Verfasst von: Eva | 12/10/2010

Selbstliebe und Selbstverantwortung

Ich denke, beides ist untrennbar miteinander verbunden. Niemand kann sich selbst wirklich mögen, ohne auch für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Und niemand übernimmt echte Verantwortung für sich, der sich nicht mag.

Was tun wir, wenn wir Verantwortung übernehmen – sei es für andere oder für uns selbst?

Leichter lässt sich wohl die Übernahme der Verantwortung für andere – etwa die eigenen Kinder – beschreiben. Im besten Fall gehen wir auf das Wesen des Kindes ein, nehmen auf seine Gefühle Rücksicht, helfen ihm bei Schwierigkeiten, unterstützen und fördern es in seinen Fähigkeiten und fordern es auch gemäß seinem Entwicklungsstand. Wir tun das, weil wir die Verantwortung bewusst übernehmen und voller Zuneigung zu ihm sind.

Umgelegt auf das eigene Leben sieht das aber oft sehr viel anders aus. Viele von uns blicken auf andere Prägungen zurück und haben es nie erlebt, vollständig angenommen, verstanden und unterstützt zu werden. Leider setzt sich dieses Erlebte zumeist weiter darin fort, wie wir zu uns selbst stehen. Wir lehnen uns genau da ab, wo wir früh abgelehnt wurden und messen jenen Bereichen übermäßig viel Bedeutung bei, in denen wir Anerkennung erhielten. Wir kultivieren sie weiter – haben sozusagen die Welt, wie sie sich uns in unserer Kindheit darbot, internalisiert.

Das bedeutet aber nicht, Verantwortung für sich zu übernehmen. Es ist ein Leben nach alten Mustern. Die imaginäre Mutter, der imaginäre Vater sind permanent anwesend. Vieles in unserem Leben ist eine späte Antwort auf frühes Erleben und auch (bzw. gerade dann!) wenn uns das nicht bewusst ist, haben wir noch nicht verstanden, was es bedeutet, uns selbst zu mögen und Verantwortung für unser Leben zu übernehmen. Wie Kinder erwarten wir weiterhin, dass wir von außen genährt werden, ohne zu begreifen, dass dies auch unsere eigene Aufgabe ist.

Der Wunsch, von anderen geliebt zu werden, wie man ist, ohne sich verstellen zu müssen, ohne glänzende Fassade und falsches Image, lebt in den Herzen vieler Menschen. Man möchte es endlich, wenigstens ein einziges Mal erleben, so richtig geliebt zu werden – als der, der man ist. Das würde alte Wunden heilen und frühe Mankos ausgleichen.

Glaubt man zumindest. Denn die Wahrheit sieht anders aus: wer sich selbst nicht so, wie er ist, ohne glänzende Fassade und falsches Image als der, der er ist, annehmen und lieben kann, bleibt das verzweifelt bedürftige Kleinkind von früher. Der Weg ins Erwachsensein bedarf einer liebevollen Haltung sich selbst gegenüber.

Wer gerne Bücher über solche Themen liest, weiß das zwar, aber zwischen Wissen und Praxis liegt ein weiter Weg. Rein kopflastiges Wissen hilft nicht, dieses Wissen auch umsetzen zu können. So zu tun als ob und bewusst Handlungen zu setzen, die dem entsprechen, ebensowenig.

Was können wir also tun? Wir müssen uns auf den Weg zu uns selbst machen. Wir müssen uns selber kennenlernen, ohne vorgefasste Vorurteile und Entwertungen oder Überhöhungen. Wir müssen uns selbst nahe kommen. Es gibt so viele Menschen, die sich selbst nicht nahe stehen, weder ihr eigenes Wesen verstehen noch ihre Fähigkeiten, Stärken und Schwächen klar sehen. Wie soll man da Verantwortung übernehmen?

So paradox es auch klingen mag, aber um sich selbst gut kennenzulernen, braucht es eine gesunde Portion von Selbstdistanz. Denn wer sich mit allen Emotionen, Bedürfnissen und inneren Regungen voll identifiziert, wird sich selbst niemals ‚erkennen‘. Dies bedeutet nicht, sich selbst nicht nahe zu sein – ganz im Gegenteil. Es bedeutet, die erwachsene Seite, den Verstand, das Wissen, das wir uns angeeignet haben, letztlich auch das Bauchgefühl, einfühlsam zum eigenen Besten einzusetzen. Weil wir uns mögen und gut für uns sorgen möchten.

Dabei ist es ziemlich unerheblich, worum es sich gerade handelt – ob es aufwallende Bedürfnisse sind, von denen wir im Grunde wissen, es schadet uns letztlich, wenn wir ihnen nachgeben oder um Hürden, vor denen wir Angst haben, weil sie innere Wunden berühren, deren Überwindung aber wichtig für uns wäre. Im Grunde bedeutet Selbstliebe und Selbstverantwortung, die internalisierten Eltern, die es nicht immer gut mit uns meinten, durch die Schaffung einer neuen inneren Instanz, die aus uns selbst kommt, abzulösen. Wir müssen unsere inneren Elternfiguren durch eigene ersetzen. Kurz gesagt – wir müssen uns um uns selber gut kümmern.

Dass dieser Weg schwierig ist und eine Menge an Selbsterkenntnisarbeit bedingt, ist zwar eine Tatsache, aber keine, die uns entmutigen sollte. Denn wenn uns unser Wohlergehen wirklich am Herzen liegt und wir nicht lebenslang zwischen Kompensation und Ersatzbefriedigungen herum irren wollen, sollten wir ihn gehen. Weit schwieriger (und frustrierender) ist es zumeist, nach 10, 20 oder mehr Jahren noch immer auf derselben Stelle zu treten. Wenn wir uns langsam immer besser kennenlernen, wissen wir mit der Zeit, wie wir bestmöglich auf die Erfordernisse, die das Leben stellt, reagieren können.

Weder geht die Welt unter noch passiert etwas Schreckliches, wenn wir zu uns selbst stehen, wie wir sind. Ganz im Gegenteil – der Kampf zwischen Gefühl und Vernunft weicht einem Stück mehr Menschlichkeit, das wir uns selber zukommen lassen und nicht von außen erwarten müssen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: