Verfasst von: Eva | 08/11/2010

Selbstdistanzierung

Passend zur Transaktionsanalyse mit ihren drei Ich-Zuständen bin ich auf das Thema Selbstdistanzierung gekommen. Zusätzlich angeregt dazu wurde ich von einer Auseinandersetzung, in der es sehr auffallend war, dass dieser Mensch keine Fähigkeit zur Selbstdistanzierung hatte.

Was ist Selbstdistanzierung? Ich verstehe darunter eine Art Vogelperspektive zu sich selbst. Das bedeutet, dass ich geistig auf Abstand zu meiner subjektiven Befindlichkeit gehe und diese (nein, nicht mit Objektivität, denn dazu ist kein Mensch fähig) quasi von außen betrachte. Das Gegenteil von Selbstdistanzierung ist somit Identifikation.

Bis zu einem gewissen Grad kann man das mit dem Schema der Transaktionsanalyse erklären: das Eltern- und das Kindheits-Ich sind unbewusste Zustände, während das Erwachsenen-Ich gewachsen, erarbeitet und damit ein bewusster Zustand ist. Wenn es nun weit genug gereift ist, kann es relativ sachlich die zwei anderen Zustände bei sich beobachten. Natürlich ist es niemandem möglich, sich ständig von seinen unbewussten Werturteilen und emotionalen Zuständen zu distanzieren, aber es ist keinesfalls unmöglich, dies nicht zeitweilig zu tun.

Auch wenn das nicht bedeutet, dass man die Werturteile oder Gefühle damit auflösen kann, denn niemand kann es verhindern, vor Aufregung in bestimmten Fällen zittrig zu werden, aber man kann – nahezu parallel dazu –  sich selbst mit einer anderen inneren Instanz dabei beobachten.

Natürlich ist das ein harmloses Beispiel und vermutlich kann jeder damit ganz gut leben, aber es gibt auch Zustände, mit denen es sich weit weniger gut lebt. Angstzustände zum Beispiel oder heftige Wutausbrüche. Aber auch Depressionen und Verzweiflung. Wie gesagt, lassen sich diese Zustände durch Selbstdistanzierung nicht direkt auflösen, aber die absolute Absorption wird dadurch verhindert. Und damit ist schon viel gewonnen.

Der Unterschied zwischen einem Menschen, der sich zu 100% mit seiner Verzweiflung identifiziert und einem, der auf einer bestimmten Ebene davon Abstand nimmt, sich praktisch wie einem guten Freund in seiner Verzweiflung betrachtet, ist himmelhoch. Ich würde sagen, im ersten Fall steht das unbewusste Ich vollkommen alleine da und nichts gibt ihm Halt – im zweiten Fall steht ihm das erwachsene Ich zur Seite. Obwohl es vom ‚Erwachsenen-Ich‘ der Transaktionsanalyse nicht ganz erfasst wird. Denn alleine mit der Ratio funktioniert es nicht – es ist zwar etwas Geistiges, aber es geht über den reinen Verstand hinaus.

Viktor Frankl hat das sehr schön formuliert: “Der Mensch muß sich nicht alles gefallen lassen – auch nicht von sich selbst!“ Damit ist gemeint, dass trotz aller belastenden inneren Zustände etwas anderes dennoch bis zu einem gewissen Grad die Oberhand behalten kann, das nur dem Menschen eigen ist – das Geistige.

Um beim Beispiel mit dem guten Freund zu bleiben: Wenn ein Freund große Schmerzen hat und zu schreien beginnt, wird man wohl kaum auch schreien, sondern ihn zu beruhigen versuchen. Und das kann man in abgewandelter Form bei sich selbst auch tun! Man muss sich nicht voll und ganz allem überlassen. Frankl selbst schreibt, dass diese Fähigkeit bei Menschen sehr unterschiedlich ausgeprägt und trainiert ist und das glaube ich auch. Es gibt Menschen, die eine natürliche Begabung dafür zu haben scheinen und andere, die sich sehr schwer damit tun. Aber man kann es lernen und trainieren.

Es hat nichts mit dem Temperament eines Menschen zu tun. Auf keinen Fall sollte Selbstdistanzierung damit verwechselt werden, dass jemand sich quasi ‚zusammenreißt‘ (was weniger gefühlsintensiven Charakteren leichter gelingt). Das ist etwas anderes und hat mit bewusster Entscheidung oft überhaupt nichts zu tun, sondern kann aus der Anstrengung, nicht das ‚Gesicht zu verlieren‘, herrühren.

Selbstdistanzierung ist wie ein mitfühlender guter Freund (in sich selbst), der sich aber bis zu einem gewissen Grad auch abgrenzt. Dieser hat etwas von einem inneren Therapeuten und gleicht einem äußeren Therapeuten auch in vielem. Im besten Fall lernt man diese Fähigkeit von Kind an durch seine Bezugspersonen. Eine Mutter oder ein Vater, die verständnisvoll, aber doch mit einer gewissen Festigkeit und Stabilität auf die kleinen und großen Wehwehchen ihrer Kinder reagieren, bringen ihm automatisch bei, wie es später mit sich selbst umgehen kann. Denn nichts erschreckt ein angstvolles Kind mehr, als eine Bezugsperson, die selber Angst hat. So lernt es nie, dass es vielleicht gar nicht so schlimm ist. Ihm fehlt damit tatsächlich jeder Halt.

Viele erleben das aber leider selten so ideal. Das aggressive Kind, das angeschrien oder geohrfeigt wird, kann unmöglich lernen, mit seinen Aggressionen umzugehen, weil es dieser Bezugsperson genau so an Selbstdistanzierung fehlt. Das Kind macht sie wütend und sie wird selber unkontrolliert wütend. Solchen Kindern bleibt später nichts anderes übrig, als sich diese Fähigkeit selbst anzueignen. Zugegeben ist das kein leichter Weg, weil ja im Inneren ganz andere Muster aufgezeichnet sind, aber es ist möglich.

Eines der stärksten Motive dazu ist wohl Leidensdruck. Die meisten Menschen lassen sich erst dann auf Veränderung ein, wenn der Leidensdruck zu groß wird, um mit den alten Verhaltensweisen auszukommen. Ein zweites Motiv braucht es aber auch – und zwar Interesse an sich selbst. Diejenigen, die bei Leidensdruck nur erwarten, jemand anderer oder eine bestimmte Technik würde sie davon befreien, haben kein besonderes Interesse an sich selbst. Interesse bedeutet verstehen wollen und nicht das Unbequeme einfach auszuschalten.

Leider wird auch Interesse an sich selbst im Idealfall von klein auf gelernt – wenn das Kind echtes Interesse an seinem Wesen und Wohlergehen erlebt, wird es das als selbstverständlich verinnerlichen. Wer jedoch gelernt hat, dass schlimme Zustände einfach ‚abgestellt‘ werden sollen, wird sie dieses Muster in sich tragen.

Es kann Jahre dauern und viele Rückschritte und Misserfolge beinhalten, ‚umzulernen‘, denn nichts ist so hartnäckig wie früh Gelerntes. Je früher es gelernt wurde, umso weniger bewusst ist es, da Babys und kleine Kinder zu wenig in der Lage sind, zu reflektieren. Aber es muss auch nicht zum lebenslangen Schicksal werden, denn jeder kann lernen. Und das lebenslang.

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