sich hilflos, als Versager oder verdrängt das Gefühl des Ausgeliefertseins und spaltet es ab. Danach wird alles, was an die Erfahrung erinnert, abgewehrt und abgewertet. Um die Spaltung aufrecht zu erhalten, wird Hilflosigkeit abgelehnt – und nicht die Erfahrungen, die dazu geführt haben. So gleichen sich die Opfer ihren Unterdrückern an und führen den ewigen Kreislauf von Macht und Beherrschen weiter. Authentischer Lebensausdruck in sich und anderen wird abgelehnt.

Die ursprünglichen Gefühle sind jedoch nicht verschwunden, auch wenn sie nicht mehr direkt gefühlt und im Zusammenhang erkannt werden. Und nicht allen Menschen gelingt die Anpassung gleichermaßen gut. In Gesellschaften, die Gehorsam, Konformität und Unterwerfung als Preis für „Liebe“ fordern, tritt Autonomie oft verkleidet auf. Gruen nennt dazu das Beispiel eines Klienten, der mit nahezu ungewöhnlicher Wahrnehmungsfähigkeit die Wünsche und das Denken anderer erahnen konnte. Indem er deren Bedürfnissen entgegen kam, schützte er sich selbst davor, sich zu öffnen. Er war stets auf andere bezogen. Da er damit sein eigenes Leben heraus hielt, glaubte er sich unverletzlich und „frei“. Doch diese „Freiheit“ entsprang nur seiner Fantasie.

Dennoch zeigt dieses Beispiel auch einen unbewussten Kampf um Autonomie. Selbst wenn er nur darin besteht, das eigene Selbst „geheim zu halten“, um es zu schützen. Diese Facetten des Strebens nach Autonomie bleiben uns meist verborgen, weil sie nicht als das erkannt werden, was sie sind: Schutzmechanismen, um sein Innerstes nicht preisgeben zu müssen, die damit verbundenen Ängste zu verbergen.

Schon Freud sah Triebe als im Grunde bösartig an, derer man nur durch Sozialisierung und Kompensation Herr werden konnte. Das Pathologische galt als Versagen, sich an die gesellschaftliche Realität anzupassen – ohne aber diese Realität je in Frage zu stellen. Dass das Pathologische in manchen Fällen jedoch der einzige Ausweg bleibt, sich der Anpassung zu widersetzen, wurde nicht in Betracht gezogen.

Solange wir heute noch das Ausmaß, in dem soziale Normen akzeptiert und zum Maßstab seelischer Gesundheit gemacht werden, tolerieren, sehen wir nicht deren Ungesundheit. Indem wir uns für Rollen entscheiden, die dieses System unterstützen, leisten wir der Pseudo-Realität Vorschub. Je erfolgreicher wir damit sind, je mehr soziale Anerkennung wir dafür bekommen, umso abgeschnittener werden wir von unseren Gefühlen. Letztlich haben wir uns mit den Regeln selbst identifiziert.

Davon ist auch das Körperliche betroffen. Durch den Sozialisierungsprozess kommt es ebenso zur Abspaltung von Körperempfindungen. Die umfassende Spaltung und Verdrängung verhindert den Aufbau unseres Selbst aus eigenen Erfahrungen. Ein Durchbruch ursprünglicher Gefühle mobilisiert unsere Abwehr und ruft Angst hervor. Wir waren so lange von Anerkennung und Lob abhängig, dass wir permanent nach weiterer Bestätigung suchen müssen. Bei jenen, die unsere wirklichen Bedürfnisse weder kennen noch bejahen.

Wahre Freiheit ist innerlich mit Ablehnung verbunden. Wem in frühkindlichen Jahren die eigene Lebendigkeit und Lebenslust zum Feind gemacht wurde, der fürchtet später nichts so sehr wie authentischen Selbstausdruck. Verantwortung für sich selbst bedeutet aber die Aufgabe, sich selbst zu verwirklichen. Was wir gelernt haben, ist jedoch, dass Hilflosigkeit schrecklich ist und wir nur durch Überlegenheit, Anerkennung und Macht davor geschützt sind. Falsche Freiheit meint nicht Verbindung mit den eigenen Bedürfnissen, sondern Erlösung von ihnen.

Menschen, die gefühlsmäßig derart beschädigt sind, fühlen sich mit anderen Menschen weder verbunden noch in echter Gemeinschaft. Sie sehnen sich nur nach Anerkennung und verwechseln Abhängigkeit und Bewunderung mit Liebe. Die echten Bedürfnisse werden zur Last, welche die Anpassung stören – das Ausschalten der Gefühle wird mit Freiheit gleich gesetzt.

Dahinter steckt jedoch der unbewusste Wunsch, dem eigenen Leiden zu entkommen. Die wirklich Schwachen sind nicht diejenigen, die leiden, sondern diejenigen, die davor Angst haben. Stärke wird in der Identifikation mit Autoritäten gesucht, das Ringen um Selbstverwirklichung aufgegeben. Falsche Selbstachtung orientiert sich an der Bestätigung unserer Wichtigkeit. Auch wenn wir anderen helfen, kommt dieser Impuls oft nicht aus Empathie mit seinem Leiden und dem Mut, sich ihm zu stellen, sondern wir suchen damit etwas für unsere eigene Selbstachtung zu gewinnen. Der Sinn von Bewusstwerdung liegt darin, uns unserer selbst bewusst zu werden. Zweifeln wir ständig an unseren Gefühlen und schämen uns unserer Menschlichkeit, verstellen wir uns damit den Weg zu unserem eigenen Selbst.

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Responses

  1. Ich finde ganz gut, was Du schreibst. Einziges Problem – ich fühle Deine Worte nicht. Arno Gruen lehnt eben deshalb seinen eigenen Berufsstand der Psychoanalytiker ab, weil diese zu wenig aus eigener Erfahrung heraus – sozusagen „kalt“ – schreiben. Gerade diesen Umstand solltest Du mehr einbeziehen, daher mehr über Deine eigene Interpretation von Arno Gruens Gedanken schreiben.
    Einerseits schränkst Du damit zwar den Kreis Deiner Leserschaft ein, andererseits aber – und das ist Arno Gruens Botschaft – erweiterst Du sie, da Leute ansonsten ja gleich professionelle Psychoanalyse und nicht Deine Auseinandersetzung mit der Materie lesen könnten
    Dass ich Kritik übe, soll daher eher Lob als Kritik an Dir sein, da es Dir zeigt, dass ich mich mit Dir beschäftigt habe.
    Gruss aus Greifswald

    • Lieber Walter,

      zuerst einmal danke für deinen Kommentar. Ich habe kein Problem mit konstruktiver Kritik – ganz im Gegenteil – aber er hat mich insofern überrascht, als ich mit echtem Herzblut gerade dieses Buch mehrmals gelesen habe und viel davon persönlich profitiert habe. Allerdings wollte ich mit diesem Artikel nicht meine Erfahrung bzw. persönliche Betroffenheit vermitteln, sondern einfach komprimiert den Inhalt des Buches wiedergeben – für Menschen, die es nicht gelesen haben. Falls du auch andere Artikel auf meinem Blog gelesen hast, wirst du feststellen, dass ich viele ohne Bezug auf Bücher oder bestimmte Lehren geschrieben habe und sie meine eigenen Erkenntnisse ausdrücken.

      Arno Gruens Bücher habe ich vor vielen, vielen Jahren zum ersten Mal gelesen. Sie waren für mich so etwas wie eine Initialzündung, etwas zu begreifen, das ich bis dahin noch nicht begriffen hatte. Besonders das Buch „Der Verrat am Selbst“ hat mich tief beeindruckt. Das war auch meine Motivation, dieses Buch hier zusammenzufassen. Für mich hat es damals auch niemand interpretiert oder subjektiv gedeutet – und das wollte ich eigentlich hier auch nicht tun. Meine Absicht war eher, Gruens Gedankengut dem einen oder anderen nahe zu bringen, weil ich es für sehr wertvoll halte und aus Erfahrung bestätigen kann.

      Ich finde, jeder muss sich selber eine Meinung bilden. Wenn ich persönlich eine Erkenntnis habe, bei der es um das Begreifen geht, steht dahinter immer etwas, das mich bzw. mein Leben betrifft. Andernfalls würde es mich kaum sonderlich interessieren oder es wäre nur eine reine „Kopfgeburt“, die meiner Meinung mit Begreifen wenig zu tun hat. Da ist eher reine Logik am Werk. Begreifen und Erkennen sind aber etwas sehr Persönliches, das weit mehr umfasst als eine intellektuelle Schlussfolgerung. Diese kann zwar ein Anfang sein, reicht aber bei weitem nicht aus, um etwas zu bewirken. Man muss eine Erkenntnis auch „spüren“, davon betroffen sein, sie muss innerlich etwas bewegen. Und nicht zuletzt muss sie etwas verändern, sonst ist sie nicht viel mehr als eine intellektuelle Gedankenspielerei.

      Ich finde, Bücher über psychologische Themen zu lesen, ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung, um im Begreifen weiter zu kommen. Das Wissen, das man sich dadurch erwirbt, ist wertvoll – nicht jeder kann und muss das Rad neu erfinden – aber erst wenn sich Praxis und Theorie verbinden, wenn man sich darauf einlässt, in sich selbst Gesetzmäßigkeiten aufzuspüren, bringt das Lesen tatsächlich etwas. Es ist ähnlich wie bei einem Universitätsstudium: man liest und lernt und baut Wissen auf. Das zunächst aber nur übernommen wird (oder teils auch abgelehnt). Irgendwann bekommt man dadurch einen immer größeren Überblick, fängt an, sich eigene Gedanken zu machen und kann langsam die Spreu vom Weizen trennen, entwickelt eine eigene Sichtweise, überprüft sie an der (eigenen Realität) und wird immer unabhängiger von Büchern. Man entwächst dem Reproduzieren von Wissen, versteht aus sich selber heraus und findet vielleicht sogar Neues heraus.

      Ich lese heute kaum noch Bücher über psychologische Themen, weil ich sie nicht mehr brauche. Es ist gut, viel zu lesen – und sei es nur dafür, die Hälfte des Gelesenen irgendwann wieder zu verwerfen – trotzdem aber erweitert es den Horizont. Deshalb denke ich, dass es nichts bringt, ein Buch sehr subjektiv auszulegen und es anderen so zu präsentieren. Ich bin nämlich überzeugt davon, dass jeder nur das davon mitnehmen kann, was zu seinem momentanen Wissens- und Entwicklungsstand passt. Und dass der gerade genau meinem entspricht, ist eher ziemlich unwahrscheinlich.

      LG
      Eva


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