Verfasst von: Eva | 18/06/2010

Alles Geschehen ist sinnvoll?

Immer wieder höre ich von verschiedenen Menschen im Brustton der Überzeugung diese Aussage. Demnach ist alles, was wir erleben, was uns begegnet und was wir tun, mit einem verborgenen Sinn versehen, der nur auf eines abzielt: wir werden dadurch zu höherem Bewusstsein geführt und „brauchen“ diese Erfahrungen. Dieser Glaube geht davon aus, dass es eine höhere Macht gibt, die bis ins kleinste Detail alles bestimmt, was auf der Welt geschieht. Ob es sich um den berühmten Blumentopf handelt, der dem Passanten nur scheinbar zufällig auf den Kopf fällt, ob es um Naturkatastrophen, den Lottogewinn, die problematische Partnerschaft, Vergewaltigung, Missbrauch, Kriege oder Glück und Zufriedenheit des Einzelnen geht – alles hat seinen Sinn, seine Ursachen und seine Berechtigung.

Dass alles seine Ursachen hat, ist allerdings das Einzige, das niemand bestreiten kann. Der Fall des Blumentopfs, der ungesichert am Fenstersims steht und den ein Windstoß hinunter wirft, hat eine Ursache. Manche Ursachen liegen auf der Hand, manche sind erst nach langwierigen Nachforschungen zu finden. Aber so weit zu gehen, dass alles auch noch Sinn macht und berechtigt ist, weil es eine Art „höheren Plan“ erfüllt, ist natürlich kompletter Unsinn.

Aber derartiges Denken hat ebenfalls seine Ursachen!

Die meisten Menschen sehnen sich nach Überschaubarkeit, Verstehen, Sicherheit und Gerechtigkeit. Was unkontrollierbar ist, macht Angst und läuft diesen Bedürfnissen zuwider. Das Leben ist aber so komplex, dass es niemand gänzlich verstehen und überschauen kann und absolute Sicherheit ist eine Illusion. Was wir unter Gerechtigkeit verstehen – das Gute wird belohnt, das Böse bestraft – ist in der Ethik anzusiedeln und hat leider oft mit der Lebensrealität herzlich wenig zu tun.

Ich glaube, dass die große Anfälligkeit dafür, an diesen höheren Plan zu glauben, daher rührt, dass den Sicherheitsbedürfnissen und den Wunschvorstellungen einer heilen Welt alles untergeordnet wird, wogegen die Realität nur allzu oft spricht. Es hört sich einfach gut an, vor allem fühlt es sich gut an, in einer sicheren, gerechten Welt zu leben, wo alles seinen Sinn hat. Es ist das innere Kind bzw. die unerwachsenen Anteile in uns, die nur zu gerne daran glauben möchten. Wer diese Sehnsüchte anspricht, rennt offene Türen ein. Einmal geglaubt und verinnerlicht, wird diese Weltanschauung meist mit Zähnen und Klauen verteidigt und um nichts mehr her gegeben. Man kann damit immerhin mitten in aller Unvollkommenheit, aus der das Leben besteht, beruhigt an allem Leid, aller Ungerechtigkeit und allen Katastrophen vorbei leben, ohne sich davon allzu sehr beunruhigen zu lassen. Denn es „muss ja so sein“, es führt letztlich zum Guten.

Das erinnert mich frappant an die Einstellung von Kindern, die herzzerreißend loyal an ihren Bezugspersonen hängen – ungeachtet aller Lieblosigkeiten – und sich mit dem Glauben behelfen, es wäre alles gut gemeint und damit auch richtig. Leider wird nur allzu oft dieser Glaube auch später nie in Frage gestellt. Die oft bittere Wahrheit, falsch, schlecht oder lieblos behandelt worden zu sein und zwar oft genug auch aus Egoismus und Lieblosigkeit eben dieser Bezugspersonen, will oder kann nicht gesehen werden. Es würde das Idealbild der Familie samt den romantischen Vorstellungen dazu auflösen. Und das scheint für viele unerträglich zu sein.

Doch genau so wie an diesem Idealbild geklammert wird, ersetzt später die Vorstellung vom höheren Plan die kindliche  Gutgläubigkeit. Auch wenn die Abhängigkeit von den Elternfiguren längst nicht mehr real existiert, wird doch dasselbe Denken weiter geführt, der Schritt zum echten Erwachsensein nie vollzogen. Denn er würde mit einschließen, dass auch die heile Welt der Kindheit ins Wanken gerät.

Neben dem Nutzen für den Betreffenden, der sich persönlich damit natürlich besser fühlt als in einer realistischeren Sichtweise, ist das Fatale daran, dass damit die Zahl der mündigen Erwachsenen stagniert, welche ihre Verantwortung für die Welt, wie sie ist (und wozu jeder seinen Teil beiträgt), nicht erkennen kann und damit den Mächtigen in die Hand spielt. Wenn Opfer nicht als Opfer und Täter nicht als Täter gesehen werden, verwischt sich die Verantwortlichkeit und es gibt keinen Grund mehr, gegen etwas zu protestieren, das alles andere als in Ordnung ist. Wenn doch ohnehin jeder nur das bekommt, „was er verdient“, besteht keine Notwendigkeit mehr dazu. Entsprechend dieser Sichtweise ist nicht nur jeder seines Glücks, sondern auch seines Unglücks Schmied.

Der Wahnsinn solcher Anschauungen ist, dass natürlich nicht das absolute Gegenteil davon wahr ist, sondern dass die Komplexität viel höher ist als es diese Simplifizierungen gerne weismachen möchten. Es gibt tatsächlich „hausgemachtes“ Unglück und Glück, aber es gibt genau so viele schreckliche Ungerechtigkeiten, sinnlose Grausamkeiten, Um- und Zustände, über die wir überhaupt keine Kontrolle haben. Darin zu differenzieren, gehört zum Erwachsenwerden und zu einem reifen, bewussten Leben im Einklang mit der Realität. Wer ständig alles über einen Kamm schert, hat einen ausgeprägten Tunnelblick, der nur dazu dient, seinen beruhigenden Glauben zu verteidigen. Der ihn nicht zuletzt zum passiven Erdulder aller Ungerechtigkeiten  macht.

Er entfernt sich damit vom menschlichen Mitgefühl, wird überheblich in seiner Auslegung des Leidens anderer und begibt sich auf eine abstrakte „Metaebene“, die dafür als Rechtfertigung dient. Es wird nicht mehr mit gelitten, getröstet, geholfen und beigestanden, sondern mit allerlei abgehobenen Ansichten abgespeist.

Dieses Verhalten führt nicht zu einem höheren Bewusstsein, sondern gerade zum Gegenteil – nämlich zu gar keiner Weiterentwicklung. Wir sitzen damit weiterhin unseren unerlösten kindlichen Vorstellungen auf, haben das Mitgefühl uns selbst und anderen gegenüber verloren und kompensieren das Ganze mit allerlei Theorien, die uns davon befreien, uns dem Leben – wie es ist – mit Herz und Verstand zu stellen.

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