Verfasst von: Eva | 28/05/2010

Der innere Dolmetscher

In unserer rational geprägten Zeit scheint es oft so, als wären wir „gefühlsmäßige Analphabeten“. Das Denken hat einen Siegeszug sondergleichen angetreten und Descartes berühmter Ausspruch „Ich denke, also bin ich“ gilt bis heute.

Das Fühlen ist nicht verschwunden (oder die rechte Gehirnhälfte hat sich zugunsten der linken verkleinert), wir bewerten es aber geringer. Damit drücken wir hauptsächlich eines aus: Wir vertrauen der menschlichen Natur so gut wie gar nicht mehr. Denn zum Menschsein gehört beides.

Wenn wir zum Beispiel an unsere Sinne denken, wird klar, wie eng sie mit Fühlen verwandt sind. Es geht dabei weder um Worte noch logische Denkprozesse und doch vermitteln sie sehr umfassende und ganzheitliche Eindrücke. Wenn wir uns Kleidung kaufen, schauen wir auf die Farben, befühlen den Stoff, reagieren darauf, ob uns der Anblick gefühlsmäßig zusagt oder nicht. Wenn wir frische Lebensmittel kaufen, sehen wir sie ebenfalls an, befühlen sie, riechen daran. Gehen wir in ein Konzert, ist unser Hörsinn angesprochen, wir nehmen gefühlsmäßig die Atmosphäre im Saal auf. Fühlen ist fundamental wichtig für das menschliche Leben und drückt sich ununterbrochen aus. Fühlen muss erst in Worte „übersetzt“ werden, um es mitzuteilen, aber das gelingt nicht immer. Wer es verstehen will, muss „mit-fühlen“ können.

„Ich denke, also bin ich“ ist eine reduzierte Aussage über menschliches Sein – richtiger müsste es wohl heißen „Ich denke und fühle, also bin ich.“

Denken lässt sich praktisch alles. Und da wir es so sehr gewohnt sind, dem Gesagten oder Geschriebenen meist mehr Wert beizumessen als dem, was wir fühlen, fehlt vielen dadurch der innere Kompass. Was wir fühlen, können wir nicht beeinflussen. Wir können es übergehen, falsch deuten, unterdrücken, uns aus- oder einreden – aber wir können es nicht willentlich erzeugen oder auflösen. Wer wütend ist, IST wütend. Wer denkt, dass dies und jenes so ist, DENKT es nur, bewegt sich damit aber im Abstrakten.

In so gut wie allen Fällen trügt uns nicht unser Gefühl, sondern unser Denken. Es spult alte Informationen ab, die wir gelernt haben – und diese sind eben zumeist, „rational“ sei wertvoller bzw. wichtiger.

Dass alleine schon dieses Verhalten alles andere als rational ist, ist meist nicht klar. Denn wie wir auf etwas reagieren, ist das Ergebnis unserer Erlebnisse und Erfahrungen bzw. frühen Beeinflussungen – die uns ‚konditioniert‘ haben.

Denken ist nur ein Werkzeug, um Zusammenhänge zu erkennen. Der Verstand in uns ist kein isoliertes Instrument gleich einem Computer. Glauben wir das, reduzieren wir uns auch darauf. Ich kann nur immer wieder auf das berühmte Milgram-Experiment verweisen, wo Probanden die Anweisung erhielten, andere Menschen durch Bestrafungen zu quälen. Ein verschwindend geringer Prozentsatz davon weigerte sich (und das auch erst aber einer bestimmten kritischen Grenze), alle anderen bewerteten die Worte und Anweisungen des Versuchsleiters weit wichtiger als ihre Empfindungen. Ihr Blutdruck stieg zwar, sie fingen an zu schwitzen, begannen zu zittern – aber sie verhielten sich gegen ihr Fühlen.

Die Frage, die sich da auftut, ist: Wie viel Wert messen wir in unserer Kultur unseren Gefühlen bei? Hätten die Versuchspersonen auf ihre Gefühle gehört, hätten sie sich weigern müssen, den Anweisungen zu folgen. Aber das haben sie nicht getan.

Das Milgram-Experiment wurde nach etlichen Jahren wiederholt – und brachte in etwa dieselben Ergebnisse. Egal, ob Frauen oder Männer, ob Gebildete oder weniger Gebildete getestet wurden – immer wieder stellte sich heraus, dass die äußere Autorität, die Anweisungen gab, weit mehr wog als die innere des Spürens.

Die dramatischen Folgen sind unübersehbar. Abgespaltene Gefühle machen aus Menschen Furchtbares. Wenn wir nicht unsere ganze Natur annehmen, leben wir in abstrakten Gedankengebäuden und übergehen uns selbst und andere. Mit Vernunft – die eine realistische Einschätzung der Lage bietet – hat das nichts zu tun.

Es ist eine dramatische Fehlentwicklung, wenn Menschen mehr über vorgegebene logische Systeme erklärt werden als über sensibles Mitfühlen. Damit wenden wir uns immer weiter vom Spüren ab und versuchen, menschliche Reaktionen nach einer Art „Bedienungsanleitung“, wie sie technischen Geräten beiliegt, zu deuten. Damit wird letztlich auch der Mensch selbst abstrahiert.

Und weil wir das alles so gut gelernt haben, tun wir es immer wieder. Wir versuchen, mit Programmen, Systemen, Methoden und Techniken Schwierigkeiten beizukommen, sie zu erklären und zu lösen. Schublade um Schublade wird dazu aufgetan, um einzuordnen.

Schubladendenken ist aber aufs Denken beschränkt. Fühlen ist anders. Wer sich davon abwendet, lebt gegen einen wichtigen Teil seiner eigenen Natur. Auf Dauer kann aber kein Mensch ohne seine echten Gefühle gut leben. Er tut es ja ohnehin niemals – auch wenn ihm das nicht bewusst ist. Ständig zu „rationalisieren“ ist ein psychologischer Abwehrmechanismus, der durch konstruierte Erklärungen unbewusste Motive überdeckt.

Fühlen ist für jeden Menschen fundamental. Die Gedanken, die sich daraus entwickeln, sind nichts als „Übersetzungen“ in Worte. Und dabei kann man sich fatal irren – denn der innere Dolmetscher, der das tut, ist ein Produkt der eigenen Erlebnisse von frühester Kindheit an. Samt der unzähligen Beeinflussungen, die uns dabei zuteil wurden.

Es ist wichtig, diesen inneren Dolmetscher kritisch zu hinterfragen und ihn bewusst immer wieder neu auszurichten.

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Responses

  1. Dieser Artikel hat meine Frage beantwortet, auf welche Weise Du Dein Vorhaben umsetzt, authentisch zu werden. „Fühlen ist für jeden Menschen fundamental.“ Anders geht es nicht, meine auch ich. Denken scheint mir inzwischen eine nachgeordnete Funktion unseres Empfindens und lässt sich am besten beim ’schreiben‘ und ’sagen‘ wiederfinden. Ich denke, dass nur unser Empfinden Urheberschaft auf uns selber beanspruchen kann.

    Gruß
    Monika

  2. Liebe Monika,

    ja – so verstehe ich Authentizität. Wie sonst könnte man sie verstehen? Denken ist wichtig und gehört zum Menschsein, gar keine Frage. Aber es ist unheimlich manipulierbar, weil es ohne Verbindung zum Fühlen und Empfinden einer korrigierenden Ebene entbehrt. Wie ein Computer, den man mit allem füttern kann.

    Ich verstehe unter reinem Denken aber nicht Vernunft. Denn diese hat schon wieder eine Verbindung – und zwar zu Lebenserfahrung und Pragmatismus, einer Art distanzierter Betrachtung des Ganzen.

    Beileibe bin ich keine Gegnerin von Denken, aber so wie du schreibst, halte ich es auch für eine dem Fühlen weit nachgeordnete Funktion und vieles, das sich als Denken verkauft, lässt sich im Grunde als Reaktion auf gefühlsmäßige (meist unbewusste) Ursachen zurück führen.

    Dennoch – beides ist wichtig, weil es ineinander greift und voneinander abhängig ist. Aber das Denken herrscht keineswegs über das Fühlen, das ist eine riesige Illusion, die in unserer Gesellschaft oft genug als Wahrheit verkauft wird.

    LG
    Eva

  3. Einem philosophischen Freund verdanke ich die Anregung, ‚denken‘ mit Erinnerungen an denkende Menschen und Darstellungen von denkenden Menschen zu verbinden.

    Die bekannte mittelalterliche Darstellung des „Walter von der Vogelweide“ oder die Plastik Rodins „Der Denker“. Körperhaltungen wie diesen und ähnlichen, könnte irgendjemand einmal das Wort ‚denken‘ zugeordnet haben.

    Derartige Anregungen habe mir geholfen, ‚reines Denken‘ und ‚Vernunft‘ für mich als Theorien aufzufassen, denen man folgen kann oder auch nicht.

  4. Liebe Monika,

    reines Denken hat seinen Platz, wie ich finde. Aber nicht dort, wo es um etwas geht, das durch reines Denken nicht erfasst werden kann.
    Also Mathematik verlangt nach wohl nach reinem Denken, ist ja auch ein abstraktes Produkt. Doch wenn es um Menschen oder die Natur geht – kurz gesagt ums Lebendige – wird man mit Denken wohl immer nur in der Einseitigkeit bleiben.

    LG
    Eva

  5. Liebe Eva,

    ich brauche auch bei Mathematik immer Assoziationen zu Erinnerungen an Konkretes. Glücklicherweise hatte ich einen Mathelehrer, der erläuterte mathematische Zusammenhänge gern an konkreten Dingen. Komme ich in die Verlegenheit mir zu vergegenwärtigen, wie man z.B. ein Kugelvolumen berechnen könnte – Formeln sagen mir nämlich nichts -, dann sehe ich meinen Mathelehrer vor mir, wie er mit einem Küchenmesser einen Apfel von außen nach innen in kleine Kegel schneidet, deren Spitze im Kerngehäuse endet. So ‚weiß‘ ich dann auch, wie ich die entsprechende Formel (Rechenvorschrift) anwenden kann. Ohne vom Konkreten auszugehen, wäre ich in der Mathematik völlig aufgeschmissen.

  6. Liebe Monika,

    ich auch. 🙂 Aber es gibt Menschen, die brauchen das dafür nicht. Was auch in Ordnung ist.

    Ich hab mir übrigens eben deine Seiten angesehen und was du über das Lernen von Kindern/Schülern schreibst, hat mich sehr angesprochen. Ich habe eine kleine Enkeltochter und ich beobachte gerade an ihr wieder einmal, wie schön und leicht es ist, ihr Interesse zu wecken und wie wissbegierig und lerneifrig Kinder sind.

    Ich war das auch mal, aber in der Schule, speziell in den späteren Klassen, fand ich das Ganze sowas von langweilig und total unspannend, oft auch von der Lehrer-Schüler-Beziehung her fürchterlich, dass ich es einfach nur durchlaufen habe, um das Ziel – die halbwegs gute Bewertung – zu erreichen. Wie unheimlich spannend und freudvoll Lernen sein kann, habe ich nur bei ganz, ganz wenigen Lehrern erlebt und später habe ich eher den Weg der Autodidaktin vorgezogen, um zu lernen, weil das weit mehr meinen Interessen entgegen kam als das Vorgegebene.

    Ich lerne gerne, bin heute noch genau so wissbegierig wie als Kind – in jenen Bereichen, an denen mein Interesse hängt. Doch in Schulen wurde das selten bis nie befriedigt.

    LG
    Eva

  7. Vermutlich warst Du auf den ‚Unbehagen‘-Seiten. Das, was da über lernen steht, war mir bis vor wenigen Jahren nicht klar. Mich begleitete nur immer wieder unterschiedlich merkbares Unbehagen. Als Rolf Reinhold – mein Couch und (PHILO)Sophos – mich fragte, was ich mir unter ‚lernen‘ vorstelle, hatte ich im Prinzip keine Ahnung. Außer ein paar Versatzstücken von anderen, die mir gefielen, tappte ich herum wie ein blindes Huhn. Und das dürfte bei fast allen Lehrern der Fall sein. Daraus folgen Schulkarrieren, die der Deinen im Allgemeinen ähnlich sind. Schule wird zu etwas, was man hinter sich bringen muss, ‚lernen‘ etwas, das weder spannend noch lustvoll ist.
    Was meinst Du zu dieser Lerntheorie: „Lernen ist die Aktivität, bei der Menschen Wenn-Dann-Beziehungen. herausfinden können.“ ?

  8. Liebe Monika,

    ich habe keine Ahnung. Da ich auch programmiere, fiel mir als Allererstes die Logik dazu ein, denn Programmieren lebt von ‚Wenn-Dann‘.
    Weiß ich jetzt nicht auf die Schnelle, ob man damit Lernen bezeichnen könnte. Aber es hat was, denn es hört sich nach Ursachen-Begreifen an. Davon lebt auch die Wissenschaft.

    Allerdings ist es mir auch zu eingegrenzt. Ist Lernen nur der Vorgang, etwas kognitiv zu verstehen? Ist es nicht auch ein Begreifen – im wahrsten Sinn des Wortes, wo ‚greifen‘ drin steckt? Das also einen unserer Sinne einschließt. Wenn ich ein Stück Samt be-greife, be-fühle ich es und lerne damit auch etwas. Nämlich wie es sich anfühlt. Das Gleiche gilt für An-hören (Geräusche) usw. Das sind fundmental wichtige Lernvorgänge im Leben – und dass da noch Wenn-Dann dazu passt, sehe ich eigentlich nicht.

    Wenn-Dann rechne ich eher dem Denkerischen zu, aber als lernendes Lebewesen lerne ich nicht nur dadurch. Vielleicht bezeichnet Wenn-Dann eine bestimmten Bereich des Lernens.

    Abgesehen davon muss man auch nicht alles mit einer Formel erklären können, denn manches ist weit komplexer als dass das möglich ist. Und Leben halte ich für so komplex.

    Aber ich gebe zu, ich habe mir auch noch nie Gedanken darüber gemacht, was Lernen im Grunde ist, bin ja auch keine Lehrerin. 😉

    Das Lernen in der Schule – und selbst wenn es unter noch so wunderbaren Voraussetzungen ermöglicht würde – stellt ja in jedem Fall nur einen Teil des Lernens dar. Es ist wohl eher als Bildung zu bezeichnen.

    Ich bin auch keine Philosophin, sondern eher eine, die begreifen und verstehen möchte. Lernen lebt wohl immer davon, Zusammenhänge zu erkennen – ob denkend, fühlend oder intuitiv. Wobei ich meine, dass intuitiv sich aus der nahtlosen Verbindung von beidem ergibt und über beides damit hinaus geht.

    LG
    Eva

  9. Theorien, auch Lerntheorien füllen in der Regel viele Buchseiten. Charakteristisch für Lerntheorien ist, dass sie viele andere Theorien implizieren. Man könnte diese Theorien auch als Annahmen von Annahmen von Annahmen von Annahmen …charakterisieren. Theorien von Rolf Reinhold – dieser Satz mit „wenn-dann“ stammt von ihm – sind ‚physistisch‘ geprägt, d.h. sie sind seine Resümees seines Hinsehens auf menschliches Handeln und seine Schlussfolgerungen aus jeweils entsprechenden wissenschaftlichen Forschungsergebnissen. Sie sind jederzeit veränderbar und haben mit Wissen – wo wie es üblicherweise aufgefasst wird – nichts zu tun. Als er mir zum ersten Mal seine Lerntheorie offerierte, meinte ich: „Ist das alles?“

    Alles kann ein Resümee nicht ausdrücken, habe ich beim Umsetzen dieser Theorie dann gelernt. Lehrerinnen – wie ich noch vor einigen Jahren auch -neigen dazu, alles genau im Voraus ‚wissen‘ zu wollen. Des Lehrers Hauptgeschäft besteht darin, alles minutiös zu planen, was Schüler lernen sollen. Diese Intentionen haben ‚disziplinieren‘ zur Folge. Das Reinholdsche Resümee von ‚lernen‘ bewirkte – zusammen mit anderen – dass sie mich ‚hin zu den Sachen‘ führte, anstatt zu weiteren Theorien. D.h. sie ermöglichte mir u.a. mein eigenes Hinsehen auf das Lernverhalten meiner Schüler zu richten, zu optimieren und so eigene Annahmen dafür zu finden, wie ich jeden Einzelnen bei seinem ‚lernen‘ unterstützen könne. Darüber weiß ich nun inzwischen viel, viel mehr als früher, dennoch weiß ich nicht, was ‚lernen‘ ist, sondern nur, wie Menschen vorgehen, wenn sie herausfinden möchten wie etwas beschaffen ist oder geht. Bei dem Neurowissenschaftler Manfred Spitzer las ich sinngemäß, dass er mit ‚lernen‘ das Wachstum von synaptischen Verbindungen bezeichnet, das immer dann geschähe, wenn sich beim Handeln ergäbe, dass etwas besser funktioniere als davor. Dieses Erlebnis, etwas funktioniert besser, bewirke die Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin, was Menschen ‚lustvoll‘ empfinden. Menschen, die diese Art des ‚lernens‘ entdeckt haben, bleiben deshalb auch gern dabei. Wie man auch bei Dir nachlesen kann. Nebenbei: Menschen dürften wirklich erst lernen, wenn sie autodidaktisch lernen dürfen, alles andere fällt m.E. unter Auswendiglernen und ist sehr, sehr flüchtig.

    Meine philosophischen Ambitionen bestanden zeitlebens im ‚handeln‘ mit Ideen anderer. Dies könnte auch mit meiner ‚hochsensitiven‘ Natur zusammenhängen. Bei einigen bekannten Ideengebern (Philosophen) kenne ich mich etwas aus. Rolf Reinhold ist seit einigen Jahren quasi mein „theoretischer Hintergrund auf zwei Beinen“, der meinem Nachdenken über mein ‚handeln‘ griffige und wohlüberlegte sprachliche Forme(l)n und eigene Beobachtungen zur Verfügung stellt. So kann ich herauszufinden, was dran ist, bzw. wie brauchbar für mich das ist, was er herausgefunden hat. Letzteres auch im Hinblick auf die philosophischen Ideen, die unsere kulturellen Normen prägten.

    Eine ‚wenn-dann-Beziehung‘ könnte z.B. sein: Wenn ich eine Türklinke drücke, öffnet sich die Tür. Dieser feststellbare Zusammenhang dürfte das Resümee (Lernergebnis) sein, wenn ein Kind oft genug eine Tür geöffnet hat. D.h. ‚be-greifen‘ und ‚fühlen‘ dürfte der Ursprung unseres ‚lernens‘ sein. Wenn es sprachlich weit genug entwickelt ist, kann ein Kind dies auch beschreiben.

    Mit dem „Denken“ und den „Kognitionen“ habe ich so meine Schwierigkeiten. Ich habe für mich resümiert, dass Ideen anderer anregend sein können. Ich habe resümierend Ideen dann wieder verworfen, wenn ich damit keine Verbesserungen erreichte, bzw. sie mich verwirrten. Das, was mich für eine Idee einnimmt – so möchte ich positiv formulieren – ist ihr praktischer Nutzen in allen Bereichen meines Lebens. ‚lernen‘ im Sinne von ‚herausfinden‘ von ‚Wenn-Dann-Beziehungen‘ – also Zusammenhängen – charakterisiert mein vielfältiges ‚lernen‘ auf allgemeine Weise.

    Übers ‚Denken‘ gibt es eine nette Geschichte:
    Eine Frau wurde einmal gefragt, was sie über ein bestimmtes Thema denke. Sie antwortete darauf ungefähr so: „Wie soll ich wissen, was ich denke, bevor ich es sage?“
    So ungefähr ist es bei mir auch: Wenn ich rede oder schreibe, merke ich, was ich denke.
    Doch nichts, von dem was ich denke, lässt sich in ‚trockene Tücher packen‘ (norddeutscher Sprachgebrauch), d.h. ist je fertig. Es passiert nicht selten, dass ich nach meinem ‚reden‘ und ’schreiben‘ denke: Ich wusste gar nicht, dass ich so denke.
    Vielleicht könnte man daraus ein Prinzip formulieren: Erst handeln und dann denken!
    In unserer Kultur wird verlangt, dass wir erst denken sollen und dann handeln. Für mich funktioniert das nicht.

  10. Liebe Monika,

    nur noch kurz, bevor ich schlafen gehe: dieser Reinhold – den du so oft erwähnst – ist der für dich die absolute Autorität oder wie soll ich es sonst verstehen, dass du dich ständig auf ihn berufst?

    So gut er auch sein mag – ich kenne ihn ja nicht und kann das nicht beurteilen – mir persönlich liegt es nicht, mich ständig auf jemand zu berufen. Ich finde vieles gut, was andere gesagt und gedacht haben, keine Frage. Aber ich habe mich niemand davon mit Haut und Haaren verschrieben. Weil ich gerne selbst denke.

    Ich finde wirklich viele deiner Gedanken gut, aber lese/höre ich da nicht auch eine Abhängigkeit von der Übereinstimmung mit diesem Reinhold heraus?
    So erscheint es mir jedenfalls, sorry.

    LG
    Eva

  11. Ich war und bin immer wieder auf Rolf Reinholds Anregungen angewiesen. Ohne seine lebenslangen gründlichen Forschungen hätte ich vor 4 Jahren meinen Beruf an den Nagel gehängt. Ich brauchte damals seine Kenntnisse dringend und bin noch heute froh über jeden Tipp von ihm. Dies kann man als Abhängigkeit bezeichnen. Ich verwende diese Bezeichnung ungern, weil damit die Mitbedeutung von ‚unselbständig‘ assoziiert wird, was ich für einen Irrtum halte.

    Für mich gehört ‚Abhängigkeit‘ zum Kontext von „Menschen brauchen einander“, bzw. „Menschen sind aufeinander angewiesen“. Das fängt bei Autoreparaturen an und hört bei ganz persönlichen Problemen nicht auf.
    Kinder brauchen Eltern. Eltern brauchen einander und Freunde … Menschen brauchen Kollegen, Ärzte, Rechtsanwälte, Schlosser, Maler ….
    Außer Rolf Reinhold brauche ich Freunde, einen Menschen, der mich liebt, meine Söhne, Kollegen, Fortbildner, Autoren von Büchern, Fachleute unterschiedlichster Art, Verwandte, Nachbarn …

    Für mich gehört zu meinem eigenständigen Handeln, dass ich weiß, dass ich auf andere angewiesen bin, dass ich andere brauche. ‚Niemand ist eine Insel!‘

    Aus meiner Sicht ist der Mensch ein soziales Wesen. In diesem Sinne hängen wir alle auf Gedeih und Verderb voneinander ab (Umweltschutz). Entsteht in einem Atomkraftwerk – wie vor ca. 25 Jahren in der Ukraine geschehen – eine Panne, kann halb Europa betroffen sein. Der Tod eines sehr lieben Freundes – er lebte zu diesem Zeitpunkt in Salzburg – dürfte auf diesen Reaktorunfall zurückzuführen sein.

    Zettelt einer einen Streit an im Kollegium, bin ich mitbetroffen, ob ich will oder nicht. Kommt ein Schüler morgens schlecht gelaunt in die Klasse, teilt sich dies allen mit. Ob wir wollen oder nicht, wir hängen miteinander zusammen und daher voneinander ab.
    Andere regen mich an (manchmal auch auf), andere raten mir, geben mir Tipps, kritisieren mich, weisen mich auf andere Möglichkeiten hin, … Ich hätte alleine meine Probleme nicht lösen können, die mich zeit meines Lebens immer wieder beschäftigten.

    Eigenständiges ‚handeln‘ (wozu für mich ‚denken‘ gehört), ergibt sich für mich aus ‚eigenem entscheiden‘. Ich entscheide – und zwar in jedem Moment meines Lebens -, was ich für zutreffend bzw. nicht für zutreffend ansehe. Dabei ist entscheidend, woran ich mich orientiere. Die meisten Menschen orientieren sich an gängigen Normen. Ich orientiere mich inzwischen ausschließlich an mir selbst, ich bin mein Maßstab und zwar in einem körperumfassenden Sinne: Meine Empfindungen, Erlebnisse, Schlussfolgerungen, Werte und Ideale, die sich für mich sensorierend ergeben. Aus diesem autonomen Kontext meiner Konstitution erwächst meine Authentizität im Kontakt mit anderen. So auch im Diskurs mit Rolf Reinhold.

  12. Liebe Monika,

    aber du kannst doch leben wie du willst und wie es dir am besten damit geht. Ich würde niemals die gegenseitige Abhängigkeit von Menschen bestreiten.

    Aber eins übersiehst du dabei: wir sind allgemein voneinander abhängig als Spezies Mensch, doch von einem einzelnen Menschen vollkommen abhängig zu sein, ist etwas anderes.

    Selbst von Familienmitgliedern ist man im Grunde nicht abhängig, sondern man liebt sie und deshalb wäre es furchtbar schmerzhaft, sie zu verlieren.

    Neue, faszinierende Gedanken jemand anderes sind selbstverständlich oft wichtig und helfen weiter. Aber sich nur darauf auszurichten erscheint mir persönlich nicht erstrebenswert.

    Doch darf das jeder selbstvertsändlich halten, wie er meint und wie er es braucht.

    LG
    Eva

  13. Auf meinem Blog ‚physistisch philosophieren‘ thematisiere ich die ‚Kooperation mit Rolf Reinhold‘ offen. Ich finde es redlich aus gegebenem Anlass darauf hinzuweisen, dass seine Konzepte und sein ‚philosophieren‘ nicht ich entwickelt habe, wohl aber, dass damit beim ‚philosophieren‘ vieles besser funktioniert.
    Nebenbei: Wenn ein fremdes Kochrezept funktioniert, tue ich auch nicht so, als wäre es mein eigenes.

    Du liest aus der partnerschaftlichen Kooperation mit Rolf Reinhold heraus, er sei möglicherweise „absolute Autorität“ für mich, da ich „mich ständig auf ihn berufe“. Es könnte sein, dass Du etwas leichtfertig mit Sprache umgehst und die Sache nicht im Blick hast. Zur Sache gehört u.a. der ‚koan-ähnliche‘ Charakter Reinholdscher Gedanken. Nach einem Koan kann man sich nicht „ausrichten“, den muss man erforschen, wenn man herausfinden möchte, ob und wofür er taugt.

    ‚physistisch philosophieren‘ unterscheidet sich erheblich von dem, was sonst unter Philosophie firmiert. Meine Texte thematisieren komplexe Sachverhalte und deuten Zusammenhänge an, deren Ausmass sich beim Lesen erst einmal nur erahnen lassen dürfte. Das partnerschaftliche Zusammenwirken von Menschen ist ein zentrales und hochwirksames Konzept von ‚physistisch philosophieren‘

  14. Tut mir Leid, ich hatte eben diesen Eindruck und kenne mich mit dem, was du dazu schreibst, nicht aus – Koan usw.

    LG
    Eva

  15. Ich nehme Deine Entschuldigung gern an. Mir ist dabei ein Stein vom Herzen gefallen auch im Hinblick auf mögliche weitere Austausche, die für mich sehr wichtig sind. Mein erster Eindruck von Dir – nach dem Stöbern in Deinem Blog -, dass Du eine differenziert denkende Frau bist, hat sich außerdem bestätigt.

  16. Liebe Monika,

    zum besseren Verständnis: es ist mir wesensfremd, mich auf andere allzu sehr zu berufen. Nicht, weil ich ihre Gedanken in Abrede stelle oder mich gegen Autoriäten verwehre (manches von manchen finde ich ja immer wieder wirklich gut), sondern weil ich eigentlich bislang keine Autoritäten gefunden habe, die mich in ihren Bann zu ziehen vermochten, weil sie umfassend meine Sichtweise zu formen mochten.

    Anregungen habe ich etliche erhalten, selbstverständlich. Aber nur in Teilbereichen, die mir damit besser verständlich wurden.

    Ich baue an meinem ganz eigenen, individuellen Weltbild und lasse mich von vielen Gedanken anderer darin anregen. Aber ich habe noch niemals jemand gefunden, der mich darin umfassend ‚leitet“ bzw. leiten kann.

    Und ich weiß nicht, ob ich das gut oder schlecht finden soll. Es ist wohl weder das eine noch das andere. Einerseits wäre es schön, weil weniger aus mir selbst kommen müsste, andererseits aber auch – für mich – nicht das Richtige. Denn ich will selbst erkennen und ich traue mir das auch auf den Gebieten, die mich wirklich interessieren, zu.

    Gute Lehrer kann ich vorbehaltlos akzeptieren – auf ihrem Gebiet. Ich schätze Qualität. Aber – wie du schreibst – mein differenziertes eigenes Denken legt mir diese Spur insgesamt nicht aus.

    LG
    Eva


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