Verfasst von: Eva | 07/04/2010

Der Verrat am Selbst / Arno Gruen – Teil 2

Durch die Glorifizierung eines vom Fühlen abgetrennten Denkens gilt Konstruiertes mehr als die Realität. Abstraktion anstelle von unmittelbarer Wahrnehmung verdeckt die Abspaltung von unseren Gefühlen. Es ist die Wissenschaft selbst, die dafür das Klima geschaffen hat. Sie erfasst das Leben mittels abstrakter Begriffe und die Realität durch Methoden. Damit erhält die Spaltung zwischen Denken und Fühlen ihre kulturelle Zustimmung. Methodologien, welche das menschliche Erleben nicht einbeziehen, degradieren den Menschen damit zum Input-Output-Roboter.

Jedoch haben wir alle die Anlage für Empathie und Mitgefühl angeboren. Rührt uns die Hilflosigkeit eines anderen Menschen an, spiegelt das Opfer unsere eigenen abgelehnten Anteile und wir distanzieren uns davon. Wer leidet, wird ausgegrenzt und soll möglichst rasch sein Leiden überwinden, um wieder annehmbar zu sein. Am besten schützt uns die Konformität einer Gruppe vor Selbstzweifeln, „man“ ersetzt „ich“ und dient als Legitimation der eigenen Verdrängung. Die Quelle unserer Destruktivität liegt bereits in unserer Kultur, die reduziertes Mensch-Sein als normal vermittelt. Durch die Verschmelzung mit dem Kollektiv geht selbständiges Denken und menschliche Ethik unter – ein „Mord auf Raten am eigenen Selbst“.

Wer sich widersetzt, läuft Gefahr, ausgestoßen oder als krank bezeichnet zu werden. Die Fiktion soll nicht in Frage gestellt werden, am ‚gesündesten‘ ist derjenige, der sich am besten anpasst. Oft sind es gerade Außenseiter und Künstler, die dagegen ankämpfen. Wer jedoch ständig den Traum von Erfolg und mächtigen Taten träumt, will seinen Gefühlen der Hilflosigkeit, Angst und Verzweiflung entrinnen. Hilflosigkeit ist für ihn nichts anderes als Schwäche. Dass es uns nicht umbringt, wenn wir sie zulassen, wird nie erlebt – dass gerade daraus Stärke und wahre Identität erwachsen, scheint unvorstellbar.

Viele, die sich nie mit den Ursachen ihrer Einstellungen befassen, entwickeln letztlich ein magisches Selbst- und Weltbild. Denn fantasierte Omnipotenzgefühle täuschen über den wahren inneren Zustand hinweg. Die Fähigkeit, allem mit Gleichmut zu begegnen, lässt Kriege, Zerstörungs- und Machtfantasien in völliger Abgetrenntheit von den eigenen Empfindungen zur normalen Realität werden. „Wir sehen, ideologische Abstraktionen können dazu führen, dass des Mörders Mordlust verhüllt bleibt. … Wenn ein Mensch mittels abstrakter Begriffe über sich selbst schließlich zum Roboter wird, ist die Gefahr sehr groß, dass er böse wird.“

Destruktivität entsteht aber nicht nur durch Unterdrückung des Fühlens, sondern auch durch Vorgabe bestimmter gesellschaftlicher Werte und Lebensorientierungen. Ein hohes Ziel ist das erfolgreiche Meistern kognitiver Aufgaben. Denken, unbelastet von jeglichen Gefühlen, steht in einer leistungsorientierten Kindererziehung für geistiges Wachstum. Eltern drängen ihre Kinder durch Belohnung in die von ihnen gewünschte Richtung, um ihren eigenen Ehrgeiz zu befriedigen. Diese Kinder, welche ohne Strafen manipuliert werden, sind unfähig, ihre Wut zu äußern. Sie verstehen ihre Unzufriedenheit nicht, scheint doch alles zu ihrem Besten zu geschehen. Das Reduzierte wird unter dem Deckmantel von Leistung verkauft. Gerade intellektuell betonte Menschen sind oft unfähig dazu, ihre Empfindungen ausdrücken. Die extreme Ausrichtung auf das Denken versperrt den Zugang zu ihren Gefühlen. Was bleibt, ist eine Identität, „welche nur wie eine Montage an einem Fließband zusammengesetzt werden kann.“

Noch mehr als Frauen sind Männer in unserer Gesellschaft davon betroffen. Das männliche Image, seine Sucht nach Macht und Bestätigung verhindert Liebe und schürt die Angst vor sensibler Berührung. Männer bevorzugen daher die gefällige Frau mit gefälschter Wärme. Hinter ihrer Abhängigkeit von  Bewunderung steht Versagensangst. Doch gerade, weil sie sich zum Helden machen, werden sie verlassen, wenn der reale Mensch zum Vorschein kommt. Das Ideal der Unverwundbarkeit und ständigen Stärke erzeugt Zerrbilder vom „richtigen Mann“. Gemeinsam mit den Zerrbildern „richtiger Frauen“ führen sie weit weg vom realen Erleben. Wenn das männliche Image zarte Gefühle verbietet, muss die Sehnsucht danach abgewiesen werden. Diejenigen, welche diese Vorstellungen von Männlichkeit am besten verkörpern, werden zu Heldenfiguren. Auch wenn der Männlichkeitswahn unbarmherzigen Konkurrenzkampf produziert und zu gesellschaftlich sanktionierter Grausamkeit an Menschen und Natur führt.

Obwohl einerseits die Frau enorm wichtig für männliche Selbstbestätigung ist, wird sie andererseits für unterlegen gehalten. Das männliche Leistungsbedürfnis mitsamt seiner Gier nach Lob und Beifall macht Erfolg und Sieg zum Maßstab menschlichen Wertes. Doch führt dies in das Dilemma der Beziehungslosigkeit, denn echte Intimität bedingt Ebenbürtigkeit. Die männliche Fiktion der Überlegenheit ist eine Lebenslüge, die allen Gewalt antut. Sie erzeugt Verachtung und schürt die Angst vor Niederlagen. „Liebe“ gibt es für Leistung, aber nicht für unser Selbst, wie es ist. Von klein auf wurde es uns unmöglich gemacht, daran zu glauben, wir könnten um unserer selbst willen geliebt werden. Daher spielt der Erwachsene weiter seine Rollen und bewundert jene, die darin noch besser sind. Falsche Liebe ist die einzige, die wir kennengelernt haben und schließlich richtet sich unsere Wut auf jene, welche die Unwirklichkeit unseres Spiels wahrnehmen.

Der Vorteil der Frau ist ihr Potenzial, Leben in sich tragen zu können und damit an der Entstehung und Entwicklung eines Lebewesens mit all seinen Schmerzen, Leiden und Freuden teilzunehmen. Hilflosigkeit wird hier nicht gleichgesetzt mit Ohnmacht oder Versagen, sondern ruft warme, empathische Gefühle hervor. Ist die Frau jedoch selbst der männlichen Ideologie verhaftet, dienen ihr die Kinder als Ersatz für  Selbstverwirklichung und sie benutzt sie damit für ihre eigenen Zwecke. „Die tiefste Verletzung, die einer Mutter in unserer Gesellschaft angetan wird, ist nicht nur ihre Unterdrückung, sondern ihre Anpassung an den männlichen Mythos seiner Überlegenheit und die Annahme ihrer eigenen Wertlosigkeit.“

Männer bevorzugen das Denken und entwerten das Fühlen. In ihrer Ausrichtung auf Logik und Ordnung wenden sie sich damit jedoch gegen ihre eigene Lebendigkeit. Leben folgt aber weder vorgegebener Logik noch Ordnung. Darin besteht zwischen Männern und Frauen ein fundamentaler Unterschied. Frauen sind meist der Realität näher und weniger von ihren Gefühlen entfernt. Dadurch sind sie oft gezwungen, auf zwei Ebenen zu leben: derjenigen ihres inneren Empfindens und derjenigen, welche als „offizielle“ Wirklichkeit Gefühle mit Irrationalität  gleichsetzt. Damit drückt sich erneut die Verachtung gegenüber allem aus, das den Vorstellungen von Stärke und Macht widerspricht. „Ein Selbst, das vor der Hilflosigkeit davonläuft, kann nur sehr beschränkt Teile seines inneren Geschehens erfahren.“ Nur Bewunderung verspricht die Illusion der ersehnten Stärke. Männer wollen für Heldentaten geliebt werden, auch wenn dahinter die Angst vor Schwäche steht. Der Preis, den sie dafür bezahlen, ist nie erlebte Nähe.

Es wird leicht übersehen, dass auch derjenige, der bewundert, Macht über das Objekt seiner Anbetung hat. Wenn die Bewunderung entzogen wird – die Geschichte ist voll von solchen Wandlungen – stürzt er ihn von seinem Sockel und entlarvt die Grandiosität als Täuschung. Dennoch hat Idealisierung  für beide Seiten einen Vorteil: sie hält voneinander fern. Wir suchen nicht nach echter Begegnung, sondern nach gegenseitiger Stärkung. Sei es eben durch die Bewunderung auf der einen Seite oder durch die Teilhabe des Anbetenden an der Stärke seines Idols auf der anderen Seite. Wer davon abhängig ist, dem wird Besitzstreben zur Grundlage menschlicher Beziehung.

Ein weiterer Aspekt der Suche nach Stärke ist der Gehorsam gegenüber Mächtigen. Es löst geradezu ein „heiliges Gefühl“ aus, wie Schafe hinter Führern her zu laufen, die uns Erlösung versprechen. Wir sterben für höhere Ziele, wenn wir die Verbindung zu uns selbst verloren haben. Identität wird in Unterwerfung gesucht, die Anpassung an eine Ideologie der Stärke schafft Heldentum. Und diejenigen, die sich der Macht widersetzen, werden grausam verfolgt. Als Beispiel nennt Gruen die Geschwister Scholl, die gegen die Nazis Widerstand leisteten und dafür hingerichtet wurden. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass einige Menschen durch Angst nicht zur Anpassung, sondern zur eigenen Stärke finden. Wer allerdings über seine kindliche Abhängigkeit nicht hinaus kommt, bleibt sein Leben lang autoritätsgläubig, gehorsam und abhängig. Er hofft, dass das Prinzip Autorität, welches sein Leiden hervor rief, auch davon befreien kann.

Nur derjenige, der sich seiner Angst stellt, kann sich seines Selbst bewusst werden. Aus der mutigen Konfrontation mit der eigenen Schwäche erwächst echte Stärke.

Teil 3

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