Verfasst von: Eva | 13/11/2010

Intuition und die inneren Eltern

Gibt man in Google ‚inneres Kind’ ein, erhält man über 200.000 Seitenergebnisse, bei ‚innere Eltern’ sind es gerade etwas über 300. Obwohl beide untrennbar miteinander verbunden sind, liegt der gesellschaftlich verbreitete Fokus sehr stark auf dem inneren Kind. Dieses resultiert aber aus den realen Eltern (die später zu inneren werden) und ich halte es für sinnvoll, beide gemeinsam zu betrachten.

Es gibt eine Unzahl Bücher über die „Heilung des inneren Kindes“: liebevolle Selbstzuwendung soll die frühen Verletzungen heilen. Wem aber nicht bewusst ist, wie tief sitzend auch die Einstellungen sind, die wir von unseren frühen Bezugspersonen übernommen haben (und die oft bis weit ins Erwachsenenalter immer wieder von diesen Personen verstärkt wurden), sieht nur einen Teil des Gefüges. Man kann das innere Kind nicht heilen, ohne sich auch die inneren Eltern bewusst zu machen. Sie bestimmen unser Wertesystem, auch jenes, das wir auf uns selbst anwenden.

Einige Beispiele:
Der Frau, die sich darüber beklagt, wie kalt und dominant ihre Mutter war, die aber automatisch mit scharfer Zunge alles und jeden ohne Milde kritisiert, ist sich nicht bewusst, dass sie nicht nur die alten Gefühle des Kindes in sich trägt, sondern auch die harten Urteile der Mutter fortsetzt.
Dem jungen Mann, dem von klein auf vermittelt wurde, dass nichts mehr zählt als Sicherheit und der sein Leben lang sein eigenes Potential beruflich nur innerhalb der Grenzen lebt, die ihm der erstbeste ’sichere‘ Arbeitsplatz bietet, ist ebenso wenig bewusst, dass er sein Wertesystem nicht selbst geschaffen hat, sondern in jenem seiner Vorgeneration lebt.
Die Kollegin, die als Kind ganz besonders viel Lob bekam, wenn sie altklug auftrat, wirkt heute noch oberlehrerhaft (und wundert sich oft über die ablehnenden Reaktionen) und der heutige Pensionist, dessen Familie allen Fremden mit höchstem Misstrauen begegneten, ist sein Leben lang fremdenfeindlich geblieben.

Wir hinterfragen diese Einstellungen sehr selten. Wir identifizieren uns mit ihnen und sagen im Brustton der Überzeugung „Das ist meine Meinung“, obwohl das eigene Ich, der erwachsene Mensch, der wir heute sind, meist noch nie darüber nachgedacht hat, ob das tatsächlich seine Meinung ist oder sie nur früh durch Nachahmung erworben und lebenslang behalten wurde.

Diese Einstellungen können vollkommen in Ordnung sein – oder aber ziemlich lebensfeindlich. Meistens ist ein Teil davon das eine und der Rest das andere. Die Entscheidung darüber, was aber wirklich unsere Meinung ist, kann jedoch nur das erwachsene Ich treffen. Und es muss sie alleine treffen. Natürlich ist es wichtig und erweitert den Horizont, sich Informationen einzuholen – auch von anderen. Aber Entscheidungen, die nur aufgrund der Sichtweise anderer getroffen werden, basieren auf dem Ersatz der inneren Eltern durch neue – und kommen genau so wenig aus uns selbst heraus.

Es gibt hitzige Diskussionen von intelligenten Menschen, die leidenschaftlich an einer Sichtweise hängen, welche bei näherer Betrachtung nichts weiter ist als eine Wiederholung des früh Gelernten – oder wenn es sich um rebellische Charaktere handelt, des exakten Gegenteils davon. Denn so paradox es auch klingen mag, ist doch die Fixierung auf das Gegenteil der elterlichen Werte nichts weiter als eine fortgesetzte Rebellion, die mit bewusster Entscheidungen nicht das Geringste zu tun hat. Oft schaden bestimmte Sichtweisen dem Betroffenen selbst am allermeisten, aber an seiner Überzeugung prallt jedes noch so vernünftige Argument ab. Er hört auch gut gemeinten Einwänden nicht zu, sondern sieht darin nichts als einen persönlichen Angriff. Diese Menschen sind keine bewussten Erwachsenen im Hier und Jetzt, sondern leben geistig in der Vergangenheit.

Es gibt beliebte Ansätze, sowohl das innere Kind als auch die inneren Eltern auf einen Schlag zu verändern. Dazu zählen Affirmationen. Sie sollen schädliche, negative Sichtweisen durch positive ersetzen. Aber selbst wenn man sich diese Beschwörungsformeln mehrmals täglich über längere Zeit vorsagt, ändert das doch nichts daran, was sehr tief sitzt.
Ohne Bewusstwerdung und Auseinandersetzung mit dem früh Erlebten wird damit eine Beeinflussung durch die nächste ersetzt. Und das bedeutet, es darf sich nichts entwickeln bzw. nach-entwickeln, das Echte sich nicht heraus bilden. Affirmationen sind daher nur eine fortgesetzte Konditionierung, deren Effekt unter starkem Druck ohnehin zusammenbricht.

Wie oft sagen wir anderen oder uns selbst, ‚man’ muss, soll, darf oder kann nicht? In diesem Fall sprechen nicht wir als autonome Erwachsene, sondern es ist die Stimme der inneren Eltern. Und oft genug ist diese Stimme nicht allzu freundlich oder liebevoll. Sie verbietet uns zu leben, wie wir leben wollen und können, sie nötigt uns zu Entscheidungen, die wir unbelastet und frei nie so getroffen hätten. Wer darüber nachdenkt, was ‚die Leute’ sagen, wenn wir dies und jenes tun, tut dies, weil er das schon als Kind zu oft gehört hat. Und meist ist diese Stimme lauter als jene, die wirklich aus dem eigenen Inneren kommt und die wir Intuition nennen.

Über Intuition verfügt jeder Mensch. Sie spricht aus dem ureigenen Selbst heraus, beinhaltet eine unverstellte und feine Wahrnehmung, die aber leider im Laufe der Sozialisation meist von den vielfältigsten Ver- und Geboten überdeckt wird. Und unter vielen, die sie genau so verloren haben, trauen wir ihr immer weniger. Sie verschwindet aber nicht, denn oft weiß man sehr genau, dass man trotz aller guten Argumente ‚ein schlechtes Gefühl’ bei der Entscheidung hatte. Dennoch glaubten wir den Argumenten meist mehr als dem warnenden Gefühl.

Und das ist auch nicht verwunderlich. Denn solange wir uns nicht mit allem – also mit den inneren kindlichen Gefühlen und den übernommenen Werten ernsthaft und ehrlich auseinander setzen – geht innen sehr viel durcheinander. Unerfüllte alte Bedürfnisse nach Zuneigung, Anerkennung und Lob ebenso wie nie hinterfragte Glaubenssätze, die als unumstößlich gelten. Daher ist es sehr schwierig, sich auf die innere Stimme, sprich Intuition, zu verlassen, wenn doch so viele Stimmen durcheinander reden und man das eine nicht vom anderen unterscheiden kann.

Je ernsthafter jedoch bewusste Auseinandersetzung und Reflektion betreiben wird, je mehr an alten Beeinflussungen und Prägungen damit verwschwindet, umso klarer wird die innere Stimme. Sie ist ein Instrument der Orientierung wie es kein anderes für uns selbst zu sein vermag. Ab dem Zeitpunkt, wo wir ihr wirklich vertrauen, beginnt spirituelle Entwicklung. Wir sind mit unserem Kern verbunden und leben aus ihm heraus.

Dass man diesen Weg nicht durch Techniken, Affirmationen oder ‚erfolgversprechende’ Methoden abkürzen kann, begreift nur der, der ihn geht.

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Responses

  1. Hallo Eva,
    danke für Deinen lieben Kommentar, der mich zu Dir hier geführt hat. Das stimmt, wir haben einige gemeinsame Themen und sicherlich auch manches gemeinsam im Leben; so kam es mir vor, als ich Dein „über mich“ gelesen habe. Ich freu mich darauf, am Wochenende mir einiges hier genauer anzusehen. Ich mag zudem diesen Zusammenklang von Text und Bild, wie also Du Deinen Blog gestaltest; schon der Header ist ja vielsagend …
    Und Dein Thema hier ist echt spannend; darüber hab ich auch schon viel nachgedacht. Die inneren Eltern finden wir ja in den Märchen, sie nehmen auch Bezug zu Vater Gott und Mutter Gott und bald ist Weihnachten, wo jenes Kind geboren wird, das aus solchen Eltern hervorgeht, wie wir sie auch in uns wiederfinden werden, wenn es uns gelingt wegzuräumen, was uns die Eltern unserer Ursprungsfamilie verstellten, nicht in böser Absicht; aber sie gehören eben zu den maßgeblichen Facetten unserer inneren Familie, sehr dominanten möglicherweise, wenn wir nicht mit ihnen immer wieder ins Gespräch kommen, um unseren eigenen Weg freizulegen.

    Dir liebe Grüße, ich freue mich immer, jemanden zu treffen, der so ernsthaft und ehrlich mit seinem Inneren umgeht, irgendwie tut das gut,
    Johannes

  2. Lieber Johannes,

    ich freue mich auch immer sehr, auf jemanden zu treffen, der tiefgehend über die menschliche Seele reflektiert. Ganz besonders, wenn er sich wirklich eigene Gedanken darüber macht (was eher selten ist – meist wird nur etwas übernommen und dann vertreten).

    Es kann meiner Erfahrung nach gelingen, viel, sogar sehr viel von dem wegzuräumen, was uns den Zugang zu uns selbst verstellt. Aber ist unsere Zeit nicht zu schnelllebig, um es überhaupt ernsthaft in Betracht zu ziehen, damit auch nur anzufangen? Selbst wer damit anfängt, meint oft auf halber Strecke oder noch früher, er sei schon durch.

    Entwicklung ist für mich etwas, das lebenslang geschieht, es gibt keinen ‚Endpunkt‘.

    LG
    Eva

  3. Schnelllebigkeit ist bestimmt ein Problem, in Wirklichkeit nimmt das Ego immer die Fußangel, in der sich der Reisende am besten verhakt: Oft ist es etwas, was ich spirituelles Ego nenne, was man unter sogenannten Esoterikern sehr häufig findet, wenn ins Zentrum rückt, wie weit man sich doch entwickelt hat und wenn womöglich das Vergleichen beginnt. Pardauz, fällt man auf das hohe Ross …
    Da hilft nur eines: Demut. Wie wichtig war sie zum Beispiel Hildegard von Bingen.
    Ich wünsche sie uns beiden, wenn ich das darf 🙂

    Liebe Grüße nach Wien (stimmt das?),
    Johannes

  4. Wenn man sich wirklich entwickelt hat, kommt Demut von alleine hinzu.
    Esoterische ‚Entwicklung‘ hat für meine Begriffe mehr mit Ego zu tun als mit echter Entwicklung.

    Ins Zentrum sollte nie rücken, wie weit man sich doch entwickelt hat – das wäre ja wie eine Art Leistungssport – aber die Freude, um wieviel lebendiger man in sich selbst ist, wie autonom man leben kann und wie vieles man hinter sich lassen konnte, das oft jahre- bis jahrzehntelang den Zugang zum eigenen Selbst verstellt hat – darf auch sein!

    Der Weg dahin ist so schwer und langwierig. Ich glaube nicht, dass jemand, der ihn gegangen ist (und weiter geht), damit bei seinem Ego landet – sonst ist er nicht wirklich weit gekommen.

    LG
    Eva


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