Verfasst von: Eva | 26/08/2010

Gefühle sind nicht irrational

Was nicht verstanden, nicht rational erfasst wird, bekommt schnell das Etikett ‚irrational‘. Geht man davon aus, dass die linke Gehirnhälfte damit vor einem unlösbaren Problem steht, mag das zutreffen. Wird jedoch bedacht, dass Gefühle der rechten Gehirnhälfte zuzuordnen sind, die für andere menschliche Eigenschaften und Fähigkeiten zuständig ist, verwundert es nicht mehr. Wir haben nur ein Gehirn und das hat von Natur aus zwei Hälften, die miteinander verbunden sind und zusammen gehören. Einer davon den absoluten Vorzug zu geben, bringt alles in Schieflage.

Eine äußerst kuriose Tatsache ist, dass in unserer Kultur seit langem die Vorstellung herrscht, dass eine der beiden Gehirnhälften ‚besser‘ sei. Alles, was mit Verstand, Logik und Denken verbunden ist, erscheint ‚richtig‘ und Gefühle, vor allem, wenn sie nicht verständlich sind, werden abgewertet. Diese Spaltung durch falsche Bewertung ist zwar keine Glanzleistung der linken Gehirnhälfte, entspricht aber ihrem Potenzial – solange sie isoliert genutzt wird.

Dass wir alle Gefühle haben, dass der emotionale Bereich ein Teil des Menschseins ist, seinen Sinn hat und lebenswichtig ist (Babys, die nur ‚versorgt‘ werden, aber keine gefühlsmäßige Zuwendung erleben, sterben daran), ist im Laufe unserer Entwicklung immer mehr in den Hintergrund getreten. Das Rationale hat einen Siegeszug sondergleichen angetreten und führt immer mehr ein – scheinbares – Eigenleben. Scheinbar deshalb, weil Gefühle immer da sind und kein Mensch wie ein Computer funktioniert.

Ein Computer will nichts, bewertet nichts, entwickelt keine Initiative, er führt nur Programme aus, mit denen er ausgestattet ist. Auch wenn er millionenfach schneller logische Verknüpfungen ziehen kann als ein Mensch und komplizierte mathematische Aufgabenstellungen präzise und fehlerfrei in Sekundenschnelle löst, kommt doch nichts von ihm selbst. Wenn Menschen ihm keine Programme zuführen und ihn mit Energie versorgen, ist er nichts weiter als ein Haufen diverser Materialien, die keinerlei Funktion haben.

Woher bezieht aber der Mensch die Energie für seine Gedanken, welche ‚Programme‘ sind in ihm vorhanden und woher kommen sie? Sie kommen aus dem menschlichen Wollen, Sehnen, Wünschen, aus Neugier, Streben nach Wissen usw. – also aus inneren Antrieben. Denn das macht Menschsein aus, ist damit untrennbar verbunden

Es ist grandiosen Pionieren ihrer Zeit wie Sigmund Freud zu verdanken, dass die Gefühle des Menschen mit Hilfe des Verstandes auf nachvollziehbare und damit verstehbare Ursachen erkannt werden konnten. Ob nun drumherum manche Interpretationen in kulturelle Kontexte gebettet wurden, die eher dem Zeitgeist dieser Jahre entsprachen oder ob diese dem heutigen Zeitgeist entsprechend modifiziert werden, ist nicht übermäßig wichtig. Die Grunderkenntnis bleibt bestehen: Gefühle sind immer ‚logisch‘ und haben eine Ursache.

Sie haben keine ‚seltsame eigene Logik‘, sondern sie sind folgerichtig und haben Hintergründe. Sie sind alles andere als beliebig, spiegeln die Individualität eines Menschen und seiner Geschichte im Zusammenspiel mit seinem genetischen Programm darauf wider.

Auch wenn wir von klein auf sehr viel über Zusammenhänge lernen – ob es nun um physikalische, chemische oder technische geht – über psychische lernen wir sehr viel weniger. Darin sind die meisten Menschen absolute Laien. Als wäre das nicht wichtig! Es ist aber nicht nur wichtig, es ist die Basis unseres Seins und jeder Einzelne wird davon bestimmt.

Wenn wir ‚falsch denken‘, wird dieses Denken nicht als Ergebnis einer langen Sozialisierungskette gesehen, die erforscht werden will, um die Hintergründe zu verstehen – und damit die Dynamik aufzulösen – sondern Affirmationen und alle möglichen Gegengedanken werden als Lösung propagiert. All dem fehlt aber eines: das Erkennen und  Begreifen der  Ursachen. Es ist nur eine Bestandsaufnahme (‚was ich denke, ist falsch‘) und eine darauf folgende rationale Entscheidung (‚also muss ich anders denken‘).

Eine rein rationale Leistung. Wer der Überzeugung ist, Gefühle ließen sich durch Denken verhindern, verändern oder auflösen, hat nicht begriffen, dass er sie nur überdeckt und damit genau dem ausweicht, das ihnen zugrunde liegt. Leider wird nur selten hinterfragt, warum sie überhaupt in dieser Form auftreten, sondern die Bemühungen gehen dahin, sie durch andere zu ersetzen. Dies geschieht zumindest in der positivistischen Bewegung, die damit eine Symptombekämpfung allererster Sahne betreibt. Dass man sich damit praktisch noch mehr dem Denken zuwendet und alles andere beiseite schiebt, scheint vielen nicht klar zu sein. Jene, die dies ablehnen, operieren weniger aus rein rationalen Argumenten heraus, sondern aus ihrem Gespür.

Das sie damit nicht trügt, denn eine negative Einstellung kann niemand durch anderes Denken alleine in eine grundlegend positive umwandeln. Er kann nur eine Art ‚Selbsthypnose‘ durch eine andere ersetzen. Und damit die Spaltung weiter aufrecht erhalten. Spätestens, wenn etwas geschieht, das durch Gedankenkosmetik nicht mehr aufzufangen ist und echte Gefühle durchbrechen lässt, entpuppt sich das Gedankengebäude als illusionäres Kartenhaus.

Es kann niemals ein menschlich guter Weg sein, sich immer mehr von seinen Gefühlen zu entfernen, um ‚zufrieden‘ zu leben. Wir würden ohne Gefühle zu Robotern, die nichts mehr spüren. Glück, Erfüllung und Freude sind aber nicht in der linken Gehirnhälfte angesiedelt. Auch wenn es jedem Menschen um Glücklichsein geht, wird dennoch das rein Rationale über alles gestellt.

Wer aber noch nicht so extrem gespalten ist, dass er gar nichts mehr spürt und diesen Zustand als normal ansieht, fühlt unweigerlich nach einiger Zeit die innere Leere und den Mangel an Verbindung zu seinen vitalen Bedürfnissen. Das macht extrem anfällig für Außenidentifizierung. Das verlorene eigene Selbst wird im Außen gesucht, Identität in der Nachahmung von Vorbildern oder durch Erfüllung selbst geschaffener Bilder. Obwohl sich der Gefühlsbereich eines Menschen nicht ausschalten lässt, lässt er sich doch überlagern. Er lässt sich sogar so stark überlagern, dass der Zugang dazu mehr oder weniger abgeschnitten wird. Die Natur hat uns nicht nur unsere Gefühle gegeben, sondern auch ein Schutzprogramm. Ebenso wie im Körperlichen wird Schmerz, sobald er eine bestimmte Heftigkeit überschreitet, nicht mehr gespürt. Genau so gibt es aber auch eine psychische Narkotisierung.

Gefühle sind unsere sensible Seite, sie sind sehr verletz- und irritierbar, weil sie unseren intimsten Kern ausmachen. Wer oft oder tief verletzt wurde, in dessen Innerem wird dieser Schutz unweigerlich aktiviert. Es ist keine bewusste Entscheidung, sondern automatisch wird die Energie davon abgezogen und das Leben geht unter Aussparung  tieferer Gefühle weiter.

Fatalerweise fehlt damit ein ganz wichtiger Teil der Persönlichkeit. Auch wenn immer wieder irritierende Signale an die Oberfläche dringen, werden sie abgewehrt. Denn sie erzeugen Angst. Angst ist ein weiteres genetisches Programm des Menschen – sie tritt immer dann auf, wenn etwas das eigenes Wohlergehen bedroht. Die makabre Auslegung, auftretende Ängste – sofern sie nicht im Außen begründet sind – seien ebenfalls irrational, konnte ich noch nie verstehen. Denn sie treten sehr wohl aufgrund einer real existierenden Bedrohung auf: einer inneren.

Ihnen ihre Berechtigung abzusprechen, weil die Ursachen nicht gesehen werden, bringt nur noch zusätzliche Angst ins Spiel – zur diffusen unerklärlichen Angst kommt noch jene hinzu, mit einem selbst würde etwas nicht stimmen.
Unser Menschenbild beinhaltet so wenig echte Wertschätzung, so wenig Vertrauen zu unserer Natur, dass nur die Fehlentwicklungen, aber selten ihre Folgerichtigkeit gesehen wird. Ganz im Gegenteil wird nur zu oft der untaugliche Versuch unternommen, vieles als Krankheit abzustempeln, als würde uns von außen ein ‚psychischer Virus“ befallen, der nichts mit uns selbst zu tun hat.

Wenn dies aber in einer Gesellschaft das Übliche ist und viele davon betroffen sind, tiefere Gefühle abzuwehren, bildet sich daraus der Begriff ‚Normalität‘. Auch wenn es immer wieder heißt, der Mensch sei ein Wunder und die allermeisten empfinden das auch so, wenn sie eine Geburt erleben, wird diesem ‚Wunder‘ doch bald jegliche natürliche Dynamik abgesprochen und überall korrigierend eingegriffen. Ich meine damit nicht, dass man nicht helfen soll, wo man kann, aber gnadenlose Anpassung an die ‚Normalität‘ ist nicht hilfreich, sondern pflanzt nur die eigene Reduzierung fort.

Er ist unmöglich, diesen Normalitätsbegriff aufzubrechen, wenn nicht viele einen anderen Weg gehen. In diesem Sinn kann der Verstand ein meisterhaftes Werkzeug sein. Er hilft uns, zu erkennen, was falsch läuft, lässt uns Zusammenhänge verstehen und Ursachen ausmachen. Wir können ihn dazu einsetzen, die Abwehr zu durchbrechen, Mut zu fassen, uns unseren Ängsten zu stellen, um wieder ganz zu werden.
Das ist für niemand ein leichter Weg und wer das verspricht, hat keine Ahnung davon, ist ihn jedenfalls niemals selber gegangen.

Wir alle haben Augen, Ohren – und nicht zuletzt ein Herz – um wahrzunehmen und zu empfinden. Die künstlichen Grenzen, die jedoch in unserer Zivilisation durch Verhaltensmodi gesetzt sind, die als ’normal‘ gelten, verhindern im Grunde Liebe. ‚Das tut man nicht‘ und ’so hat man sich zu verhalten‘ hat weiten Vorrang gegenüber spontanen Gefühlen und Empfindungen zwischenmenschlicher Art.

Konstantin Weckers Worte „Lass dich fallen in irgendeinen Arm und mach die Arme auf, wenn irgendwer fällt – weil so halten wir uns inwendig warm…“ scheint in unserer Zivilisation nur mehr den Außenseitern und Künstlern vorbehalten zu sein.


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Responses

  1. Liebe Gabi,

    ändern insgesamt lässt sich das gezielt bzw. beabsichtigt wohl gar nicht. Wer kann schon die Gesellschaft ändern? Dennoch glaube ich, dass jeder (der sich überhaupt damit auseinander setzt) bis zu einem gewissen Grad in seinem eigenen Leben, Auftreten und Agieren mehr zu dem stehen sollte, was weniger ‚angepasst‘ und dafür mehr authentisch ist. Es ist nicht so, dass es gar nichts ausmacht, was von Einzelnen ausgeht.

    LG
    Eva

  2. Liebe Eva,
    ich schreib aus einer gewissen Ratlosigkeit heraus an dich, weil ich deine Kommentare sehr zu schätzen gelernt habe. Es gibt Momente, da hab ich so eine Sehnsucht, dass jemand versteht. Ich fühle, was ich fühle, mit meinem Verstand hab ich viele Erklärungsansätze abgeklappert und am Ende einer Runde bleibt das gleiche Resultat – ich vermisse meinen Gefährten. Das Wort trifft es am besten. Jetzt bin ich über 50. Und ziehe als einsame Wölfin durch die Welt – habe viele Aufgaben im Außen, die ich ganz gut erfülle. Aber, wenn es still wird, dann fühle ich den Teil von mir, den ich vor der Welt verberge. Es gibt den Verlust, mit dem man leben lernt, über den man aber nicht hinwegkommt – so scheint es mir. Es ist ein Leben, das funktioniert, das auch schöne Momente kennt, aber einen Teil davon lebe ich nicht mehr. Vielleicht funktioniert der Vergleich mit einem Musikstück, einem Lied – es ist das eine Lied, das dich auf eine bestimmte Art berührt. Ich kann das Lied nicht einfach gegen ein anderes austauschen – es ist dieses Lied mit der Melodie, den Akkorden, dem Rhythmus und der Substanz – so wenig kann ich den Menschen ersetzen durch einen anderen, der das zum Klingen gebracht hat in mir. Kann man das so belassen und akzeptieren, dass man einen Gefährten hatte, der weggegangen ist und man keine Lust hat, jemand anderen an die Stelle zu setzen, damit man nicht allein ist. Oder muss man ewig darüber nachdenken, ob man eine abhängige Persönlichkeitsstörung hat, weil man einen bestimmten Menschen zu seinem Gefährten gewählt hat und keinen anderen mehr will.
    Wie denkst du darüber? Bin ich abhängig und ist es ein Störungsbild oder gibt es das, dass man jemanden liebt und nur auf diese Art von Liebe Lust hat? LG Veronika

  3. Liebe Veronika,

    Liebe Veronika,

    wie kommst du darauf, dass das eine Störung sein sollte? Ich kann dich sehr gut verstehen und leite von dem, was du schreibst, keine Abhängigkeit ab. Es ist vermutlich genau so, wie du es ausdrückst. Deinen Vergleich mit dem Musikstück finde ich schön und sehr zutreffend. Ja – das gibt es, dass ein bestimmter Mensch (sogar ein Tier oder eben Musik, Kunst etc.) etwas in uns zum Klingen bringt, das von anderen nicht berührt werden kann.

    Ich kann dir keine Antwort auf die Frage geben, ob es sich je wiederholen wird – einfach, weil ich es nicht weiß. Ich glaube jedoch, dass so etwas eine große Seltenheit darstgellt (für alle Menschen, nicht nur für dich) und auf dieselbe Art nicht wiederholbar ist. Was möglich ist, sind sicherlich andere Erlebnisse, die auch etwas in uns zum Klingen bringen, aber eben nicht genau dasselbe. Was aber nicht schlechter sein muss, nur eben anders.

    Wenn du sagst, dass du keinen anderen Gefährten willst, könnte da ja auch ein Punkt dahinter stehen. D.h. so ist es, du weißt das und die Konsequenz daraus wäre, alleine zu bleiben. Doch das möchtest du offenbar nicht. Und darin liegt vermutlich das Problem. Ehrlich gesagt, kenne ich auch keine dritte Möglichkeit: die eine ist, zu akzeptieren, dass es so ist und du keine Lust darauf hast, jemand anderen an die Stelle zu setzen, nur damit du nicht alleine bist.
    Die andere ist, dass du das doch tust, um nicht alleine zu sein. Der Konflikt existiert aber nur so lange, bis du dich entschieden hast.

    Die dritte – ideale – Möglichkeit, genau dasselbe wieder zu haben, ist keine reale. Zumindest ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering. Und sollte es je so kommen, kommt es ohnehin von alleine ohne dein Zutun. Das kannst du nicht entscheiden, weil du keine Macht darüber hast.

    Ich weiß, dass ein Leben alleine anders ist als eins in einer tiefgehenden Verbindung zu jemand anderem. Es ist nur so, dass – falls man sich damit nicht aussöhnt – man die Situation schlechter macht, weil ja das Bedauern ständig präsent ist. Mir hat es sehr geholfen, anzuerkennen, dass das Leben aus vielen verschiedenen Phasen besteht, von denen man keine festhalten kann. Und je mehr man sich auf die gerade aktuelle Phase einlässt, umso positiver ist das Ergebnis. Eben auf andere Art. Nur davor kommt das Loslassen und Abschließen, sonst funktioniert das nicht.

    Kennst du den Spruch von Viktor Frankl: „Für gewöhnlich sieht der Mensch nur das Stoppelfeld der Vergänglichkeit; was er übersieht, sind die vollen Scheunen der Vergangenheit. Im Vergangensein ist nämlich nichts unwiederbringlich verloren, vielmehr alles unverlierbar geborgen.“

    Vor kurzem ist der Lebensgefährte einer Freundin gestorben. Sie konnte dieser Aussage viel Gutes abgewinnen. Und ich konnte es auch schon des öfteren. Es ist ja immer so, dass die Situation an sich oft nicht das Problem darstellt, sondern die Art, welche Bedeutung wir ihr geben.

    Ich sage nicht, dass es einfach ist. Aber ich weiß, dass es möglich ist, die Dinge anders zu sehen – was natürlich mit persönlicher Weiterentwicklung Hand in Hand geht.

    LG
    Eva


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