Verfasst von: Eva | 27/11/2010

Die Gesellschaft sind wir

Alles dreht sich um Geld, Status, Macht und Leistung, niemand hat Zeit, die Scheidungsrate steigt ins Unermessliche, Jugendliche laufen Amok und Depressionen sind zur Volkskrankheit geworden. So oder ähnlich wird von vielen über unsere Gesellschaft geklagt, die sie durch ihre Unmenschlichkeit krank macht.

Jedoch wird dabei nur selten die Frage gestellt: was oder wer ist die Gesellschaft? Ist sie etwas, das aus dem Nichts entsteht und uns alle beeinflusst, gegen die wir machtlos sind und deren Regeln wir uns beugen müssen? Haben sich ein paar „Obere“ ausgedacht, wie sie zu laufen hat und kaum jemand anderer hat  Mitspracherecht? Bestimmt sie unser Leben, weil wir dazu gezwungen werden – oder lassen wir uns davon bestimmen?

Es gibt eine recht ernüchternde Antwort: Die Gesellschaft sind wir!

Es ist sehr einfach, sich über die Gesellschaft als ‚abstraktes Etwas‘ zu beschweren als würde sie nur außerhalb unser selbst existieren. Das erinnert mich stark an die von Generation zu Generation immer wieder von Neuem geäußerte Klage über die ‚heutige Jugend‘.  Die sich aber auch nicht selbst aufgezogen hat! Es ist nun mal eine unbequeme Tatsache, dass die Gesellschaft, in der wir leben, aus uns allen besteht. Und jeder Einzelne trägt seinen Teil dazu bei, wie sie ist. Im Guten wie im Schlechten.

Wer mehr Menschlichkeit möchte, muss bei sich damit anfangen. Der Anteil der eigenen Verantwortung wird meist übersehen. Dies zeigt sich schon in Kleinigkeiten: wer mürrisch aus dem Haus geht, wird kaum jemand finden, der ihm zulächelt. Wer sich über die Abgase entrüstet, muss sein Auto seltener benützen. Wer die Geschäftemacherei deprimierend findet, muss auf Dinge verzichten, die er nicht wirklich braucht. Wer den Jugend- und Schönheitswahn für krankhaft hält, muss selbst eben anders leben.

Aber das alles ist unbequem. Viele hoffen, dass sich die Verhältnisse wie von Zauberhand irgendwann zum Besseren verändern werden – oder reagieren verbittert, wenn das nicht geschieht. Denn mit der Veränderung sollen am besten die anderen anfangen – um dann irgendwann wieder mitzuschwimmen. Die einzige Möglichkeit, die Gesellschaft zu verändern, ist aber jene, die jeder hat: nach seinen eigenen Werten so gut wie möglich zu leben. Das ist sozial nicht einfach. Viele hält Gewohnheit, Bequemlichkeit und die Angst, gegen den Strom zu schwimmen, davon ab. Die meisten Menschen sind zu Konformisten erzogen worden und bleiben es ein Leben lang.

Es sei denn, es geht ihnen dermaßen schlecht, dass sie keine andere Wahl mehr haben als auszubrechen. Der Punkt kommt aber meist erst dann, wenn alles nicht mehr auszuhalten ist. Wie oft zeigen Menschen einander nur die wünschenswerte Fassade und jeder versucht, es dem anderen gleich zu tun. Der eine nimmt an, es ‚muss so sein‘, weil alles andere den Normen zuwiderlaufen würde – und der andere denkt genau dasselbe. Eine verrückte Situation. Dennoch gang und gäbe und kaum jemand stellt es ernsthaft in Frage.

Warum nicht? Weil immer die Gefahr besteht, durch zu viel Menschlichkeit angreifbar zu werden. Es sein zu lassen, bietet so viel Sicherheit, dass nur die wenigsten davon abrücken wollen oder können. Natürlich kann man damit argumentieren, dass Menschen eine soziale Spezies und ‚Herdenwesen‘ sind. Aber wenn daraus etwas entsteht, das alles andere als wirklich sozial ist, läuft einiges schief. Es können nicht immer die anderen sein, die sich ändern müssen, sondern jeder kann das nur für sich tun.

Die Ursachen dieses Konformitätsstrebens finden sich nur allzu oft in der eigenen Geschichte und Erziehung. Der Unterschied zwischen einem erwachsenen Menschen, der es von klein auf erlebt hat, in seinen Gefühlen und seinem Selbstausdruck ernst genommen zu werden und mit Wertschätzung auf die Erfordernisse der Gesellschaft hingeführt wurde, um darin zu bestehen – und einem, der wie selbstverständlich an die vorherrschenden Normen angepasst wurde – ist sehr groß. Während der eine viel leichter zu sich stehen kann und sich nicht an Normen orientiert, die ihm sinnlos oder schädlich erscheinen, hinterfragt der andere diese niemals und kennt nichts anderes, als sich anzupassen.

Diese Menschen machen die Mehrheit aus. Alle suchen sie Autoritäten, die ihnen sagen können, wie man zu leben hat. Jeder noch so unsinnige Modetrend, jede noch so absurde Lebensphilosophie findet begeisterte Anhänger. Echte Reflexion darüber findet viel zu selten statt. Menschen sind leider oft wie Lemminge, die demselben hinterher rennen, ohne dass es ihnen bewusst ist. Daher haben viele, die sich als Autoritäten gut verkaufen, ein leichtes Spiel. Man denke nur an den gegenwärtigen Esoteriktrend, der stellenweise absurder kaum mehr sein kann und der Millionen von Menschen gleich einer Gehirnwäsche beeinflusst. Nahezu unglaublich, was sich Menschen einreden lassen. Das geschieht, wenn die Sehnsucht nach mehr Gerechtigkeit und Geborgenheit im Leben ins Extrem der rationalen (aber im Grunde auch der gefühlsmäßigen) Blindheit führt.

Ein bewusster Mensch lebt mit seinem Verstand und seinen Gefühlen. Nur beides zusammen führt zu Ganzheitlichkeit. Theorien, die aus Vereinfachungen und Behauptungen bestehen, als Wahrheit zu akzeptieren, weil es sich gut anfühlt, hat weder mit Verstand noch mit authentischen Fühlen zu tun. Viel eher mit der Suche nach Erlösung von den Härten des (eigenen) Lebens.

Aber es gibt auch einen anderen Weg. Es ist der lange Prozess der Selbstfindung, der wirkliche Freiheit und echtes Selbstbewusstsein bringt. Doch die schnelle Lösung, die vorübergehende Erleichterung bringt, ist besser zu verkaufen. Und so wird eine Autorität gegen die nächste eingetauscht, anstelle echter persönlicher Entwicklung. Fast-food gibt es nicht nur zu essen, sondern auch für die Seele. Dass sich dadurch nichts wirklich verändert, Menschen wieder nur irgendwelchen anderen folgen, die vorgeben, sie wüssten Bescheid, ist eine unendliche Fortsetzung früher Abhängigkeit. Der dabei sehr oft auftretende Snobismus ist nicht besser als das Statusdenken in anderen Bereichen. Die Form ist eine andere – alles andere dasselbe.

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Responses

  1. Wir leben in einem System, in dem es um Geld, Macht, Lügen und Intrigen geht. Alles ist davon bestimmt! Alles – egal ob im Beruf oder im Privaten. Wie kann man da ausbrechen? Ausbrechen, um sich in einem anderen maroden System wieder zu finden?

    Was ist „Menschlichkeit“? Ist es ein System, in dem es „weniger“ um Geld, Macht, Lügen und Intrigen geht? Oder ist es so wie es ist nicht „menschlich“.

    Ich kenne kein intaktes „menschliches (verbundenes) System“ – keine Paare, bei denen ich nicht nach spätestens 2maligem Hinschauen sehe, wie „unmenschlich“ ihre vemeintliche Liebe ist.

    Ich kenne kein Unternehmen, in dem es nicht um die o. g. Dinge geht.

    Man kann nur in sein eigenes „Mini-System“ hineinkriechen, welches durch so viele Einflüsse selbst auch schon längst marode geworden ist.

    Du sagst, dass du dich von einigen deiner „Prägungen“ lösen konntest. Das ist gut, wenn dir das wirklich gelungen ist. (Ein langer Weg.) Dann musst du dich aber vor möglichen Gefahrenquellen fern halten, da sonst deine „Prägung“ in dir etwas auslöst, was du nicht willst und dich ins Ungleichgewicht bringt.

    Gleicht das alles nicht Don Quijotes Kampf gegen die Windmühlen?

    Oh ja, fangen wir im Kleinen und bei uns bzw. in uns an. Entsagen wir manchen Dingen, von denen wir erkennnen, dass sie uns krank machen. Der buddhistische Mönch ist sich in letzter Konsequenz selbst genug und mit sich selbst „glücklich“. Ist für uns der Weg dorthin das Ziel? Erreichen können wir das in unserem kurzen Leben sicherlich nicht. Vielleicht im nächsten.

    Liebe Grüße

    Thomas

  2. Lieber Thomas,

    wo sollten wir anfangen, wenn nicht bei uns selbst? Aber buddhistische Mönche haben damit nichts zu tun, weil sie in ihrem eigenen Universum leben (oder auch nicht, ich weiß zu wenig darüber und es interessiert mich auch nicht).
    Ich meine ganz und gar nicht, dass wir alleine mit uns selbst glücklich werden sollten – das ist nur eine Voraussetzung, um überhaupt eigenständig zu werden. Doch so viele können einiges tun, um die Gesellschaft von innen heraus zu ändern. Und die meisten tun das nicht, sondern beklagen sich nur.

    Das finde ich falsch und es führt zu nichts. Ja, ich verzichte auf Dinge, die mir nichts geben, die krank machen und die nur der Mainstream vorgibt. Aber ich habe dabei nicht das absolute und immerwährende Glücklichsein vor Augen, weil das eine rein kindliche Vorstellung vom Leben ist.

    Es reicht oft schon, danach zu leben, woran man glaubt, wenn das wirklich aus einem selbst kommt (nach dem langen Weg der Lösung von Prägungen, denn lang ist dieser, das kann ich bestätigen). Man kann auch viel für andere tun, denn das ist es ja, was unsere Gesellschaft so unmenschlich macht: dass jeder nur an sich denkt und dass er mehr haben will, angesehener sein will, dass ihm nicht bewusst ist, wie viel falsch läuft, wie schlecht es vielen geht. Es gibt eine Menge zu tun.

    Nein – „unmenschlich“ bedeutet nicht, dass es nicht von Menschen kommt, denn von Menschen kommt eine Menge, das alles andere als gut und nett ist. Ich meinte damit den Begriff „Menschlichkeit“ im Sinne von ethischer Menschlichkeit.

    LG
    Eva


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