Verfasst von: Eva | 20/12/2010

Nachteile astrologischer Sichtweisen

Da ich derzeit erkältet bin und ziemlich viel Zeit hatte, brannte mir nun doch ein Thema auf der Seele, worüber ich schreiben möchte. Es geht um Astrologie.

Ich habe mich ja selbst recht intensiv einige Jahre lang damit befasst und war angetan davon. Ich hätte schwören können, dass Geburtshoroskope sehr viel aussagen und ein echter Beitrag zum Verständnis von Menschen sein können. Ich habe mich natürlich nicht nur mit meinem eigenen Horoskop beschäftigt, sondern auch mit vielen anderen, weil ich eine sehr empirische Ader habe und einfach so nichts glaube. Und gerade durch die treffenden Entsprechungen – nicht nur in meinem eigenen Horoskop, sondern auch in denen anderer – wurde ich immer mehr darin bestätigt, dass Horoskope äußerst aussagekräftig sind.

Ich denke, soweit kann mich jeder, der sich ernsthaft mit Astrologie befasst, verstehen und meine Aussagen nachvollziehen – weil es ihm ebenso ergangen ist bzw. ergeht. Was vielleicht nicht jeder verstehen wird, ist, dass das Ganze trotz allem ein großer Irrtum ist. Den man aber nur erkennen kann, wenn man wirklich offen bleibt und sich nicht fixiert.

Denn – je mehr man in die ‚astrologische Sichtweise‘ driftet, umso sicherer wird man darin, Menschen danach zu „erklären“, was man in deren Horoskopen findet. Aber dahinter steht Glaube – und nicht Wissen (es sei denn, man bezeichnet das angelernte Wissen mit all seinen Regeln als echtes Wissen – was aber nicht stimmt, denn es sind nur gelesene oder gehörte Informationen, die man innerlich abspeichert, die man aber weder beweisen noch erklären kann). Man glaubt an das System und deshalb wendet man es auch beständig an. Mit diesem System lässt sich aber ALLES erklären, weil es eben so ein vielschichtiges System ist.

Und eines spielt noch gewaltig mit: Menschen, die sich selbst sehr nahe sind, gibt es nur wenige in unserer Gesellschaft. Viele neigen daher dazu, Aussagen über sich selbst zu glauben, weil sie dem wenig entgegen setzen können. So kommt es, dass sie sich dann selbst nach diesem System „erklären“ und nicht durchschauen (ebenso wenig wie der gläubige Astrologe, der die Erklärungen liefert), dass sie einfach dankbar für ein System sind, das ihnen Orientierung bietet. Dieses hat jedoch nichts mit ihrem individuellen Menschsein zu tun, weil Horoskope fiktive Annahmen sind. Weder stimmt der Himmelsstand so, wie das Horoskop berechnet wird, noch stimmt die Grundannahme „Wie oben so unten“ (sie ist eine uralte Annahme wie vieles, das früher zur Erklärung von Zusammenhängen heran gezogen wurde und im Bereich der Philosophie angesiedelt).

Aber wer daran glaubt, begibt sich gedanklich und seelisch in dieses System und damit stellt es für ihn eine reale Struktur dar. Menschen suchen nach Strukturen und Ordnungen, in die sie Begebenheiten einordnen können. Das liegt in unseren Gehirnen und ist überall zu beobachten. Dabei hilft nicht nur Astrologie, sondern auch Enneagramme, Typenlehren, Klassifizierungen von psychischen Störungen usw.

Astrologie ist somit nur eines von vielen Systemen, mit dem sich Menschen zu erklären versuchen, was ist. Ob sich nun jemand seinen Jähzorn (der vielleicht gar nicht erklärt werden kann!) durch Widder-Betonungen erklärt oder durch den Typus des Cholerikers, ist zweitrangig. Am wichtigsten ist, dass Erklärungen gefunden – und oft genug damit konstruiert – werden.

Was bringt das? Es bringt in erster Linie das Gefühl, eine Erklärung zu haben. Auch wenn diese überhaupt nicht stimmt. Menschen sind nicht unbedingt darauf gepolt, zu den wahren Ursachen von Begebenheiten durchzudringen, sondern den meisten reicht es, Erklärungen zu haben, die sich stimmig anhören – um sie zu glauben. Weil es eben in der menschlichen Natur liegt, Erklärungen zu suchen. Für die meisten ist es unerträglich, im praktisch luftleeren Raum zu leben und keine Ahnung zu haben, warum etwas ist, wie es ist. Dies erzeugt Angst und macht alles unberechenbar. Daher kommt die Offenheit – und auch große Begeisterung – für Erklärungen, die uns Berechenbarkeit bieten.

Jeder wird es schon erlebt haben, wie hilflos man sich fühlt, wenn man etwas nicht versteht, das aber das eigene Leben stark berührt. Wir wollen es (uns) erklären. So hielten es schon vor langer Zeit Naturvölker – und so halten es wir auch noch jetzt. Denn wir tragen ja dasselbe genetische Erbe in uns. Ebenso wie die Mythologie baut die gesamte Wissenschaft darauf auf, Dinge zu erklären. Es geht nicht immer um die richtigen Erklärungen, es geht aber immer darum, Zusammenhänge zu suchen.

Die Wissenschaft hat noch längst nicht alle Zusammenhänge gefunden. Das schmälert zwar nicht ihre Erfolge, aber sie ist nicht allwissend. Aber sich deshalb von ihr abzuwenden und alte Wissensstände zur (wieder neuen) Wahrheit zu erheben, wird der menschlichen Entwicklung nicht gerecht. Es mag sein, dass Menschen in Urzeiten vieles unbelastet von Spezialwissen in ihrem großen Zusammenhang gedeutet und teilweise erkannt haben, aber sie wussten auch sehr vieles noch nicht, was wir heute wissen. Diesen Wissenstand daher als dem heutigen überlegen anzusehen, ist Vergangenheitsglorifizierung. Noch dazu einer Vergangenheit, die man selber nie erlebt hat und in die man jede Menge Idealvorstellungen projizieren kann.

In einem berechenbaren, durchschaubaren Leben zu leben, ist nicht nur einfacher, sondern es ist Grundvoraussetzung, um überhaupt ohne ständigen Stress leben zu können. Und wie alles hat dies auch seine Kehrseite. Denn viele nehmen nicht die Mühe auf sich, lebenslang weiter zu fragen, ihren Horizont zu erweitern, um immer mehr zu verstehen – sondern sie geben sich auf einer bestimmten Stufe damit zufrieden, was sie dort finden.

Das ist der Sicherheit förderlich. Denn jede Öffnung für Neues kann das Althergebrachte zerstören. Und damit die Orientierung. Das geschieht nicht nur in Kreisen Astrologiegläubiger, sondern auch in allen anderen. Seien es sehr religiöse Menschen, die keinerlei Zweifel zulassen, seien es Vorurteile und Schubladendenken, welche die eigene Weltsicht beruhigend strukturieren oder die unhinterfragte Konformität mit vielen Dingen, die bei näherer Betrachtung alles andere als sinnvoll ist.

Die ideale Entwicklung wäre es wohl, sich in vielen Dingen zu versuchen, sich vieles anzusehen und auszuprobieren, um sich danach eine klare Meinung davon zu bilden – die aber weiterhin für neue Erkenntnisse offen bleibt. Normalerweise ist das aber nicht so. Menschen leben ab einem bestimmten Alter in ihren Systemen, die sie kaum mehr verändern (wollen).

Ein Mensch, der andere Menschen nicht einschätzen kann, der Schwierigkeiten hat, sie zu verstehen – einschließlich sich selbst – wird in Astrologie ein willkommenes System sehen, das ihm dabei hilft. Aber Astrologie hilft nicht dabei, sich selbst oder andere besser zu erkennen, sondern eher dabei, einzuordnen. Und zwar in ein fiktives System. Die allermeisten werden das Fiktive aber nicht hinterfragen, sondern sich damit zufrieden geben. Sobald wir an das System glauben, tricksen wir uns selber aus und sehen überall Entsprechungen, während wir das, was dagegen spricht, übergehen.

Man kann durch die Beschäftigung mit Astrologie jedoch auch einiges lernen und das habe ich selbst erlebt: sie macht offener für die Unterschiede zwischen Menschen und erweitert den oft viel zu engen Blickwinkel. Allerdings nur grundlegend – und niemals speziell. Denn Astrologie sagt nichts über einzelne Menschen durch ein Horoskop aus. Wer diesem Glauben anhängt, traut es sich selbst nicht zu, Menschen zu erfassen und zu verstehen – ohne Einordnung bzw. ohne „Anleitung“. Er nähert sich ihnen nicht offen und setzt Gefühl und Verstand ein, sondern sobald er deren Horoskop kennt, völlig voreingenommen davon. Ab diesem Zeitpunkt ist alles, was diesen Menschen betrifft, Teil des Systems. Insofern ist es einschränkend und schafft künstliche Ordnungen. Wer mit anderen Menschen verbunden sein möchte, muss solche Systeme weit von sich weisen, da sie nicht Verbindung, sondern fiktive Einordnung bringen.

Sich selbst kann man nur von innen heraus erkennen – keinesfalls nach Lehrbüchern oder Systemen. Und entsprechend dazu trifft das auch auf andere zu.

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