Verfasst von: Eva | 06/10/2010

Hochsensibilität und das innere Erleben

Was auch immer man über Hochsensiblität liest, welche Eigenschaften und Eigenheiten diesbezüglich als typisch angeführt sind, fehlt doch zum echten Verstehen meist das Wissen um die komplizierte und intensive innere Verarbeitung von Eindrücken. Ich möchte hier nun nicht von körperlichen Überempfindlichkeiten sprechen wie gegen Kälte, Hitze, Lärm, grelles Licht, Grobheit u.dgl., sondern von der seelischen Hochsensibilität.

Vorweg – sie bedeutet nicht das, was oft fälschlicherweise darunter verstanden wird: dass jemand ständig warmherzig, einfühlsam, friedfertig und helfend durchs Leben schreitet. Das sind reinste Klischees und der manchmal gehörte Vorwurf, dass sich die eigene Sensibilität nur auf sich selbst beschränkt (womit indirekt ausgedrückt wird, dass es mit der Sensibilität nicht weit her sein kann), basiert auf diesem Missverständnis.

Manchmal sieht es tatsächlich so aus, als ob besonders sensible Menschen gar nicht so stark auf andere eingehen. Und das stimmt zuweilen auch aus folgendem Grund: sie haben genug mit sich selbst zu tun. Erlebnisse, die für andere in den Bereich der Banalitäten gehören und locker weg gesteckt werden, können Hochsensible wochen- oder monatelang innerlich zutiefst beschäftigen. Nicht aus dem Grund heraus, dass sie sich selbst so wichtig nehmen, sondern weil die Verarbeitung enorm viel Zeit in Anspruch nimmt. Ein lockeres Wegschieben ist ihnen selten möglich.

Da ihnen das doch zuweilen hilfreiche ‚dicke Fell‘ fehlt, die Reizfilter zu durchlässig sind, trifft sie vieles weit stärker als andere vermuten würden. Daraus können Überreaktionen entstehen, welche auf andere überraschend wirken. Das Lesen eines Artikels in der Zeitung über eine grausame Tat oder eine schlimme Krankheit, die jemand völlig Fremden trifft, kann dazu führen, sich tagelang damit innerlich herum zu schlagen und davon sogar bis in die Träume verfolgt zu werden. Wen wundert’s da, wenn sich Hochsensible oft abschotten müssen, um damit zurecht zu kommen? Denn ihnen ist selbst meist nur zu klar, dass dies eigentlich – gemessen an der Norm – eine ungewöhnliche Reaktion ist und eine ‚gesunde‘ Abgestumpftheit vermissen lässt. Doch das Wissen darum reicht natürlich nicht aus, um die innere Reaktion zu verändern.

Somit katapultieren sich Hochsensible übermäßig oft in eine innere Einsamkeit, die sie weder wollen noch erstrebenswert finden – die aber nicht wirklich zu verhindern ist, weil das Verständnis Außenstehender meist fehlt. Und wer nicht verstanden wird, muss sich sehr genau überlegen, wem gegenüber er sich öffnet. Eine falsche Reaktion kann zutiefst verunsichern und das Gefühl der inneren Einsamkeit heftig verstärken.

Es hilft natürlich niemandem, hier zu sagen, das Um und Auf, das Allerwichtigste für hochsensible Menschen ist es, dass sie von klein auf in ihrer Familie so angenommen werden, wie sie sind. Trotzdem muss man das einfach aussprechen – weil es wahr ist und sehr viel bewirkt. Extrem feinfühlige, leicht irritier- und verletzbare, zumeist intensiv reagierende und alles andere als ‚pflegeleichte‘ Kinder, die loyalen Halt bekommen, entwickeln ein positives Selbstbild, können sich in ihrer Individualität annehmen und ihr Potenzial, das meist sehr groß ist, frei entwickeln. Denn dann stimmt einfach die innere Basis.

Jedoch ist es leider oft so, dass viele diese gute innere Basis nicht haben. Zu ihrer ohnehin schwierigen Aufgabe, in einer ziemlich unsensiblen Welt bestehen zu können, kommt noch ein negatives Selbstbild hinzu und der ständige Versuch, sich anders zu geben, als man ist, um akzeptiert zu werden. Diese Rechnung kann natürlich nicht aufgehen. Selbst wenn man in seiner ‚verstellten Art‘ akzeptiert wird, bleibt doch innerlich das Wissen, dass es sich dabei nicht um das echte Selbst handelt, das gemocht wird.

Und so beißt sich die Katze ständig in den eigenen Schwanz. Was ich daher als einzig wirklich guten Weg empfinde, ist jener, sich seinen Ängsten zu stellen und den Mut zu sich selbst aufzubringen. Natürlich nicht auf eine Art, die andere verschreckt oder überfordert. Aber darin sind Hochsensible ohnehin gut, wenn sie sich auf andere konzentrieren: sie können ziemlich treffsicher einschätzen, wie weit sie bei anderen gehen können, weil sie für feinste Schwingungen empfänglich sind.

Bei Hochsensiblen, die als Kind in ihrer Echtheit abgelehnt wurden, ist das ein lebenslanger Prozess, der selbst bei größten Bemühungen nie dorthin führen wird, wo jene, die Halt und Unterstützung bekamen, stehen. Doch bringt es niemandem Gutes, sich über die Ungerechtigkeit auf der Welt zu beklagen und daran zu verzweifeln. Jeder Schritt, der in die richtige Richtung gesetzt wird, ist es wert, geschätzt zu werden. Auch wenn andere das nicht verstehen und meinen, da sei doch nichts dabei. Wieviel innere Arbeit dazu beigetragen hat, wissen die wenigsten.

Ich möchte jeden Menschen, der über eine besonders hohe Sensibilität verfügt, darin bestärken, seinen individuellen Weg zu gehen und sich nicht davon entmutigen zu lassen, dass er niemals so sein wird wie ‚alle anderen‘. Denn das Besondere, das er hat, ist zwar nicht gerade einfach für andere zu verstehen, aber wenn er es sich selber nimmt, verliert er sich damit selbst.

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Responses

  1. Ja, es ist ein lebenslanger Prozess, mir einzugestehen, so fühlen zu dürfen, wie ich fühle. So anders wahrzunehmen, wie ich wahrnehme. … und auch so einsam zu sein manchmal, weil der Rückzug nach den Eindrücken notwendig ist, aber auch isoliert. Danke.

  2. Ein sehr schöner Artikel, der mir tief aus dem Herzen spricht, weil ich alles ganz genauso erlebe.

  3. Danke. Und schön zu wissen, dass es dir ebenso ergeht – auch wenn es nicht immer leicht ist.
    LG
    Eva


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