Verfasst von: Eva | 18/09/2010

„Geheimwissen“ Esoterik?

Esoterik wird grundlegend noch immer – obwohl es zig tausende Bücher darüber gibt und der Markt vor Angeboten übergeht – als ‚geheimes Wissen‘ bezeichnet. Damit ist eine Art Insiderwissen gemeint, das ehemals nur wenigen zugänglich war. Heute ist das natürlich längst nicht mehr der Fall, weil dieses Wissen an die Massen verkauft wird. Und zwar sehr gut verkauft, denn die Branche ist eine hochpreisige. Nirgendwo sonst kann man mit so kurzen und beliebigen Ausbildungen so viel Geld verdienen. Im krassesten Fall sogar überhaupt ohne Ausbildung. Dennoch gibt es weiterhin eine gewisse Überheblichkeit in Bezug auf das ‚Insiderwissen‘, eine Art von Elitedenken.

Was mich schon sehr lange beschäftigt, ist die starke Diskrepanz zwischen dem Gehalt mancher ‚Weisheiten‘, die verbreitet werden und dem Effekt, den sie auslösen. Weiser wird niemand davon, weil all das nur übernommene Dinge sind, aber viele glauben, sie seien weiser geworden. Insgesamt zeugt dies aber davon, dass es keinerlei menschliche Weiterentwicklung gegeben hat, sonst würde übernommenes ‚Wissen‘ nicht als Entwicklung oder gar Weisheit gedeutet werden.

Wenn man Esoterikern zuhört, fällt bald auf, dass alle dasselbe wiederholen. So wie sie es gehört, gelesen oder in Workshops ‚erfahren‘ haben. Keiner dieser Menschen ist durch seine eigene Entwicklung, durch seine Lebenserfahrungen und dem, was er daraus gelernt hat, zu diesen Erkenntnissen gekommen.

Und genau da entsteht die starke Diskrepanz zwischen Wissen, das man übernimmt und jenem, das man durch das gelebte eigene Leben, seine Erfahrung und Entwicklung sowie eigenes Nachdenken erwirbt. Damit sind esoterische Weisheiten tatsächlich  eine Art ‚Geheimwissen‘ , das wenigen zugänglich ist. Denn nur wenige verstehen wirklich. Natürlich wird auch sehr viel Unsinn verbreitet – aber nicht nur. Und genau das macht den Erfolg der Esoterik aus.

Was aber immer Unsinn ist – ob lebensnahe oder völlig realitätsfremde Aussagen – ist der Glaube, man könne eine höhere Entwicklungsstufe durch Rituale, Techniken oder dem Wissen darum, wie man sich dabei verhalten sollte, erreichen. Das ist der ganz große Fehler der gesamten Esoterikbewegung.

Wer anderen Weisheiten anbietet, hat selbst das Wichtigste nicht begriffen: Erkenntnisse kann man nicht vermitteln. Was man weitergeben kann, ist bestenfalls Informationen. Im Grunde ist aber alles nur eine Art von Konditionierung, die besser sein mag als die vorhergehende, aber trotzdem noch immer Konditionierung bleibt. Grundlegend hat sich nichts verändert.

Ein Beispiel dafür ist das ‚Positive Denken‘. Selbstverständlich lebt es sich leichter und besser mit einer positiven Grundhaltung. Doch muss diese Haltung von tief innen heraus kommen, um echt zu sein. Der Weg dahin ist meist beschwerlich und erfordert Schritt für Schritt den Abbau von alten Einstellungen, mit denen oft sehr schmerzliche persönliche Verletzungen und Enttäuschungen verbunden sind. Wer wirklich eine positive Lebenseinstellung hat, braucht und sucht dazu keine Anleitung. Wer positives Denken lernen möchte, denkt vorerst einmal negativ. Und wenn jemand negativ denkt, hat das Ursachen. Diesen Ursachen ist weder mit Affirmationen noch sonstiger Oberflächenkosmetik beizukommen. Alles, was erreicht werden kann, ist, dass man nun denkt, man denkt positiv.

Was dies für das Seelenleben von Menschen bedeutet, liegt auf der Hand: alles Negative wird in den Untergrund geschoben, das Bewusstsein dafür geht verloren. Was dabei heraus kommt, ist eine unechte Fassade, an die man selber glaubt. Man wird zum Feind der eigenen Gefühle (nur positive dürfen sein, negative nicht). Eine negative Lebenseinstellung sollte tiefgehend hinterfragt werden, um an die Wurzeln zu kommen. Unverarbeitetes muss verarbeitet werden, Trauer, Enttäuschung, Verletztheit nicht überspielt, sondern hervor geholt und wieder gespürt werden, um die lebendige Verbindung zu seinem vitalen Inneren wieder herzustellen. Danch kommt die positive Lebenshaltung ganz von alleine.

Womit Esoterik arbeitet, hat aber mit der Entwicklung zu einer positiven Lebenseinstellung wenig zu tun. Sie liefert Anleitungen, die dazu dienen, direkt eine positive Einstellung zu erreichen und umgeht damit den langwierigen Entwicklungsprozess dahin. Die Ausblendung alles Negativen geht sogar soweit, dass es nicht nur im eigenen Inneren, sondern auch im Außen nicht mehr gesehen wird. Der Standardspruch ‚Alles ist gut wie es ist‘ ist eine der größten Lügen und pure Realitätsflucht. Aber nur so kann die Illusion der positiven Einstellung aufrechterhalten werden.

Ich war schon immer skeptisch bezüglich Therapieformen, welche die Vergangenheit nicht mit einbeziehen. Denn was können sie anders sein als Symptombekämpfung durch eine Art ‚mentaler Umprogrammierung‘? Das klingt einfach und funktioniert selbstverständlich auch – allerdings nur, wenn man in der ‚Macht der Gedanken‘ nicht das sieht, was sie ist: nämlich nur die Spitze des Eisbergs. Was dahinter liegt, sind oft tiefe Gefühle, welche die Gedanken steuern. Wer meint, absolut kopflastig sein echtes seelisches Befinden verändern zu können, spaltet sich von seinen Gefühlen nur weiter ab.

Das ‚Positive Denken‘ war ein einziges Beispiel, wie Wahres und Falsches wild vermischt wird. Wahr ist, dass positives Denken für jeden gut ist, falsch ist, dass Denken losgelöst von Gefühlen existiert. Im Grunde müsste es nicht ‚Positives Denken‘, sondern ‚Positives Denken und Fühlen‘ heißen. Es gibt unzählige Beispiele derselben Art aus der Esoterik. Wie schön ist es doch, zu glauben (wenn auch gänzlich illusionär), dass ein bisschen Drücken auf die richtigen Punkten auf wundersame Weise Probleme lösen kann.

Es löst keine Probleme. Was dabei passiert, ist ein Zuwachs an Wohlgefühl durch angenehme Berührung, die Zuwendung und den Zuspruch eines Menschen samt der (Auto)Suggestion, was damit nicht alles verbunden ist – Blockaden lösen sich auf, alte Traumata, Krankheiten verschwinden und der Energiepegel steigt.

Ja – er steigt tatsächlich. Doch ist es furchtbar naiv, den Erklärungen dafür einfach Glauben zu schenken. Jeder Mensch braucht Zuwendung und Berührung, Zuspruch und Unterstützung, weil wir soziale Wesen sind. Vielen geht es schon dadurch besser, dass sie zu jemand über ihre Probleme offen sprechen können und ihnen voller Anteilnahme zugehört wird. All das bewirkt viele Verbesserungen.

Wenn jedoch darauf gar kein Bezug genommen wird, sondern Erklärungen folgen, die das Blaue vom Himmel herunter fantasieren, glauben viele auch diese. Dafür gibt es einen ganz einfachen Grund: weil sie es nicht besser wissen. Jedem Kind könnte man theoretisch Zusammenhänge völlig falsch erklären und es würde sie glauben. Das war sogar lange Zeit ein probates Erziehungsmittel und ist es bis heute noch teilweise: wenn es nicht brav ist, wird der Weihnachtsmann keine Geschenke bringen und wenn es ein Stück Zucker aufs Fensterbrett legt, wird der Storch ein Baby bringen.

Esoterik lebt von den kindlichen Gefühlen der Menschen. Zwar glaubt keiner mehr an den Storch, der das Baby bringt, aber viele glauben an die Karten, die die Zukunft weisen und an die Heilkraft von Steinen. Wozu ich übrigens heute im TV eine Sendung sah, die davor warnte, ungewaschene Steine ins Trinkwasser zu legen, da das Wasser davon wirklich ‚belebt‘ würde – nämlich durch schädliche Bakterien. Achate, die zumeist Farbstoffe enthielten, seien nahezu giftig.

Esoteriker sind keine hoch entwickelten Menschen. Es sind auch keine reifen oder besonders bewussten Menschen. Es sind vielmehr Menschen, die auf einer sehr kindlichen Stufe stehen und darüber nicht hinaus kommen. Das Leben, wie es ist, beinhaltet nicht nur Schönes und Harmonisches, es ist auch voller Schrecken, Grausamkeit und Ungerechtigkeit. Wie Kinder, die man davon möglichst verschont, weil sie noch nicht die Stärke haben, damit umgehen zu können, suchen Erwachsene, die sich der Esoterik zuwenden, weiterhin diese heile Weltsicht.

Drumherum wird ein fantastisches Weltbild gebaut, das als Bollwerk gegen alles, was zu sehr belasten könnte, dient. Und jeder, der mit vernünftigen Aussagen aufwartet, wird als ‚unentwickelt‘ abgewehrt. Daher halte ich Kritik an Esoterikern, welche sich direkt an sie wendet, für sinnlos. Man kann die Abwehr eines Menschen nicht durchbrechen. Es gibt nur zwei Dinge, die ihn aus der Scheinwelt heraus holen können: ein dermaßen tragisches Erlebnis, das ihn emotional so berührt, dass es ihm die Augen öffnet oder langsame – oft über Jahre bis Jahrzehnte – Desillusionierung im besten Sinn des Wortes.

Da jedoch jeder, der an etwas glauben will, alles, das auch nur den Hauch von Bestätigung seines Glaubens beinhaltet, weitaus wichtiger nimmt als das, was dagegen spricht, ist die zweite Möglichkeit noch seltener als die erste. Daher denke ich, dass Vernunft und echtes Wissen nur diejenigen erreichen kann, die sich noch keine Meinung dazu gebildet haben. Diejenigen, die ohnehin immun dagegen sind, brauchen keine Aufklärung (wobei ihnen oft aber auch das tiefere Verständnis der Mechanismen fehlt) und diejenigen, die bereits hinein gezogen sind, sind unerreichbar.

Ich setze Desillusionierung allerdings nicht gleich mit einer resignierten, negativen Sichtweise. Weitgehend ohne Illusionen zu leben, bedeutet, im Hier und Jetzt präsent zu sein, die Welt zu sehen, wie sie ist – sowohl im Guten wie im Schlechten. Es gibt Wunderbares und es gibt auch ganz Furchtbares. Natürlich kann man sich auch dahin entwickeln, die Dualität ein wenig zu verlassen. Doch glaube ich, dass dies viel eher mit Verstehen zusammenhängt als mit Gutheißen. Denn nicht nur das ‚Gute‘ ist, sondern genau so ist auch das ‚Schlechte‘. Wer das akzeptieren kann, ohne sich in die Extreme von ununterbrochenem Glücklichsein oder ununterbrochenem Leiden zu begeben und den Wechsel als gegeben sieht, ist weiser als jeder Esoteriker mit der Unreife seiner Heile-Welt-Sicht.

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Responses

  1. Ein toller und ehrlicher Artikel meines Erachtens. Er spricht mich sehr an!
    Auch ich bin Jahre lang in die Esoterik „geflüchtet“, habe so ziemlich alles was ich las für bare Münze genommen, ohne zu hinterfragen, und dabei nicht bemerkt dass ich mich immer weiter von mir und dem Leben entferne! Die übermittelten Gefühle waren so schön, und ich brauchte immer mehr davon. Nie wäre ich auf die Idee gekommen dass mit mir etwas nicht stimmt. Ja, ich hielt mich für viel bewusster als die anderen. Bis zum Nervenzusammenbruch! Noch heute blicke ich mit leichtem Entsetzen auf diese Zeit zurück, denn beinahe bin ich dadurch wahnsinnig geworden. Zum Glück öffnete ich mich mehr und suchte weiter! Jetzt arbeite ich an mir selbst, beobachte mich genau, habe meine Ernährung umgestellt, lese psychologische Bücher, mache Atemübungen, um vergangene Traumata zu verarbeiten und um mit der bunten Realität besser klarzukommen,… und bemerke wie es mir laaangsam besser geht.

  2. Liebe Ines,

    du bist kein Einzelfall, es gibt leider sehr viele, die sich da verirren. Und manche auch mit schlimmen Folgen für ihre psychische Gesundheit. Es kann halt niemand auf Dauer gut tun, in Scheinwelten zu leben. Die – und das betone ich immer wieder – übernommen sind und in keiner Weise aus eigenen Erkenntnissen entstehen.

    Doch diesen Unterschied sehen die, die daran glauben und sich momentan wohl fühlen, nicht. Um alte Muster aufzulösen und verdrängte Traumatisierungen bewusst zu machen (damit sie verarbeitet werden können), braucht es weit mehr als ein paar schöne Theorien, die unkritisch machen und immer weiter weg von sich selbst und der Realität führen.

    Gut, dass du die Kurve noch gekriegt hast und nun auf einem echten Entwicklungweg bist!

    Alles Gute,
    Eva


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