Verfasst von: Eva | 14/06/2010

Gibt es mehr zwischen Himmel und Erde?

Ich würde schlicht sagen: selbstverständlich. Es gibt weit mehr als wir Menschen (derzeit) wissen.

Ob nun hartnäckige Rationalisten diese Tatsache kategorisch ablehnen und sich auf den (heutigen) Stand der Wissenschaften berufen oder ob Esoteriker mit dem Brustton der Überzeugung (aber ohne vernünftige Argumente) behaupten, sie wüssten darüber genau Bescheid – beide ‚Lager’ gleichen sich vollkommen darin, dass sie meinen, sie wüssten es genau.

Die eine Möglichkeit ist es, unser jetziges (wissenschaftliches) Wissen als absolut zu setzen und allem, was diesem scheinbar widerspricht, die Existenzberechtigung abzusprechen. Die andere bindet alles, was ‚unerklärlich’ ist, in ein quasi-religiöses System ein. Während erstere alles ignorieren und abtun, das nicht ins rein rationale Konzept passt, deuten letztere alles so, dass es in ihr Glaubenssystem passt (das ja keineswegs von ihnen selbst aufgestellt, sondern übernommen wurde).

Zwei Extreme, die sich gegenüber stehen, aber dennoch sehr viel gemeinsam haben. Vor allem die Überzeugung, im Besitz der Wahrheit zu sein und auf das andere Extrem herab zu sehen.

Es gäbe aber auch noch eine andere Variante: Das Erkennen der eigenen Begrenztheit. Die einfache Wahrheit zu akzeptieren, dass niemand wissen kann, was er nicht weiß. Die Illusion der Macht, alles zu verstehen, fallen zu lassen.

Natürlich hat die Menschheit bisher sehr viel entdeckt. Und diese Entdeckungen sind Erfolge der Wissenschaft. Verglichen mit dem Erkenntnisstand vor 50, 100 oder 500 Jahren sind wir Lichtjahre im Erkennen von Zusammenhängen weiter gekommen. Viele Seuchen und Krankheiten, an denen in früheren Zeiten noch Hunderttausende starben wurden praktisch ausgerottet, weil deren Ursachen erkannt und Gegenmittel entwickelt wurden.

Wir wissen längst, dass die Erde eine rotierende Kugel ist und keine Scheibe, wie Sonnenauf- und untergang zustande kommen, wie Regen entsteht und können aus der DNA bereits immens viel heraus lesen. Wir fliegen mit Raumschiffen in das Weltall und haben den Mond betreten. Wir stecken den Stecker in die Steckdose und beziehen daraus rund um die Uhr elektrische Energie. Wir telefonieren drahtlos und können uns über den Fernsehschirm zeitgleich Veranstaltungen, die weit weg von unserem Wohnort statt finden, gemütlich im eigenen Wohnzimmer ansehen. Wir haben Computer, die so viel leisten, wie wir uns das noch vor 20 Jahren niemals hätten vorstellen können.

Aber etwas ist heute so wie vor 20 oder 1000 Jahren: auch jetzt können wir uns vieles nicht vorstellen. Wir wissen nicht, was in einigen Jahrzehnten entwickelt oder entdeckt sein wird.

Offenbar aber hat der Mensch seit Urzeiten den starken Drang, alles verstehen zu wollen. Diese Neugier hat uns  beschert, was wir heute wissen. Aber der Mensch scheint sich nicht nur insgesamt als Krone der Schöpfung zu sehen, sondern dies auch zum jeweiligen Zeitpunkt seines persönlichen Daseins über die Zeit. Abseits aller Rationalität sind wir in jeder Epoche davon überzeugt, alles zu verstehen. Wozu die einen „Unsinn“ sagen, überschlagen sich die anderen mit haarsträubenden Erklärungen. Jeder will es wissen – jeder muss es wissen.

Was wäre jedoch so schlimm daran, wenn wir zugeben würden, dass wir vieles längst nicht wirklich verstehen? Dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir eben nicht erklären können, die sich weder einordnen noch klassifizieren lassen und von denen wir keine schlüssigen Gesetze ableiten können? Was wäre so schlimm daran, dies zu akzeptieren?

Braucht der Mensch so sehr den Halt, alles erklären zu können, dass er anders nicht leben kann? Warum wird jener von streng Wissenschaftsgläubigen belächelt, der einen Traum hatte, der ihm Zukünftiges aufzeigte und warum muss andererseits jedes Erlebnis mit einem göttlichen Plan erklärt werden, über den man natürlich Bescheid weiß? Warum kann es nicht einfach solche Träume geben und wir werden vermutlich nie erfahren, warum das so ist? Warum kann man nicht andererseits sehen, welch großes Wissen uns psychologische und neurobiologische Forschungen beschert haben und deren Erkenntnisse würdigen?

Weshalb kann man nicht beides sehen, beiden gelten lassen und immer wieder offen sein für Neues? Und doch immer wieder kritisch hinterfragen und sich nicht in Erklärungen verlieren, nur weil sie zum Konzept, dem man anhängt, passen? Das Leben als kontinuierlichen Entwicklungsprozess betrachten, der immer wieder neue Erkenntnisse bringen wird, wo aber kein Ende abzusehen ist, wäre wohl eine wirklich realistische Sichtweise.

Warum müssen sich die Menschen so aufplustern und sich selbst vormachen, dass sie alles begreifen und alles wissen? Würden sie auch nur einen aufrichtigen Blick in die Menschheitsgeschichte werfen, würde schnell klar, wie viele Irrtümer es schon gab und wie tief überzeugt die Menschen an diesen gehangen sind.

Die Neugier, der Forscherdrang, der uns Menschen gegeben ist, ist ein Teil unseres Wesens. Menschen wollen begreifen und suchen daher nach Zusammenhängen. Und es ist sehr befriedigend, diese immer wieder zu finden. Doch sollten wir uns nichts vormachen: wir haben längst nicht alle gefunden und ob das je der Fall sein wird, wage ich sehr zu bezweifeln. Wer meint, er hätte alles begriffen, ist heute noch sehr weit entfernt von Sokrates’ weiser Erkenntnis, die er schon vor weit über zwei Jahrtausenden hatte: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“.

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