Verfasst von: Eva | 02/06/2010

Alexander Lowen

Eigentlich hatte ich überlegt, eins der Bücher von Alexander Lowen – dem Begründer der Bioenergetik – zusammen zu fassen. Als ich mich jedoch intensiver damit beschäftigte, wurde mir klar, dass eine Zusammenfassung den Rahmen eines Blog-Artikels sprengen würde, da er sehr viele Fallbeispiele nennt, die in hohem Ausmaß zum Verständnis beitragen. Und diese Fallbeispiele gehören dazu, wenn man A. Lowen liest und begreifen möchte.

Daher möchte ich nur die Essenz seines Ansatzes zusammen fassen und zum besseren Verständnis auf seine Bücher verweisen – die ich für wirklich lesenswert halte.

Lowen sagt im Grunde: Neurose ist Angst vor dem Leben. Der neurotische Mensch hat Angst, sein Herz der Liebe zu öffnen. Er hat Angst, seine Arme nach etwas oder jemandem auszustrecken, nach etwas oder jemandem zu schlagen – Angst, ganz er selbst zu sein. Denn Öffnung macht verletzlich und Verlangen beinhaltet das Risiko, abgelehnt zu werden. Neurotisch sind nicht nur Einzelne, sondern die Menschen in unserer Kultur von heute sind mehrheitlich neurotisch. Die höchsten Wertmaßstäbe dieser Kultur sind Macht und Fortschritt. Beides ist (lebens)lustfeindlich.

Es ist nahezu „normal“, dass ein Teil unseres Wesen versucht, sich über einen anderen zu stellen, wodurch die Einheit gespalten wird. Der Sieg über sich selbst kann aber nur misslingen. Die meisten Menschen in der westlichen Kultur sind in dem Maße neurotisch, als sie sich bemühen, anders zu sein als sie sind. Sie haben Angst vor dem Leben, der Sexualität und vor dem Sein. Der Neurotiker steht im Widerstreit mit sich selbst. Sein Ich will den Körper beherrschen, sein Verstand die Gefühle. Das bewirkt auf Dauer eine immer größer werdende Erschöpfung der Energie und raubt den Seelenfrieden. Es ist ein ständiger Kampf zwischen dem, was ist und dem, was es seiner Ansicht nach sein sollte.

Wir möchten zwar alle lebendig sein, wollen zugleich aber auch unser Leben vollkommen im Griff haben und steuern. Wir halten es für gefährlich, uns unseren Gefühlen hinzugeben. Wir wollen hauptsächlich unsere Schwächen überwinden und unsere Ängste bewältigen. Jedoch ist Mensch zu sein keine „Leistung“. Die fast paradox anmutende Wahrheit ist: Wenn wir Schmerz empfinden und den Mut haben, ihn anzunehmen, werden wir zur Lust finden. Wenn wir uns unserer inneren Leere stellen, werden wir Erfüllung finden. Wenn wir durch unsere Verzweiflung hindurch gehen, werden wir zur Freude finden.

In der Neurose kommt es zum ständigen Wiederholen lebensfeindlichen Verhaltens. Durch das Erleben von überwältigendem Schmerz in der Kindheit kollidiert später die Sehnsucht nach Liebe mit der Angst, das Herz zu öffnen, weil zu viel Schmerz in ihm steckt. Die große Herausforderung besteht darin, die gegensätzlichen Aspekte der Persönlichkeit miteinander zu versöhnen. Menschliches Leben ist voller Widersprüche und es ist ein Zeichen von Weisheit, diese Widersprüche zu erkennen und anzunehmen. Das Annehmen des eigenen Schicksals führt zur Veränderung eben dieses. Wer aufhört, gegen das Schicksal zu kämpfen, entzieht seinen Neurosen den Nährboden.

Neurosen entstehen im einzelnen Menschen in der Familiensituation, die jedoch die kulturelle Situation widerspiegelt – denn Eltern pflanzen ihren Kindern die Wertvorstellungen ihrer Kultur ein. Dies bewirkt eine rigide Domestizierung der menschlichen Natur, um Teil des Systems zu werden. Einerseits widersetzt sich das Kind spontan, anderseits fügt es sich aber letztlich, um Anerkennung zu erhalten, ohne die es nicht überleben kann. Eltern beeinflussen ihr Kind allerdings weit mehr durch ihr Sein, als durch das, was sie tun oder sagen. Kinder sind sehr sensibel und erfassen die Stimmungen, Gefühle und unbewussten Einstellungen ihrer Eltern wortlos.

Alexander Lowen geht davon aus, dass jede Frustration, jede Verletzung und jede Gefühlsblockade sich sowohl im Seelischen als auch im Körperlichen – und damit im Schicksal – des Menschen auswirkt. Da die Persönlichkeit am stärksten in der Kindheit beeindruck- und formbar ist, schlagen sich die Erlebnisse in dieser Zeit auch am stärksten nieder. Kinder identifizieren sich mit ihren Eltern, nehmen unbewusst ihre Wertvorstellungen und Einstellungen in sich auf. Da sich Eltern aber normalerweise selten ändern (aus hasserfüllten werden keine zärtlichen, aus liebenden werden keine hasserfüllten), bleibt der Einfluss während der gesamten Zeitspanne bis zum Erwachsenwerden derselbe. Mit fundamentaler Wirkung auf das weitere Leben.

Lowen ermutigt seine Patienten in der Behandlung dazu, auf ein infantiles Niveau zu regredieren, um sich den Gefühlen hinzugeben, die früh unterdrückt wurden. Beim Zulassen früher Gefühle geht nicht um blindes „Ausagieren“, sondern der Patient muss dabei zugleich wissen, dass es sich um Emotionen aus der Vergangenheit handelt, die in der Gegenwart ausgedrückt werden müssen, um sich davon zu befreien. Ein anschließendes Durcharbeiten der frühen Probleme hilft, sich dem Leben wieder zu öffnen.

Ein Kind, das zu wenig Liebe erhalten hat, ist unfähig, in der Gegenwart „ganz im Leben zu stehen“. Durch den Akt des „Sich-Öffnens“ verschwindet die innere Leere, die aus der Unterdrückung der Gefühle entstanden ist. Ein Mensch, dem als Kind Liebe und Unterstützung verweigert wurde, kann selber nicht lieben, geben und aufnehmen. Diese Störung lässt sich im Erwachsenenalter nicht alleine mit Liebe beheben, obwohl Liebe dabei helfen kann. Er muss auch seine Störung verstehen und begreifen, dass niemand für ihn leben oder lieben kann. Er muss erfahren, was „voll sein“ bedeutet, sein Selbst ganz auszudrücken und rückhaltlos zu agieren, um die frühen Einschränkungen zu überwinden.

Ganz besonders – und zentral für die Bioenergetik – ist folgendes: alle Probleme zeigen sich auch im Körper durch Anspannung, Verhärtung, Schlaffheit, Blässe, Verkrampftheit, geduckte Haltung, Aufgeblähtheit, gepresster oder hoher Stimme, Einschnürung der Kehle, Unfähigkeit zum tiefen Orgasmus, ständigen Hunger, Steifheit, Rigidität, immer wieder kehrende Kopfschmerzen, schlechtes Körpergefühl, flaches Atmen, Unbeweglichkeit usw.

Regression setzt eingesperrte und verdrängte Gefühle frei, aber man muss auch die Fähigkeit erwerben, damit auf reife Weise umzugehen. Erregung oder Gefühle zu halten ohne davor zu flüchten, ist „Herr seiner selbst zu sein“, ein „Haben“ des eigenen Selbst. Selbstgewahrsein und Selbstausdruck sind die unabdingbaren ersten beiden Stufen des Therapieprozesses. Im dritten erst wird man Herr seiner Selbst – das Ich „fungiert als Fahnenträger eines Selbst, das weiß, wer es ist und was es zu tun hat“. Das Selbst besitzt ein Ich. Es ist das Stadium, in dem das Selbst sein Sein als vollständig reifer Mensch erlebt.

Bücher von Alexander Lowen, die ich selbst gelesen habe und allen weiter empfehlen kann, die sich mit den tieferen Ursachen seelischer Probleme ernsthaft auseinander setzen möchten:

Angst vor dem Leben – Über den Ursprung seelischen Leidens und den Weg zu einem reicheren Dasein
Depression – Ursache und Wege der Heilung
Lust – der Weg zum kreativen Leben
Freude – die Hingabe an den Körper und das Leben
Liebe, Sex und dein Herz

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