Verfasst von: Eva | 13/09/2013

Therapie als Erfolgshilfe?

psychotherapie-big-DW-Wissenschaft-StendalDie Therapieszene boomt. Es gibt sehr viele Therapeuten, Therapieformen bzw. Methoden, die große Heilsversprechen machen. Ein paar „Slogans“, die man im Internet finden kann, sind zum Beispiel:

„Lass dich auf deinem Lebensweg begleiten, lass dir dein Rückgrat stärken, lass dir Schritte zur Mitte zeigen, damit du dich in deinen Beziehungen einbringen kannst.“

„Die wahre Entdeckung besteht nicht im Finden von neuen Ufern, sondern im Sehen mit anderen Augen“

„Wenn der Weg alleine zu schwierig wird, ist es mir ein Anliegen, Sie mit meiner Erfahrung und Fachkompetenz zu begleiten“

„Psychotherapie lenkt den Blick auf neue Lösungsmöglichkeiten „

„Eine genaue Vorstellung des Ziels, davon wohin die Reise gehen soll, kann oft schon einen Großteil der Veränderung ausmachen. Dabei unterstütze ich Sie sehr gerne.“

„Der stärkste Wirkfaktor jeder Psychotherapie ist eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung.“

„Sie stecken gerade in einem Engpass, in einer Krise?
Sie wissen nicht mehr ein und aus, vieles wirkt wie eingefahren?
„Sie möchten eine Situation verändern, die Sie schon über Jahre hinweg belastet?“

„Bei uns erhalten Sie professionelle Hilfe. Wir sind die Spezialisten für Ängste und Depressionen“

„Unser Ziel ist es, gemeinsam mit Ihnen konkrete und lebensnahe Lösungen zu erarbeiten, die sich dauerhaft in Ihrem Alltag bewähren.“

Warum erzeugen all diese Aussagen ein ungutes Gefühl in mir? Warum reagiert etwas in mir darauf sehr ablehnend?

Ich habe lange darüber nachgedacht und irgendwann wurde mir klar, was mich daran stört: Alle Aussagen betonen die Kompetenz der Therapeuten und sind im Stil von Werbebotschaften verfasst. Natürlich muss jemand, dessen Beruf (und Existenzgrundlage!) Psychotherapie ist, zusehen, wie er Klienten gewinnt. Trotzdem gefällt mir nicht, wie „erfolgsorientiert“ geworben wird. Psychotherapie ist etwas komplett anderes als ein Produkt, das man anpreist. Hier geht es um Menschen – vor allem um Menschen mit Problemen, unter denen sie leiden. Egal, wie gut und kompetent ein Psychotherapeut auch sein mag – er wird niemals wissen können, ob er diesem Menschen tatsächlich helfen kann. Erfahrung und Fachkompetenz mögen ja gut und schön sein – aber wohin die Reise geht, ist bei jedem Menschen ganz individuell und was ihm wirklich hilft, ebenfalls.

Nie im Leben würde ich auch nur ansatzweise auf die Idee kommen, dass ich „Spezialistin“ für die Probleme anderer sein könnte! Ich empfände das als Anmaßung. Ich möchte auch keine „Spezialistin für Ängste und Depressionen“ sein, weil das für jeden Menschen etwas anderes bedeutet und ich möchte auch niemandem konkrete und lebensnahe Lösungen für den Alltag versprechen. Auch möchte ich niemand dazu verhelfen, sein Problem mit anderen Augen zu sehen, um es ihm damit „schmackhafter“ zu machen. Schon gar nicht könnte ich jemand „Schritte zu seiner Mitte“ zeigen – allein schon deshalb, weil ich nicht weiß, wo die Mitte eines anderen Menschen liegt (und abgesehen davon weiß ich nicht mal genau, was mit dieser „Mitte“ überhaupt konkret gemeint ist. Ich weiß zwar, dass es einen allgemeinen Konsens darüber gibt, dass dieser Begriff etwas aussagt, aber ich habe noch nie eine schlüssige Erklärung davon gehört, eigentlich ist er etwas sehr Abstraktes für mich.)

Für mich klingen all diese Versprechen hohl und zeitgeistig. Wir leben in einer Gesellschaft, wo Erfolg einen zentralen Stellenwert hat und wenn ich emotional am Boden liege, interessiert mich nichts weniger als wieder „erfolgreich“ zu werden – sondern vielmehr möchte ich dieses Leiden nicht alleine durchleben, weil es dann noch viel mehr weh tut und meine Kraft für Hoffnung nicht mehr ausreichen könnte. Dazu brauche ich das Gefühl, ich bin nicht ganz alleine, da versucht sich jemand in mich ehrlich einzufühlen und mir Ansprechperson zu sein – sich mit mir verbunden zu fühlen.

Denn wie oft – wenn nicht meistens – resultiert das Leiden genau daraus, dass man sich innerlich in seiner Problematik völlig allein gelassen fühlt. Dass sich absolut niemand die Mühe macht, mich verstehen zu wolle. Denn in sich ist die eigene Problematik immer logisch und folgerichtig. Sie hat Gründe, sie hat ihre Ursachen und ihre Geschichte. Und darüber zu reden hilft. Es hilft dabei, der eigenen Geschichte auf die Spur zu kommen, Zusammenhänge zu verstehen und zu fühlen.

Genau dazu braucht es sensible Therapeuten, die verstehen, dass sie in dieser schweren Zeit vielleicht die einzige Person sind, zu der ihr Klient ganz offen sprechen kann. Von ihrer Seite darf kein Druck kommen, schon gar keine Ratschläge und auch kein „Erfolgsrezept“. Sie müssen sich als empathische Begleiter verstehen, die im Grunde sehr wenig von der Seele ihres Gegenübers wissen. Sie wissen nicht, worum es wirklich geht oder was helfen könnte – denn sie haben nicht dieselbe Geschichte, meist nicht einmal eine annähernd ähnliche. Daher ist Zuhören so wichtig – es signalisiert Interesse und den Willen zur Anteilnahme.

Ich sehe die einzige echte Hilfe durch Psychotherapie im Aufbau einer realen – zwar temporär und unter Sonderbedingungen – Beziehung. Einer Beziehung, in der man sich als Klient irgendwann verstanden fühlt. Unverstandenheit macht einsam, Verstandenwerden schafft menschliche Verbindung und löst die lähmende Starre der inneren Einsamkeit auf.

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