Verfasst von: Eva | 11/04/2010

Der sensible Mensch – Kommentar

Da das Echo auf die Zusammenfassung von Schweingrubers „Der sensible Mensch“ sehr groß ist, möchte ich auch persönlich etwas dazu schreiben.

Dieses Büchlein hat es in sich! Was daran nicht genug zu schätzen ist, ist die Tatsache, dass es Schweingruber weder um Wertungen noch um Interpretationen geht. Er bezieht sich auf seine Beobachtungen und macht Vorschläge, was solche Menschen bei der Bewältigung ihres Lebens beachten sollen. Im Grunde haben diese Tipps auch für weniger Sensible Gültigkeit. Es ist eine Anleitung, mit sich selbst achtsam und bewusst umzugehen. Er hat offenbar aber erkannt, dass das gerade für besonders Sensible äußerst wichtig ist, wenn ihr Leben gut gelingen soll. Er erwähnt ja auch, dass das Leben Hochsensibler nahezu eine Art „Kunstwerk“ sein muss, um das eigene Potenzial ausschöpfen zu können.

Dazu weist er eindrücklich darauf hin, dass es notwendig ist, seine neurotischen Anteile aufzudecken. Diese Forderung halte ich für zentral – vor allem, da unbewusste Motivationen uns so sehr lenken und beeinflussen, dass sie einen bewussten Umgang mit dem eigenen Leben unmöglich machen können.

Was Schweingruber jedoch nicht einbezieht, sind gesellschaftlichen Fakten. Er geht wie selbstverständlich davon aus, dass „gesund“ und  „normal“ das ist, was die Mehrheit vorgibt. Dieser Meinung bin ich nicht, da in diesem Fall die meisten Menschen gesund und glücklich leben müssten – was unzweifelhaft nicht der Fall ist. In Arno Gruens Buch Der Verrat am Selbst wird viel davon erhellt, was in den Seelen der Menschen abläuft. Die neurotische Komponente wird großteils sozial „erworben“ und von Generation zu Generation weiter gegeben. Alle leiden darunter – die besonders Sensiblen aber noch um einiges mehr.

Daher trifft Schweingruber mit seinem Appell, eine besonders intensive Innenschau zu betreiben und sich seinen neurotischen Anteilen sachlich und ohne Beschönigungen zuzuwenden, den Nagel auf den Kopf. Er gibt zu bedenken, dass nicht jede Empfindlichkeit und ungewöhnliche Reaktion alleine aus einer naturgegebenen Sensibilität entsteht, sondern auch ganz andere Gründe dahinter stehen können. Erst wenn das Neurotische aufgelöst ist, lässt sich das eine vom anderen trennen und die natürliche Persönlichkeit kommt zum Vorschein.

Ein tatsächlich hoch- bzw. wie er es nennt – hypersensibler Mensch – hat ein Inneres, das zwar nicht wirklich völlig anders funktioniert als das vieler anderer, aber es reagiert viel feiner und intensiver auf alles. Wer relativ unbeschadet mit vielem, das eigentlich im Argen liegt, zurecht kommt, ist nach unserem Normalitätsbegriff „gesünder“ als diejenigen, die das nicht können. Doch da wir soziale Wesen sind, wollen wir alle natürlich möglichst „normal“ sein. Ausgrenzung tut weh und jeder braucht soziale Eingebundenheit und Verbindung zu anderen Menschen.

Das Problem dabei ist, dass sich hochsensible Menschen damit relativ schwer tun. Sie fühlen sich unverstanden. Allerdings spiegelt Unverstandensein besonders den eigenen Zugang zu sich selbst wider. Wer sich selber kaum versteht, wird vergebens darauf hoffen, von anderen verstanden zu werden. Die persönliche Stärke und Sicherheit, die daraus erwächst,  sich selber gut zu kennen und um seine Schwächen und Stärken zu wissen, darf nicht unterschätzt werden.

Aus meinen Erfahrungen in Hochsensibilitäts-Foren weiß ich, dass das nicht selbstverständlich ist. Entweder wird Hochsensibilität als eine Art Auszeichnung gesehen, deren Vorteile sich jedoch hauptsächlich darin erschöpfen, einfach „sensibel“ zu sein – oder die Sensibilität wird als Nachteil gesehen, der das Leben schwer macht. In beiden Sichtweisen liegen jedoch starke Wertungen – es ist gut oder es ist nicht gut. Das Gemeinsame dieser Haltungen ist, dass es immer um einen Vergleich mit anderen geht und ein „Besser“ oder „Schlechter“ daraus resultiert. Ich halte das für keinen guten Weg.

Wer sich damit als besser einstuft, verliert nur allzu leicht seine Schwächen aus den Augen und neigt zu Überheblichkeit, wer sich schlechter einstuft, sieht nur Nachteile und fühlt sich unterlegen. Auch wenn die Wünsche ziemlich einheitlich dahin gehen, dass die Welt ein wenig menschlicher und feinfühliger sein sollte, wird mit diesen konkurrierenden Vergleichen doch in gängigen Bahnen gedacht. Die Tatsache, dass wir alle gemeinsam reisen und jeder Mensch – ob temperamentvoll oder ruhig, ob feinfühlig oder robuster – sein individuelles Potenzial hat, sollte gerade bei jenen, die sich eine bessere Welt wünschen, kein Anlass für Wertungen sein. Das Fahrwasser, in das man sich damit begibt, ist nämlich genau das, worüber geklagt wird.

Es kann sich nichts zum Besseren verändern, wenn man nicht bei sich selbst beginnt. Diverse Aktionen, besonders sensible Menschen als eine hochstehende Minderheit zu etablieren oder die Weltflucht in Esoterik, die der Selbsterhöhung durch Omnipotenzdenken dient, halte ich für wenig sinnvoll. Es schlägt nur in die allgemeine Kerbe des üblichen Konkurrenzkampfs, der im Grunde die Schwierigkeiten hervor gerufen hat. Viel wichtiger wäre es, sich wirklich um das eigene Leben zu kümmern, das verschüttete Potenzial auszugraben und es zu leben. Niemand hat jemals behauptet, dass hochsensible Menschen reifer sind als andere. Und sie sind es auch nicht. Auch wenn sie aufgrund ihres Leidensdrucks hohe Entwicklungschancen haben, müssen diese erst einmal angenommen werden.

Sich davor zu drücken und die eigene Feinfühligkeit einfach für einen kostbaren Schatz zu halten, ohne damit umgehen zu können, führt zu nichts. Das Beklagen der Zustände eben so wenig. Wer es aber schafft, das zu verwirklichen, was er sich eigentlich von der Welt wünscht – innere Ausgeglichenheit, eine menschliche Einstellung und hohe Bewusstheit – verwirklicht ein Stück des Traums durch sein eigenes Leben.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: