Verfasst von: Eva | 07/11/2010

Internet-Foren

Es gibt sicherlich eine beinahe unendliche Anzahl von Foren im Internet. Angefangen von Themen wie Computer, Handwerken, Kochen, Gesundheit über Tiere bis hin zu Suizidforen gibt es praktisch alles. Unzählige Menschen – viele sehr jung, aber beileibe nicht alle – nützen diese Foren bei unterschiedlichsten Problemstellungen.

Ich möchte sie keineswegs verteufeln, denn wie alles haben sie ihre Vor- und Nachteile. Die zwei größten Vorteile sind wohl Information, Austausch und oft fruchtbare Diskussionen mit Menschen, die man ansonsten niemals kennen gelernt hätte und woraus sich hin und wieder auch reale Freundschaften ergeben können.

Foren für Themen wie Computer oder sonstige sachliche Fragen haben im Grunde kaum Nachteile. Man wendet sich meist mit einer bestimmten Frage an sie und erhält kompetente Antworten. Wo das Ganze jedoch längst nicht so gut funktioniert, sind Foren, in denen es um Lebensfragen geht. Und davon gibt es eine ganze Menge.

Es gibt Foren für Hochsensible, für ADHS, für Depressione, für Ängste u.dgl. mehr, in denen man sich anmeldet, um sich mit anderen, bei denen man diese Eigenschaften vermutet, darüber auszutauschen. An sich könnte das eine gute Sache sein, jedoch hat sie auch einen Haken – sie werden kaum jemals von in dieser Thematik kompetenten Moderatoren geführt. Zugleich sind die ‚Diagnosen‘ oft selbst erstellt und stimmen gar nicht. Solche Foren nehmen aber den Charakter von Selbsthilfegruppen an und niemand kann mit Sicherheit sagen, wer nun wirklich von der Thematik, um die es geht, betroffen ist und wer sich nur für davon betroffen hält.

Daraus entsteht eine Dynamik, die in vielen Fällen das Positive des Austausches negativ überlagert: Das bunte Gemisch aus Laien stellt sich als zusammengehörig und gleichartig dar. Ratschläge (die sehr oft in Foren gegeben werden), können in Unkenntnis der echten Problematik völlig falsch sein. Und überall finden sich einige, die den Ton angeben, wodurch sie von der Mehrheit als besonders kompetent angesehen werden.

Das bedeutet, dass diese Foren weit weniger hilfreich sind als sie sich darstellen – im schlechtesten Fall können sie sogar ausgesprochen schädlich sein. Der Vergleich erinnert an den ‚Blinden’, der sich mit dem ‚Lahmen’ zusammentut und am Ende landen beide im Graben…

Forums-User sind meist gar nicht in der Lage, zu unterscheiden, wer von den anderen tatsächlich weit entwickelt ist und wer das nur von sich glaubt. Als Lösungen dargebotene Erfahrungen können durchaus nichts weiter als Facetten der eigenen Abwehr sein. Oft ist das einzige Kriterium, das als ‚Beweis’ für die hilfreiche Lösung steht, dass etwas das subjektive Wohlbefinden verbessert hat. Das subjektive Wohlbefinden kann sich jedoch vorübergehend auch durch völlig falsche Ansätze verbessern.

Die des Narzissten, wenn er plötzlich Erfolg hat und mehr Anerkennung bekommt, die des Abhängigen, wenn er einen neuen Partner gefunden hat, die des Neurotikers, wenn seine neurotischen Bestrebungen vorübergehend erfüllt werden. Das Fatale daran ist, dass solche ‚Lösungen’ an andere vorbildhaft weiter gegeben werden können und oft auch weiter gegeben werden. Esoterische Praktiken, die echte Problemen ost nur ausblenden, gehören ebenso zu beliebten ‚Lösungsvorschlägen‘ wie einseitige Überzeugungen und unrealistische Weltsichten.

Schädlich wird es, wenn sich immer mehr zusammen finden, die ‚auf einer Linie liegen’ und einen ungesunden Weg durch gegenseitige Bestätigung hochstilisieren. Kritiker finden kaum mehr Gehör und werden ausgegrenzt, da es weit angenehmer ist, gemeinsame Harmonie zu empfinden als mit einer unbequemen Sichtweise konfrontiert zu werden.

Aus diesem Grund halte ich Internetforen, wo es um tiefergehende seelische Probleme geht, für den falschen Platz für Betroffene. Jeder, der sich ernsthaft mit seinen Problemen auseinander setzen möchte, sollte solche Foren nur mit allergrößter Vorsicht und gesunder Skepsis betreten. Sie vorübergehend zu nutzen, sich umzusehen, was andere zu erzählen haben, ein paar Erkenntnisse mitzunehmen, ist oft ganz gut und wenn sich ein schöner persönlicher Kontakt zu einzelnen anderen Usern abseits des Forums ergibt, umso besser. Wenn jedoch jemand jahrelang immer wieder versucht, seine Probleme über Foren zu lösen, dreht er sich offensichtlich nur im Kreis. Manche ‚Autoritäten‘, die dort zu finden sind, sind selber schon über viele Jahre Mitglieder und leben nur allzu häufig ihre neurotischen Wünsche nach Überlegenheit aus, mit denen sie im realen Leben scheitern.

All das ist zu bedenken, wenn man sich darauf einlässt. Und es kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: das Forum ersetzt oft reale Beziehungen. So hilfreich und praktikabel das vielleicht auch in einer bestimmten Lebensphase sein mag – es geht doch letztlich immer um das reale Leben, das gelebt werden muss und nicht um ein virtuelles. Ohne Begleitung durch eine spezifisch ausgebildete Ansprechperson, mit der auch über die ‚Internet-Wahrheiten’ reflektiert wird, können Foren für viele Menschen mit seelischen Problemen auf Dauer einen sehr schädlichen Einfluss haben.

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