Verfasst von: Eva | 27/09/2010

Menschliches Potenzial

Die Frage, was ein Mensch kann und was er nicht kann, ist nicht leicht zu beantworten. Die Möglichkeiten, die er hat, werden sehr stark von seinem Selbstbild mitbestimmt – was er glaubt zu können oder nicht zu können. Hier treten oft Fehleinschätzungen aus verschiedenen Gründen auf.

Eine der Ursachen für falsche Einschätzung ist das Umfeld, in dem ein Kind aufwächst. Normalerweise entstehen Selbstbilder zunächst nicht bewusst, sondern sie werden vom sozialen Umfeld geformt. Einfühlsame Eltern, die frei von Projektionen auf ihre Kinder sind, sind aber selten. Jeder wächst im Milieu seiner Bezugspersonen auf und übernimmt deren Sichtweisen – auch über sich selbst. Dies bedeutet zwar nicht, dass angelegte Fähigkeiten verschwinden oder nicht vorhandene erzeugt werden, aber es kann bedeuten, dass die Selbsteinschätzung nicht der Realität entspricht. Das künstlerisch begabte Kind, das in einem pragmatisch orientierten Elternhaus aufwächst, wird – so es nicht woanders in seiner Begabung erkannt und bestärkt wird – seinem Talent keinen Wert beimessen. Der analytische Denker wird in einem sehr emotionalen Klima vielleicht kein Gehör finden.

Daraus ergibt sich weit mehr als vielen klar ist. Ein wirklich selbstbewusster Mensch ist – wie der Begriff schon ausdrückt – ein Mensch, der sich seiner selbst bewusst ist. Lebt er aber gemäß den frühen Interpretationen seiner Fähigkeiten, wird sein Selbstbild weiterhin davon bestimmt bleiben. Zur Kunst der Elternschaft gehört auch, sich um einen möglichst klaren und unverstellten Blick auf seine Kinder zu bemühen.

Was sich allerdings einfacher anhört, als es ist. Denn Bezugspersonen haben ihre eigenen Befindlichkeiten und teils ungelöste Themen, die sie natürlich an ihre Kinder weitergeben. Wenn das ehemals unterdrückte Kind noch als Erwachsener glaubt, die ‚gsunde Watschn‘ hätte ihm nicht geschadet, wird er sie ohne Gewissensbisse an seine Kinder weitergeben. Wem aus bestimmten Gründen Sicherheit über alles geht, wird auch sein Kind zu einem vorsichtigen und  sicherheitsorientierten Menschen erziehen. Kinder haben ungeachtet ihrer Mentalität wenig Wahl darin – sie sind als sozial abhängige Wesen den Werten ihrer Bezugspersonen weitgehend ausgeliefert. Selbst wenn sie rebellieren, werden sie davon stark beeinflusst. Denn Kinder sehen die Welt immer bis zu einem hohen Grad durch die Augen ihrer Eltern.

Ein mit sich tiefgehend zufriedener Mensch ist aber ein selbstbewusster Mensch. Wer nicht das große (und seltene) Los gezogen hat, schon früh in seinen wahren Anlagen gesehen und unterstützt zu werden,  hat später einen ziemlich mühsamen Weg zu echtem Selbstbewusstsein vor sich. Das einzige ‚Rezept‘, das es dafür gibt, ist im Grunde nur jenes: Hinterfragen.

(Selbst)Reflexion ist unerlässlich dafür, um zu einem klaren Blick zu finden. Dies mag Illusionen (über sich selbst und seine Eltern) zerstören, führt aber letztlich zu einer realistischen Selbsteinschätzung. Ich möchte nicht behaupten, dass Kinder normalerweise von ihren Bezugspersonen für ihre eigenen Bedürfnisse instrumentalisiert werden, aber meist ist die Brille, durch die sie ihre Kinder sehen, doch sehr stark von ihrer Subjektivität gefärbt. Rollenzuweisungen, die uns ein Leben lang nachhängen, sind schnell getroffen. Menschen, die dieses Hinterfragen nie ernsthaft in Erwägung ziehen, verbringen oft ihr ganzes Leben mit dem ehemals übergestülpten Image.

Das Gefühl, irgendwie oder nur halbwegs gut durchs Leben zu kommen, aber im Grunde nie das zu tun, was wirklich den eigenen tiefen Bedürfnissen entspricht, begleitet viele von uns. Selbstbewusst zu sein, heißt aber nicht, überall kompetent aufzutreten oder durchsetzungsfähig zu sein – dies ist nur die landläufige Bedeutung dieses Begriffs. Es ist vielmehr das klare Wissen um die eigenen Stärken und Schwächen und die damit verbundene Selbstakzeptanz, sich zu mögen, wie man ist. Je nachdem, wie die frühe Beeinflussung erlebt wurde, pendeln Menschen zwischen Unter- und Überschätzung ihrer Fähigkeiten und hängen einem Bild ihrer selbst an.

Wer es schafft, das Anerzogene vom Angelegten zu trennen und Verzerrungen bzw. Einschränkungen aufzulösen, ist wirklich selbstbewusst. Damit ist kein ständig ‚erfolgreiches‘ und harmonisches Leben nach dem Muster diverser Werbefilmchen gemeint, sondern Authentizität. Leider gibt es zeitgeistige ‚Idealbilder‘ und vielen fällt es schwer, zu ihren Eigenschaften zu stehen, die von diesen abweichen. Jeder will im Grunde gut ankommen – wir verlieren auch als Erwachsene nicht unsere sozialen Bedürfnisse.

Dennoch darf es nicht soweit gehen, sich selbst zu verleugnen bzw. sich selbst damit das Wichtigste zu nehmen, das wir haben: unser eigenes Potenzial, das uns unverwechselbar macht. Natürlich ist es so gut wie unmöglich, alles Prägende abzuwerfen, aber wir können uns diesem Ziel doch immer mehr annähern und zu uns selbst finden. Oft sind es tragische Erlebnisse, die uns aus vorgefertigten Schablonen heraus reißen, weil sie unsere kleine Welt zum Einsturz bringen. Dennoch kann oft gerade dadurch erst das echte Potenzial deutlich werden.

Nicht zu sich selbst stehen zu können, beinhaltet immer eine Menge sozialer Ängste. Doch sobald diese überwunden sind,  kann man meist beobachten, dass gar keine negativen Rückmeldungen von anderen kommen. Die Ausstrahlung von Selbstüber- oder -unterschätzung wird viel eher wahrgenommen. Natürlich kann uns niemand sagen, wo unser Weg liegt. Das können wir nur selbst herausfinden. Wer von anderen die Antwort darauf erwartet, ist schon auf dem Holzweg. Es ist ja gerade eines der Merkmale eines authentischen Lebens, den Mut aufzubringen, diesen aus sich heraus zu finden und zu gehen.

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Responses

  1. Liebe Eva

    Vielen Dank für diesen toll geschriebenen Artikel. 🙂

    Liebe Grüsse
    Anna

  2. Liebe Anna,

    danke für deine positive Rückmeldung!

    LG
    Eva


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